Ausgabe 
10.9.1882 Zweites Blatt
 
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srr. 211. Zweites Blatt. Sonntag den JO. September 1882.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigcblatt für den Kreis Gießen.

Bnreanr Schulstraße B. 18. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. 2 ?f- ^^^nngerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

AMLticher dheit.

Betreffend: Die Fleischbeschau.

Bekanntmachung.

In unserem Ausschreiben vom 4. l. M- Anzeiger Nr. 207 muß es Lang-dorf statt Lang-Göns heißen.

Gießen, am 8. September 1882. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

Wochenschau.

Gießen, 9. September.

Die Kaiser Manöver in Schlesien haben in Schlesiens Hauptstadt einen glänzenden Kreis fürstlicher Gäste versammelt, welcher sich in diesen Tagen noch durch das Eintreffen des Kronprinzen und der Kronprinzessin von Oester­reich vermehren wird. Den Mittelpunkt all' der Festlichkeiten, welche aus diesem Anlaß in Breslau stattfinden werden, bildet natürlich der Kaiser, welcher bereits Dienstag im besten Wohlsein in Breslau eingetroffen ist. Am Abend des ge­nannten Tages fand ein großer, von sämmtlichen Musik-Corps des 6. Armee- Corps ausgesührter Zapfenstreich statt, welchem sich am folgenden Tage die Parade des 5. Armee-Corps bei Wahren anschloß. Nach dem Vorbeimarsch der Truppen ritt der Kaiser die Front der 33 Kriegervereine der Provinz Posen ab. Dem Parade-Diner blieb jedoch der greise Monarch fern, um nach den Anstrengungen der Tagesparade der Ruhe zu pflegen.

Die Misch-Ehen-Frage will noch immer nicht vom Horizonte der innern Politik Preußens verschwinden. Der jüngste Schritt des Breslauer Fürstbischofs in dieser Angelegenheit, die kirchliche Giltigkeits-Erklärung der gemischten Ehen für den ganzen Delegaturbezirk der Diöcese Breslau, wird von den Blättern zum Ausgangspunkt der verschiedensten Erörterungen und Betrachtungen gemacht, die im Ganzen darauf hinauslaufen, daß durch diesen Schritt die Kurie ihre Geneigtheit zu erkennen gegeben habe, im Misch-Ehen-Streite einzu­lenken. In der That ist aber dieses Zugeständniß ganz belanglos, da eine Ehe ja schon durch den Civilakt Giltigkeit erlangt; indessen, man mochte auf Seiten der Kurie fühlen, daß man zu weit gegangen war und so hielt sie es für gerathen, in einem nebensächlichen Punkte nachzugeben. Im Uebrigen liegt ja auch die Bedeutung des ganzen Streites nicht darin, ob die katholische Kirche eine gemischte Ehe je nach Umständen für giltig oder nicht giltig anerkannt, sondern sie gipfelt in dem Bestreben der Kurie, überall ihren Willen gegenüber der staatlichen Autorität geltend zu machen und diese Lehre wird hoffentlich die preußische Negierung aus der neuesten Phase des kirchenpolitischen Streites ziehen.

Für die preußischen Landtagswahlen ist noch immer kein Termin festgesetzt, was sehr auffällig erscheint, da noch nie die Veröffentlichung des Wahltermins so spät hinausgeschoben worden ist. Wie dieKreuz-Ztg." allerdings vernimmt, wäre der Termin für die Wahlmänner-Wahlen für den 11. oder 12. October und derjenige für die Wahlen der Abgeordneten zum 18. oder 19. October in Aussicht genommen.

Der Commissar des Reichs-Eisenbahnamtes, Geh. Ober- Regierungsrath Streckert, ist anläßlich des Eisenbahn-Unglücks bei Hugstetten in Freiburg i. Br. eingetroffen. Die auf's Strengste geführte Untersuchung wird hoffentlich ergeben, ob tne Ursachen dieser entsetzlichen Katastrophe lediglich m elementaren Ereignissen zu suchen ist ober ob hierbei auch menschliches Ver­schulden mitgewirkt. (Siehe die neuesten Nachrichten unter Depeschen.)

