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293. Freitag bcn 16. December 18£i.
Aichener Mnzeiger
Anmge- unb Amtsblatt für bru firris liefen.
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Deutschland.
Mainz, 13. December. Da- uhramortane Wahl-Cemiiö hat, ohne die Vertrauensmänner nochmal- zusammenzuberufen, bi schloffen, den Wählern zu empfehlen, bet der Stichwahl am 15. December sich der Wahl zu enthalten. Dars man au- den heftigen Reden, die In der letzten Wahlversammlung im „Krankfurter Hof" gegen die Socialdemvkraten gehalten wurden, einen Schluß ziehen, so wird bic Aufforderung zur Stimmenthaltung diesmal vielleicht ernster zu nehmen sein, al- bei der eisten Stichwahl, b<i welcher die Ultramontanen in Hellen Schaaren für Liebknecht gest mmt haben.
Berlin, 14. December. Die „Berl. Poltt. Nachr." schreiben: Die Nachrichten, welche bisher über die Einthetlung der Arbeiten und der Ferien de- Reichstag- circuliren, dürsten sich in mancher Beziehung noch selr ändern. Da- Pensum, welches der Reich-tag roch zu erledigen hat, ist ein recht um» sangreiche-, und wie eS scheint, sind doch noch nicht alle Vorlagen, die für diese Session berechnet waren, etngrlangt, wenngleich anzunehmen ist daß zunächst die socialpoiitischen Gesetzentwürfe ebenso wie das Tabakemonopol erst für eine event. Heibftsesflon 1882 des R ichStagS in Aussicht stehen, so zeigt doch schon ein Blick aus die noch zu erledigenden Arbeiten, daß selbst der Januar richt au-ieichen würde, um Alles fertig zu bringen. AlS sicher gilt eS heule schon, daß der Bericht der Commission über len Hamburger Zollan- schloß vor den Weihnacht-serren nicht im Plenum zur Berathung kommen derielbe vielmehr erst nach Neujahr den Reichstag beschäftigen wird. Da- Gleiche gilt von der Eommisfio,-arbeit über die Vorlage, betr. die Berufsstatistik und die Viehzählung. Nimmt man nun noch an, daß in Reichstag-- kreisen die Ueberzeugung herrscht. eS werde auch noch die Vorlage, betr. den Zollanschiuß oon Bremen, und die Vorlage, betr. die zweijährigen Budget- Perioden, an den ReiLStag gelangen, so »rgiebt sich allerdings klar genug, daß dieses Pensum innerhalb 14 Tagen di- Januar bei gleichzeitigem Tagen mu dem preußischen Landtag nicht aufgearbettrt werdet: kann.
— Die „Kreuz-Ztg." schreibt: Das „Frkfir. Ionin." bringt folgende Sensationsnachricht, die ihr alS Prtvatdepelchc auS London zugenangen ist: „Wichtige Dvcumente und Pläne sind auf dem Berliner GeneralstabS-Archiv entwendet worden." Die ganze Nachricht ist unbegründet. N'cht einmal von einem Diebstahl, der etwa da- Privateigenihum eine- Generalstabs Beamten betroffen Härte, weiß man hier etwa-, geschweige, daß eine Entwendung von Akten au- dem Archiv ftattgefunden.
__ Obwohl man aus verschiedenen A zeichen, wie der Nicktveiöffent- lichung der Protokolle, dir Haltung Windlhorsi'S m der letzten Sitzung ter Hamburger Commission (seiner Zustimmung zu dem ReichSzuschuffe und der beswleunigten Herbeiführung eines VoiumS darüber) und dem heutigen Leit- nrtikel der „Germania", der die Regierung vor ter Umgarnurg vom Linken waTnt, — obwohl man also auS diesen Anzeichen darauf schließet, kann, daß daS Centtum die verscherzte Position wieder zu gewinnen und eite Annäherung an die Regierung sucht, so scheint die Regierung, nachideu der „Köln. Z." zugehenden Mitthellungen, dock Kenia flere gt zu sein, den Bund mit dem (Sei trum wieder berzustellen, so lonpe daflelbe Wlndtborst alS seinen starken Führer anerkennt. CS hat nur eines geringfügigen Anloffes bedurft, um die Bede, ken und Ge- fahren klarzulegen, die das Zusomm.ng hen m«t einer Partei nach sich ziehen würde, welche sich der Leitung einet Mannes urnerordnet, dem nach der Be- end.gung d:s CultuikampfeS auch noch andere mit ter Politik des deutschen Reiches unvereinbare Jntereffen am Herzen liegen. Mit dem Ce.trum unter Windthorst wird der Reichskanzler schwerlich pactiren und da eS sehr fraglich ist ob <s der Regierung gelingen wi.d, daS C-ntium ton seinem b -Helgen Führer zu trennen, da vielmehr an den D rsickerungen der „Germania", daß das Centrum fest zusammen und in unverbrüchlicher Treue zu seinem Führer halte, kaum ein berechtigter Zweifel erhoben werden darf, so ist das confer- vativ klerikale Bündniß nach wie vor alS ein überwundener Standpunkt zu betrachten, auf den man unter den jetzigen Bedingungen nicht mehr zurück- kehren dürfte.
