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Nr. 204. Samstag den 2. September 1882
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau r Echulstraße B. 18. Erscheint mit Ausnahme beti Montags. Preis vierteljährlich 2 Msrk 20 Pf. mit Bringericchr.
Tin —[■■in jiwMBMiim । - Durch dre Poft bezvqen vierteljährlich 2 Marl 50 Pt.
Zum 2. September.
Heute ruhe aller Streit der Meinungen in den Fragen, die uns trennen, und heute schwinde jeder Kleinmuth in allen Herzen, denn wir feiern wiederum den 2. September, den Ehrentag unserer Nation. Vor 12 Jahren an diesem Tage zeigten die Deutschen, die so lange zu ihrem großen Nachtheile getrennt waren, daß sie eine große gewaltige Nation bildeten, groß und gewaltig, weil sie einig waren, well Preußen, Bayern, Hessen, Sachsen, Württemberger und die andern Stämme Schulter an Schulter standen und das mächtigste Reich, welches bis 1870 Europa fürchtete und bewunderte, das napoleonische Kaiserreich, in Trümmer schlugen. Doch wir feiern an dem Tage von Sedan nicht den Triumph über einen zu Boden geschmetterten Gegner, wir begrüßen vielmehr diesen Tag als das erste Morgenroth, welches der deutschen Einigkeit leuchtete, diesen Tag, der den Deutschen mit Flammenschrist zeigte, daß sie einig sein müssen, um unbesieglich zu sein, unsere Feier des Sedantages gilt also in erster Linie der deutschen Einigkeit, und der Gründung des neuen Reiches.
Leicht ist aber diese Gründung des neuen Reiches nicht gewesen, Hunderttausende unserer Brüder kämpsten und Tausende und aber Tausende bluteten bei Sedan und während des gesummten Krieges; der 2. September soll daher auch eine Feier ehrerbietigen Angedenkens an unsere gefallenen wie überlebenden Helden sein, die ihr Leben einsetzen mußten in der blutigen Feuertaufe, aus welcher das geeinte Deutschland hervorging. Und stolz kann unser Herz in diesem Angedenken schlagen, es braucht nicht wehmüthig zu klopfen, denn Helden waren unsere Soldaten im Kriege 1870/71 im vollsten und schönsten Sinne des Wortes, gekämpft und geblutet haben sie für's Vaterland, wie es kein Beispiel der Weltgeschichte glänzender darzubieten vermag. Aber der Siegespreis war auch der heldenmütigen Opfer werth. Es galt der Zukunft des ganzen Deutschlands, dem Erwachen des nationalen Geistes in unserem Volke, der mit hehrer Gewalt seine Rechte in Anspruch nahm, die ihin ein listiger und neidischer Nachbar so lange vorenthalten hatte. Und Schlag aus Schlag wurde das Ziel erreicht und der Welt bewiesen, daß die Deutschen das Recht hatten, eine große einzige Nation zu sein, weil sie den Willen und die Kraft dazu besaßen Aber wenn wir auch in jener großen Zeit mehr Siegestage zählten, als irgend ein anderes Volk in einem Kriege aufzuweisen im Stande ist, wenn wir auch gefangene Gegner und Sieges-Trophäen in unerhörter Anzahl in Deutschland sahen und wenn wir auch schließlich zwei ganze Provinzen, von einem alten Bruderstamme bewohnt, für das neue Reich zurückgewonnen, so ist es doch nicht der Lorbeer der kriegerische Ruhm, den wir bei der Feier des 2. Septembers in den Vordergrund drängen, sondern es ist die Freude an den nationalen Errun- fchaften aus jenen großen Tagen, die wir kund geben wollen. Und fort und fort mag daher dieser ^ag begangen werden als eine ächte nationale Feier, die un? Sror ro£8 ewig und groß gemacht hat und auch ferner unsere natio- nale Große bewahren kann!
Z>eutschland.
