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237. Freitag den 3. November 1882.

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

Bureau: Schülstraße 7.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Im Königreiche Serbien ist die politische Lage recht bedenklich ge­worden, denn die serbische Regierung glaubt die Beweise in den Händen zu haben, daß an dem Attentate der Helene Markovic gegen den König eine ganze Verschwörung beteiligt war, mehrere hervorragende politische Parteigänger sind sofort nach dem Mißlingen des Attentates auch in das Ausland geflohen. Höchst kritisch ist auch die Spaltung der serbischen Bevölkerung in eine slavisch- orthodoxe und in eine katholische Partei, welche Spaltung durch die Hetzereien des abgesetzten Metropoliten Michael hervorgerusen worden ist und eine Unter­drückung der katholischen Slaven anstrebt.

Die cgpptische Regierung und^ihre englischen Protektoren richten gegenwärtig ihr Hauptaugenmerk auf den Sudan in Ober-Egypten, wo ein Prophet mit großer Heeresmacht aufgetreten ist und die dortigen egyptischen Trupven geschlagen hat. Der Ministerrath beschloß, unverzüglich Truppenver­stärkungen nach dem Sudan zu senden, doch wenn der Prophet mit seiner fana- tischen Schaar noch weitere Fortschritte macht, müssen wahrscheinlich die Eng­länder noch einmal in Egypten Ordnung schassen. Im Processe Aradi Pascha's ist das Zeugenverhör beendet und soll? dessen Mitschuld an der Plün­derung Alexandriens nach den Aussagen eines egyptischen Kavailerie-Capitäns erwiesen sein, indessen hat der Vertheidiger Arabi's, Advocat Broadley, auch mehrere Arabi entlastende Schriftstücke, die diesem aus Konstantinopel zugingen, herbeigeschafft.

Deutschland.

Darmstadt, 1. Novbr. Se. Königl. Hoheit der Großherzog nebst dem Erbgroßherzog, Kgl. Hoh., und der Prinzessin Alix, Großh. Hoh., sind gestern Abend 10 Uhr in erwünschtem Wohlsein hierher zurückgekehrt. Im Gefolge befanden sich Hofjägermeister v. Werner und der Erzieher Sr. Kgl. Hoh des Erbgroßherzogs Mulher. Da Se. Kgl. Hoh. der Großherzog jeden Empfang verbeten hatten, fo war außer I.J. G.G. H.H. den Prinzen Heinrich und Wilhelm nur der Flügeladjutant vom Dienst Oberstlieutenant v. Herff aut Bahnhof anwesend.

Berlin, 31. October. Aus Petersburg roirb demBert. Tageblatt telegraphirt: , -rr ,, .. ...

Die anormalen Witterungsverhältmsse erregen hier bie Befürchtung bevorstehender außerordentlicher meteorologischer Erscheinungen. Alte Seeleute prophezeien für Ende October (russischen Datums) orkanartige Weststürme und eine Sturmfluth, wie sie hier noch nicht erlebt wurde. Der jetzige ungewöhnlich ntedere Wasserstand behindert die Schifffahrt auf das Empfindlichste.

Altona, 31. October. Bor dem hiesigen Landgericht kam heute der Proceß Bennigsen-Höchberg-Schlichteisen zur Verhandlung. Nach Vernehmung von 35 Zeugen beantragte die Staatsanwaltschaft die kostenlose Freisprechung der beiden Angeklagten Bennigsen und Hochberg. Der Gerichtshof erkannte demgemäß.

Türkei.

Konstantinopel, 31. Octbr. Der Sultan berief, als er von der beabsichtigten Abreise Lord Dufferin's nach Egypten erfuhr, den Premierminister, sowie die Minister des Auswärtigen, des Innern und der Justiz zu Berachun- gen in das Palais und ließ nach langer Berathung Lord Dufferin telegraphisch um einen Besuch in dem Palais ersuchen. Lord Dufferin leistete dieser Ein­ladung Folge und bezeichnete dem Premierminister und dem Minister des Aus­wärtigen gegenüber die Erkrankung des englischen Generalconsuls Malet als den Hauptgrund seiner Reise nach Egypten.

Politische Ueberficht.

Gießen, 2. November.

