Nr. 74.
Dienstag den 29. Marz
18S1.
Gießener Wizeiger
A«Mk- oiiti Amtsblatt fit dca Llkis Kichn.
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Die neuen Reiebssteuern.
Hohe Steuern, hohe Lultur I — |o lautet in Kürze der neue Grundsatz der Denkschrift, welche Fürst BiSrnarck dem Reichstage vorgelegt hat, um mittelst derselben die drei neuen Steuerprojekle, welche im vorigen Jahre unerledigt gebl'eben und jetzt wieder eingebracht worden sind, zu empfehlen. Im Grunde ist das ganze Thema eine Variation auf die populäre Ansicht, ein Staat sei um so reicher, je mehr er Schulden habe; — weil Deutschland wenher inb(recte Steuern erhebt, als die andern großen Länder, so muß j es das Versäumte nachdolen, und es fehlt nur noch die Behauptung, daß unser Land, weil eS auch weniger direkte Steuern zahlt, als reiche Länder, gleichzeitig auch seine direkten Steuern erhöhen soll. Aber in diesem Punkte ist die Regierung anderer Ansicht, sie hält die bereits bestehenden direkten Steuern für drückende und hat die löbliche Absicht, bk Mehrerträge der indirekten Steuern zur Verminderung der direkten Steuern zu verwenden. Das Ziel der Steuerreform ist klar hingestellt; es sragt sich nur, ob eS so rasch, wie man glaubt, auch zu ernteten ist. Tie Hauptsache bleibt immer, baß Deutschlands Wohlstand im gewünschten und erwarteten Maße zunimmt, dann b erten soaohl die direkten Steuern aus dem vergrößerten Nationalvermögen, als auch die indirekten Steuern durch ie.i größeren Verzehr, den ein reiches Land hat, sich erhöhen. Bei den beliebten Vergleichen der Steuer-Erträge von England, Frankreich und Deutschland darf niemals vergeffen werden, daß in England und in Frankreich mehr consuunrt wiid als bei uns, »nd eS wird dort mehr consumirt, weil der Wohlstand ein größerer ist. Nun sind aber beide Länder sicherlich nicht dadurch zum Wohlstand gelangt, daß sie zu alen Zeiten möglichst viel unb hohe indirekte Steuern erhoben haben, sondern, weil sie — aus so und so viel andern Giünden — wohlhabend geworden sind, wuchsen die Erträge der indirekten Steuern.
In England hat man feit vielen I hren die Anzahl der Art.kel, welche inbhecte Steuern trugen, verringert; dort trägt der Branntwein den Löwen- vntheil, wählend man bei uns gerade diesen Äuifel scbont. Der Eonsum von ! Zucker beträgt in England 57, tn Deutschland nur 15 Pfd. jährlich pro Kopf der Berülkerung. und in diesem enoirn verschiedenen Eonsum liegt die Verschiedenheit der Steuer Erträge, btnn schweilich wird eine höhere Z ck rstener in Deutichland den Eonsum, der nur langsam st.igt, enorm heben können. In Frankreich ist bekanntlich ebenfalls der Standard of Life bifftr als bei unS, und
die Frazofen veimögen basier zu liben, util dtc Gunst les Klimas und deS
Bodens und der angesammelte Eapitalreich hum ihnen zu Gute kommen.
Brod und Fleisch, das zum Leben Unabläßlickre, wird in E glano gar
nicht, in Fra:.kreich nur gering besteuert, und auch das nur, weil die Kriegs
schuld uüthlgte, die gi ze Steuert aft anzuspannen. Man vermetoet möglichst die Besttuerung der Arber Skrast, welche mit besierer Nahrung steigt. Die Erbaltnng deS Frieden-, das Vertrauen zur WindschaftSpolitik, Unterstützung der Bildung, Hebung deS Handels und der Industrie bringen uns vorwärts; m t dem Vor schreiten des Wohlstandes werden auch die Steuer-Erträge Deutsch- lantS steigen, aber es fehlt uns zur Zeit an jeder Veranlassung, ur.s die höheren Steuern anderer Länder zum Muster zu nehmen, denn wir beneiden sie darum <bensowenig, wie um ihre ungeheuren Staats'chulden, welche sie — alS reiche Völker — tragen können wögen, die unS jedoch -rdrucken würben.
Deutschland.
