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sre. 231. Mittwoch den 4. Oktober 1882.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau: Schulstraße 7. Erscheint tätlich mit Ausnahme des Montags. A"!^merteljührlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
” Durch die Post bezogen merteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Hheil.
Betreffend: Bibliotheken. Gießen, am 2. Oktober 1882.
Die Großherzogliche Kreis-Schul-Commission Gießen
an die Schulvorstände des Kreises.
Wir sehen innerhalb 8 Tagen Ihren Berichten entgegen, in welchen Gemeinden:
1) besondere Lehrerbibliotheken,
2) Schüler-,
3) Volks-Bibliotheken bestehen. Dr. So cf mann.
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Politische Ueberficht.
Gießen, 3. October.
Der Kaiser hat auch in diesem Jahre seinen gewohnten Herbst- ausenthalt in Baden genommen, wo er bereits seit vorigen Freitag weilt. In etwa 14 Tagen gedenkt der Monarch nach Berlin zurückzukehren, womit dann die größeren Reisen desselben für dieses Jahr abgeschlossen sein dürften.
Die officielle Bekanntmachung des Wahltermins für die preußischen Landtagswahlen ist nun endlich erfolgt. Der am 29. September ausgegebene „Reichs-Anz." enthält die Bekanntmachung des preußischen Ministers des Innern, v. Puttkamer, wonach die Wahl der Wahlmänner am 19. October und diejenige der Abgeordneten am 26. October stattfindet. Es ist selbstver- Itändlich, daß in Anbetracht des nahen Wahltermins die Parteien alle Kräfte anspannen, um sich noch in letzter Stunde den Sieg streitig zu machen und darf mau nun wohl auch den Wahlaufrufen derjenigen Parteien, welche bis jetzt noch nicht, rote die beiden conservativen Fraktionen, mit ähnlichen Kundgebungen vor die Wählerschaft getreten sind, entgegensehen. Mit der Wahlbewegung wird naturgemäß jeder Vorgang auf dem Gebiete der innern Politik in näheren oder entfernteren Zusamuienhang gebracht. Aufsehen erregt namentlich die fortgeletzte Polemik der „Nordd. Allg. Ztg." gegen die Conservativen, die sich durch verschiedene Anzeichen hervortretender Selbstständigkeit den höchsten Unwillen des officiösen Organs zugezogen haben. Von den conservativen Blättern werden oiese Angriffe sehr übel vermerkt und der „Reichsbote" meint z B daß die Zumuthungen, welche die Officiösen an eine Partei, wie die conservative stellten, die Wähler in noch viel höherem Grade, als vor den letzten Reichstags: wählen in die Arme der Oppositionsparteien treiben müßten. Wenn man sich der lehr zweifelhaften Dienste erinnert, welche die Berliner Officiösen durch ihre maß^sen Angnste auf die Liberalen gelegentlich der vorigen Reichstaqsroahlen der Regierung geleitet haben, so kann man die vorn „Reichsboten" ausgesprochene Befürchtung mcht als grundlos bezeichnen.
Der Geheime Legationsrath im Auswärtigen Amte, Lothar Bucher, lange Zeit bie rechte Hand des Fürsten Bismarck, wird demnächst aus ferner Stellung und wahrfcheinlich auch aus den, Staatsdienste scheidln. Ueber die Grunde, welche, Herrn Bucher zum Rücktritt bewegen, sind verschiedene Versionen rm Umlauf von denen wir nur die eine erwähnen wollen, nach welcher die « Aussicht stehende definitive Neugestaltung unseres Auswärtigen Amtes em Verbleiben Buchers auf feinem Posten nicht länger ermöglichen
. ®n. heE Angelegenheit der Auflösung der Berliner Stadtverord- neten-Versammlung ist em neuer Schritt noch nicht zu verzeickmen Der Kaiser soll vor seiner Abreise nach Baden-Baden >L ‘ ü£ ttK
Gegenstand längere Zett confer.rt haben und wird von verschiedenen Seiten behauptet, es sei mcht leicht gewesen, die Einwilligung des Kaisers ru der in Aussicht stehenden Maßregel zu erlangen. In Negierungskreisen hat der ruhige und würdige Verlauf der außerordentlichen Sitzung, in welcher fick die Berliner Stadtverordneten-Ver ammlimg mit der Auflösungsfrage beschäme ehr^ überrascht, da man von dieser Berathung ganz andere Dinge erwartet batte
rv^nKefterrV$ bel Eröffnung von acht Landtagen das
politische Leben wieder aufs Reue erwacht und wird auch nach Beendigung der Landtagssession frisch weiter pulstren, da dann die gemeinsamen Delegationen unverzüglich zusammentreten werden Auf dem böhmischen wie auf dem mahrychen Landtage werden voraussichtlich die Czechen wieder eine ganze Litanei wn Stagen und Beschwerden anstunmen an denen es diesen Herren ja nie chl und ist die Rector-Controverse m der Prager Landstube nur als ein Vorspiel hierzu zu betrachten. — In Preßburg haben Ercesse gegen die Fudeu stattgefunden m Folge dessen das Militär in den dortigen Kasernen mehrere Tage consigmrt war. Der Magistrat von Preßburg hat sick> n Verrnanen erklärt und einen Beruhigungs-Aufruf erlassen $ ^anenz
- Zusammentritt der französischen Kammern ist nunmehr auf den 6. November festgesetzt worden und darf man gespannt fein wie das ?• h Minister-Präsidenten Duclerc^ vor der Deputirtenkammer' ausfallen wird. Rach den Aeußerungen, welche Herr Duclerc in der jüngsten »eit wiederholt hat fallen lassen, würde er, falls seine auswärtige Politik namentlich in «ezug auf Egypten, mcht die Billigung der Deputirtenkammer erhiette vor einer Auflösung der Kammer mcht zuruckscheuen In diesem Falle ist ihm die geheime, »der mächtige Unterstützung ©ambetta’ä sicher, welchem die Auflösung der Depu-
tirtMammer zur Durchführung seines Liebtingsprojectes, der Listenwahl, sehr willkommen wäre. Herr Grevy, der Präsident der Republik, soll freilich einem derartigen Schritte seines Cabinets-Chefs durchaus abgeneigt sein, so daß, wenn letzterer nicht nachgiebt, eine abermalige Krisis im französischen Cabinet in sicherer Aussicht stünde.
