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Zu § 10 war von liberaler Seite ein Antrag eingebracht, wodurch die Maxi- malleismng der Versicherten auf 2 pCt. fixirt werden sollte. Nach längerer Debatte wurde der Antrag indeß mit geringer Majorität abgelehnt auch Lenzmann (Fortschrittspartei) stimmte dagegen und der Paragraph in der Fassung der Vorlage mit einer Abänderung Gutfleisch-Paasche, daß etwaige Ueber- schüsse zur Herabsetzung auf den Minimalbeitrag von l1/? pCt., die dann noch verbleibenden Ueberschüsse aber zur Erhöhung der Leistungen der Kassen ver­wendet werden sollen, angenommen.

Als § 10a wurde ein Antrag des Dr. Buhl angenommen, nach welchem die Mitglieder der Gemeinde-Krankenkassen, auch wenn sie die die Versicherung begründende Arbeitsstelle verloren haben, durch weitere Zahlung von Beiträgen Mitglieder der Kasse bleiben können, so lange sie ihren bisherige:: Aufenthaltsort nicht ändern; auch sollen ihnen die Beiträge bei unverschuldeter Erwerbslosigkeit | auf längstens 6 Wochen gestundet werden.

§ 11 betrifft die Frage, in welcher Weise die leistungsunfähigen kleinen Gemeinden zu größeren Verbänden vereinigt werden können. Von liberaler Seite wurde geltend gemacht, daß die in der Regierungs-Vorlage vorgesehene Anordnung durch die höhere Verwaltungsbehörde einen Eingriff in die Gemeinde- Autonomie bedeute. Nach längerer Debatte wurde unter Zustimmung des Negierungsvertreters ein Antrag Lenzmann angenommen, der den Zwang zur Verbindung einzelner Gemeinden zuläßt, wenn die Beiträge der Versicherten über 2 pCt. betragen, nebst einem Zusatzantrag von Wendt, nach welchem die Ver­einigung eintreten muß, wenn sich in einer Gemeinde mindestens 50 Ver­sicherte finden.

§ 12 wurde mit einem Zusatzantrage Meyer angenommen, der bestimmt, daß die nothwendige Erhöhung der Unterstützung oder Ermäßigung der Beiträge bis zum Ablauf eines Jahres nach dem Inkrafttreten dieses Gesetzes herbeige­führt werden muß.

Die Commission vertagte sich hierauf bis zum Freitag Vorniittags 10 Uhr.

DerKöln. Ztg." wird gemeldet: Heute Vormittag ist nun endlich die Feststellung des Berichts über die Verhandlungen der Tabakmonopol-Com­mission zum Abschluß gebracht worden. Der ganze Vorgang dieser Berichts­verlesung ist so eigenartig, daß man fast sagen kann, er sei ohne Beispiel in unserer parlamentarischen Geschichte. Die Feststellung eines Commissionsberichts ist ui der Regel nur ein formeller Act; selten oder nie wird tendenziöse Bericht­erstattung vorausgesetzt oder von einer oder der andern Seite eine Berichtigung verlangt, welche die Grenzen einer redactionellen Aenderung überschritte. Im gegenwärtigen Falle handelte es sich um die augenscheinlich nicht zu befriedigen­den Wünsche des Regierungs-Commissars Unterstaatssecretär v. Mayr. Man sah sich genöthigt, die Verlesung des Berichts von vorgestern aus gestern zu ver­tagen, und auch eine gestern Abend abgehaltene vierstündige Sitzung reichte nicht hin; man mußte sich heute Vormittag noch einmal mit dem Bericht beschäftigen. So erregte Commissions-Sitzungen wie die von gestern Abend wissen sich die ältesten Parlamentarier nicht zu erinnern. Herr v. Mayr warf dem Referenten Verschleierung von Thatsachen vor; der letztere und seine Freunde gaben diesen Ton mit andern Vorwürfen zurück. Der Staatssekretär Scholz fühlte sich wie­derum davon in seiner Eigenschaft als Vertreter der Regierung so verletzt, daß er sich anschickte, die Sitzung zu verlassen. Die vermittelnde Haltung des Vor­sitzenden v. Benda wußte ihn daran zu verhindern. Stach vielem Hin- und Herreden gelang es dann endlich heute, den Bericht abzuschließen. Es werden darin einige Erklärungen des Herrn v. Mayr ausgenommen, andererseits aber auch die dazu gehörigen Erwiderungen von Seiten der Mitglieder der Com­mission. Heute Abend oder morgen früh wird man den Bericht vertheilen. Die Absicht, schon Freitag die zweite Lesung des Tabakmonopols zu beginnen, war durch Rücksicht auf den, wie man hört, nur kurz bemessenen Aufenthalt des Fürsten Bismarck in Berlin entstanden, erweist sich indessen den bestehenden Thatsachen gegenüber als unausführbar, da die geschäftsordnungsmäßigen Fristen nicht mehr innezuhalten sind. Voraussichtlich wird die zweite Lesung nun am Montag beginnen.

