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Der Reichstag hatte sich bei seiner ersten, nach ziemlich sechsmonat- llcher Pause am vergangenen Donnerstag wieder stattgesundenen Sitzung mit einer Frage, die bereits einmal an ihn herangetreten ist, zu beschäftigen. Es handelte sich nämlich um die dritte Lesung des in den beiden ersten Berachungen vom Reichstage angenommenen Antrages der reichsländischen Abgeordneten, den Bundesrathsbeschluß bezüglich der Einführung der deutschen Sprache und der Oeffentlichkeit bei den Sitzungen des Landes-Ausschusses von Elsaß-Lothringen dahin anzuändern, daß den des Deutschen nicht mächtigen Mitgliedern des Landes-Ausschusses der Gebrauch der französischen Sprache unter gewissen Be­dingungen gestattet werde. Für den Antrag plaidirte außer dem Abg. Zorn von Bubach, was bei dessen Eigenschaft als Elsässer erklärlich ist, und dem Redner der Polen, v. Jagdzewski, sowie dem demokratischen Abgeordneten für Frankfurt a. M., Sonnemann, sehr bezeichnender Weise auch der Sprecher des Centrums, Dr. Windthorst. Gegen den Antrag erklärten sich neben den con- servativen Rednern von liberaler Seite die Abgg. v. Bennigsen, v. Treitschke und Rickert. Namens der Regierung legte Staatsminister v. Bötticher in über­zeugender und klarer Weise dar, wie wenig der Antrag der reichsländischen Abgeordneten den thatjächlichen Verhältnissen entspreche; mehr als 80 pCt. der reichsländischen Bevölkerung gehörten dem deutschen und nur 11 pCt. dem rein französischen Sprachgebiete an, die Annahme des Antrages würde außerdem eine Stärkung der französischen Sympathien in Elsaß-Lothringen bedeuten und dadurch die Bestrebungen derjenigen Partei schwächen, welche ein friedliches Ge­deihen des Landes unter der deutschen Herrschaft anstrebe. In namentlicher Abstimmung wurde schließlich der Antrag mit 153 gegen 119 Stimmen des Centrums, "der Polen, Elsaß-Lothringer, Volksparteiler und Socialdemokraten abgelehnt und jeder wahrhaft deutsch fühlende Mann kann nur Genugthuung hierüber empfinden, daß die Macht der Thatjachen und des patriotischen Ge­fühles doch den Sieg davongetragen hat. In der Sitzung vom Donnerstag gingen dem Reichstage die Etats pro 1883/84 und 1884/85 zu. In der nächsten Sitzung vom 2. December beschäftigte sich das Haus u. A. mit dem fortschrittlichen Anträge, betr. die Entschädigung unschuldig Verurteilter und mit dem Anträge des Abg. Liebknecht (foc.) auf Aufhebung sämmtlicher Ausnahmegesetze.

Das Eintreffen des Reichskanzlers Fürsten Bismarck in Berlin wird jeden Tag erwartet; ein bestimmter Zeitpunkt hierüber ist aber nicht festgesetzt, da der Reichskanzler es bekanntlich liebt, seine Reisedispositionen zu ändern. Daß Fürst Bismarck gesonnen ist, an den parlamentarischen Ver­handlungen, namentlich an denen des Reichstages, regen Antheil zu nehmen, wirb von zuverlässiger Seite bestätigt.

Das preußische Abgeordnetenhaus setzte in vergangener Woche die Specialberathung des Etats bis zum Etat der allgemeinen Finanzverwaltung fort, welcher am Freitag nach unerheblicher Discussion genehmigt wurde. Am Sonnabend hielt das Haus keine Sitzung ab, da an diesem Tage im Reichs­tage eine Sitzung stattfand.

Die Nachrichten über die Wassersgefahr im Westen unseres Vaterlandes lauten jetzt beruhigender, da überall ein Sinken der Gewässer ge­meldet wird. Desto betrübender klingen die Berichte über die Verheerungen, welche die Wasserfluthen angerichtet haben, an manchen Orten konnte von den rasch eingerichteten Local-Hülfs-Comites kaum der augenblicklichen Noth abge­holfen werden. Hoffentlich bringt der Appell an die öffentliche Mildthätigkeit den Bedrängten die so nöthige ausgiebige Unterstützung. __

