srr. 105, Samstag den 6. Mai L882.
Kießener Anzeiger
Amts- imb Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
- S ch u l st r ° b - B. 18, Erscheint täglich mit Ausnahme des M-Ntags. NdLPMqA-n °7erkeljihrllch 2™'
Amtlicher Hfieil.
Betreffend: Die Ableistung des Verfassungseides. Gießen, am 5. Mai 1882.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Die Ableistung des Verfassungseides der seit November v. I. aufgenommenen Ortsbürger, sowie derjenigen Großh. Hess. Untertanen, welche sich ohne Ortsbürger zu werden, seit der bemerkten Zeit verheirathet haben, soll wie folgt stattfinden, nämlich
derjenigen aus dem Amtsgerichtsbezirk Gießen: Montag den 22. Mai l. I., Vormittags io Uhr, in dem Regierungsgebäude zu Gießen,
derjenigen aus den AmtSgerichtSbezirken Grünberg und Homberg: Donnerstag den 23. Mai l. J„ Vormittags 10 Uhr, in dem RathhauS zu Grünberg,
derjenigen aus den Amtsgerichtsbezirken Lich und Butzbach: Donnerstag den 1. Juni 1. I., Vormittags 10 Uhr, in dem RathhauS zu Lich,
und derjenigen aus den AmtSgerichtSbezirken Hungen, Nidda und Laubach: Montag den 3. Juni l. I., Vormittags
10 Uhr, in dem RathhauS zu Hungen.
Sie wollen die betreffenden Personen hiernach vorladen und daß dies geschehen, unter Namhaftmachung der Vorgeladenen, uns anzeigen oder berichten, daß Niemand vorzuladen war.
Halten sich dergleichen Personen auswärts auf, so ist der Aufenthaltsort anzugeben.
______________________________________________________________________________l>r. Boekmann._______________________________________________________________
LehrerConferenzen:
des Conferenz-Bezirks Lich-Hungen: Dienstag den 9. Mai Vormittags 9 Uhr, in Hungen;
des Conferenz-Bezirks Gießen: Mittwoch den 10. Mai, Vormittags 10 Uhr, in Gießen.
Gießen, den 4. Mai 1882. Büchner, Kreisschulinspector.
Frankreich und Deutschland.
Die Franzosen lind doch ein wunderliches Völkchen; was sie heul' verdammen, loben sie morgen und es kommt ihnen durchaus nicht daraus an, am dritten Tage wieder den guten Freund mit Vorwürfen zu überschütten und ihn der Achtung der „großen Nation" für unwürdig zu erklären. Es ist das eine Eigenthümlichkeit des französischen Charakters, von dem Cäsar in seinen Memoiren über den gallischen Krieg schon zu berichten weiß und alle Nationen Europas haben wohl schon die Erfahrung gemacht, was französische Freundschaft werth ist. Seit dem großen Krieg von 1870/71, welcher die bittere Feindschaft zwischen Deutschland und Frankreich schuf, und die Revanche-Forderung auf Seiten des letzteren entzündete, sind es außer uns besonders Italien, die Türkei und England gewesen, welche von der französischen Liebenswürdigkeit reden können.
Daß Frankreich auf Deutschland sehr schlecht zu sprechen war, ist erklärlich, man kann den Franzosen deshalb auch keine weiteren Vorwürfe machen" anders stellt sich jedoch sein Verhältiiiß zu den übrigen Staaten. England und Frankreich tinb auch seit langer Zeit Nebenbuhler und an kleinen Reibereien *>at niemals gefehlt, wenn sich nur eben Gelegenheit bot, aber Italien und bte ^urkei, besonders das erstere, waren privilegirte Schützlinge der Republik, die ste als Erbschaft vom Kaiserreiche mit übernommen hatte. Die tunesische Astaire hat jedoch diese ganze Einigkeit plötzlich aufgelöst und eine hochgradige Erregtheit ist an ihre Stelle getreten, die nicht viel geringer ist, als der Haß gegen Deutschland. Die Pariser betrachten es schon als ein Verbrechen gegen Fraiik- reidj, wenn em anderer Staat auf Etwas Ansprüche erhebt, was sie selbst mit gebrauten tonnen, und der Sultan, der volles Recht hat, gegen die Annexion u,une|tens, das ist die Besetzung doch tn der That, wenn es auch noch so sehr ? proteftiren, ist deshalb längst in Acht und Bann gethan behalten zu^wolleu Italien, das die Vermessenheit hatte, Tunis für sich
Was jedoch den Bruch mit den anderen Reichen veranlaßte denn auch England ist bekanntlich peinlich durch die Occupation berührt, wenn das Ministerium Gladstone es auch nicht eingestehen will, daß es in regelrechter Weise S,“ mtt der Hoffnung auf Abschluß des jetzt zu Wasser gewordenen Handelsvertrages genarrt worden ist, hat gerade Deutschland wieder beträchtlich m den Augen unserer Nachbarn gehoben. Schon im vorigen Jahre wurden Re schmeichelhaften Worte, mit denen der damalige Minister des ^Auswärtigen Barthelömy St. Hllaire, des deutschen Reichskanzlers und seiner Freundschaft tur Frankreich gedachte, recht sehr bemerkt, und der Sturm, welcher sich damals gegen den Minister erhob, der im Solde Fürst Bismarck's stehen sollte war unüberlegter, kopfloser Lärm. In der That hat aber der Leiter der deutschen Politik seit 1870.71 der Republik gegenüber eine offene ehrliche Politik bewahrt, und, was die tunesische Angelegenheit anbetrifft sogar offen Frankreichs Partei genommen, denn wesentlich Fürst Bisrnarck's Ablehnung ourfte es zu verdanken sein, daß nicht damals der von Italien geforderte euro- , Sreß zur Regelung der Angelegenheit zusammen berufen wurde Gambetta s Ministerium von dem man bekanntlich sagt, daß er vor llebernahme £ frxr tetemUeä ltt Varzm beim Reichskanzler geweilt habe, hat diese Haltung Deutschlands etwas zurückgedrängt, sie ist aber neu in Erinnerung gebracht und diesmal auch von den Franzosen vollkommen anerkannt durch die Audienz welche der deutsche General - Consul Dr. Nachtigal beim Bey von Tunis gehabt hat.