Hell erreich.
Wie«, 13. December. Von der $ianbßJtte am Schollenrwg ist felnttlei Veiänderunq zu berichten. Im Laufe des heutigen Vvimülaas find etwa 8 Leichen gefunden worden. Das Vordring.n in's Inner- des Theater« ist noch immer gefährlich. Gin Theil des Paique^s ist eingestürzt. Zahlreiche Entlastungen höherer P°Iiz-ideawt-n weiden alla-rn-m v-rlangr und erwartet, weil wie nunmehr erwiesen, diese Beamten am Tag- des Unglücks ihrer Stellung sich keineswegs gewachsen zeigten und die Rettung der D-runglückien unterließen, wo solche vielleicht rock möglich war. Au-d gegen da« Stadt- bauarnt ist die Erbitterung groß. Die „Deutsche Z-iiung' meld-t, vor vier Wochen h-be eine polizeiliche Untersuchung des Ringtheaters ftattgefunden und der betr Beamte habe den Director Jauner wegen einer Anzahl von Nach. ISsfigkeiten zur Rede g-st'llt. Jauner habe schroff entgegnet, in dieser Ange, leaerbeit sei nicht die Polizei, sondern das Stadrbauamt als zußändrge Be- Hörde anzusehen, und fich geweigert, bevor er vom Stadtbauamt Auftrag erhalten den Weisungen des Polizeibeamlen nachzukommen, Dl- „Wiener Allg. Zt'g." schreibt, der Kaiser habe den Grzherzoz Karl Ludwig Beauftragt,
Telegraphische Depeschen.
Wolff« telegr Eorrespondeu, - »ur--n.
Berlin, 14. Decbr. Di« „Prov.-Gorresp.' bespricht die Stellung der sog. gemäßigt Ltberalen zur großen liberalen Partei und sagt unter Be- zugnahme auf di- sünglle, tut volle Selbstständigkeit der vatwnallcheralen Parier b,tonende Rede Bear iqlen's : ES ist in der Tbat anzunehmen, daß d e Ratronalliberalen an ihre Vergangenheit wie an ihre Zukunft denken, wenn sie es ablehnen, m der blos vern-inenk>en Politik der Fortschrittsparlei aufzu. gehen. Wenn fich eit Nativnallib-ralen nicht ltlbst vtrleugntn vdtr ausg-btn, sondern >hr<r Verg-ngenheit ireubletben uib fich zugleich irgend eine Zukunft sichern wollen, so ist an eine Einigung der großen liberalen Partei weder heute noch spättr zu denken.
— Die Hamburger Eomunsfion genehmigte mit 11 gegen v Stimmen den auf die Sicherung d'S VerkibrS auf der Unter Elbe bezüglichen von dem »inanzminister Bitter bekämpften § 4 des Antrag« HLnel.
— Der „Reichs^Anz." veröffentlicht einen C rcular.Erlaß des Ministers des Innern an" die Piovinzialbehörden vom 18. November 1881, betr. die Sicherung der Theater vor zeu.rtgefahr, worin die Regierungen angewiesen werden, die gleichzeitig veröffenllichten von der Akademie des Bauwesens auf. gestellten allgemeinen Grund,äße bei künftigen TH-ater-Reubguten, sowie auch bei der Revifion der bestehenden Theaierg-bäude und ihrer inneren Ginrich- tunaen zu berücksichtigen.
— Die Hamburger Commifston beendigte fchließlich die erste Berathung der Vorlage; die Ar träge Hänel's wurden zurückgezogen. Die Überschrift deS Gesetzes soll lauten: Gesetz, betreffend bte Ausführung deS Zollan- schluffes u. f. w.
