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9lr. 216. Samstag den 17 September 1881.

Kichener Anzeiger

Amtize- un) Amtsblatt für i>cn Kreis Gießen.

tJerreu i S chulstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Aufnahme bed Msntagö.

Preiö viertel i^brlich 2 Mark 20 Pi. mit vringerlobii.

Turch die Pest bezogen vierteljährlich 2 Mari 50 Pi.

Amtlicher Hh eil.

Edietalladung.

Nachdem wider den Dlspofition-urlauber Mu-ketter Karl Rühl au8 dem Bezirk der 49. Infanterie-Brigade, geboren am 6. März 1860 zu Stein heim, KreiS Gießen, der förmliche DefertionSprvzeß eröffnet worden ist, wird derselbe hiermit aufzefordert, zu seinem Truppentheil zurückzukehren, spätesten- aber in dem aus

Samstag den 31. Dccember d I-., Vormittags 10 Nhr, vor dem unterzeichneten Gericht anberaumten Termin sich au gestellen, widrigenfalls die wider ihn eingelettete Untersuchung geschloffen, er in contumaciam für fahnenflüchtig erklärt und in eine Geldbuße von 150 bi- 3000 Mark verurtheilt werden würde.

Darmstadt, den 15. September 1881. Großherzogliches Gericht der Großh. Heff. (25.) Division.

Die Gewerbefreiheit.

Neben der Steuer- und socialen Frage muß jetzt die Handwerkelfrage dazu dienen, tte Leidenschaft der Massen zu erregen und sie sür eine Revision der Gesetzgebung aus diesem Gebiete vorzuberetten. Und ist nicht schwer, hier eine Bewegung hervorzurufen. Die Hai.dwerkerfrage ist eine Angelegen- hell, bei der es sich um da- Sein oder Nichtsein, um daS tägliche Brod han­delt. Dem Hantwerkerstande soll geholfen werden; über da- Wie aber ist der Streit noch groß, eine- der ersten Heilmittel jedoch, welche namhaft gemacht werden, ist die Aushebung der Gewerbefreihett. Es verlohnt sich schon, diesen Vorschlag etwa- genauer zu betrachten, und klarzupellen, ob diese Ansicht die richtige ist, da viele Handwerker darin ihre einzige Rettung ersehen. Es ist »»nächst wahr, daS wird Niemand bestreiten, daß manche Handwerker trotz allen Fleißes, trotz cller Reellttär zu Nichts kommen in Folge einer verwerf­lichen Eoncurrenz, daß sie sich mühen und quälen müffen, Tag auS und auch Tag ein, um nur ihre Nahrung für sich und ihre Familie zu erwerben, und daß von großen Ersparniffen nur selten noch die Rede sein kann. Um diesen rnbedaglichen Zustand, der ein rechn- Freuen an der eigenen Arbeit, am etg-nen Schaffen nickt aufkvmmen lasten will, zu beseitigen, soll die Gewirbesreiheit, also die durch dieselbe hervorgerusenc d.ückcndc Eoncurrenz ausgehoben werden, will man zu obligatorischen Innungen zurückkebren, welche das ganze Gewerbe­getriebe regeln, teren Ausspruch sich Jeder fügen u. Dadurch soll dann die Eoi currenz zuerst beschränkt, in Folge besten der Verdienst gehoben und der ganze Stand überhaupt von Grund au- nsormirt werden. DaS klingt sehr Ichön, und wenn durch die Aufhebung der Gewerbefreiheit Alles dleS zu erreichen wäre, körnte man sich schon dc.mit befreunden, aber man darf nicht lergeffen, daß alle diese Projecte bei unk gar nicht mehr