Ausgabe 
13.1.1881
 
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Nr. IO. Donnerstag den 13. Zanuar 1SS1

Kießener HtMger

Aiiffigk- null Amtsblatt für kn Kreis Gießen.

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Amtlicher HHeit.

Betreffend: Die regelmäßigen Ergänzungswahlen des Gemeinderathes. Gießen, am 11. Januar 1881.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Großherzoglichen Bürgermeistereien, des Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche die Protokolle über die Verpflichtung der neu gewählten Gemelnderäthe noch nicht an uns eingesandt haben, wollen binnen 3 Tagen Vorlage machen.

__Dr. Boekmann.

Betreffend: Maßregeln zur Unterdrückung des Milzbrandes tn der Wetterau. Gießen, am 11. Januar 1881.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Großherzoglicken Bürgermeistereien Allendorf a. d. Lahn, Bellersheim, Bettenhausen, Birklar, Dorf-Gill, Oberstadt, Grosten-Linden, Grüningen, Golzheim, Hungen, Inheiden, Klein-Linden, Langd, Lang-GönS, LangSdorf, Leihgestern, Lich, Muschenheim, Obbornhofen, Ober-Hörgern, Rabertshausen, Nodheim, Lteinheim und Utphe.

Sie wollen die tn unserem Ausschreiben vom 23. Slugust v. I., Anzeiger Nr. 201, vorgeschrtebene Tabelle binnen 8 Tagen vorlegen.

_____________________________________________Dr. Boekmann.________________________________

Gletz en, am 12. Januar 18öl.

Betreffend: Das Landgestüt, insbesondere die Bedeckung der Stuten durch die Landgestütsbeschäler in 1881.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Großherzoglichen Bürgermeistereien deS Kreises.

Wir erinnern Diejenigen von Ihnen, welche noch im Rückstände sind, an Erledigung der Verfügung vom 13. December 1880 (Anzeiger Nr. 293). Dr. Boekmann.

Die Krifis und die Arbeiterverhältniffe.

Während in fast allen anderen Industriestaaten die Krisis als überwun- den gilt, ja stellenweise, z. B. in Nordamerika, das gewerbliche Leben sich wieder einem CulminationSpunkie zu nähern scheint, ist in Deutschland von einer Dosierung der wirihschastlichen Lage nur wenig zu verspüren, unb es gehört schon eine fcharse BeobachtungSsähigkeit dazu, um hier nur die Tendenz au emer wieveraufstetg<nden Bewegung an Thatsucben constatiren zu können. Die Gründe dasür, daß eS dem deuischen Wirthschasttkörper schwerer wird, sich zu erholen, sind einerseits tn dem Umstande zu suchen, daß der Milliar­denrausch eire irdnstrielle Unternehmungslust bervorgerusen batte, die für Deutschland am wen gsten berechtigt war, daS auf fremden Wirthschafisgebieten nicht genügend umfangreichen und sicheren Boden für den Absatz seiner Jndu- strieproducte gewornen hatte und eigene überseeische Wirthschaflsgebiete, auf deren sichere und zunehmende Kundschaft zu rechnen wäre, nicht besitzt. Hauptsächlich angewiesen auf den Markt des eigenen Landes, kann do- enorme in Industrie-Unternehmungen angelegte Capital so mchl in ausreichen­dem Maße fluctuiren, um so weniger, da andererseits tn Felge der der Grün- dungS'Aera enhostenden Cursspeculativn etne grcße Menge kleiner Vermögen vernichtet worden find, dte ihre Besitzer hätten befähigen können, die Periode deS wirihschastlichen Niedergangs ohne auffallende Embehrungen zu überwinden, da ferner der industrielle Umschwung der letzten Decennten den auf den Hand- werkkbetrieb und den Kleinhandel gegründeten leidlich situirten bürgerlichen Mittelstand größtenthetls aufgezehrt Hot, und weil endlich die auf den täg­lichen Erwerb angewiesene Arbeitermoffe durch Arbeitslosigkeit und niedrige Löhne tn der Kaussähtgkeit auf ein Geringstes heruntergrdrückl worden ist. Es ist eine durchaus natürliche und richtige Reaction dieser Verhältniffe, daß die Forderung, der deutschen Industrie Absatzgebiete außerhalb der jetzigen naito- nalen Grenzen zu eröffnen und zu erwerben, eine starke wtrthschasts-politische Strömung hervorgerusen hat. Wenn nur die Wege, die man zu wählen geneigt Ist, dieser Forderung zu genügen, die rechten wären! Indem man so tn Deutschland zunächst auf daS eigene Wirtschaftsgebiet angewiesen ist, fällt der Niedergang der ConsumtionSfähigkett desselben doppelt in'S Gewicht und entstehen Vcrhältniffe, aus denen nur sehr schwer und allmältg herauszukommen ist. Die Industrie ist von der ConsumtionSfähigkeit der Mafien des eigenen Volkes abhängig und diese wieder von der Lage der Industrie!

