Gegensätze zu seinen Vorgängern selbstständig das Getriebe der äußeren Politik leitet, abgewendet und möchte gern ein directes Bündniß mit Deutschland schließen, worauf nun wohl freilich unsere leitenden Staatsmänner nicht eingehen werden. Die wiederholten außerordentlichen Gesandtschaften zwischen Berlin und Stambul beweisen zur Genüge, daß lebhafte diplomatische Verhandlungen gepflogen werden, deren naturgemäßes Resultat nur eine moralische Unterstützung für die Türkei sein kann. Aber auch diese ist schon werthooll genug, um nicht von dem Sultan geschätzt zu werden; sie sichert den allgemeinen Frieden Europas, hilft die Verwaltung der Türkei reorganisiren und kräftigt und stärkt den geschwächten Staat dadurch bedeutend.
Diese guten Beziehungen werden von Berlin, wie von Konstantinopel mit gleicher Sorgfalt gepflegt, denn wenn auch gegenwärtig kein Grund zu einem Bündniß vor- ltegt so kann doch in der Zukunft bei einem Conflicte mit Rußland — es braucht noch gar kein Krieg zu sein — die Türkei von großem Nutzen für Deutschland sein, denn sie würde einen Theil der russischen Streitkräfte in Schach halten. Man darf die türkische Armee nicht unterschätzen, sie hat 1877/78 gezeigt, was sie leisten kann und sie wird noch tüchtiger werden, wenn die Arbeit der deutschen Officiere von Erfolg begleitet ist. So w rd nach jeder Richtung hin zur Hebung der Türkei gearbeitet und es muß sich in den nächsten zehn, zwanzig Jahren Herausstellen, ob dem Reiche überhaupt noch wahre Lebenskraft innewohnt, ob sie in der That fähig ist, sich gänzlich der Herrschaft europäischer Cultur zu unterwerfen. Ist das unmöglich, so hat freilich auch eine Weiterexistenz der Türkei nur dem Namen nach keinen Zweck und eine TheUung wird nicht nur gerechtfertigt, sondern auch nöthig sein.
Vermischtes.
Mainz, 4. Juli. Auf der Gustavsburg ereignete sich am Samstag Nachmittag folgender ergötzliche Vorfall. Ein Liebespärchen saß in der Sch.'schen Wlrthschast und flüsterte sich süße Worte zu „Doch mit des Geschickes Macht n ist k.in ew'ger Bund zu flechten und das Unglück schreitet schnell." Dieses Unglück schritt nun auch wirklich in der Gestalt des erzürnten Vaters ungeahnt und ungesehen heran. Patsch! Patsch' erklang es links und rechts auf die Wangen des höchst überraschten Seladons, welcher den Hut ergriff, die Geliebte und das Bier im Stich ließ und m langen Sätzen über den Eis nbahndamm entwich. Die leer gewordene Stelle nahm nun der grollende Vater ein, welcher dem blühenden Töchterlein ganz andere Koseworte zusprach, um später den Weg nach dem fröhl'chen, goldnen Mainz anzutretcn. Das Mitleid der Augenzeugen wandte sich am Ende doch noch dem Liebhaber zu, denn so aus dem Felde geschlagen zu werden, das ist doch auch keine Kleinigkeit.
Mainz, 4. Juli. Ein schändliches Verbrechen ist in unserem Nachbarorte Budenheim gestern durch die Staatsanwaltschaft aufgedeckt worden. Vor einiger Zeit verschwand in Budenheim die Schwester eines dort'gen Ackermannes und erklärte der Letztere auf Befragen nach seiner Schwester, dieselbe sei zu entfernt wohnenden Verwandten gereist. Dieser Mittheilung schenkte indessen Niemand Glauben und es verbreitete sich plötzlich das Gerücht, das verschwundene Mädchen werde von ihrem Bruder in einem Winkel des Hauses gefangen gehalten. Dieses Gerücht kam auch zur Kenntniß der hiesigen Staatsanwaltschaft und daher begaben sich gestern die Herren Staatsanwälte Dr.Gaßner und Dr. Schlippe in Gemeinschaft mit dem Herrn Untersuchungsrichter nach Budenheim und unter Zuhülfenahme der Ortspolizei wurde in der Wohnung des Ackermannes L. Haussuchung nach dessen Schwester gehalten und wurde dieselbe schließlich auf dem Speicher in einem mehrere Fuß breiten Raum in völlig verwahrlostem Zustande, halb verhungert, mit Ungeziefer und Unrath bedeckt, aufgefunden. Der Ackersmann L-, der seine Schwester, um dieselbe zu beerben, aus dem Weg räumen wollte, wurde sofort verhaftet und in das hiesige Untersuchungs Gefängniß abgeführt. Das Mädchen ist alsbald in ärztliche Pflege gegeben worden.