Von vornherein war die Ernennung des berühmten Afrika-Reisenden der als praktischer Arzt in den GOer Jahren selbst den französischen Truppen'gute
Dienste leistete, als er zur Stärkung seiner Gesundheit in Afrika verweilte, sympathisch begrüßt, und sein Auftreten in Tunis wird jetzt als ein Beweis dafür angesehen, daß Deutschland nicht nut dem gegenwärtigen Zustande zu- stimmt, sondern auch die Berechtigung der Franzosen zur Vorherrschaft in Nordafrika anerkennt. Das mag vielleicht etwas zu weit gegangen fein, aber man bildet es sich in Paris ein und fast komisch ist es, wenn man die Zeitungsartikel liest, in denen Deutschland gegenwärtig verherrlicht wird. Seit den 12 Jahren, die seit 1870 verflossen sind, haben wohl die Franzosen noch niemals sich so freundlich über uns ausgesprochen und sie hätten, wenn ihre Ansicht die richtige wäre, auch allen Grund dazu.
Trotz der früheren Abneigung gegen die Machtstellung des deutschen Reiches verschließt man sich doch in Paris keineswegs der Erkenntniß, daß, wenn Deutschland die fernere Occupation in Nordafrika billigt und dadurch auch Oesterreichs Einwilligung gesichert ist, der Einspruch der übrigen Mächte völlig gegenstandslos wird. Man kann aber diese Freundschaft recht wohl gebrauchen, denn nicht allzulange Zeit wird mehr vergehen, bis auch in Tripolis oder Marokko „Khrumirs" entdeckt worden sind, die ein Einschreiten rechtfertigen und als passender Vorwand für die Annexion dienen können. Die wissenschaftliche Expedition, deren Mitglieder soeben theilweise ermordet sind, war auch nur eine Vorbereitung für die kommenden Ereignisse, denn die Bezeichnung „wissenschaftlich" stimmt nicht ganz, man müßte eher von einer Commission zur Aufnahme des Gebietes 'von Marokko und der angrenzenden Länder reden. In Tunis hat die französische Armee trübe Erfahrungen gemacht, sie sieht sich also für die Zukunft besser vor. Wunderbar erscheint also das plötzliche Lob, welches Deutschland in französischen Journalen gespendet wird, keineswegs, es fragt sich nur, wie lange Dauer diese Freundschaft haben wird.
Aeutschtand.
Darmstadt, 3. Mai. Durch Entschließung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz vom 29. April I. Js. wurden der Hülfsgerichtsschreiber Karl Bauer in Mainz zum Hülfsgerichtsschreiber bei Großh. Amtsgerichte Gießen, der Gerichtsschreiber-Aspirant Friedrich Odernheimer zu Ober- Ingelheim zum Hülfsgerichtsschreiber bei Großh. Amtsgerichte Mainz bestellt.
m. Darmstadt, 4. Mai. Durch die bereits unterm 17. October v. I erfolgte Vorlage der Negierung in Betreff der Bildung von Provinzialfonds für den Neubau von Kreis st ratzen hat dieselbe ihrer eigenen Zusage sowohl, als den ständischen Wünschen Rechnung getragen. Inhaltlich des zunächst der zweiten Karniner zugegangenen diesbezüglichen Gesetzesentwurfs sollen die drei Prov nzen des Groß- herzogthums, zur Hälfte nach der Seelenzahl, zur Hälfte nach dem Flächengchalt der Provinzen verthestt, der im Wege bes Staatscredits durch eine zu 4 Piocent verzinsliche Anleihe aufzunehmende Betrag von 1.500,000 X hingegeden werden, um aus diesen Erträgnissen das der Staatskasse zur Last stehende Viertheil der Kosten für den Neubau von Kreisstratzcn zu bestreiten. Der Finanzausschutz der zweiten Kammer hat sich bei dieser Materie in eine Majorität (Ellenberger, Osann, Scrrba, Theobald und Wollskehl) und e ne Minorität (Möllinger und Schröder) ge- svalten Während die Majorität des Ausschusses dem Vorschlag der Großherzoglichen Regierung, das Kapital zur Hälfte nach der Seelenzahl und zur Hälfte nach dem Flächengehalt in den im Art. 1 des Gesetzesentwuifs ausgeworfenen Summen auf die Provinzen zu vertheilen, zusttmmt. will die Minorität des Ausschusses das Kapital zu gleichen Th-ilen auf die drei Provinzen vertheilt sehen. Artikel 1 des Gesetzes- Entwurss lautet:
„Aus Mitteln des Staats werden:
1. der Provinz Starkenburg 611,000 X,
2. „ „ Oberhessen 533,000 „
3. „ „ Rheinhessen 356,000 „
zur dauernden Verwaltung nach Maßgabe des Gesetzes vom 12. Juni 1874, die innere Verwaltung und die Vertretung der Kreise und der Provinzen betreffend, hingegebcn


