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Mr. 263.
Freitag den 10. November
1882.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau r Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MoutagS.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Hheil.
Betreffend: Die Beitreibung der Communal-Jntraden. Gießen, den 7. November 1882
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien und die GeMeinde-Einnebmer des Kreises.
Wir sehen innerhalb 14 Tagen der Einsendung der Rückstandsverzeichnisse (Pfandbefehle und Mahnbefehle) über sämintliche vor dem 1. d M. Mia gewordene Ausstandsposten entgegen.
Dr. Boekmann.
Lehrer-Conferersz
des Couferenzbezirks Großen-Bufeck: Mittwoch den 15. November, Vormittags 10 Uhr, in Großen-Buseck, des Couferenzbezirks Grünberg: Donnerstag den 16. November, Vormittags 10 Uhr, in Grünberg.
Gießen, den 8. November 1882. . Büchner, Kreisschulinspector.
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Politische Ueberficht.
Gießen, 9. November.
Der Kaiser ist Dienstag Abend von den Jagden im Harz wieder wohlbehalten in Berlin eingetroffen. Die Erholungspause, welche sich der hohe Herr auf diese Strapazen gönnte, war indessen nur eine kurz bemessene, denn bereits diesen Donnerstag, den 9. November, gedachte er sich in Begleitung des Kronprinzen und der Prinzen Wilhelm und Friedrich Karl von Preußen zur Abhaltung von Jagden nach Ohlau in Schlesien zu begeben.
Die erste Campagne im neuen preußischen Abgeordnetenhause steht vor der Thür und es ist daher natürlich, daß die Chancen für dieselbe, namentlich aber die künftige Gestaltung der Parteiverhältniffe, in der Tagespresse fortgesetzt lebhaft erörtert werden. Es zeigt sich hierbei die unsere parlamentarischen Zustände hinlänglich charakterisirende eigenthümliche Erscheinung, daß keine der Parteien aus den bis jetzt von ihr innegehabten Positionen herausrücken will. Besonders gilt dies von den Conservativen und den Nationalliberalen; trotzdem die „Nordd. Allg. Ztg." beiden Fraktionen zuredet, eine Majorität, wenn auch keine neue Fraktionen zu bilden, so hat man hierzu weder auf dieser noch auf jener Seite große Neigung. Die Conservativen wollen nicht ohne Weiteres vom Centrum lassen, die Nationalliberalen sträuben sich, den ihnen von dem osficiösen Organ zugemutheten Sprung in's Blaue zu thun, da sie schon bittere Erfahrungen gemacht haben und das Centrum verlegt sich einstweilen aufs Abwarten. Was die übrigen Parteien im preußischen Abgeordnetenhause anbelangt, so verhalten sich auch die Freiconservativen in der Reserve, da sie es weder mit der Regierung noch mit den Nationalliberalen verderben möchten, die Fortschrittspartei und die „liberale Vereinigung" sind schon durch ihre Schwäche zur Zurückhaltung verurtheilt, Polen und Welfen aber erlangen nur rn Verbindung mit denr Centrum Einfluß. Die parlamentarische Situation wird demnach voraussichtlich einige Zeit noch den Charakter der Ungewißheit tragen.
Ueber die Art und Weise der Eröffnung des preußischen Landtages verlautet, daß dreselbe durch Verlesung einer Thronrede erfolgen soll, womit, wie üblich, Herr v. Puttkamer in seiner Eigenschaft als Vicepräsident des Staatsministeriums. beauftragt werden soll. Man nimmt an, daß sich Herr v. Puttkamer in diesen Dagen nach Varzin begeben wird, um sich mit dem Fürsten Bismarck über die Einzelheiten der Thronrede zu verständigen.
Der preußische Minister der öffentlichen Arbeiten, Dr. Maybach wellte Ende voriger Woche in Varzin. Wahrscheinlich hat es sich hierbei um Besprechungen mit dem Fürsten Bismarck über die Vorlagen gehandelt, welche aus dem Ressort der öffentlichen Arbeiten dem Landtage gemacht werden sollen.
In Hannover starb plötzlich am vergangenen Montag Schatzrath Hu- genberg, der zweite Beamte des hannöverschen Landes-Directoriums. Hugen- berg war ein bewährtes Mitglied der nationalliberalen Partei, wenn er auch im politischen Leben weniger hervortrat; noch kürzlich war er vom Magistrat als Candidat für den Stadtdirector-Posten von Hannover aufgestellt worden, doch unterlag er dem Candidaten, den die wölfische Partei aufgestellt hatte.