Darmstadt, 26 März. Das Großherzogliche Regierungsblatt (Bei- luge Nr. 7) enthält:
1. Bekanntmachung Großherzoglicher Provinzial-Direktion Starkenburg, den Steuerausschlag zur Bestreitung der Bedürsniffe der Landjudensch-ftskasse zu Darmstadt für 1881/82 betreffend.
2. Uebersicht der für das Jahr 1881/82 von Großherzoglichem Ministe- rium des Innern und der Justiz genehmigten Umlagen zur Bestreitung von Eommunal - Bedürfniffen in den Gemeinde > des kreiies Erbach.
3. Bikanntmachuiig Großherzoglichen K.ekamts Alszey, die Besoldung des Rabbineii zu Alzev betreffend.
4. Bekanntmachung Großherzoglichen Kreisamts Heppenheim, die Umlagen der israelitischen Rellgions.Gemeinde zu N.cka.-Lttmach für 1880 betreffend.
5. Ermächtigungen zur Annahme und zum Tragen fremtcr Orden.
6. Dienstnachrichten. Am 17. Februar wurde dem Lchull hrer Heinrich Seipp zu Büßgeld eine erledigte Lehrerttelle an der Gemcu beschule au Rom- rod, am 19. Februar tour re dem Scrulamts - Aspiranten JulmS Muth aus Asel eine erledigte Lebreistelle an der Gemeinkeschule zu Geiß Nidda, an dems. Tage wurde dem Schulamts-Aspiranten Gbnfhan Diener aus Burküaids- selden eine erledigte Lehrerstelle an der Gemem^schule zu Groß-Linden, am 23. Februar wurde der Schulamts-Aspirant n Kalbanna Stumpf aus Ober- Sauivemi et: e erledigte L hrerstrlle an der Gimeindeschule zu 2anaen, am 5. März wurde dem Schulamts-Aspiranten Ai gust Ntebrraall aus Mommen- betm die erledigte Lchrerstelle an der evang. Schule zu Ul enheim, an dems. Tage wurde dem ^chulamtL-Äspttauten Konrad Ludwig Gr mmel aus Vilbel, unter DrUeihung der Rechte ein^e definitiv angestellten Schullehrers, die erste Gesa: glehrerstelle an der Volksschule zu Mainz, an ems. Tage wurde dem Schullehrer Heinrich Schneider zu Lollar die Ledrerstelle an der Gemeindeschule zu Wirseck übertragen.
Berlin, 26. März Der Reichstag nahm in zweiter Lesung da-» Natural- leistungSgesey na di den Beschlüssen der (Kommission an, obwohl StaatSsecretär Bötticher erklärte, die verbündeten Negierungen hätten sich noch nicht mit dem (eommissiouS- deschluß beschä'trgt, könnten aber diesen Äbändelungen nicht zustimmen. Die butte Veralbung dc^' ztüstensrachtsabitgeseSetz wurde wegen der zahlreichen noch elngegangenen Petifonen von der Tagctzordnnnq abgesetzl E^ei der daraus folgenden Beralhuna der Gewerbeordnung äußerten sich die ?ldgg Ackermann und o Hertling wesentlich zustimmend zu derselben, roähnnb die Abgg. v Baumbach, Gareis und bzanincki einz-i-.e Bedenken geg-n dieselbi äußern, aotr aus eme Berstänbigung tn der Kommission hoffen. D<r>5ociiili|t vartrnann will die Nesorm aus dem Schooße desHandwerkeistandes heraus und nicht von Leuten b'frdht wisi«n, die nicht wüßten, wo den Handwerker der Schuh drücke. Die Vorlage fei cm Krochen ohne Fleisch. Löwe (Berlin) bekämpft die Vorlage als reactionär. Sie wird schließlich an eine (Kommission von 21 Mitgliedern Der« wrcsen. — Nächste Sihung Montag
Berlin, 26. März Der Kaiser conferide gestern mit dem LultuS- minister. Morgen Mittag um 12 Uhr werden der Kaiser und die Kaiserin unb fämmtliche Mit lieber des König!. HauseS bem Trauergottesbienfte in der russischen Kapelle anläßlich der Bestattung des russischen KiiserS beiwohnen. Die kronprinzlicke Fanilte begiibt sich sodann nach Potsdam, um an der Gedächtrißfeier für den verstorbenen Prinz n Waldemar theilzunehmen.