Frankfurt, 4. Juli. Gar viele Ehemänner glauben, daß sie völlig gedeckt seien, wenn sie in den öffentlichen Blättern eine Warnung erlassen, „ihrer Frau nichts mehr zu borgen, da sie für nichts haften " Dieselben haben im Laufe dieser und voriger Woche reichlich Gelegenheit gehabt, ihren Jrrthum einzuschen; denn auf erhobene Klage verurtheilten sie die Gerichte, die von ihren Frauen gemachten Schulden zu bezahlen. Anders gestaltete sich jedoch folgender Fall. Die Frau eines hiesigen Kaufmanns scheint nicht leben zu können, ohne hinter dem Rücken ihres Mannes einige Schulden zu machen- Der gutmülhige Mann zahlte stets, wenn auch murrend, bis ihm die Sache zu arg wurde. Er sah sich deshalb veranlaßt, die betreffenden Firmen brieflich und mündlich davon zu unterrichten, daß sie seiner Frau nicht das Geringste mehr borgen dürften; sie hätte Mittel genug, um baar bezahlen zu können. Gleichwohl ließ sich eine Firma herbei, gegen den Willen des Mannes und hinter dessen Rücken wieder zu crebitiren und die Rechnung bis auf fast 900 Mark auflaufen zu lassen. Als die Firma ihre Forderungen präfentirte, meinte sie auf die Einrede, der Gatte müsse bezahlen, weil es sich um Gegenstände, welche zur Unterhaltung und Ernährung der Familie gedient, handle und die Frau dabei von dem sogenannten Schlüsselrechie Gebrauch gemacht hätte. Da der Eyemann trotz aller Bitten zu zahlen sich weigerte, so wurde Klage gestellt. Der Gerichtshof ging auf alle angeführten Gründe, welche den Beklagten zahlungspflichtig erscheinen lassen sollten, nicht ein, sondern erklärte, Beklagter habe zu beweisen, daß er schriftlich und mündlich den Kläger vor dem Creditiren gewarnt, könne er das, so solle die Klage abgewiesen werden-
— [Sine Gräfin Toggenburg.j Chevalier de Hoffmann, den die Wiener Gerichte zu siebenjähriger Kerkerstrafe verurtheilten, hat ein Herz gewonnen, das ihm mehr als treue Schwesterliebe widmet, es ist die Gräfin Wjera Tschestulin. Diese junge Russin lernte den amerikanischen Consul Charles de Hoffmann bei ihrem Austritt aus dem Pensionat bei einer Soiree des Grafen Berg in Petersburg kennen und trotzdem sie hörte, daß der stattliche Mann verheirathet sei, verliebte sie sich derart in ihn, daß sie ihm überallhin folgte. Als Hoffmann vor den Geschworenen stand, eilte Wjera nach Wien und brach zweimal bei den Verhandlungen in Schluchzen aus Sie besuchte ihn dann im Sprechzimmer und brachte ihm Blumen. Der unglückliche Mann, der dieses liebende Weib in den Tagen seines Glanzes unbeachtet ließ, dankte ihr wehmüthig für ihre Freundschaft und sie weinte über den traurigen Ton seiner Stimme. — Vor einem ihrer Freunde äußerte sich Wjera von Tschestulin: „Jetzt werde ich nicht mehr vom Orte weichen, wo Hoffmann sich jeweilig aufhalten wird. Ich werde hier bleiben, so lange er hier bleibt, ich werde fort von hier gehen, wenn er wird fort müssen. Volle sieben Jahre sagen Sie? — Ach, was wissen Sie, ich werde volle sieben Jahre bei ihm bleiben, das thut nichts. Er soll doch wissen, daß außerhalb des Kerkers ihn
Jemand liebt. Ich will nicht, daß er die schreckliche Zeitrechnung der Gefangenen haben soll — Tage zählen, Stunden zählen, Minuten — nein, er soll die Heit rechnen von meinem Besuch bis wieder zu meinem Besuch. Alles, was ein Weib für einen Gefangenen thun kann, will ich für ihn thun." - „Sie fragen, was geschehen wird, wenn die sieben Jahre um fein werden? Weiß ich's denn selbst? Ach, wir könnten glücklich fein . . . Aber nein, pfui, ich darf nicht daran denken, jetzt, wo er so elend ist. Nein, er ist zu Nichts gezwungen, er soll frei fein und glücklich, denn ich bin schon glücklich genug, wenn ich ihm dienen kann." — Armes Weib!