durchführbar sind, und daß durck ihre Einführung ein ganz heilloser Conflict et tpände, der das Handwerk vollständig rulniren würde. Wir geben nachst.hend die Gründe für unsere Behauptungen an. Durch Aushebung der Gewerbesreiheit soll die Eon» currenz aufgehoben werden. DaS ist aber gar nicht mehr möglich. Tie Fabriken, die ost weit billiger und bester als die Handwerker producireu, bleiben doch, diese kann man unmöglich aufheben. Was will man ferner mn den Handwerkern ansangen, die kerne Lust haben, der Innung bcizutreten und sich in die Beschlüste derselben zu fügen ? Man wird sie dazu bittet ober mdirect zwirgerr, so sagt man. Wohl, aber dabei ist dann zu bedenken, daß die Zahl der JnnurgSanhänger weit geringer ist, als die Zahl ihrer Gegner, laß diese letzteren also, wenn sie gezwungen würden, in die Innung einzutreten, bald darin Meister sein würden. DieS ist die erste Schwierigkeit; die zweite, ebenso große besteht dann, daß diejenigen Handwerker, welche der Innung ganz entschieden nicht beitreten wollen, nicht gehindert werden können, sich als Händler oder Kaufleute zu etabliren. Für die Reparaturen, die ihnen onzu« fertigen untersagt sind, werden sie auch unter den Jnnungsmeipern schon einen Men Freund finden, der ihnen mit auShilst. Außer diesen Gründen aber, die schon jeden Gewerbezwang ganz illusorisch machen, dürften die Herren Zünftler :ber sich selbst in'- eigene Fleisch schneiden. Sie wiffen nicht, wie sich die Zukunft einst gestalten wird; auch unter den JnnungSmitgliedem werden fick gewiß Gewerbetreibende finden, die durch geistige Fähigkeit und größere finanzielle Mittel ihren Eollegen arge Eoncurrenz und Verlegenheit bereuen können. Dagegen läßt fich dann nicht nur nicht etwas einwenden, sondern die ttotz der Innung von der Concurrenz Bedrückten müffen nun erst recht dulden und schweigen- Sie können fich gar nicht mehr rühren, und es ergeht ihnen unter dem Gewerbezwang schlimmer, al- unter der Gewerbefreiheit. Früher konnten fie doch, wenn ein Geschäft ihnen mißglückte, ein anderes ergreifen, unter dem Gewerbezwang ist'- damit vorbei. Gegen die Aufhebung her Gewerbefreiheit spricht auch unsere ganze Zeit, der Unternehmungsgeist, ivelcher in ihr obwaltet, und welcher sich nicht an einzelne Orte und Städte binden läßt. Dagegen ist der Gewerbezwang machtlos, im Hinblick darauf ist er ganz unmöglich, denn die Handwerker würden ganz und gar in einen be­stimmten Rayon eingeschränkt werden und fich nicht von der Stelle rühren können. Während wir so gegen ein vollständig falsche- und aus ganz unrich­tigen Grundsätzen fußendes System entschieden Front machen müffen, wollen th doch ebenso sehr sür die Beseitigung ter Schleuderet und der EintagS- Tslicurrenz eintreten, die dem braven, in Sorgen und Mühen arbeitenden Handwerker das Leben sauer macht. Die Thatsache, daß jeder hergelaufene Gesell, mit keinem Pfennig Geld in der Tasche, auf Credit ein eigenes Geschäft «richtet, zwei ober drei Monate die Waare verschleudert und dann plötzlich