— Das Antwortschreiben deS Raifeiä an den evangelischen Oberkirck n- ratb aus Anlaß der Lttmordung des Kaiser- Alexmder lautet: Unter dem Eindrücke der erschütternden Tvatsache, oaß der Kaiser Alexander von Rußland das Opfer ei^eö Meuchelmörders geworden, stehe ich tiefgebeugt in schmerzlicher Trauer um b<n m so schrecklicher Weise mir entriffuien theuern grennb und geliebten Verwandten. In dieser Lcelei.stimrnung ist eS mir ein erquick n- der Trost gewesen, in Ihrer Adreffe vom 16. dS. den AuSdruck so inniger Theilnahme zu finden unb die frommen Wünsche für mich zu lesen. Jnd-rn ich Ihnen dafür aufs Wärmste danke, erbebe ich mit Ihnen mein Gebet zu dem Herrn unferm Gott, vo»: welchem allein daS Heil kommen kann, unb preise den Höchsten in dem festen Glauben, daß die allmächtige Porfehung R^ig'ou unb Tr,ue über d e finstern Mächte des Unglaub nS und der Sittenlosigkeit wirb siegen laffm.
Berlin, 19. März 1881. Wilchelrn.
Frankreich.
Pari-, 26 März. Deputirtenkammer. In Beantwortung der Interpellation des D'putlrten Madier de Montjau, betr. die gerichtliche Verfolgung derjenigen Journale, welche cas Attentat gegen den Kaiser Alexander II. ver- theidtgt hatten, erklärte der Justizminister Cazot, das Verbrechen, dem der Kaiser Alexander II. zum Opfer gefallen, sei entsetzlich gewesen, die Verthei- digung einer so'chen Unthat hätte Schwierigkeiten Hervorrufen und den Ruf der Loyalität Frankreichs cowpromittiren können. Als Anhängerin der Freiheit der Preffe beachte die Regierung die Schmähungen gegen die Republik nicht, sie könne aber nicht gle chgültig bleiben gegenüber einer Handlungsweise, welche die internationalen Beziehungen berühre. Die Regierung habe im ernsten Gefühle ihrer Pflicht gehandelt. Er, Redner, verlange deshalb von dem patriotischen Sinne der Kammer ein IndemnitätS-Doium. Die Kammer nahm hierauf die einfache Tagesordnung an.
England.
London, 26. März. Die ..Times" schreibt, die öffentliche Meinung in Englaud würde der Regierung nid?: > eftaUen, Griechenland materielle Unterstützung zu gewähren, falls es die Türkei angreifen, oder die neuen Rathschläge der Mächte mißachten sollte. Wern Griechenla- d mit leichtem Herzen einen Krieg beginne, welcher hätte vermieden werden können, dürfe eS nicht erwarten, daß die Mächte zu seinen Gunsten intenennen würden, wenn es besirgt würde.
Spanien.
Madrid, 26. März. In einer zu Gunsten der Abschaffung der Sclaveiei abgehaltenen D<rsammlunz wurde eme Resolution angenommen, welche die Abschaffung der Sklaverei bezweckt. Gleichzeitig gab die Ver
sammlung ihren Bedauern über die Ermordung des Kaiser- Alexander IL, des Befreiers von 20 Millionen Leibeigenen Ausdruck.
Außland.
Petersburg, 25. Marz. Se. K. K. Hoheit der deutsche Kronprinz besuchte heute die Stätte, an welcher das Attentat gegen den Kaiser Alexander IL begangen wurde.
Petersburg, 26. März. Ter .Reg'erungSbote" schreibt: Am 22. ds. ist in Pet-.r-burg eine gewisse Sophie Perowskaja verhaftet toorben, auf die man se t dem Jahre 1878 berede fahndete. Laut dem eigenen Geständniß derselben war sie unter dem Namen Suchorukow an dem Moskauer Attentat rom 1. Decewber 1879 auf den verstorbenen Kaiser betheiligt und hat jetzt nach der Verhaftung Jeliabosfts das Attentat vom 13. ds. geleitet. Sie wirb mit den anderen Theilnehmetn an bem letzten Attentat zusammen vor Gericht gestellt werden.
— Gegenüber der von auswärtigen Blättern gebrachten Meldung der russischen Correspondenz, die Circular-Depesche des Leiters des Mitisteriuws des Auswärtigen, o. Giers, habe tn ihrer ursprünglichen Redaction etwas anders gelautet, erklärt das „Journal de St. PeterSbovrg", diese Meldung