— (Eine neue Versicherung.) In Amerika versichert man sich bekanntlich gegen alles Mögliche. Nun hat sich in Newark (Staat Neu-Yersei) eine Gesellschaft gebildet die auch gegen das Regenwetter (allen Ernstes!) versichert. Wer z. B- am Sonnabend' ein gutes Geschäft machen will, wobei aber gutes Wetter die Hauptbedingung ist der versichert sich mit 1 Doll- Regnet es aber dann an diesem Sonnabend und wenn auch nur ein wenig, so erhält er von der Compagnie 10 Doll, ausbezahlt. Ein Wirth z. B der sich mit Speisevorrätben und Erfrischungen für ein Picknick eingerichtet und dabei jedenfalls einen schönen Profit zu machen gedenkt, wird, wenn es an dem betreffenden Tag Regen giebt, statt des Gewinnes großen Schaden haben. Versichert er sich aber dagegen mit 10 Doll., so zahlt ihm die Compagnie 100 Doll, aus rc.
-- Eine neue afrikanische Forschungsreise ist, wie man dem „Hamb. C." aus Rom schreibt, nun fast eine beschlossene Sache, die in den dortigen wissenschaftlichen Kreisen nicht geringes Interesse erregt. Auch diesmal hat die Geographische Gesellschaft dabei eine lobenswerthe Initiative ergriffen. Der Reisende, welcher die Expediton leiten wird, ist Signor C- Gregori, der auf diesem schwierigen Gebiet kein Neuling mehr ist. Sein Plan geht dahin, das Terrain zwischen dem Rothen Meere und dem äthiopischen Hochlande gründlich zu durchforschen und zwar nicht aus rein wissenschaftlichen, sondern auch aus commerciellen und polnischen Motiven. Die Ausgangsstation soll natürlich Assab — die neue italienische Colonie — bilden. Dadurch, daß man in jenen Regionen festen Fuß gefaßt hat, eröffnet sich für die Afrikaforschung eine glänzende Perspective. Italien gedenkt nämlich mit dem Innern einen regelmäßigen Karawanenverkehr anzuknüpfen. Daß dies gigantische Project aber mit vielen Schwierigkeiten verbunden ist, das liegt auf der Hand. Arn meisten sind nächst dem mörderischen Klima die blutdürstigen Tribu von Afar zu fürchten. Letztere ermordeten bekanntlich den Reisenden Giulietti, dessen Leichnam heute noch nicht bestattet ist. Um das Reiseprogramm zu erleichtern, wird die Regierung das Möglichste thun, um sich mit dem mächtigen Sultan von Aussa in besseres Einvernehmen zu setzen.
Gewerbliche und technische Notizen.