verschwindet, muß aufbören, und in diesem Sinne ist eine Revision der Gewerbe­ordnung wohl anzustreben, aber fie kann durchgeführt werden, ohne daß der freie Wille und tte freie Bewegung für einen ehrenhaften Mann auch nur im Entferntesten eingeschränkt wird. Aufgabe der Innung ist e- aber, organisa­torisch und belehrend aufzutreten, nicht dictatortsch, denn durch den letzteren Charakter würde sie mehr abstoßen al- gewinnen. Im gemeinsamen Kreise über die Schäden deS Handwerks zu sprechen, gemeinsame Beschlüsse zu faffen, welche Allen nutzbringend find, und einen guten Nachwuchs zu erziehen, da- ist d e Aufgabe der J- nung und führt sie diese durch, dann werden auch nicht viel Handwerker mehr außerhalb ihres Kreise- bleiben. Nur wenn die Hand- werter sehen, daß die Innung ihnen Dortheil bietet, werden fie chr freiwillig beitreten, durch Zwang werden sie niemals ganz gewonnen.

Berlin, 14. Septbr. Der RetchStagS-Abgeordnete v. Dühler-Oehringen wer bekanntlick vom Fürsten Bismarck mit seinem Abrüstungsantrag an Deutschlands Nachbarn" verwiesen worden. Er hat diesem Winke Folge ge­geben und sich zunächst an die Friedens-Gesellschasten in Genf und Pari- gewandt, die seine Bestrebungen auch scheinbar freundlich aufnahmen und fich in Friedensbetbeuerungen ergingen, denen freilich allerlei Verclausulirungen aus dem Fuße folgten. An die Vordersätze, welche dierohe Gewalt ter Waffen" verwarfen, schloffen fich Nachsätze, welche dieBefreiung" Eisaß-Lothringers verlangten oder betonten, Frankreich könne unmöglich mit der Abrüstung voran- geben. Von diesen Aufschlüffen wenig befriedigt, ging Herr v. Bühler einen Schritt weiter und wandte sich direct an Gambetta, den er aufforderte, fich offen und unzweideutig über die Friedenssrage zu erklären und seinen mächtigen Einfluß sür die Abrüstung geltend zu machen. DieFranks. Ztg.", der die betr. Correipondenz zugänglich geworden, druckt das Schreiben Bühler's seinem vollen Wortlaut nach ab. Derselbe dürfte für die Mehrzahl unserer Leser wenig Jntereffe haben; intereffanter aber und lehrreicher ist die Thatsache, daß Gan brtta auf diese- Schreiben, ras vcm 15. Juni d. J-. batirt ist, M jetzt nicht geantwortet bat, also wohl auch nicht mehr antworten wird. Gambetta gebt einer offenen Erörterung der Krieg-- und Friedenssrage aus dem Wege und dieses Schweigen belehrt uns vielleicht besser über seine wahren Abfichten, al- alle schönen Reden, die er in letzter Zeit gehalten. Zum Glück darf er in dieser Frage nicht als der vollgültige Repräsentant der zur Zeit in Frank­reich berückenden Stimmungen gelten.

Hamburg, 14- September. Ter Speisesaal und die Tafel im Ienisch'schrn Hause waren mit den Gold- und Silbergerathen der Familie Jenisch ausgeflattet, die Tafel mit kostbaren Blumenaussätzen geschmückt. Tie Tafelmusik wurde von der Kapelle des 76. Infanterieregiments, welche ihren Platz auf einem Schiffe hinter dem Hause hatte, ausgeführt. Außer der Haupttafel wurde an drei Marschallstafeln ge­speist. Es speisten im ganzen 163 Personen- Nach dem zweiten Gange brachte der Bürgermeister Tr. Kirckenpaur den Toast auf Se. Majestät den Kaiser aus. Terselbe dankte nicht allein im Namen des Senats, sondern auch in dem des Hamburger Volkes für die (Pbre, die der Stadt widerfahren, da die alte Hansestadt seit ihrer Gründung zur Zeit des ersten deuffchen Kaisers keinen Kaiser in ihren Mauern ge­sehen babe- Teßhalb herrsche große Frrude. Se. Majestät bade heute zu drei ver­schiedenen Malen erfahren, in welcher Weise das Volk ihm zugejubelt. Tie Bewohner Hamburgs seien stet- voll Ehrfurcht und Liebe für das Kaiserhaus gewesen- Er, Redner, wisie die Dünsche Hamburgs für das kaiserliche Haus nicht bester auszudrücken, als indem er ste in dem Rufe zusammenfaste:Kaiser Wilhelm. König von Preußen, lebe hock!* Tie Munk intonirte die Rat onalhpmne. Se. Majestät der Kaffer ant­wortete sofort: »Die freundlichen Gefühle, welchen der Redner Ausdruck gegeben, seien auch die Geiühle der Bevölkerung Hamburgs, das habe Er heute vielfach erprobt. Er hoffe daher, daß die Liebe, welche der Würde, die Er bekleide, entgegengebracht werde, auch ferner fortbauern möge, daß Hamsurg auch in Zukunft treu zu Kaffer und Reich stehe. Er ttinke daher auf das Wobl der Stadt Hamburg und wünsche, daß ihr Handel blühen möge. Hamburg lebe hochH'erau» fiel die Dmstk mit einem Tusch ein. Um ö3« Uhr fuhren Seine Majestät und die übrigen hohen Gäste noch Altona mrück-

Altona, 14. September Nachdem Seine Majestät der Kaiser von Hamburg hierher zurückgekehn war, begab sich derselbe gegen 7 Uhr nach dem Bahnhöfe, wo­selbst er sich von den Spitzen der Behörden verabschiedete. Um vräcis 7 Uhr setzte stch der Zug in Bewegung, be*leitrt von lauten Hurrahs der versammelten Menschenmenge.

Itzehoe, 14. September. Die Einwohnerschaft unserer Stadt hatte es sich nicht nehmen lasten. Seiner Majestät dem Kaiser bei feiner Rückkehr von Hamburg durch eine Illumination, welche außerordentlich glänzend ausfiel, einen erneuten Beweis ihrer Anhänglichkeit zu geben. Der Bahnhof war durch Gasflammen und einen riesigen Adler, sowie die Buchstaben W. R. taghell beleuchtet, lieber die Straße. In welcher wiederum die Vereine und Gewerke Spalier bildeten, ergoß sich electrisches Licht. In gleichem Lichte strahlte die Fabrik des Herrn de Voß. Als Seine Majestät