Die Straßburger Tabakmanusactur hatte den Inhaber ihrer Ver- kaussstelle in Münster auf Erfüllung des zwischen beiden Theilen abgeschlossenen Vertrages verklagt. Letzterer wollte des Vertrags entbunden sein und beschwerte sich erfolglos bei allen Behörden; zuletzt wandte er sich an die Gnade des Kaisers. Se. Majestät hat nun verfügt, es liege in der Billigkeit, daß die Manufactur ihre Abnehmer von den Verträgen entbinde, falls diese sie nicht erfüllen könnten. Die Manufactur hat demgemäß die gerichtliche Klage zurück­ziehen müssen.

Breslau, 7. Juni. In einer von gegen 2000 Personen besuchten Volks­versammlung, in welcher der österreichische Rerchsraths-Abgeordnete Ritter v. Schönerer überdie gemetnb men wirthschaftltchen Interessen Deutschlands und Oesterreichs und die aus denselben sich ergebenden Wünsche" sprach, wurde folgende Resolution ange­nommen: Die heutige Versammlung erblickt in dem bestehenden innigen, von dem deutschen Volke im Süden und Norden freudigst begrüßten Bündnisse zwischen Oester­reich und dem deutschen Reiche die sicherste Gewähr für die Aufrechterhaltung bt§ Friedens und für die Machtstellung der beiden Reiche. Wir erwarten mit Zuversicht, daß das Bewußtsem der nationalen Zusammengehörigkeit aller Deutschen, wo immer sie wohnen, entschiedener zum Durchbruche gelange. Wir hoffen, daß die tn den beiden Reichen nothwendig.m wirthschaftlichen und socialen Reformen in Ueberein- sttmmung und nach gleichen Gesichtspunkten durchgeführt werden. Wir erblicken end­lich den mächtigsten Hebel zur Förderung des materiellen Wohlbefindens der Bewohner beider Reiche in der wirthschaftl'chen Einigung derselben; wir würden es daher freudigst begrüßen, wenn nationalgesinnte, patriotische Männer sich zusammenfänden, um für den Herbst dieses Jahres die Veranstaltung eines Wirthschaftstages tn Breslau in's Auge zu fassen, welcher sich mit der Berothung der heute angeregten wichtigen Fragen eingehend zu beschäftigen hätte.

Rußland.

Petersburg, 7. Juni. Rach einem Telegramm desGolos" aus Baku brach gestern in einem Naphta-Lagerraum am Hasen Feuer aus, das durch den Wind weiter verbreitet wurde. Es sind viele Lager abgebrannt und das Feuer dauert noch fort. ______________________________________

Telegraphische Depeschen.

Wolff s telegr. Corresponderrr-Bureau.

(Kisenach, 8. Juni. Die hier tagende deutsch-evangelische Kirchen- Conferenz ist von 19 deutschen Staaten und von Oesterreich beschickt. Der Oberhofprediger Kohlschütter zu Dresden wurde zum Präsidenten gewählt.

Paris, 8. Juni. Die Zeitungen veröffentlichen heute einen Aufruf des französi­schen Comlle's zu Gunsten der aus Rußland ausgewanderten Juden. Das Comite steht unter dem Vorsitze Victor Hugo's und zählt unter seinen Mitgliedern Gambetta,

Duclerc, Laboulaye, Lesseps, Remusat, Renou, Jules Simon u. A. Wie derGaulois" meldet, hat der Cardinal-Erzbischof von Paris 1UOO Fr cs. beigestcuert.

Ätaddasena, 8. Juni. Vormittags 10 Uhr wurde das Zimmer, in welchem die Leiche Garibaldi's aufgebahrt ist, für den allgemeinen Besuch eröffnet. Die Leiche ist in die traditionelle Kleidung gehüllt und ruht aus einem mit Blumen und Kränzen bedeckten Bett. Um halb 3 Uhr Nachmittags sind der Herzog von Genua, als Vertreter des Königs, und die Deputationen des Par­laments und der Regierung hier eingetroffen. Wie es heißt, werden bei dem Trauerakte ein Senator, Farini, Zanardelli, Crispi und ein Vertreter der Ar­beiter sprechen.