In Oe st erreich erfährt der Nationalitäten-Streit durch die beginnenden Auseinandersetzungen zwischen Magyaren und Czechen eine neue Bereicherung. Die PragerPolitik" hat herausgefunden, daß die zwei Millionen Slovaken in Ungarn zum czechischen stamme gehören und die ungarische Regierung dürfe daher non denselben nichts als die Anerkennung des ungarischen Staatsrechtes verlangen. Die ungarischen Blätter weisen indessen diese Theorie entschieden zurück und geben hierbei dem Prager Czechenblatte deutlich zu verstehen, daß sich die Czechen m die mnern Angelegenheiten Ungarns nicht zu mischen hätten In Wien erregt die Verhaftung von 26 Mitgliedern der radikalen Wiener Arbeiterpartei großes Aufsehen. Die Verhafteten sollen einer geheimen Arbeiter- Versammlung beigewohnt haben, in der angeblich das Raubattental auf den Schuhmacher Merstallinger beschlossen worden.

In Frankreich klingt die Afsaire des deutschen Turnvereins noch m verschiedenen Tönen nach. Namentlich ist es hervorzuheben, daß mehrere angesehene Persönlichkeiten, wie General Lecointe, der Gouverneur von Paris und der Geschichtsschreiber Henry Martin aus derLiga der Patrioten" aus­getreten sind, da ihnen das Vorgehen des Herrn Döroulode und Genossen denn doch zu scandalös war. Auch die allgemeine Stimmung verurtheilt mehr und mehr die von der patriotischen Liga in Scene gesetzte und von den meisten Pariser Blättern eifrig aufgenommene Deutschenhetze, so daß der Ausgang dieser ganzen Angelegenheit für ihre Urheber gerade kein rühmlicher ist.

Der irische Constabler-Strike nimmt einen für die englische Regierung günstigen Ausgang. Der größte Theil der strikenden Constabler hat sich bedingungslos zur Wiederaufnahme des Dienstes bereit erklärt und von den Uebrigen wird dasselbe erwartet. Die Regierung wird ohne Zweifel die Reui­gen wieder zu Gnaden annehmen, denn ein Ersatz für die strikenden Polizisten ließe sich nicht so rasch beschaffen, wenn auch in Dublin die Bürgerschaft einst­

weilen freiwillig den Constablerdienst übernommen hat. Zum Glück haben sich die Unruhen, welche in der irischen Hauptstadt gelegentlich des Constabler- Strikes stattfanden, nicht wiederholt, was wohl den energischen militärischen Maßnahmen, welche die Regierung sofort getroffen hat, zuzuschreiben ist.

In Italien macht sich die Wahlbewegung anläßlich der bevorstehenden Neuwahlen zur Deputirtenkammer bereits recht bemerklich. Die italiemschen Wahlen sind diesmal von besonderer Bedeutung, da sie zum ersten Male auf Grund des neuen Wahlgesetzes erfolgen, wodurch die Zahl der Wähler eine beträchtliche Vermehrung erfahren hat. Namentlich die Ultramontanen gedenken mit ihrer traditionellen Zurückhaltung zu brechen und sich lebhaft an dem Wahl­akte zu betheiligen, auch die Radikalen machen große Anstrengungen, um die Schaar der radikalen Deputaten in der Kammer zu vermehmen. Dem gegen­über bemüht sich die Regierung, aus der regierungsfreundlichen Linken und den gemäßigten Elementen der Rechten eine Mittelpartei zu bilden, welche int Stande wäre, selbst einem vereinten Vorgehen der Radikalen und der Mtramontanen zu begegnen.

Nach langem Feilschen und Handeln sind endlich England und die Pforte über die Hauptpunkte der Militär-Convention einig geworden und dürfte die Unterzeichnung derselben zur Stunde bereits erfolgt fein. Zu gleicher Zeit ist auch die Veröffentlichung der türkischen Proklamation erfolgt, durch welche Arabi Pascha zum Rebellen erklärt wird. Die Proklamation zählt die verschiedenen Vergehen auf, deren sich Arabi Pascha gegen die Pforte und den Khedive schuldig gemacht habe und schließt mit der Erklärung, daß der Khedive das volle Vertrauen der Pforte genieße. Ferner verlautet, England und die Türkei hätten gleichzeitig mit der Militär-Convention einen geheimen Vertrag geschlossen, welcher sich auf die Reorganisation der Verwaltung Egyptens nach der Niederwerfung Arabi's beziehen soll.