Wien, 14. Decembtr. Der ganze Raum deS Ringtheaters ist heute desü.ficirt worden. Im Porquet und 'm Bühnenraum brannte eS heute wieder ; auch in der vergangenen R^cht brach in der Fr seurstube deS Ringihea- terS der Brand von Neuem aus. Derselbe wurde aber bald gelöscht. Heute find viele Leichenreße, völlig und rheilweise verkohlt, in den Trümmern gefun- den worden. Es find wieder 20 biS 30 Widerrufe von angeblich Vermißten eingegangen. — Die „Presse" meldet, daß auf Befehl des Kaisers morgen m der Schloßkircke in Gödöllö ein R-quiem für die Verunglückten stattfinden wird, welchem der Kaiser, die Kaiserin, der Hofstaat und da- ganze Hofper- foral be wohnen werden. — Bürgermeister Newald ist erkrankt. völlig Humbert und Königin Margarethe übersandten 8000 Frcs. in Gold für die Hinterbliebenen der beim Ringtheater Verunglückten. Von der italienischen Botschaft wurden außerdem noch 4000 Frtt. übe geben. — Der Kronprinz und die Sronpr'nzesfin besuchrcn heute Vormittag den Central-Friedhof und verrichteten ein kurzes Gebet an dem Maffengrabe.
Effen, 14 December. Die „Essener Ztg." veröffentlicht eine Erklä- | xung Friedrich Krupp's, in welcher derselbe das von einer Berliner Zeitung
dem ersten Oberst! ofmeifler, Fürsten Sonftanttn Hohenlohe, daS allerhöchste Mißfallen darüber auszusprechen, daß derselbe am Tage nach dem Brande des Ringtbeaters an den Director Jauner ein Beileidsschreiben gerichtet habe. Der Befehl des Kaiser- sei gestern vollzogen worden. Fürst Hohenlohe ist heute plötzlich abgereist, wie eS heißt, nach seinen schlesischen Gütern. Der Kaiser befahl, den Bau de- neuen DurgtbeaterS zu beschleunigen. Im Polizei- Hause find iämmtliche bi- jetzt im Ringtheater gefundenen Gegenstände, welche nicht ldent'fic'rten Leichen gehören zur Schau au-gestellt.
Amerika.
Washington, 13. Decbr. Wenn etwa- geeignet war, die öffentllche Meinung über den Charakter und den gesunden Verstand deS Präsidenten. Mörders Guiteau aufzuklären, fo war e- da- Verhör am 10. ds. Es wurde in demselben u. A. der Ldvocat D- M'Lean Ehaw von New Aoik vernommen, welcher Gmteau früher einmal ein Bureau vermiethete. Al- der Zeuge ein- trat, äußene Guiteau: „Ich habe Sh^w seit 1874 nicht gesehen; er ist ein guter Kerl." Seine Ansicht Über den Zeugen änderte sich tndeß sehr schnell, al- sich dieser wie folgt äußerte: „Vom ersten Augenblicke an, wo ich den Angeklagten kannte, hielt ich ihn für einen aufgeblasenen und großsprecherischen Burschen, dem nicht zu trauen sei. Er erzäylte mir eine- Tage-, daß er vor (einem Tode berühmt werden würde.- Hier unterbrach Gulteau den Zeugen: „Das ist nickt wahr, ich habe nie etwa- dergleichen gesagt." Der Zeuge fuhr fort: „Er sagte mir. daß er berühmt werden müsse, wenn nickt auf gutem , so auf bösem Wege." Guiteau wüthend: „DaS ist nicht wahr I" Zeuge: „Ick fragte ihn erstaunt, wie er da- meine, und er entgegnete mir, er würbe einen unserer großen Männer erschießen." Guiteau: „Da- ist ge- logen!" Zeuge: „Er wollte Wilkes Botb, dem Mörder Lincolns, nach- ahmen." Gu.teau: „Das ,st eine freche Lüge!" Zeuge: „Man wird mich dafür hängen, sagte er, aber was thut das, mein Ruhm wird doch auf die Nachwelt übergehen. Ich drehte ihm den Rücken unb brach das Gespräch ab." Guiteau brach nack diesen Worten des Zeugen in förmliche Raserei au« und gofc eine Fluth von Schmähworten auf denselben. DaS widerwärtige Schauspiel dieses Proceffe-, welch.s man bereit- am Schluffe dieser Woche beendet zu seren hoffte, wird gleichwohl noch längere Zeit in Anspruch nehmen.