Die Beziehungen Frankreichs zu England lassen gegenwärtig Manches zu wünschen übrig, wenn auch die Osficiösen an der Seine und an der Themse bemüht sind, das Einvernehmen zwischen denbeiden alten Alliirten" als ein durchaus ungetrübtes hinzustellen. Den dunkelsten Punkt in den fran­zösisch-englischen Beziehungen bildet noch immer die egyptische Finanz-Controle; England beansprucht entschieden dieselbe für sich allein, es hat aber der fran­zösischen Negierung seine Absicht angezeigt, Frankreich eine Compensation zu gewähren. Indessen, Herr Duclerc scheint nicht geneigt, sich ohne Weiteres von England aus Egypten hinausdrängen zu lassen, und es dürfte hierüber noch zu sehr langwierigen Verhandlungen zwischen den beiderseitigen Cabineten kommen. Auch die madagassische Angelegenheit dürfte zu diplomatischen Rei­bungen zwischen den Westmächten führen. Die Gesandtschaft, welche die Königin der Hovas auf Madagaskar nach Paris zur Schlichtung der zwischen Frankreich und Madagaskar schwebenden Streitfragen gesandt hatte, hat in der französi­schen Hauptstadt eine sehr frostige Aufnahme gefunden und ist in vergangener Woche Hals über Kopf nach London abgereist, wo sie von Lord Granville sehr freundlich empfangen wurde. Die englische Presse hat nun plötzlich ausfindig gemacht, daß die Prätensionen Frankreichs die englischen Interessen aus Mada­gaskar schwer schädigen und sie fordert daher das Londoner Cabinet auf, Frank­reich auf dieser Insel in seine Schranken zurückzuweisen. In den zornigen Ausfällen der Pariser Blätter gegen England spiegelt sich deutlich das Mißfallen wieher, das man über die arrogante Sprache der englischen Presse in Frankreich empfindet. Der Zustand Gambetta's wird fortdauernd als befriedigend bezeichnet.

Das englische Parlament ist am vergangenen Sonnabend geschlossen worden. In der Sitzung vom Freitag nahm das Unterhaus noch die übrigen Resolutionen der Geschäftsordnung, durch welche versuchsweise für die nächste Session ständige Ausschüsse für Rechtspflege, Handel, Schifffahrt und Fabriken eingeführt werden, an. In der Hauptsache kann demnach Herr Gladstone mit dem Verlaufe der Session zufrieden sein, da, woraus es besonders ankam, die Reform der Geschäftsordnung nach den Wünschen der Negierung durchgesetzt worden ist. Dagegen trüben die jüngsten Verbrechen in Irland wiederum die Freude an den: günstigen Verlaufe der Session, die irischen Sorgen wird also Herr Gladstone in das neue Jahr mit hinübernehmen.

Herr v. Giers ist in vergangener Woche in Rom eingetroffen und von den Vertretern der italienischen Regierung mit großer Auszeichnung empfangen worden. Am Freitag hatte Herr v. Giers eine längere Audienz beim Könige und am Abend dieses Tages fand ihm zu Ehren in der russischen Botschaft ein Diner statt, an welchem die Minister de Pretis und Acton, sowie verschiedene andere Mitglieder des italienischen Staatsministeriums, von dem diplomatischen Corps aber bemerkenswerther Weise die Botschafter Deutschlands und Oesterreichs theilnahmen. Die Anwesenheit des russischen Staatsmannes in Rom giebt wiederum zu allerhand Gerüchten Anlaß, die man aber besser auf sich beruhen läßt, da sie nichts als Conjecturen sind.

Der befürchtete Ausbruch ernstlicherUnruhen inRustschuk

ist bis jetzt nicht erfolgt. Trotzdem ist die bulgarische Regierung deshalb noch nich* frei von allen Besorgnissen und sie hat darum umfaffende militärisch? Maßregeln getroffen, um jede revolutionäre Bewegung im Keime zu ersticken.

In Konstantinopel haben vergangene Woche die bereits angekündigten anderweitigen Veränderungen im Cabinet stattgesunden, die ziemlich umfassender Natur sind. Achmed Vefik Pascha ist zum Premierminister, Arifi Pascha zum Präsidenten des Staatsrathes und Hussein Hasni Pascha zum Kriegsminister ernannt worden. Auch heißt es, daß an Stelle des erst vor einigen Tagen zum Minister des Auswärtigen designirten Assim Pascha, jetzt Safvet Pascha, zum Leiter der auswärtigen Angelegenheiten ernannt worden sei. Der zurückgetretene Kriegsminister, Ghazi Osman, derLöwe von Plewna", soll die Würde des Serdar Ekram, die höchste militärische Stellung in der türkischen Armee, erhalten. Eine größere Bedeutung in politischer Beziehung scheinen jedoch alle diese Ver­änderungen im türkischen Cabinet nicht zu haben, vielmehr kann man sie wohl auf Palast-Jntriguen zurückführen, die in Stambul gerade nichts Seltenes sind. Nachträglich wird noch gemeldet, daß Munir Bey, der bisherige Finanz-Contro- leur der Provinz Brussa, das Finanzministerium übernommen hat. Ferner haben sich noch folgende Veränderungen im Ministerium vollzogen: Assim Pascha, Justizminister; Ratib Pascha, Marineminister; Achmed Essad Effendi Scheck ül Islam (die höchste geistliche Würde der Türkei). Das türkische Ministerium hat sich demnach zum größten Theile neu constituirt, da nur Saib Pascha, Subhi Pascha, Mustapha Pascha, Hassan Fehmi Pascha und Mahmud Nedim Pascha auf ihren Posten verblieben sind.