Gießen, 2. September (Zum Sedantage.) Wenn wir uns am Sedantage zurück tn bte unglücklichen Jahre und Tage der hochseligen Königin Luise versetzen so finden wir Vieles, was uns mit deren Worten, nach dem Gang der Geschichte aus den Werth und die Bedeutung des Sedantages besonders aufmerksam macht. So konnte d,e große Königin in den großen Leidens- tagen z. B über die Napoleonische Herrschaft sagen: „Er richtet sich nicht nach „ewigen Gesetzen sondern nur rach Umstanden. Er meint es auch nicht redlich „mit der guten Sache und den Menschen. Durch Glück geblendet ist er obre "““l Ä9Uni' und «ver nicht Maß halten kann, verliert das Gleichgewicht „und fallt." Em andermal sagte stet „Ich bin der Ansicht, daß der jetzigen „schweren Zeit eine bessere folgen wird, denn das Alles ist nur die Bahnuna
w>. T. ... ... .. l zwar noch in weiter
„Ferne und wir werden darüber hmsterben; darum aber doch Glaube und Hoff- „nung behalten." ' "
Von ihren Kindern spricht die große Königin: „Umstände und Verhältnisse erziehen den Menschen, und für unsere Kinder mag es gut sein daß fie „die ernste Seite des Lebens schon in ihrer Jugend kennen Lut u ' und die „Nothwendtgkeit einer Aenderung zum Bessern aus dem ernsten AnaefiLt des „Vaters und aus der Wehmuth und den öfteren Thräuen der Mutter erkennen „müßten." Eine ihrer liebsten Hoffnungen der letzten Lebensjahre aber ist uns in den Worten ausbewahrt: „Vielleicht gab mein Dasein Kindern das Leben „die einst zum Wohl der Menschheit beitragen werden." Herrlich ist diese Hoffnung erfüllt; denn mit dem Sedantage waren nicht allein für uns die höchsten nationalen Wohlthaten und Güter erreicht, sondern auch zu unserem und der ganzen Welt Hell die Napoleonische Gewaltherrschaft gebrochen In dem Kaiser Wilhelm aber stand nun Der Mann, der durch seine Macht und persönliche Erhabenheit die Welt nur zum Frieden leiten sollte. Ist es aber nun schon diese eine von der Welt anerkannte Thatsache, die uns die Weihe dieses Tages so hoch und wichtig macht, so ist es für uns noch mehr die an den Erfolg dieses Tages gebundene nationale Errungenschaft, daß der Kaiser Wilhelm zugleich der höchste Berather unseres inneren Reichswohles ist, und als solcher gewiß nur unser Gutes will. Wohl darf für uns noch Manches besser werden ■ gewiß aber dürfen wir's auch hoffens denn in unserem Kaiser lebt ja ein Herrscher, der nach den Lehren der Geschichte in der Unterordnung und Erkenntniß ewiger Gesetze nur unser Bestes erstreben wird. Schon die Thatsache daß mit diesem
Tage, so zu sagen ein anderes — wie wir hoffen - glückliches Weltregiment in gegangen ist, muß uns erheben und immer wieder von Neuem für die rechte Weihe dieses Tages begeistern.
Seme Königliche der Grohh-rzog und die
®f?|rfCr^9 ^am c Rnb ^ute Abend von Friedberg nach Wolfsgarten zurück-
Darmstadt, 31. August. Ihre Kaiserliche und Königliche Hoheit die Kronprinzessin des deutschen Reiches und von Preußen, nebst Zweitältester Tochter, Prinzessin 6°6dt' roCrbCn beut- Abend ju Besuch des Groß-
Krankreich.
Paris, 29. Aug. Dem „Evenement" ist von dem Besitzer des Locales, m welchem der deutsche Turnverein seine Zusammenkünfte hält, folgendes Schreiben zugegangen.'
Ä ™ Paris, 28. August 1882.
