Ausgabe 
6.1.1882
 
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Nr* S. Freitag den 6. Januar 1882.

ießencr Anzeiger Amts- iinb Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Schulstraße B. 18. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

ii-nuMiur*- Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheil.

Nr. 29 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 31. Deeember v. I. enthält: Verordnung betreffend die Berechtigung fremder Flaggen zur Ausübung der deutschen Küstenfrachtfahrt. Vom 29. Dezember 1881. gestimmten. Vom 2^ ®e"mtber1881bte burif;i ba§ ®e,"e6 uom 22- 9Jiai 1881 über bie Küstenfrachtfahrt nicht berührten vertragsmäßigen Gießen, den 5. Januar 1881. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

__________ Dr. Bookman n.

Politische Ueberficht.

Gießen, 5. Januar.

Kaiser Wilhelm hat sich beim Empfang am Neujahrstage mehrfach in friedlichem Sinne über die politischen Aussichten für das begonnene Jahr ausgesprochen und nalnentlich betonte der Monarch beim Empfang der Genera­lität , daß er auf eine ungetrübte Fortdauer des Friedens in Europa fest ver­traue, welche kaiserlichen Worte gewiß auch über die Grenzen Deutschlands hinaus mit hoher Befriedigung aufgenomlnen lverden.

Die kirchenpolitische Frage gestaltet sich jetzt immer mehr zum Mittelpunkte unserer inneren Politik, da sich sowohl der Reichstag nach seinem Wiederzusammentritte, als auch der demnächst seine Thätigkeit wieder ausneh­mende preußische Landtag mit dieser Angelegenheit befassen werden. Besonders gespannt ist man auf den Inhalt der kirchenpolitischen Vorlage, welche dem preußischen Landtage gemacht werden soll. Genaueres ist hierüber natürlich noch nicht bekannt, aber es wird versichert, daß die Vorlage jedenfalls das Princip der discretionären Vollmacht wahren werde. Der preußischen Regie­rung sind die Wünsche der Kurie, welche sich im Allgemeinen nut den Forde­rungen des Centrums decken, bekannt; den Gipfelpunkt dieser Wünsche bildet nach wie vor die Aushebung des kirchlichen Gerichtshofes, wofür die Kurie die Erfüllung der modisicirten Anzeigepflicht als Gegenleistung zugesteheü will; in­wieweit hierüber eine Verständigung erzielt worden ist, wird man ja bald sehen. Im Reichstage wird bekanntlich das Centrum einen Antrag auf Aufhebung der Maigesetze einbringen, doch wird das Centrum hiermit wenig Glück haben, da ooit, den übrigen größeren Fraktionen nur ein kleiner Theil der Fortschritts­partei für den Antrag des Centruins stimmen will.-

Schon früher verlautete, daß Generalstabs-Chef Graf Moltke bean­tragt habe, daß ihm behufs Entbindung von einem Theile seiner Geschäfte ein Adlatus zur Seite gegeben werden möge. Diesem Anträge ist vom Kaiser nunmehr entsprochen worden, indem der bisherige Generalstabs-Chef des 10. Armee-Corps, Graf Waldersee, zum Generalquartiermeister ernannt worden ist. Die betr. kaiserliche Cabinetsordre datirt vom 29. Deeember v. Js. und hat der Generalquartiermeister den Chef des Großen Generalstabes zu entlasten und in Behinderungsfällen zu vertreten.

Das Märchen von der Allianz Deutschlands und Oester­reichs mit der Türkei ist von englischen Blättern ihren Lesern abermals auf­gebunden worden. Anlaß hierzu hat der auszeichnende Empfang gegeben, welchen die türkische Ordensmission an Kaiser Wilhelm auf ihrer Rückreise von Berlin nach Konstantinopel mn Wiener Hofe gefunden hat. Ali Nizam Pascha und Reschid Bep, die türkischen Abgesandten, wurden von Kaiser Franz Josef zur Tafel gezogen, auch hatten sie mit dem österreichischen Minister des Aus­wärtigen, Grafen Kalnoky, eine längere Unterredung, in welcher aber, wie ver­sichert wird, über allgemeine Redensarten nicht hinausgegangen worden ist. Wahrscheinlich hat diese Unterredung mit das Gerücht von einer bedeutungs­vollen Annäherung Oesterreichs und der Pforte hervorgerufen, worüber man in den Wiener maßgebenden Kreisen allerdings nur lächelt.