In Egypten hat für die Engländer die Transport- und die Verpflegungs-Frage eine bedrohliche Gestalt angenommen. Nach beiden Seiten hin hat der englische Ober-Befehlshaber, Sir Gamet Wolseley, schwere Unter­lassungssünden begangen, welche sich jetzt bitter rächen und es ist z. B. faktisch, daß die englischen Truppen, während einiger Tage, namentlich nach dem Ge­fechte bei Kasiassin, selbst an den nothwendigsten Lebensrnitteln Mangel gelitten haben. Es werden nun zwar Hals über Kopf Vorkehrungen getroffen, um das Versäumte nachzuholen, trotzdem aber ist hierdurch in den englischen Operationen ein schon recht bemerklicher Stillstand eingetreten. Doch wird versichert, daß die Haltung der englischen Truppen ungeachtet der mangelhaften Verpflegung eine vorzügliche ist. Am Mittwoch wurde eine allgemeine Znspection aller bei Kassassin stehenden Truppen abgehalten, wobei der in den Reihen derselben herrschende Geist und die zuversichtliche Haltung der Truppen als ausgezeichnet befunden wurden.__

Berlin, 6. Septbr. lieber die Straßburger Tabak-Manufaktur bringen die heutigenBerl. Polit. Nachr." nachstehende Auslassung: In den letzten Tagen sind die Verhältniffe der kaiserlichen Tabak-Manufaktur in Straßburg wieder mehr in den Vordergrund des allgemeinen Interesses getreten. Es liegt Grund zu der Annahme vor, daß den persönlichen Veränderungen, welche in der Direction der Manufaktur eintreten dürften, durchgreifende Veränderungen in Hinsicht auf die commercieöen wie technischen Principien folgen werden. Haben auch in der letzten Zeit mancherlei Maßnahmen die Erfolge der kaiser­lichen Tabak-Manufaktur ungünstig beeinflußt, so sind innerhalb derselben doch alle Vorbedingungen gegeben, um den Betrieb zu einem mustergültigen und ein­träglichen zu machen. Alle unsere übrigen in Staatsbetrieb befindlichen gewerb­lichen Unternehmungen gelten mit Recht als die vollkommensten in ihren bez. Branchen, aber auch sie vermochten nur nach langem Streben und Ringen, nach Beseitigung mannigfacher Mängel, nach Besiegung vielfacher Unbilden zu so hoher Stufe sich emporzufchwingen. Schon dieser Umstand trägt in sich die Gewähr dafür, daß es mit verhältnißmäßiger Leichtigkeit der kaiserlichen Tabak- Manufaktur gelingen wird, binnen Kurzem diejenige Stellung innerhalb der Tabakindustrie einzunehmen, welche ihr gebührt; daß sie durch Vorzüglichkeit der Fabrikate ein durch Ertragreichthum des Unternehmens das weniger erfreu­liche Zwischen-Stadium vergessen machen wird, in dem sie sich zeitweilig befand.

Für den Eintritt eines solchen Zwischen-Stadiums, wie vielfach geschieht, lediglich oder doch hauptsächlich die Verwaltung der kaiserlichen Manufaktur ver­antwortlich zu machen, kann jedoch nur auf Grund wenig objectiver Beurthei- lung der einschlägigen Verhältnisse geschehen. Der patriotische Reiz des Wortes Kaiserlich" ist in jedem deutschen Herzen ein so mächtiger, das Gewicht, das dieser Bezeichnung unwillkürlich von jedem Deutschen beigelegt wird, ist ein so großes, daß unwillkürlich auch von den Fabrikaten einer kaiserlichen Manufaktur ein Mehr gegen andere Fabrikate verlangt wurde, das zu liefern weder die Aufgabe der Manufaktur war, noch im Wesen derselben begründet liegt. Dabei