Von welchem gewichtigen Einfluß auf Handel und Wandel die Ver­armung der Mafien ist, das illustrirt lebhaft das Derhältniß der dürftigen Volksklaffen zu den wohlhabenden und reichen. In Preußen hatten 1876 etwa 94 pCt. der selbstständig erwerbenden Personen ein Einkommen unter 1600 jl, und in Sachsen ergab daS Resultct der Einkommensteuer im Jahre 1879, daß dort 92 pCt. jährlich unter 1600 erwerben und 52 pCt. sogar unter 500 jl Während in England die Summe der Einkommen unter 100 Psd. Sterl. (2000 .X) der der Einkommen darüber säst gleich ist, ver­hält sie sich in Preußen wie 1 zu 3, und während dort die Zahl der erwer­benden Personen mit einem Einkommen unter 1600 JL zu der, welche mehr haben, dem Verhältniß von etwa 10 zu 1 entspricht, stellt sich dieses Verbält- viß in Preußen wie etwa 16 zu 1 dar. Es ist ein bekanntes und fast selbst­verständliches Gesetz, das von Dr. Engel ausgestellt worden ist, daß, je ärmer durchschnittlich eine Familie ist, um so mebr Procente der Gesammtausgaben sie auf Nahrung verwenden muffe, und umgekehrt, je wohlhabender sie ist, um so weniger. Diese- sog. EngeUfche Consumtiorsgesetz läßt sich auf den ®rlb»

verbrauch für den Wohnzweck anwenden. Haben doch Statistiker, wie Haffe in Leipzig, Nrßmann in Hamburg u. A. nachgewiesen, daß die ärmsten Volk-- klnfirn 30 und mehr Proceme ihres Einkommens in den großen Städten für Wdhuungsmiethe verausgaben muffen, während die höheren Steuerkloffen mit Einkünften von etwa 60,000 Jt. jährlich zwischen 1 und 2 pCt. dafür ver­brauchen. Bezüglich des Nahrungöaufwandes ist von verschiedenen Statistikern festgestellt worden, daß von den Arbeitern der verschiedenen Länder durch- schniitlich 60 bis 66 pCt. des Einkommens dasür verbraucht werden. ES erh'llt hieraus, wie wenig bei so niedrigen Einkommens-Verhältnissen sür die Besriedigung anderer Bedürfnifie übrig bleibt, al- tie der rohesten Ernährung. Dir schlesische Fabr.kmspector, Gewerberath Fries, hat da- Hausbudget sür 235 schlesische Aibeiterfamilien festgestellt, die Einkommen zwischen 459 und 1370 JL besaßen, und er hat gesunden, daß dte Ausgabe sür die Nahrung bei den niedrigsten Einkommen 605, bei den mittleren über 615, deS Ein­kommens cbsorbirte. Diesen fchembarrn Widerspruch zum EngellLen Con- sumtionkpesetz ei klärt Fries mit Recht daraus, daß dte Ausgaben für Wohnung, Heizung und Beleuchiung so hoch sind, daß sie die ärmsten Klaffen zwingen, die Ernährung sauSgaben unter das nöthige normale Maß herunterzudrücken. Demnach gerügt selbst in der Provinz Schlesien (denn Fries hat grundsätzlich aus seinen Untersuchungen dte abnormale Verhältniffe zeigenden größeren Städte ausgeschlofien) ein Einkommen von 500 Jt. noch nicht, um rur die niedrigsten natürlichen Ansprüche zu befriedigen und erst bei ungefähr 1300,* scheint etne bescheidene gesunde Nohrungsversorgung einer Famtlte einzutreten. Und Schlesien gehört zu den Provinzen Preußens, in denen die Lebensmittel- preise am niedrigsten stehen 1 Nun bedenke man, daß 50 pCt. der gesammten Bevölkerung unter 500 JC. Einkommen haben, also nicht genug, um zurei­chende Nahrung neben Wohnung, Heizung urd Beleuchtung zu beschaffen, und weitere 40 pCt. nur eben so viel, um dies zu vermögen, und man wird be­greifen, daß ein industrieller Aufschwung, der sich aus den einheimischen beut* scheu Verbrauch gründen soll, schwer denkbar ist. Seitdem Fries seine Zahlen ausgestellt hat (1875), find die Verhältniffe schlimmer geworden, indem durch die Zölle dte Lebensmittelpreise gesteigert wurden. Eine Befierung wäre nur denkbar, wenn durch eine Einwirkung tm Sinne der Erniedrigung der Preise der notbwendige Aulwand sür die Eenährung geringer geworden wäre und mehr Mittel zur Vefrirdigung anderer Bedürfnifie dadurch übrig gemacht würden. Anstatt deffen hat fich die Gesetzgebung in Deutschland für eine Preissteigerung der Lebensmittel bethätigt.

Noch an anderen Zahlen läßt fich Nachweisen, wie gerade tn Deutsch­land eine Hebung der wirthschaftlichen Lage aus Rücksicht auf die schlechten EinkcmmenSverhältnlffe im Vergleich zu den Lebensmittelpreisen schwerer mög- lich ist, als in anderen Ländern. Bei uns find nämlich die Löhne durchschnitt­lich niedriger, alS in Frankreich, England und Nordamerika, während die Lebensmittelpreise mit wenigen Ausnahmen in jenen Ländern billiger find, al- tn Deutschland. Nach Tabellen, die fich u. A. im letzten Hefte pro 1880 von H rth'sAnnalen des deutschen Reichs" aufgeführt finden, lagen die durch­schnittlichen Wochenlöhne der Arbeirer der verschiedensten Branchen im Jahre 1878 in Frankreich zwischen 16 (Maurer) und 28 «X (Böttcher), in England zwischen 20 (Tagelöhner) resp. 26 (Bäcker) und 33 (Zimmerleute), in Nkw-Dmk zwischen 30 (Bäck r) und 100 «X (Graveure), in Chicago zwischen 2236 (Tagelöhner) resp. 2442 (Maurer) und 60100 «X (Hufschmiede), in Deutschland dagegen zwischen 11,67 «X (Tagelöhner) resp. 12,50 je. (Schuhmacher) und 18,83 «x (Drucker). Die Preise für Brot und Mehl