Ausgabe 
16.1.1881
 
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Nr. 13. (Sonntag den 16. Januar issi.

Kießener MMger

Anjcizc- imh Amkßlütt fär iicn Krrir Gichen.

Amtlicher Hheil.

Gefundene Gegen ft ander

1 Messingschild mit Aufschrift, 1 Knabenmütze, 1 weißeS Taschentuch, 3 neue Ptncenez, 1 Medaillon, 4 einzelne Handschuhe. Die Gegenstände find auf der Polizeiwache (Weidengaffe 93) aufbewahrt. Gießen, den 15. Januar 1881 Großherzogliche Polizeiverwaltung Gießen.

FreseniuS.

Die Lage Irlands.

Die Verhältntffe in Irland haben neuerdings eine Gestalt angenommen, welche für die nächste Zett völlig anarchische Zustände erwarten läßt. Die Autorität der englischen Regierung ist völlig untergraben. In der Thronrede, mit welcher am 6. d. Mts. das Parlament in London eröffnet worden ist, ist auf den TerrortsmuS htngewiesen, der in Irland faktisch herrscht, und eS ist angekündigt, daß die Regierung außerordentliche Machtvollkommenheiten verlangen werde, um die Ordnung wieder herzustellen, zugleich aber auch Gesetzvorlagen beabsichtige, welche den Beschwerden der Irländer Abhülfe schaffen sollten. Gesetze der letzteren Art sind schon oft angekündigt worden, es find auch wiederholt entsprechende Vorlagen gemacht, aber waren diese schon wenig zweckentsprechend, so war die Form, in der fie die Zustimmung deS Parlamentes sanden, immer noch viel weniger genügend. Alles was die englische Gesetzgebung zum Besten Irlands gethan hat, bis heute, ist jämmer­liches Stückwerk geblieben; selbst die vtelgerühmte Bill vom Jahre 1870, auf welche auch die neueste Thronrede Bezug nimmt, kann von diesem Vorwurfe nicht ausgenommen werden. Es muß immer und immer wiederholt werden, daß die Schuld an den gegenwärtigen Derhältniffen Irlands ganz allein in der englischen Mtßregierung und in der Zurückweisung aller durchgreifenden Reformvorschläge zu suchen ist.

Gegen Ende dcr sechziger Jahre sand in Irland eine ähnliche, wenn auch nicht ganz so gefährliche Bewegung statt, wie gegenwärtig. Damals wurde iön hervorragenden englischen Politikern mit Entschiedenheit auf radi­kale Refmwen hingcdrängt. So veröffentlichte 1868 John Stuart Mill eine Broschüre unter dem Titel:England and Jreland", worin er erklärte, »s gebe keine andere Möglichkeit, Irland gerecht zu werden und die irische Nation, die nur noch an Trennung von England denke, mit der britischen Ration auSzusöhnen, als aus dem Wegeeiner wirklichen Revolution in den öconcmischen und socialen Zuständen Irlands. Der heutige Grundbesitz in Irland sübrte Mill auS sei nicht dcs Ergebmß der Industrie, sondern der Beraubung; im Bewußtsein deS irischen VolkeS lebe aber dcr alte Grund­satz noch fort, daß das Reckt, Land zu besitzen, gleichbedeutend sei mit dem Rechte, eS zu bearbeiten, und dieses Geiühl, das durch den grausamen Miß­brauch, welchen die eingewonderte Aristokratie (Freude und ton sremder Reli­gion, die zu einem groß.n Thcile nicht einmal in Irland leben) von ihren angemaßten Rechten machte, lebendig erhalten und verbittert wurde, sei die Grundursache deririschen Schwierigkeit." Rur die sofortige Besttzlickmachung der Landpächter könne Irland retten und England aus seiner beschämenden 8ace befreien.Wenn wir fortfahren" schloß Mill's SchriftIrland durch Gewalt niederzuhalten, so werden wir nicht nur alle unsere Chargen für Mißverständniffe mit anderen Mächten erschweren, sondern uns auch in einem Zustar de offener Revolution befinden gegen das Gewiff-n Europas und gegen unser eigenes Gewissen; und gleichwohl werden wir am Ende durch die allgemeine Verachtung oder durch siegreiche Gewalt gezwungen werden, Irland aus seinen Banden zu entlassen."