Ein jüngst erschienener Artikel des officiösen „Journal de St. Pötersbourg", toelcher eine Erwiderung des von „Morning Post" gebrachten Artikels: „Der Marsch Rußlands nach Indien" ist, erregt großes Aufsehen. Das Petersburger Blatt bezeichnet die in diesem Artikel der „Morning Post" hervortretenden Besorgnisse Englands wegen des Vordringens Rußlands nach Indien als Phantastereien, welche aber durch eine Schule von englischen Staatsmännern und Politikern, deren Steckenpferd die Sicherheit Indiens sei, immer wieder hervorgerufen würden und wodurch eine Annäherung zwischen Rußland und England sehr erschwert würde. Das russische Regierungs- Organ führt dann weiter aus, daß Rußland absolut nichts gewinnen könne, wenn Indien der aufgeklärten englischen Herrschaft entzogen würde, um in hindo- muselmännische Barbarei und Anarchie zurückzufallen. Schließlich weist das „Journal de St. Pötersbourg" auf die Gefahren und Opfer hin, denen sich Rußland in einem sich über alle Länder und Meere oer Erdkugel hinziehenden Kriege mit einer der größten Mächte der Welt aussetzen müßte. Die Ausführungen des russischen Blattes enthalten viel Wahres und dürsten viel dazu beitragen, das an der Themse erklärlicher Weise noch immer gegen die russischen Bestrebungen in Asien herrschende Mißtrauen zu zerstreuen.
Die Theilnahme der italienischen Katholiken an den demnächst stattfindenden Neuwahlen zur italienischen Deputirtenkammer ist noch sehr fraglich. Der „Osservatore Romano", das officiöse Organ des Vatikans, versichert auf das Bestimmteste, daß an dem bisherigen Verbote für die italienischen Katholiken bezüglich ihrer Vetheiligung an den politischen Wahlen nichts geändert sei. Die Wahlenthaltung der Katholiken würde die Chancen der liberalen (regierungstreuen) Parteien in Italien bei den allgemeinen Wahlen erheblich steigern, doch ist es noch nicht gewiß, ob in letzter Stunde vom Vatikan für dessen Parteigänger nicht Gegenordre ertheilt wird.
Die Fürsten im Donau-Balkan-Gebiete statten jetzt einander freundnachbarliche Besuche ab, denen eine politische Bedeutung nicht abzusprechen ist. Nachdem unlängst der Fürst von Bulgarien beim König von Rumänien zu Gaste war, wird in den nächsten Wochen König Milan von Serbien den Fürsten von Bulgarien in Rustschuk besuchen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß auf diese Weise eine Tripel-Allianz zwischen Serbien, Bulgarien und Rumänien angebahnt wird, welche bei neuen Verwickelungen auf der Balkan-Halbinsel von Wichtigkeit werden kann.
Der Rückkehr des Khedive nach Kairo ist fast unmittelbar die furchtbare Explosion im Bahnhose von Kairo gefolgt, was vielleicht von den abergläubischen Egyptern als ein böses Omen für den Wiedereinzug des egypti- schen Herrschers in seine Hauptstadt betrachtet wird. Die erwähnte Katastrophe hat der englischen Armee in Kairo einen ungeheuren Schaden verursacht, indem durch die Explosion eines Munitionszuges große Quantitäten Pulver u. s. w., sowie die Mundvorräthe für 10 Tage vernichtet wurden, der Schaden soll sich auf mehrere Hunderttausend Pfund Sterl. beziffern. Mehrere Araber, welche beschuldigt wurden, den Munitionszug in Brand gesteckt zu haben, sind verhaftet worden; demnach scheint die erstgemeldete Nachricht, daß die Explosion durch die zur Zeit in Egypten herrschende ungeheuere Hitze (bis zu + 106° Fahrenheit) verursacht worden sei, irrig zu sein.
Aus Süd-Amerika wird über Panama gemeldet, vaß zwischen Chile und Peru Unterhandlungen im Gange seien, um mit Unterstützung von Chile Pierola wieder zum Präsidenten von Peru einzusetzen. Da Pierola einer der erbittertsten Gegner der Chilenen ist, so erscheint diese Nachricht noch sehr zweifelhaft.
Deutschland.
Berlin, 1. Octbr. Die Vorgänge der letzten Woche bezüglich der Straßburger Tabakmanufaktur haben, was man auch dagegen vorbringen mag, in den Kreisen der Reichsregierung ungemein peinlich berührt. Die Verhandlungen der reichsländischen Vertretung und des Reichstages werden wohl zu Erklärungen der Regierung führen und deren Absichten bekannt werden lassen. Für