Die Wogen des Wahlkampfes in Preußen sind nun zwar vorüber, aber ihre Spuren haben sie zurückgelassen, welche sich namentlich in den ungewöhnlich zahlreichen Wahlprotesten erkennen lassen, die diesmal im preußischen Abgeordnetenhause voraussichtlich einlaufen werden. Diese Erschei­nung würde sich schon daraus erklären, daß in zahlreichen Wahlkreisen starke Minoritäten schwachen Majoritäten den Sieg sehr erschwerten, dann aber wird auch die Einteilung der Wahlkreise Anlaß zu vielen Protesten geben. Jeden­falls kann man sich nach dieser Richtung auf erbitterte Debatten gefaßt machen, bei denen die politischen Leidenschaften mehr hervortreten dürften, als im In­teresse der Förderung der parlamentarischen Arbeiten gut scheint. Was den Zeitraum des Zusammentrittes des Landtages anbelangt, so soll-letzterer, der Kreuz-Ztg." zufolge, am 13. November zusammentreten, lieber die dem Land­tage zu machenden Vorlagen herrscht noch ziemliche Ungewißheit; am meisten gespannt ist man darauf, was der Minister des Innern, Herr v. Puttkamer, dem Landtage zugehen lassen wird, namentlich bezüglich der Vereinfachung der Verwaltungs-Gerichtsbarkeit. Bis jetzt bat sich das Staatsmmistenum mit den von Herrn v. Puttkamer vorbereiteten Gesetzentwürfen noch nicht befchäftigt. Indessen hat der Minister ein Veto des Fürsten Bismarck schwerlich zu befürchten; Die Steine des Anstoßes dürsten für den gegenwärtigen Minister des Innern auf einem andern Gebiete liegen.

Mit der Pensionirung des bisherigen Gouverneurs von Merlin, General v. Fransecky, ist wieder einer der Corpsführer im deutsch-französi­schen Kriege aus den Reihen der activen Armee geschieden. Herr v. Fransecky führte bekanntlich das zweite (pommersche) Armee-Corps, mit dem er nament­lich an der Schlacht bei Gravelotte einen hervorragenden Antheil nahm. Dem verdienten General ist bei seinem Scheiden aus dem Dienste vom Kaiser die­selbe Auszeichnung zugedacht, die bisher allen Generälen der preußischen Armee, welche im deutsch-französischen Kriege ein selbstständiges Commando bekleideten, bei ihrem Uebertritte in die Jnactivität zu Theil geworden ist, die Erhebung in den Grafenstand. Wir werden also neben den Grafen v. Werder, v. Bosse, u. Kirchbach u. s. w. auch einen Grasen v. Fransecky haben.

Abermals ist Tyrol von verheerenden Wasserfluthen heimgesucht worden, während überall nur zu deutlich die Spuren der ersten Ueberschwem- ntung noch zu sehen sind. Eine ganze Reihe von Flüssen ist wieder ausge­treten und hat an Eisenbahnen, Landstraßen nnd Fluren die entsetzlichsten Ver­wüstungen angerichtet. Nach neueren Nachrichten sind die Wasser in dem über­schwemmten Gebiete zwar wieder gesunken, aber trotzdem ist die Noth unter der betroffenen Bevölkerung über alle Maßen groß. Der diesmal angerichtete Schaden ist noch weit größer, als das erste Mal; damals wurde der Schaden auf 15/2 Mill. Gulden beziffert, denen aber, außer der kaiserlichen Spende von 100,000 Gulden, an freiwilligen Beiträgen nur 250,000 Gulden und als Reichshülfe 500,000 Gulden gegenüberstehen. Anläßlich der jüngsten lieber# schmemmungen hat bereits ein außerordentlicher Ministerrath in Wien stattge­sunden, in welchem beschlossen wurde, unverzüglich mit der Verthellung der ein­gegangenen Hülfsgelder an die am härtesten betroffenen Gebiete vorzugehen.