Deutschland.

Mainz, 4. December. Gestern Vormittag um halb 9 Uhr traf der Groß­herzog m unserer Stadt ein, um sich sowohl hier, als auch tn den benachbarten Ge- metnben von den Schäden des Hochwassers zu überzeugen. Herr Provinzialdirektor Küchler und Herr Oberbürgermeister Dr. Du Mont geleiteten den Großherzog auf die Wallstraße, da man von hier aus ein genaues Bild von dem Ueberschwemmungs- gebtet des Gartenfelds und des Rheingaues wahrnehmen Lmn. Der Großherzog be­suchte hierauf auch das Bezirksschulhaus in der Neustadt, um sich von den Verpflegungs- Einrichtungen für die untergebrachten Geschädigten zu überzeugen. Alsdann fuhr er in Begleitung des Herrn Provinzialdtrektor Küchler, des Herrn Mmisterialrath Jaup und des Herrn Major Wernhrr über Hechtsheim, Gau-Bischofsheim nach Badenheim und Laubenheim. In beiden Gemeinden fuhr der Großherzog und Gefolge durch die Überschwemmten Siraßen, wobei die Herren Bürgermeister die nöthige Aufklärung ertheilten. Der Großherzog sprach es offen aus, daß er sich die Größe des Unglücks in dieser Weise nicht vorgestellt habe. Die Bewohner Laubenheims und Boden­heims begrüßten enthusiastisch den Landesfürsten. Beim Verlassen der beiden Gemeinden ließ der Großherzog den beiden Herren Bürgermeistern je 1000 X ein­händigen.

m. Darmstadt, 4 December. Der Abgeordnete W olz (Seligenstadt) hat heute bei dem Bureau der Kammer den Antrag übergeben, die Großh. Regierung zu ersuchen, baldigst die durch das Hochwasser an Gebäuden verursachten Beschädigungen fest- stellen zu lassen, um demnächst den Ständen Vorlage zur Beschaffung der nöthigen Geldmittel zur Staatsunterstützung der Beschädigten zu machen. In den dem Antrag beigegebenen Motiven wird kurz hervorgehoben, die Beschädigungen an Gebäuden seien so zahlreich und groß, daß die Unterstützung nicht der Prioatwohlthätigkeit Über­lassen werden könne, da dieselbe ohnehin zur Linderung der Noth, welche durch den Verlust an Vieh, Lebensmitteln u. s. w. entstanden ist, bedeutend in Anspruch ge­nommen sei.

Berlin, 1. December. Nachstehend geben wir noch ausführlich die Mttthellungen wieder, welche Minister v. Puttkamer heute dem Abgeordnetenhause über seine Reffe tn die Rheinprootnz machte. Der Minister sagte:

Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich mir erlaube, die Verhandlungen über den Justizetat durch eine kurze Mit Heilung zu unterbrechen über die Eindrücke, die ich aus der von Sr. Majestät mir befohlenen Reise nach dern Rheinlande empfangen habe. Die Frage ist eine allgemeine und brennende, nicht nur für das hohe Haus, sondern auch für die Oeffentlichkeit im Allgemeinen, für jedes patriotische Herz, daß ich diesen Weg für den geeignetsten halte, Ihnen sofort über dasjenige zu referiren, was ich an Eindrücken gewonnen habe. Ich bin am Dienstag Abend abgereift und gestern zurück- gekehrt, nachdem ich Koblenz, Neuwied und Köln und einige besonders bedrohte Ort- fchasten des Landkreises Köln, auch Düsseldorf gesehen habe. Wenn wir es auch, dem Himmel sei Dank, nicht mit einer so verhängmßoollen Katastrophe zu thun haben, wie die ist, von der ein befreundeter Nachbarstaat neuerdings heimgesucht worden ist, so befinden sich doch unsere Mitbürger in der Rhcinebene einer sehr schweren Heimsuchung gegenüber, und es wird nicht zu umgehen sein, zur Beseitigung des Nothstandes auch die Mittel des Staates in Anspruch zu nehmen. (Beifall.) Welche Intensität die Hochfluth gehabt hat, mögen die Herren da'.aus ersehen, daß am 28. November der Wasserstand in Köln 9.39 Meter betrug, 5 Ctm. mehr mals der bisher bekannte höchste Wasserstand dieses Jahrhunderts, der nur übertroffen wird von dem noch viel höheren im Jahre 1784. Es ist ein großes Glück zu nennen, daß dieses kolossale Hochwasser ohne Sturm verlaufen ist. Hätten wir einen starken Sturm gehabt, so würde eine unabsehbare Katastrophe gar nicht ausgeblieben sein. In diesem Augenblicke ist das Rheinwasser bedeutend gefallen, jetzt wird etz um zwei Meter gesunken sein. Wenn nicht noch unvorhergesehene Unglücksfälle eintreten, wenn die relative Windstille an­dauert, so dürfen wir hoffen, daß die ganze Calamtiät ohne wettere schwere Unglücks­fälle verlaufen wird. Es wird charakteristisch sein, daß die oberhalb Koblenz gelegenen Landestheile bedeutend weniger gelitten haben als die unterhalb dieser Stadt gelegenen. Das ist die Folge der enormen Wassermassen, welche die wahrscheinlich durch Wolken­brüche angeschwellte Mosel und tn kleinerem Maße auch die Lahn dem Rhein zuführten. Die elementaren Schäden lassen sich in zwei große Gruppen theilen. Ich flechte hier ein, daß meine Mittheilungen nur ein äußerst lückenhaftes Bild geben können, das am Vollständigkeit keinen Anspruch macht. Erst tn 8 bis 10 Tagen werden wir in der Lage sein, einen zusammenhängenden Eindruck von dem Ganzen zu Haden. Es kommen noch die Ortschaften in Betracht, welche im Vorlande liegen und bei denen hauptsäch­lich die Wohnungs- und Vrrprooiantirungsfrage Schwierigkeiten machen wird, und »war die schwer hcimgesuchten Ortschaften an den Dämmen in den Bezirken Köln unv Düsseldorf. Es sind die Städe Koblenz, Neuwied, Köln, Düsseldorf und Duisburg zum erheblichen Theile überschwemmt und die Bewohner ganzer Stadtthetle mußten dislocirt werden. Ein Theil wird mittels herumfahrender Kähne auf Leitern ver- provtantirt Neuwied ist besonders schwer heimgesucht, von 10,000 Einwohnern sind nur 600 ganz unbehelligt geblieben, die übrige Stadt steht 12 Fuß unter Wasser. Die Calamüät würde noch furchtbarer fein, wenn ein Sturm stattgefunden hätte, ein Sturm mit Wasserschwall und Wellenschlag. Es wäre dann jetzt wahrscheinlich ganz Neuwied ein Trümmerhaufen. Wir werden uns mit der Frage zu beschäftigen haben, rote wird es werden, wenn in 14 Tagen die Wohnungen wieder beziehbar sein werden, und was wird man thun, um die für den Winter schweren sanitären Gefahren hier ab­zuwenden. Man hat mir gesagt, es würde zweierlei geschehen müssen: 1) eine gründ­liche Desinfektion der Wohnungen durch Aufreißen der Dielen, um trockene Schichten hinetnzubnngen und dann durch ein sehr starkes Heizen mit Coaks, um die Wände auszutrocknen. Da es sich um tausend und abertausend Wohnhäuser handelt, so werden schon hierdurch große Ausgaben erwachsen, tn die sich der Staat, die Provinzen, Ge­meinden und die Privatwohlthätigkeit werden theilen müssen. Die Verproviantirungs- frage bietet jetzt noch keine Schwierigkeiten. Ich habe in einigen Orten sogar eine gewisse heitere Stimmung dabei beobachtet. Die Leute sahen sehr fröhlich aus, als die Kähne herumsuhren und reichliche Nahrung vertheilt wurde. In acht Tagen w.rd es sicher viel anders stehen und dann wird sich eine trübe Stimmung der -öeoolrerung bemächtigen, rote ich sie schon in Neuwied beobachtet hatte. Vielschlimmer steht es aber in Gegenden, in welchen die Dämme durchbrochen sind. Wenn auch Gott sei Dank kein einziges Menschenleben verloren ist und der Viehverlust nur ein fporabifdjer ist, so sind doch in diesen Ortschaften die Futtervorräthe zirstort, sämmtliche Saaten