Während unter dem Kaiserreiche der Neujahrs-Empfang am Pariser Hofe ein Ereigniß war, das die gesammte politische Welt interessirte, ist jetzt, nachdem der politische Schwerpunkt von der Seine nach der Spree ver­rückt worden ist, auch der Neujahrs-Empfang in Paris bedeutungslos geworden. Auch der diesjährige Neujahrs-Empfang im Elysöe, der Wohnung des Präsidenten der Republik, verlief ziemlich einfach.. Die Präsidenten des'Senats und der Deputirtenkammer sprachen dem Präsidenten der Republik die Hochachtung und die Sympathie des Parlamentes aus. Grevy entgegnete, er nehme mit ganz beson­derer Genugthuung die von den beiden Präsidenten kllndgegebenen Gefühle ent­gegen. Beim Empfang des diplomatischen Corps brachte der päpstliche Nun­tius als ältestes Mitglied desselben die Glückwünsche der Vertreter der fremden Mächte dar, worauf der Präsident entgegnete, er ersuche die Vertreter der aus­wärtigen Mächte, ihren betr. Regierungen den aufrichtigen Ausdruck seiner freundschaftlichen Gefühle zu übermitteln. Nächsten Sonntag finden die Erneuerungswahlen für den französischen Senat statt, durch welche die republi­kanische Mehrheit dieser Körperschaft voraussichtlich eine ansehnliche Verstärkung erfahren wird.

In England beschäftigt man sich wieder einmal lebhaft mit den egyp- tischen Angelegenheiten, deren Stand allerdings Besorgnisse für den englischen Einfluß in Egypten hervorruft. Der einflußreiche arabische Oberst Arabi Bey, welcher die Militär-Krawalle in Kairo und Suez in Scene setzte, ist das Haupt der egyptischen nationalen Partei, welche die Loosung ausgegeben hat: Egypten für die Egypter! Arabi Bey besteht vor Allem auf einer Vermehrung des egyptischen Heeres bis zu 18,000 Mann, hiermit ist aber eine Steigerung der

Heeresausgaben uni mehrere Millionen verbunden und die europäischen Finanz- Controleure in Kairo sind daher entschieden gegen dieses Project ausgetreten. Bei der gewgltthätigen Statur Arabi Bey's ist aber zu befürchten, daß 'derselbe seinen Willen mit Gewalt durchsetzen wird und die englische Regierung sott daher den Gedanken an eine bewaffnete Intervention in Egypten abermals in ernstliche Erwägung gezogen haben.

In R u ß l an d versucht sich die Regierung wieder mit Experimenten mit den einzelnen Ressorts. So soll, ofsiciösen Petersburger Nachrichten zufolge, mit dem Beginn des neuen Jahres die Staatspolizei vom Ministerium des Innern abgezweigt und unter die Leitung des Generals Tscherewin gestellt werden. Wahrscheinlich ist man in Petersburg zu dieser Maßregel durch den Umstand veranlaßt worden, daß die Staatspolizei in ihrer Verschmelzung mit dem Ministerium des Innern so gut wie gar keine Erfolge gegen die nihilistische Bewegung aufzuweisen gehabt hat und hofft man in dieser Beziehung von der Selbstständigmachung der Staatspolizei bessere Erfolge.

