Samstag den 9. September
1882.
Nr. 210
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bur.au - Squlst.otz- B. 18. ®rf0<int t<W* ™« 8hrtno5m.be« Stowt»««. Mj^' 2"^!”'
Amtlicher Hheit.
Betreffend: Die Anlage von Feldwegen und Entwässerungsgräben rc. in der Gemarkung Gießen.
Bekanntmachung.
Es wird zur Kenntniß der Vetheiligten gebracht, daß folgende Arbeiten vom 13» September bi- 6« Oktober l. I. auf der Großherzoglichen Bürgermeisterei Gießen zur Einsicht offen liegen:
1) Die Karte, in weiche die neuen Grundstücke eingezeichnet find;
2) Das vervollständigte topographische Güterverzeichniß;
3) Die Geschosse, mit den Abschätzungen einschließlich der Nachweisung für die Masse;
4) Die Geschosse bezüglich der rechtlichen Verhältnisse;
5) Das Verzeichnis der Geldausgleichungen;
6) Das Protokoll der Commission, welches sich auf die Zutheilung, die Uebertragung der Rechte und die Geldausgleichungen bezieht;
7) Das Vegutachtungsprotokoll der Stadtverordnetenversammlung von Gießen.
Abschriften der Originalgeschosse werden von dem Geometer gegen eine Vergütung von 6 für die Parzelle ertheilt.
Reklamationen gegen die vorgenannten Arbeiten können während der oben angegebenen Frist bei der Großherzoglichen Bürgermeisterei Gießen, muffen aber spätestens
im Termine Samstag den 7» Oktober, Bormittags von 9 bis 12 Uhr, auf der Großherzoglichen Bürgermeisterei Gießen
bei Meidung späterer Nichtberücksichtigung und der Annahme des Einverständnisses mit diesen Arbeiten vorgebracht werden, indem eine Wiedereinsetzung in den vorigen Stand wegen Versäumniß der oben angegebenen Frist gesetzlich nicht zulässig ist.
Bemerkt wird noch, daß die Einweisung in den Besitz der neuen Grundstücke für Montag den 9. Oktober, von Vormittags 8 Uhr an, in Aussicht genommen ist und daß dieses Geschäft von der Gail'schen Wollenspinnerei an entlang dem Wismarer Weg, der Gemarkungsgrenze und zuletzt am Krofdorfer Wege vorgenommen werden wird.
Gießen, am 6. September 1882. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.
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Deutschland.
Darmstadt, 6. Septbr. Nach dem unterm 14. v. Mts. publicirten Amtsblatt Nr. 34 Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, Section für Justizverwaltung, betr. die Einrichtung von Strafregistern und die wechselseitige Mittheilung der Strafurtheile, ist die Nachricht über erfolgte Verurthei- tungen Seitens der Strafvollstreckungs-Behörden in Zukunft nicht mehr an die Staatsanwaltschaft, in deren Bezirk der Aufenthaltsort des Verurtheilten liegt, sondern an die Staatsanwaltschaft des Geburtsorts zu richten, welch' letzterer die Führung der Strafregister obliegt. Die in den Provinzen Starkenburg und Oberhessen seicher an die Ortsgerichte gerichteten Strasnachrichten sollen künftig den Localpolizei-Behörden zugehen und sind letzteren die betr. Akten von den Ortsgerichten zu überliefern.
Krankreich.