Der Budget-Ausschuß der österreichischen (Reichsraths-) Delegation hat in zwei Sitzungen das ordentliche Heeres-Erforderniß in Betracht gezogen. Im Großen und Ganzen sind me Positionen des Ordinariums unveränderliche geworden und so drehte sich die Discustion vorwiegend um die Armee-Organisation. Bekanntlich soll auch in der österreichischen Monarchie das Territorial- System, ähnlich wie in der deutschen Armee, eingeführt werden, was bei einem so verschiedene Nationalitäten umfassenden Staate wie Oesterreich sicher seine Schwierigkeiten hat. Die Abgg. Sturm und Bareuther hoben in der Sitzung vom 4. d. Mts. namentlich die nationalen Bedenken gegen die Einführung der Territorial-Armee-Corps hervor. Sturm wies auf die dienstlichen Schwierigkeiten hin, welche sich aus der nationalen Verschiedenheit einiger Armee-Corps ergeben müßten und frug an, ob das eigentliche deutsche Commando und die Dienstsprache auch in Zukunft beibehalten würden; Bareuther frug, warum als Sitz für das zweite Armee-Commando in Böhmen, neben Prag, anstatt Josef- stadt oder Königgrätz, nicht lieber eine mehr deutsche Stadt gewählt worden sei. Der Kriegsminister erwiderte, daß bei der Organisation der Armee sich der Parteistandpunkt und nationale Rücksichten der Schlagfertigkeit des Heeres unter
ordnen müßten. Was die territoriale Eintheilung in Böhmen anbelange, so sei hierbei die möglichste Ausnutzung des Eisenbahnnetzes zunächst berücksichtigt worden. Im Uebrigen gab der Kriegsminister die Versicherung, daß auch "in Zukunft Commando und Dienstsprache einheitlich, also durchweg deutsch bleiben sollen. Schließlich wurden fast sämmtliche Positionen des Ordinariums unverändert genehmigt.
Hinsichtlich der in dieser Woche erfolgenden Wiedereröffnung der französischen Kammern glaubt der „National" zu wissen, daß die Regierung mit einem sehr einfachen Programm vor dieselben treten werde. Das Programm werde lediglich diejenigen Fragen umfassen, über welche alle Republikaner einig seien. Jede Gefahr einer ministeriellen Krisis beim Zusammentritte der Kammern scheine definitiv ausgeschlossen. Bei der kritischen inneren Lage Frankreichs klingt letztere Bemerkung ziemlich optimistisch. — In der egyptischen Frage ist zwischen Frankreich und England noch kein Einverständniß erfolgt; England hat Frankreich dessen Austritt aus der Finanzcontrol-Commission vorgeschlagen, gegen welche Zumuthung sich aber das französische Cabinet entschieden sträubt.
In England haben in vergangener Woche die Gemeinderaths- wahlen stattgefunden, deren Resultat man gleichsam als einen Barometer für die allgemeine politische Stimmung im britischen Jnselreiche anzusehen pflegt. Dieser Barometer nun steht für die Conservativen auf „schön Wetter", denn die Gemeinderathswahlen haben einen entschiedenen Sieg der conservativen Partei ergeben, welche den Liberalen viele Sitze entrissen hat. Die conservativen Organe schließen nun hieraus, daß im Lande eine Reaction zu Gunsten der Tories eingetreten sei; hierüber aber würden nur Neuwahlen zum Parlamente entscheiden und eine Auflösung des Parlaments ist sicher nicht zu erwarten. — Northcote kündigte im Unterhause an, er werde sobald als möglich die Aufmerksamkeit des Hauses auf die Verwendung der englischen Truppen in Egypten und die Occupationskosten lenken.
In Holland mehren sich die inneren Schwierigkeiten. Der Minister- präfident van Lynden harmonirt durchaus nicht mit der zweiten Kammer und bleibt nur deshalb auf seinem Posten, weil sich kein geeigneter Nachfolger für ihn finden will. Neueren Nachrichten zufolge erscheint auch die Stellung des Ministers des Auswärtigen, van Rochuffen, bedroht. Mehrere Mitglieder der zweiten Kammer haben sich bei Bedachung des auswärtigen Budgets sehr entschieden gegen die Leitung der Geschäfte durch Herrn van Rochuffen ausgesprochen; namentlich hat die Behandlung der Fragen wegen des Handelsvertrages mit Frankreich ünd wegen der englischen Etablissements auf Borneo das Mißfallen der Deputirten erregt.
In der schwedischen Hauptstadt ist der 250. Jahrestag der Schlacht bei Lützen am 6. November festlich begangen worden. In der Ritterholmskirche fand Festgottesdienst statt. Das Denkmal Gustav Adolfs war mit Lorbeeren und den in der Schlacht bei Lützen erbeuteten Trophäen geschmückt. Die Truppen der Garnison defilirten vor dem Monumente. In Deutschland scheint die 250jährige Wiederkehr des Tages von Lützen spurlos vorübergegangen zu sein.
Aus Mekka, dem alten Herde der Cholera, wird das Auftreten dieses gefürchteten asiatischen Gastes gemeldet. Die Krankheit greift täglich weiter um sich und auch in Uedda sind zahlreiche Cholera-Erkrankungen vorgekommen. Hoffentlich ergreifen die türkischen Behörden die energischsten Maßregeln gegen die Weiterverschleppung der Epidemie.
Das egyptische Expeditions-Corps zur Bekämpfung des „falschen Propheten" wird 8000 Mann stark sein, die innerhalb 14 Tagen nach Suakim abgehen werden; 3000 Mann bleiben als Reserve in Kocosko (Ober-Egypten). Im Proceffe Arabi Pascha's sind 50 Angeklagte in der Voruntersuchung für schuldig befunden und dem Kriegsgerichte überwiesen worden.
Deutschland.
Darmstadt, 8. November. Seine Königliche Hoheit der Großherzog nahmen heute militärische Meldungen entgegen und empfingen den Hauptmann v. Weise vom Generalstabe der Großh Division, den Rittmeister ä la suite Heyl von Worms, be.i Kammerherrn und Oberlandesgerichtsrath Frhrn. v. Rtcou, den Stadtpfarrer Pahnk- und den Gymnasiallehrer Trümpert von hier, den Obergüterinspector Rietz und den Rechnungsrath Reuning von Gießen, den Brandmeister Haas und den Zeugmetftcr