Maddalena, 8. Juni. Stach dem nunmehr feststehenden Programm sind die Leichenfeierlichkeiten auf 3 Uhr Nachmittags festgesetzt. Eine Militär- abtheilung mit Fahne und Musik wird den Zug eröffnen, alsdann folgt der Sarg, welchem der Herzog von Genua, die Vertreter der Regierung und des Parlaments, der Armee und Marine, des Civil- und militärischen Hofstaats des Königs, der Bürgermeister von Maddalena und die Vertreter der Presse sich anschließen werden. Der Sarg wird von ehemaligen Freiwilligen des Unab­hängigkeitskrieges geleitet werden.

Petersburg, 8. Juni. DasJournal de St. Pötersbourg" meldet: Kaiser Alexander III. ist eingeladen worden, eine Pathenstelle bei dem neuge­borenen Sohne des Prinzen Wilhelm von Preußen zu übernehmen; um dieser Einladung zu entsprechen, wird sich Großfürst Sergius Alexandrowitsch nach Berlin begeben und den Kaiser dort vertreten. Dasselbe Journal schreibt, der Artikel derTimes", in welchem England aufgefordert wird, die Leitung der Verhandlungen bezüglich Egyptens zu übernehmen, erinnere an die Politik Beaconfield's. Man könne die Antwort der Pariser Presse hieraus abwarten. Uebrigens werde die Frage heute nicht mehr unter den Westmächten allein ver­handelt und eine Polemik ihrer Journale würde nur aufs Neue beweisen, daß England und Frankreich weise daran gethan haben, aus ein lete-ä-tele in der egyptischen Frage $u verzichten.

Konstantinopel, 8. Juni. (Meldung derAgence Havas"). Der Minister des Äeußern erklärte den Botschaftern Frankreichs und Englands, die Pforte werde an der Conferenz theilnehmen, wenn die Mission Derwisch Paschas scheitern sollte.

Alexandrien, 8. Juni. Derwisch Pascha ist heute früh nach dem Wallfahrtsorte Tantah abgereist, um an dem Grabe des von der egyptischen Bevölkerung besonders verehrten Heiligen Seyyid Ahmed el-Bedawi zu beten. Von dort wird er seine Reise nach Kairo fortsetzen, wo er Mittags 1 Uhr ein- treffen wird. Am Nachmittag wird er von dem Khedive in Audienz empfangen werden.

Vermischtes.

Bei der Tauffeier drs Urenkels unseres Kaisers werden zwei Kaiserinnen und drei Kaiser, wenn auch nicht sämmtlich tn Person, so doch unter Stellvertretung als Pathen fungiren. Außer der Kaiserin von Indien und Königin von England und unserem Kalscrpaare find nämlich als Taufpathen geladen worden Kaiser Alexander HI. von Rußland und Kaiser Franz Josef II. von Oesterreich, welch Letzterer, wie schon erwähnt, durch den Kronpiinzeu Rudolf vertreten fein wird. Die Nachricht, das Fürst Bismarck als Taufpathe geladen sei, wird unter der Begründung demcntirt, daß der Reichskanzler, selbst wenn man das feststehende Hof Ceremon>ell zu seinen Gunsten hätte umgehen wollen, auf Grund des deutschen Staatsrechtes von der Palhenschast ausgeschlossen ist. Der Pathe muß nämlich ebenbürtig sein, d. h. aus hohem Adel stammen. Der hohe Adel kann staatsrechtlich nicht verliehen werden. Man versteht unter demselben souveräne Fürsten und Fürstinnen und ihre Angehörigen und die ehe- malen reichsunmfitelbaren Herren. Fürst Bismarck gehört aber seinem Ursprünge nach zum niederen Adel, denn die BiSmarcks sind nie in alter Zeit souverän gewesen. Da­durch, daß er gefürstet worden, ist er dem hohen Adel noch nicht zugehörig; er rangtrt vielmehr nach der Hof-Rangordnung hinter allen eh mals reichsunmittelbaren Herren, z. B. den Solms, Stolbergs, Fürsten von Bentils u s. w. Schließlich sei noch erwähnt, daß auch Herr Professor Esmarch in Kiel, als Oheim der Pinzessin Wilhelm, eine Einladung erhalten hat, den Tauffeterlichkeiten als Gast beizuwohnen.