Paris, 6. Septbr. Gestern Abend wurde im Odeon-Theater während des zweiten Zwischenaktes der Director der „Lanterne", Meyer, der mit einer Dame anwesend war, von Deroulöde geohrfeigt; als Meyer wiederschlug, rief D^roulöde: „Zu Hülfe d'Herecourt, es ist ein Preuße!" Sofort wurde Meyer von mehreren Personen angegriffen. Als mehrere Zuschauer riefen: „Das ist feig", entgegnete Dsroul^de: „Lassen Sie doch, es ist ein Deutscher! Er muß gezüchtigt werden!" Herecourt ries : „Wenn's gegen die Deutschen ist, so thut die Anzahl nichts!" Als Meyer sich weiter vertheidigend rief: „Das, meine Herren, ist die Liga der Patrioten!" entstand ein furchtbares Geschrei. Der Polizeicommissar forderte Meyer auf. in das Polizei-Cabinet zu kommen. Nachdem er vernommen, wurde auch Döroulöde und dann zwei seiner Genossen verhört. Aus der Aussage von Herecourt, dem Director des „Drapeau", des Organs der Liga, erhellt, daß er mit D6roulode und Neuville gut getafelt und D^roulede den ganzen Abend von der Angelegenheit der Rue St. Marc gesprochen habe; sie seien sehr aufgeregt gewesen und er, Herecourt, sei über Meyer hergefallen, als er im Gedränge von Döroulede getrennt worden wäre. Alle drei Patrioten trugen Stöcke, D^roulede einen Todtschläger. Die nähere Veranlassung des Vorganges war ein Artikel der „Lanterne" gegen die Liga. Mroulede erklärte dem Polizeicommissar, „er werde seine Heldenthat bestiinmt wiederholen."
Türkei.
Konstantinopel, 6. September. Die gegen Arabi Pascha erlassene Proklamation konstatlrt, daß der Khedive Trwflk der alleinige Vertreter der kaiserlichen Regierung sei, demnach jede Auflehnung gegen seine Befehle die Urheber derselben schwerer Verantwortung aussetze. Arabi Pascha habe sich des Verbrechens des Angriffs auf Institutionen schuldig gemacht, den Frieden gestört, die Sicherheit vernichtet, Tod und Ruin vielen Personen verursacht und die Intervention des Auslandes provocirt Das Bombardement von Alexandrien durch das der Türkei stets befreundete England sei durch die Befestigungsarbeiten nothwendig geworden. Ungeachtet der wiederholten Befehle der Pforte, diese Befestigungsarbeiten einzustellen, habe Arabi Pascha unter dem Vorwande einer obligatorischen Verlhetdigung sich geweigert, diesen Befehlen zu gehorchen, da seine Absicht war, in Egypten Alles umzustürzen, dre Bewohner zu revol- ttren, um seine persönlichen ehrgeizigen Projecte zu verfolgen und in solcher Art der kaiserlichen Regierung schwere Verlegenheiten zu bereiten. Indem Arabi Pascha in dem Augenblicke des Bombardements ein zweites Mal das Palais des Khedive belagerte, verursachte er die Landung der Engländer, welche das Vorspiel der militärischen Intervention wurde. Der Bericht des Abgesandten der Pforte, Derwisch Pascha, habe kon- statirt, daß Letzterer alle Mittel angewendet habe, um Arabi zu bewegen, seine ungesetzliche Haltung aufzugeben, damit dre Frage der Intervention gelöst werde. Aber Arabi Pascha habe in kategorischer Weise geantwortet, daß er bei seiner Haltung beharre und erklärt, daß er jeden Fremden, selbst ottomanische Truppen, mit Gewehrschüssen em
pfangen würde. Die Proklamation setzt die Ungesetzlichkeit und den Ernst des Beschlusses Arabis auseinander, in Kairo im Gegensätze zu der Regierung des Khedive eine Regierung zu bilden, welcher Beschluß dem militärischen Unternehmen der Engländer größere Ausdehnung geben, die Schwierigkeiten der Türkei vermehren, sowie Egypten und die kaiserliche Regierung schwer schädigen werde. Wiewohl die Haltung Arabis vor dem Bombardement und seine unverschämte Erklärung, daß er selbst die ottomanischen Truppen zurückwetsen würde, eine exemplarische Züchtigung verdient hätte, so habe dennoch Arabi bald darauf die kaiserliche Gnade angefleht, Derwisch Pascha seine Unterwerfung zugesichert, Gehorsam dem Sultan und Treue dem Kbedive versprochen. Die Pforte habe, im Vertrauen auf seine Versicherungen, seine Rechtfertigung entgegengenommen und ihm, um ihm auf der guten Bahn zu bestärken, eine hohe Auszeichnung verliehen. Arabi habe gleichwohl diese höchste Gnade verkannt und in seiner ungesetzlichen Haltung beharrt; er habe die Fahne der Revolte erhoben und indem er so handelte, sich selbst in die Lage versetzt, zum Rebellen erklärt zu werden. Die Proklamation schließt mit der Erklärung, daß der Khedive das Vertrauen der Regierung genieße, baß es unerläßlich sei, die Autorität, die Würde und das Ansehen des Khedive zu erhalten, daß daher die Haltung Arabis im vollen Widerspruch zu dem kaiserlichen Willen stehe. Was Arabi als Rebellen qualificire, seien die Absichten, die er hege und verfolge, während die Pforte die Privilegien des Khedive in fester Weise stütze und beschütze.