Herr Redacteur! In Ihrem geehrten Blatte vom 28. d. Mts. sagen S:e, daß eine deutsche Gesellschaft, welche das Gegenstück zu der Gründung der Patrwtenliga sei, sich in einem „anrüchigen" Cafö der Passage des Panoramas versammele. Diese Gesellschaft besteht mit Ermächtigung der französischen Regierung seit 1863. Sie hält seit 1875 ihre Zusammenkünfte in der Rue Saint Marc Nr. 8, wo sie einen Saal contractlich gemiethet hat. Das „anrüchige" Cafe von dem Sie sprechen, hat die Ehre, als Versammlungsort zu dienen für den Gesangverein der Jnfants de la Belgique, das Syndicat der Decora- üonsmaler, das Syndicat der Bauzeichner, die Liedertafel Lutöcienne, endlich die Solidaritö, eine Stellenvermittlungs-Gesellschaft für die Caföhaus-Vesitzer deren Gerant ich selbst bin. Auch die Kassendiener, die ehemaligen Zöglinge der Scale Turgot u. s. w. u. s. w. haben dieses anrüchige Cafö oft besucht. Das Alles sind, wie Sie sehen, französische und patriotische Gesellschaften. Ferner sind viele Börsen- und Kaufleute Stammgäste meines Etablissements, in welchem nur französisches Bier verschänkt wird, das man auch trotz der Herren Deutschen gut findet. Ich will mich nicht persönlich rühmen; aber in der Nähe von Chateaudun geboren, habe ich im letzten Kriege nicht gesäumt, freiwillig einzutreten, um meine Pflicht zu thun. Aufpasserdienste, von denen Sie sprechen, habe ich nie geleistet, da ich nicht die Polizei einer von der Behörde erlaubten Gesellschaft zu besorgen habe; desgleichen hat mein Local auch keinen geheimen, sondern einen für Jedermann offenen Zugang. Als ich mein Geschäft im Jahre 1878 übernahm, fand ich Contracte vor, die ich über mich ergehen lassen mußte, und niemals habe ich geduldet, daß man in meinem Hause anti-fran- zösische Lieder sang. Genehmigen Sie u. s. w.
Völard, Rue Saint Marc.
Die „France" fordert die Pariser Handelswett auf, keinen Deutschen mehr bei sich anzustellen und das französische Publikum, nicht mehr die Schwelle eines deutschen Ladens oder gar einer deutschen Bierstube zu betreten, dann meint sie, würde den Deutschen bald die Lust an dem Pariser Aufenthalt vergehen und sie würden sich zur allgemeinen Zufriedenheit des französischen Volkes beeilen, den Rhein im Rücken zu haben. Dasselbe Blatt giebt auch gleich eine ganze Reihe von DeMnciationen zum Besten:
1) Ein deutscher Landwehr-Officier, Namens B., sei Professor der deutschen Sprache an mehreren Pariser Mittelschulen und an der Kriegsschule. 2) Einem deutschen Unterthan sei die Lieferung von Holzschwellen für die französischen Staatsbahnen, und zwar gerade für einen strategisch besonders wichtigen Schienenweg in einem östlichen Departement zuerkannt worden. 3) Ein (hört! hört!) in der Nähe des Lagers von Blörö, wo unter der Leitung des Generals Galliffet neue Kavallerie-Manöver, die man geheim halten möchte, ausgeführt werden, eigens ein Schloß gekauft, bei Heller und Pfennig bezahlt, sogleich davon Besitz genommen und vorgegeben, er erwerbe dieses Gut, damit seine kranke Frau es bewohne, während er in Wahrheit gar nicht verheirathet sei und auch sonst kein Domicil in Frankreich hätte. Die letztere Thatsache wird auch von einem Rittmeister in Pension mit der näheren Angabe bestätigt, daß es sich um das Schloß Gaillard bei Amboiso handelt.
Der „Siöcle" schließt sich den Blättern an, welche den wahren Thatbe- stand geflissentlich ignoriren, um den Deutschen eine Lection geben zu können.
Das „XIX. Siöcle" reitet zwar auch das Steckenpferd der in Paris von Deutschen gesungenen Spottlieder auf Frankreich; aber es ist wenigstens so gerecht, anzuerkennen, daß die Patrioten-Liga es an aller Besonnenheit hatte fehlen lassen.
Die „Fran^ais" theilt mit mehreren intransigenten Blättern, wie „Radikal", „Citoyen", „Vörit6", die Auffassung, daß dem ganzen rauflustigen Treiben der Patrioten-Liga nur Gambettistische Umtriebe zu Grunde lägen. Im besonderen Hinblick auf die Turnverein-Affaire erklärt daher das Organ des Herzogs v. Broglie: Wir sehen uns genöthigt, die Gambettisten noch einmal dringend auszufordern, Frankreich nicht in kleine Händel zu verwickeln, zum Tröste dafür, daß sie es nicht in ernste Abenteuer fortreißen könnten.
Aegypten.
Alexandrien, 30. August. Drei Transportschiffe sollen morgen mit der schottischen Brigade nach Jsmailia abgehen. General Wood hat den Oberbefehl über sämmtliche in der Umgegend von Alexandrien stehenden Truppen übernommen.
— Den letzten Nachrichten zufolge haben die Engländer die beiden Dämme welche von den Arabern bei Mahuta über den Süßwassercanal geworfen wurden, ent-