Im Hinblick auf die vielen Ausbeutungen, welchen eine große Zahl der armen epileptischen Kranken durch den Geheimmittelschwindel ausgesetzt ist und in der Absicht, dieselben den Gesundheit und Geldbeutel auf gleiche Weise schädigenden Händen der Curpfuscher zu entreißen, hat sich der Vorstand her Colonie für Epileptische, Bethel, bet Bielefeld in Westfalen, in welcher Anstalt seit länger als 15 Jahre.i Tausende und augenblicklich mehr als 500 Kranke behandelt werden, bereit erklärt, allen darum Nach­suchenden kostenlos dasjenige Heilverfahren mttzutheilen, welches sich in dieser Anstalt als das beste bewährt hat.

Berlin, 6. Juni. Das Verzeichniß der Berliner Studenten im Sommerhalb­jahr 1882 bezeugt eine fortwährende Zunahme des Besuchs. Es ist das besuchteste Sommersemester, das Berlin erlebt hat. Am ansehnlichsten ist die Zunahme in der Theologie; hier ist gegen den vorigen Sommer ein Zuwachs von 121, bei den Medicmern von 77. Im Ganzen zählen wir 385 Theologen, 1063 Juristen, 653 Medictner, 1799 Philosophen. Die Gesammtsumme beträgt 3900 (191 mehr als vorigen Sommer) Dazu kommen noch 776, welche als Schüler der Academie der Künste, der technischen Hochschule zum Hören von Vorlesungen berechtigt sind, gegen 227 Angehörige der Militärbildungsanstalten und über 100, welche vom Rector einen Erlaubnißschein erhalten, Vorlesungen zu hören, das heißt, welche in Civil ober Militär angestellt sind und deshalb nicht immatriculirt werden können. Bei dieser dauernden Steigerung des Besuchs reichen alle Räumlichkeiten nicht aus und es sollen jetzt im Hofe der geburts- hülflichen Klinik, welche zum Winter geräumt wird, ein paar neue große Hörsäle gebaut werden. Im Personal der Univeisitätslchrer ist die Lücke, welche Lotzes Tod gerissen hat, am schwersten auszufüllen. Nie hat man so deutlich die Unmöglichkeit empfunden, einen Ersatz zu schaffen und mutz sich begnügen, nur die Richtung festzu­halten, die Richtung auf die naturwissenschaftliche Seite, welche durch Harms und tn hervorragender Weise durch Lotze vertreten war.

Ueber das Hagelwetter im sächsischen Erzgebirge geht demL- Tgbl" aus Scharfenstein vom 31. Mat noch folgender Bericht zu: Heute Morgen konnte ich nur von dem berichten, was in Scharfenstein selbst vor sich gegangen war. Man wußte wohl, daß außer unserem Orte auch unsere Nachbardörfer von dem Wolkenbruche mit heimgesucht worden waren, aber man ahnte nicht im entferntesten die Größe dieses Unglücks. Bald jedoch langten Unglücksnachrichten über Unglücksnachrichten an. Was ist aus den noch gestern so blühenden Dörfern Gelenau und Drebach über Nacht ge­worden? Ein Trümmer- und Steinhaufe! Wo man hinblickt, sieht man zerstörte Häuser, verwüstete Gärten und Felder, hinweggerissene Brücken. Von den vielen Brücken in Gelenau und Drebach sind insgesammt kaum noch drei vorhanden und auch diese in einem sehr schlechten Zustande. Die Straßen sind zerrissen, oft ganz unpassirbar, auch die vor Kurzem erst fertiggestellte schöne Straße von Drebach nach Scharfenstetn ist zum großen Theile zerstört Das Schlimmste aber ist, daß eine große Anzahl Menschenleben bei dem Unglück ihren Untergang fanden. In Drebach wurde ein sechsjähriges Mädchen, Tochter des Kalkarbetters Bauer, von der Flutwelle erfaßt, der Vater vermag jedoch die Kleine noch auf das Trockene zu bringen da thut er selber einen Fehltritt und stürzt auf Nimmerwiedersehen in die Wellen. Der Müller Dost eilte mit seinen beiden Dtenftleuten Grohmann und Wagner in die Scheune, um das dort befindliche Vieh zu retten. Als sie kaum dort angekommeii, erreichen die Fluthen die Lcheune, das morsche Gebäude bricht zusammen und alle drei finden ihren Tod. Grohmann fand man heute früh eine halbe Stunde von der Unglücksstätte ent­setzlich entstellt wieder, Dost und Wagner wurden soeben in der Zschopau bet W'llisch- thal, eine Stunde von der Drebacher Mühle entfernt, aufgefunden. In Gelenau verunglückten zehn Personen, darunter fünf junge Leute, welche von einer Feuerwehr-