Telegraphische Depeschen.
Worff'S telegr. Correspondenz-Burearr.
Breslau, 7. Septbr. Se. Maj. der Kaiser ist heute nicht zu dem MäRöver gefahren, sondern läßt sich durch Se. K. K. Hoheit den Kronprinzen vertreten, welcher heute Vormittag 9 Uhr, begleitet von den übrigen königlichen Prinzen und dem Großfürsten Wladimir mittelst Extrazuges nach dem Manöver- Terrain abgereist ist. Ihre Königl. Hoheiten Prinz Wilhelm und der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin sind hier eingetroffen. Für den erkrankten General v. Tümpling wird der Commandeur der 12. Division, Generallieutenant Frhr. v. Schleinitz, die Führung des 6. Armee-Corps übernehmen. Se. Maj. der Kaiser hat gestern Abend und heute den Leibarzt Dr. v. Lauer zu dem General v. Tümpling entsandt.
— Bei oem gestern Abend von den Turnvereinen dargebrachten Fackelzug empfing Se. K. K. Hoheit der Kronprinz in Vertretung Sr. Maj. des Kaisers die von den Turnern abgesandte Deputation und erwiderte auf deren Ansprache, Se. Maj. der Kaiser würde sich außerordentlich gefreut haben, der Deputation den Dank für die dargebrachte Ovation auszusprechen, Se. Maj. der Kaiser sei aber bereits dem Diner fern geblieben, weil er der Ruhe bedürfe, und könne zu seinem Bedauern die Deputation nicht persönlich empfangen. Der Fackelreigen wurde von 256 Turnern unter Leitung des Dr. Fedde in 8 Evolutionen ausgeführt und gewährte ein außerordentlich prächtiges Schauspiel. — Der Oberhof- und Hausmarschall, Gras Pückler, hat wegen eines gestern mit dem Pferde erlittenen Sturzes an dem heutigen Manöver nicht theilgenommen.
— Das Fernbleiben Sr. Maj. des Kaisers vom Diner und vom Manöver erfolgte, weil ärztlicherseits nach den vorhergegangenen Anstrengungen dem Kaiser Ruhe anempfohlen wurde. . ,ri r
Freiburg 7 Septbr. Die Frau Großherzogin von Baden ist heute von Schloß Mainau hier eingetroffen und hat den bei dem Eisenbahn-Unglück bei Hugstetten Verwundeten, die sich in den hiesigen Hospitälern befinden, einen Besuch abgestattet. „ , „ ... , , ~ t r r .
Würzburg, 7. Septbr. Heute Morgen ist auf dem Bahnhof Iphofen ein Güterzua in Folge einer falschen Weichenstellung verunglückt. Die Loco- motive durchbrach die Drehscheibe und die Wagen stürzten übereinander. Drei Personen blieben tobt, ftinf Personen wurden verwundet.
Würrburg, 7. September. In Folge falscher Weichenstellung entgleiste heute früh i/29 Uhr im Bahnhofe Jmphofen bei dichtem Rebel ein von Nürnberg adge-