D i e ch i n es i s ch e R e g i e r u n g scheint, trotz entgegenstehender Meldungen, entschlossen zu sein, die ihr aus dem Kuldscha-Vertrag Rußland gegenüber erwachsenen Verpflichtungen zu erfüllen. Wie nämlich dasJournal de St.- tersbourg" meldet, zahlte China die erste Rate der Entschädigung aus dem Kuldscha-Vertrage, zu welcher China wegen der Räubereien chinesischer Banden auf dem Jli-Gebiete sich bereit erklärt hatte, durch die Londoner Firma Baring und Brother's. Die Nachrichten, wonach die chinesische Regierung Schwierig­keiten wegen Ausführung des Kuldscha-Vertrages machen wolle, erscheinen dem­nach unbegründet.

Aeutschtand.

Berlin, 3. Januar. Hiesige Blätter melden fast übereinstimmend:

Dem Vernehmen nach wird am Tage der Kaiser-Proclamation in Versailles, am 18 d. M-, die Weihe der den neugebildeten 24 Bataillonen preußischer Infanterie, dm Pionier-Bataillonen Nr. 15 und 16, den beiden Bataillonen des Eisenbahn-Regi­ments, sowie dem 3. Bataillon des 2. Großh. Hess. Infanterie Regiments Nr. 116 zu verleihenden Fahnen erfolgen. Se. Maj. der Kaiser mit sämmtlichen Kön-gl. Prinzen gedenkt den feierlichen Act persönlich in Potsdam zu vollziehen "

Wie dieKr.-Ztg." hört, weiß man in betheillgten Kreisen bis zu diesem Augen­blick noch nichts von der Anordnung einer solchen Feier für den 18. Januar; Vortrag und Entscheidung darüber wird vermuthlich erst in den nächsten Tagen erfolgen.

Knglaud.

Dublin, 3. Januar. In einer heute unter oem Vorsitze Abercorn's stattgehabten Versammlung von etwa 4000 irischen Grundbesitzern wurden meh­rere Resolutionen angenommen, in welchen die Entscheidungen der agrarischen Hilfscommissarien getadelt werden und gleichzeitig eine Entschädigung durch den Staat verlangt wird, falls die agrarische Hauptcommission die von den Hilfs­commissarien gefällten Urtheile bestätigen sollte. Schließlich beschloß die' Ver­sammlung, eine Petition im Sinne obiger Resolutionen an die Königin zu richten.

Rußland.

Petersburg, 3. Januar. Einiges Aufsehen hat die Nachricht von der Wiederabzweigung der Staatspolizei vom Ministerium des Innern auch hier gemacht. Bei der ausdrücklichen Betonung, daß es die Staatspolizei ist, welche als eigenes und selbstständiges Ressort wieder hergestellt werden soll, liegt die Annahme mche genug, daß man dann nichts anderes, als das Wiederins- lebentreten der bekanntendritten Abtheilung" zu erblicken hat. Man muß in Petersburg eben die Ueberzeugung haben, daß die unerträglichen Mßltünde, welche zu der Vereinigung der 3. Abtheilung mit dem Ministerium des Innern den Anlaß boten, in Zukunft sich nicht wiederholen werden. Wieweit die Eifer- süchteleien zwischen der 3. Abtheilung und dem Ministeriuni des Innern oft gingen, ist ja bekannt genug. Es kam ja oft genug vor, daß die Erstere voi- züglich informirt war, dem Rlinisterium des Innern aber keinerlei '.Aitthellung machte, um diesesreinfallen" zu lassen. Natürlich blieben die anderen ^ebor- den der 3. Abtheilung auch nichts schuldig und revanchirten stch, wo |ie nur konnten. Ob das jetzt anders sein wird, muß die Zeit lehren.

Telegraphische Depeschen.

Wolffs telcgr. borrespondenz-Bureau.

Berlin 4 Januar lieber den Neujahrsempfang des Staalsministermms durch d7n Kager beratet dieP-ov-Corr.", der Kaiser sagte in seiner- Ansprache, die Vers immuna in Preußen sei umsoweniger zu begreifen, als bod) em Blick auf Europa Jedermann belehren müsse, wie gut verhältnißmäßrg unsere Zustande feien.