Mit dieser ernsten Warnung hat Mill damals keineswegs allein gestan­den. Im Parlamente traten im Jahre 1868 Lord Ruffel, Maguire, Glad­stone (der gegenwärtige Premierminister) und Andere mit ebenso entschiedenen Forderungen für Irland in die Schranken. Am 12. März 1868 hielt Bright eine der meisterhaftesten und schwungvollsten Reden, die das englische Parla­ment jemals gehön hat. Er sagte unter Anderem, waS die Regierung für Irland gethan und was fie dasür zu thun vorschlage, sei völlig ungenügend und etwa mit den Pillen zu vergleichen, die ein unverschämter englischer Quacksalber vor Zeiten alS Mittel gegen Erdbeben dem Landvolk empfohlen habe; das Ntbeneinanderbestehen von gestiegenem materiellem Wohlstände und vermehrter Unzufriedenheit sei der schlagendste Beweis für die Dringlichkeit radikaler Reformen; es müffe Viele- faul sein in dem Lande, da- fich fort- während im Zustande der Revolution befinde ic.

Trotz solcher eindringlicher Mahnungen ist bis heute für Irland so viel wie nichts geschehen. Wollte die liberale Partei wirklich etwas thun, so wurde fie daran durch die TorieS verhindert. Der Einfluß, den Lord Bea­consfield in dieser Beziehung ausgeübr hat, ist jederzeit em höchst verwerflicher gewesen; Beaconsfield hat stets in letzter Linie an Gewoltmaßregrln gedacht, wenn die irische Frage an ihn herantrat. Aber auch die Liberalen find, wenn sie die Legierungsgewalr in ihren Händen hatten, in ihren Rrsormrorlchlägen für Irland keineswegs so radikal gewesen, wie in ihren Parlamertsreden, wäh­rend sie sich in der Oppofiiion befanden. Gegenwärtig ist Gladstone, der liberale Parteiführer, Premierminister und die Thronrede bei der Eröffnung des Parlaments am 6. d. MtS., für welche er verantwortlich ist, sagt aus­

drücklich : Die Regierung sehe eS als ihre erste Pflicht an, durch außeror­dentliche Maßregeln die Ordnung in Irland herzustellen, aber fie hege auch den Wunsch, die Beschwerden der Irländer verschwinden zu machen. Also die Reformen stellt auch die Regierung erst in hie zweite Reihe. Ob eS ihr unter solchen Umständen gelingen kann, wirklich erfreuliche Zustände in Irland zu schaffen, ist wohl zu bezweifeln. Um John Stuart Mill's Wort nochmal- anzuwenden, möchten wir sagen, daß sich gerade das liberale englische Eabinet bei seiner Haltung der irischen Bewegung gegenüberim Zustande der Revo­lution gegenüber dem Gewiffen Europas und dem eigenen Gewißen" befindet. So wird es nicht bester, Irland kann vielleicht noch länger mit Gewalt nie­dergehalten werden, aber die Folge wird auch die von Mill voraufesehene sein.

Deutschland.

Berlin, 13. Januar. Das Landesöconomie-Collegium hat heute seine S hunger, begonnen. Als Mitglieder werden thätig sein: 16 von den land- wirrhschaftlicken Centralvereinen Gewählte, die zugleich Mitglieder des deut- scheu LandwirtbschaftSraths find, und 7 vom landwirthschaftlichen Minister (Ernannte. Ais Semmifiaiien des Mii istero sollen fungiren: für alle Gegen- fände der Tagesordnung der Secretär des Collegiums, Geh. Regierungsrath Thiel, bei ei» zelnen Gegenständen her Regierungscff.ffor Dr. Burscher und der Obcr Landstillmeister Generalmajor Lüderitz. Ferner ist der Hauptlehrer Lasten aus Hannover zur Theilnahme an den Berathungen des Collegium- zu einem Gegenstände eingeladen werden. Die Wahlperiode des Collegiums läust von 1881 biS zum Jahre 1883.