- (Carbolsäure gegen Durchfall der Kälber.) Im Centralblatt für Posen berichtet em Landwirth über die zuverlässigen Erfolge, welche er bisher mit Carbolsäure gegen den Durchfall der neugeborenen Kälber gehabt hat- Sowie man den Durchfall bei den jungen Kälbern bemerkt, gebe man sofort von einem Liter lauwarmen Wassers w welchem 20 Tropfen rectificirter Carbolsäure aufgelöst sind, dem Kalbe einen guten Eßlöffel und den Rest der Kuh, wiederhole dies täglich dreimal, bis der Durchfall gänzlich verschwunden und die Excremenle von normaler Beschaffenheit sind. Es bedarf keines Futtermittels, keiner Absonderung, noch irgend einer anderen lästigen oder umständlichen Procedur, das Mittel ist bequem zu verabreichen und hat bisher noch stets geholfen. 1
n j-t.7" Erficht mit Milch, Nahm, Butter.) Diese Stoffe nehmen erfahrungsgemäß alle üblen Gerüche, Ausdunstungen und epidemischen Krankheitskeime, die in der Luft sind, in sich auf. Es ist in letzterer Beziehung auch nachgewiesen, daß durch die Milch selbst Diphtherie, Typhus, Blattern rc weiter verbreitet worden sind Daraus geht hervor, daß alle Milchproducte nicht nur in gesundheitlicher Beziehung, sondern auch rn Bezug auf ihre Qualität nicht sorgfältig genug vor schlechter Luft und üblen Gerüchen bewahrt werden können. Der Verkauf von Milchproducten aus Häusern, in denen epidemische Krankheiten und aus Ställen, wo derartige Seuchen herrschen, sollte gesetzlich verboten sein.
Berzeichniß
der Miltelpreise der gewöhnlichsten Verbrauchsgegenstände in der Stadt Gießen vom Monat Juni 1882.
Je 50 Kilogramm kosten Mark und Pfennige-
is; o
^4p&4
al 4
al^
al^
ALS.
AL^
AL$
AL 4
■AL^
•AL. 4
■AL. 4
AL 4
3 - 2 25 2 40
12 75
9 75
9 25
8 25
12 25
13:50
20-23-
85
72
E --
.Er
iS1«
85
AL. 4
äl$
4
4
AL4
AL 4
4
46
70
0 83
9
—'90
i7o
20 —
47
/&4
1914 1b 13
Q
AL 4
^85 c/&4
23 — 26 — 25;—13 50
I4
X4
1 50
B E *6" *6"
El
4
25
20
•AL 4
L66 —I56
| 64| 154 40 60| Iß2
AL. 4 |64
A
22
A
18
14
AL^
27-
S
E"
Allgemeiner Anzeiger.
Original engl. Dampf-Dreschmaschinen
und aus der Fabrik von Clayton &. Shuttleworth
u in Lincoln, liefern unter Garantie und Probezeit mit ausgedehnten Zahlungsterminen franco Bahnfracht. 2553
PH. MAYFARTH & Co., Maschinenfabrik in Frankfurt a. M.
' CHOCOLADEM nid CHOCOLADEN - DESSERT,
nach französischem unb schweizer System fabricirt, durch feinsten Geschmack unb großen Cacaogehalt sich auSzeichuend.
Leicht lösliche entölte Cacaos. 100 Sassen per Pfund.
Spedalitäten: Leicht lösliche MnlMtract- Puder-Chocolade, bestes blutbildendes, nahrhaftestes, angenehmst Smcckcndeb GesundhcilS- Getränk Mr iSef««dr and Kranke jeder Ältersclasie, 50 grolrr Tassen auS 1 Sl, durch Aufaicßcn bereiten: desgleichen Eisen-Anihracit-Chocolftde. nach bewährtestes Mittel gegen chronischen Magen- Katarrh, Magenkramvf, Bleichsucht und Blutarmuth. - Seide Specialitäten von u__Pit allen Aerzten, welche dieselben kennen lernten, verordnet.
Meine Melange-Kaffees ftetä frisch gebrannt, führen sich dauernd in weiteren Kreisen ein und dürfte dres als deutlichster Beweis ihrer Vorzüglichkeit gelten. Empfehle solche zu
Mk. I.—, 120, 1.40 und 1.60 per Pfund, !^^n g"ßes Lager in rohen Caffe'S zu Mk. 0.70, 0.80, 92 Pf.
1.00, 1.10, 1.20, 1.30, 1.40 und M. 1.50 per Pfund. 2191
S. Elsoffer, Marktstraße.
Eis! Kis!
Meinen werthen Kunden, sowie Allen die Eis bedürfen, diene zur Nachricht, daß mein Eiswagen jetzt täglich gebt. Auftrage werden pünktlich besorgt.
Eisfehranke halte stets auf Lager zu billigsten Preisen.
Achtungsvoll
$•« H. Sohmall, Hess. Hof.