Die socialistisch-revolutionäre Bewegung in Frankreich ist zwar einstweilen wieder unterdrückt, aber trotzdem giebt man sich in Regie­rungskreisen noch ernsten Besorgnissen hin. Es erhält sich darum das Gerücht, die Regierung beabsichtige, über die Departements Saone-et-Loire und Rhone den Belagerungszustand zu verhängen, da dieselben der Sitz der anarchistischen Umtriebe sind, llebrigens sind verschiedene Nachrichten über diese Ereignisse mit Vorsicht aufzunehmen, namentlich bringt die monarchistische Presse über­triebene Berichte, in der tendenziösen Absicht, Schrecken im Publikum zu ver­breiten. In Südfrankreich, besonders in der Gegend von Cannes, Nimes 2c., haben große Ueberschwemmungen stattgefunden, bei denen eine Anzahl Personen das Leben eingebüßt hat. In Tunis hat am vergangenen Sonntag, unter Theilnahme sämmtlicher Consuln und der französischen Generalstabs-Officiere das feierliche Leichenbegängniß des verstorbenen Bey's Sidi Sadok statt­gefunden. . ,, ,

Das englische Oberhaus hat sich wieder bis zum 10. November vertagt, während das Unterhaus bestrebt ist, zunächst die Debatte über die Reform der Geschäftsordnung zum Abschluß zu bringen. Wie wir schon früher ausführten, handelt es sich hierbei um Einführung des Schlußantrages in die« parlamentarische Geschäftsordnung, oa nur hierdurch die von den irischen Depu- tirten beliebte Verschleppung der Debatten hintertrieben werden kann. Es ist anzunehmen, daß sich die Majorität des Unterhauses für diese von der Regie­rung gewünschte Aenderung der Geschäftsordnung entscheiden wird

Die colossalen Ueberschwemmungen, welche sich abermals m den Alpenlandschaften Tyrols zeigen, haben sich auch wiederum aus das nörd­liche Italien erstreckt und dort weitere Verheerungen angench et.

Aus der Thronrede, mit welcher der König Carol am Sonntage die rumänischen Kammern eröffnet hat, ist es bemerkenswerth hervorzuheben, daß fick die Thronrede mit der Politik fast gar nicht befaßte, sondern als Zweck der Einberufung der Kammern vorwiegend die Budgetarbeiten nannte. Gern erfährt man auch aus der Thronrede, daß sich, Dank der guten Ernte und der verbesserten Verkehrswege, die Finanzen Rumäniens gehoben haben und das rumänische Königreich ein durchaus creditwürdiger Staat geworden ist.

Telegraphische Depeschen,

Wolff'S telegr. Eorrespondem-Bureau.

Berlin, 1. Novbr. In der am 31. October unter dem Vorsitze des Staatsministers v. Bötticher abgehaltenen Plenarsitzung des Bundesraths wurde die Vorlage, bett, die Aufhebung des kaiserlichen Hauptzollamts m Bremen, den zuständigen Ausschüssen zur Vorberathung überwiesen. Für die bei der km,er­lichen Disciplinarkammer in Arnsberg erledigten Stellen öes PrastdeMen und eines Mitgliedes wurden die erforderlichen Wahlen vorgenommen. ?yur eine durch Havarie größtenteils entwerthete Schiffsladung Getreide bewilligte die Versammlung in Berücksichtigung der vorliegenden befanderen Umstande einen thellweisen Zollerlaß. Gemäß dem Anträge Preußens wurde befchlossen für den Sommer 1883 eine Wiederholung der Ausnahmen zur Anbausta i ük des deutschen Reichs vorzunehmen. Auch fanden die zu diesem Zwecke von Preußen vorgeschlagenen Ausführungs-Bestinimungen und Formulare mit einigen, nicht erheblichen Abänderungen die Zustimmung der Versammlung schließlich wurde über die geschäftliche Behandlung mehrerer Eingaben betr. Zollerlaß für Pfahl­holz, Zollrückvergütung für auszuführende Labaksfabnkate aus elngefuhrtem Tabak und wegen Aenderung des § 12 des Gesetzes vom 14. Mat 1879 über, den Verkehr mit Lebensmitteln rc. Beschluß gefaßt.

Konstantinopel, 1. Novbr. Bezüglich des Besuches des englischen Botschafters beim Sultan wird noch bekannt, Lord Dufferin habe dem Sultan mittheilen lassen, daß er zufolge Instructionen aus London am Donnerstag nach Egypten abreisen und bis Weihnachten von Konstantinopel abwesend fein werde.