Berlin, 14. Januar. Dos Eentrum brachte heute den Antrag ein, wonack den maigesetzlichen Strafbestimmungen das Spendeu der Sakramente und das Miffelesen nicht unterliegen soll. Die UnterrichS-Eommisston nahm dcfil itiv in zweiter Lesung den Penflonssatz von 250 für Lrhrerwittwen an. Die wiederholten Vorträge, die Fürst B smarck dem Kaiser gehalten hat, werden dahin gehütet, daß die europäische Action behufs Beilegung des griechischisch-türklschen EonflictS jetzt ihren Höhepunkt erreicht habe.

Au- Berlin wird uns berichtet: Bekanntlich hat das Provinzial- Schul-Collegium der Ernennung deS Dr. Henrici als städtischen Gymnasial­lehrer feine Bestätigung versagt. Man hat bisher angenommen, daß die Stellung Hmrici'S zur antisemitischen Bewegung den Beschluß des genannten Collegium- provocin habe. Wie unS nun mitgetheilt wird, ist dies durchaus nicht an dem, sondern die Nichibestättgung Henrici'S ist einzig und allein aus dem Grunde erfolgt, weil dieser jpeir, wie . uch unter seinen (EcHegen allge­mein bekannt, notorisch geistesgestört ist. Unser Correspondent fügt die Mitthetlung hinzu, daß er in der Lage sei, die volle Bürgschaft für dieselbe zu übernehmen.

tngtanb.

London, 13. Januar. Die geheime Polizei theilte dem radikalen Abg. Bradlaugh vor einigen Tagen mit, fie befinde fich tm Befitze einer be- schwor.nen AuSsage, daß ein Complot zu seiner Ermordung bestehe. Der In­formant habe die Unterredung zweier Männer überhört, welche fich verabredet hatten, Mr. Bradlaugh Nachts auf seinem Weg- nach Hause vom Parla- mentsgebäude zu überfallen. Bradlaugh bankte auf's Verbindlichste für ben ihm angebotknen Schutz und bemerkte dabei, daß eventuellen Fall- die Fremden wohl fher in die Lage kommen könnten, des Schutzes zu bedürfen. AuS Irland wird gemeldet: Der Postwagen, ter Briefe und Reisende zwischen Limerick, Tarbot utb Listowel, tn der Grafschaft Kerry, befördert, wurde am Dienstag Abend von einer Schaar bewaffneter Männer überfallen. Die Briefe wurden vernichtet und der Wagen zertrümmert. Der Post llon ritt zur näch­sten Station und berichtete die Ausschreitung. In dem Zeitraum vom 1. Januar 1844 bis Ende December 1880 wurden 192 782 Ausschreitungen zur Kenntniß der irischen Polizei gebracht. Von dieser Anzahl waren nur 19 224 rein agrarischer Natur. Unter der Eskorte von 100 Polizisten erschien gestern ein Gerichtsvollzieher m Dallinamuck. Grafschaft Longford, um einigen Pächtern des Lord Granards Exmissions-Mandate zu behändigen, lieber 300 mit Sensen und K, ütteln bewaffnete Bauern umringten die Häuser der gemaßregelten Pächter und verwehrten dem Gerichtsvollz'eher den Zutritt. Die Polizisten zogen fich zurück, um Blutvergießen zu vermeiden, aber die Be­hörden beabsichtigen, eine größere Pol^eimacht nach dem Orte zu entsenden, um die Behändigung der Exmisfions-Manvate durchzuführen. In Dublin hat sich ein Verein zum Schutze des Eigenthums gebildet.