Ausgabe 
12.6.1881 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

dtr. 138 Erft-S Blatt. Sonntag den 12. Juni 1881.

Kichener Änreiffer

Anzeige- nnii Amtsblatt für den Kreis Gießen.

ewweut «chxlst,«». B. 18. «rfchkint täglich mit «u«n<chin- bei Montag».rri* -i-rt^jährlich - Hart 20 Vf mit Vringerlobn.

Durch bw Poft br-ogen vierteljährlich 8 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheil.

Bekanntmachung.

Samstag den IS. Juni I. I., Vormittag- 10 Uhr, findet In dem Regierung-gebäude zu Gießen die diesjährige regelmäßige öffentliche Sitzung de» Kreistag» des Kreise» Gießen statt.

Tagesordnung: 1) Prüfung der Wahlen zum Kreistage.

2) Wahl der Mitglieder der EtnschätzungS-Lommisfionen für die Einkommensteuerpflichtigen L Abtheilung.

3) Wahl der Mitglieder der Ersatz-Commisfion.

4) Wahl von Sachverständigen zur Vornahme der Abschätzungen auf Grund des KriezSleistungSgesetzeS vom 13. Juni 1873.

5) Wahl von 4 Provinzialtagsmitgliedern.

6) Wahl von 3 KretsauSschußmügliedern.

7) Prüfung der Rechnung für 1880.

8) Erstattung deS Verwaltungsberichtes für 1880.

9) Aufstellung deS Voranschlag- der Kreiskafle für 1882/83.

Gießen, am 10. Juni 1881. Der Vorsitzende deS Kreistags.

________________Dr. Boekmann.

B c Fan ntmach u n g.

Wegen Herstellung einer B ücke ist die Strecke der LudwigS'Straße von der Göthe« big zur AUcenstraße bis aus Weitere- sür Fuhrwerke und Retter gesperrt. Zuwiderhandlungen werden nach § 366, pos. 10 deS Reichsstrafgesetzes bestraft.

Gießen, den 11. Juni 1881. Großherzogliche PoUzeiverwaltung Gießen.

_______Fresenius.

Gefundene Gegen ft aude:

1 goldener Uhrschlüffel, 1 Medaillon, 1 HalSkeite, 1 Streichhölzerbüchse, 1 Täschchen mit Difitenkarten, 1 Taschentuch, 1 Broche, 1 Taschenmesser, 1 Pincenez, 1 Uhrkette, mehrere Schlüffel.

Gießen, den 11. Juni 1881 Großherzogliche Poltzeiverwaltung Gießen.

Frrseniu -.

Die Eivilehe- Gesetzgebung.

Gestützt cuf angebliche Urbeistände des Eivtlehe-GesetzeS und auf eine Anzahl von Petitionen von Leuten, welche von selbst oder auf Mansch einzel­ner Geistlicher oder frommer Ouisberren Gegner der bürgerlichen Ehe find, streben Klerikale urd Eouseroattce danach, statt der obligatorischen die fakul« taitve Eivilehe einzuführen. Dieses Bestreben ist nur rin Ring in der Keite rückschrittlicher Pläie, welche, weil die Reaktion eine allgemeine ist, naür lich auch das kirchliche Gebiet be«r<ffen. In Wahrheit bat die vielgeschn ävte Eivilehe Niemandem etwas zu Leide grtban, kein Gcw ffen b drückt; fie hat einfach Ordnung in der Sphäre deS Ehelechts geschaffen; sie hat die bür­gerliche Freiheit gewehrt, indem sie die geistlichen Ehehinderniffe beseitigte und ist schon darum rin sittliche- Institut; endl.ch aber hat fie das kirchliche Leben durchaus nickt gesckädigt, denn die Zahl der kirchlichen Trauungen nach dem bürgerlichen Eheschluß ist in starker Zunahme begriffen.

Da- Ehegesetz wurde 1875 mit 207 ge^en 72 Stimmen angenommen; e- gehört zurgalt'fd)tn Gesetzgebung.- Seine Tendenz zielte bekanntl ch darauf hin, die bürgerliche Gesellschaft, nicht nur am Hochzeitstage, sondern auch berm Eintritte m diese Welt und beim Abschiede von ihr von pn.ster- licher Eontrole zu brsreien; denn neben der Brstimmung, daß em Ewilcon- tract zur Absckließung einer gesetzlichen Ehe unerläßlich rst, und daß Männer von 24 und Mädchen von 23 Jahren, vom Eintritt der Volljährig- kerl an, ohne Einwilligung der Eltern helrarhen dürfen, enthält e- die Ver­fügung, daß die Taufe dem Willen der Eltern überlasten bleibt und daß keinem Menschen ein ehrliche- Begräbniß verweigert werden darf. Das Gesetz war nöthig in der Zeit, in welcher Rom seinen Einfluß aus alle Weise geltend zu machen suchte; in Bezug auf bie Ebe jagt eS:Du mußt vor Allem die Einwilligu» g und die Sacramente der Kirche haben, oder deine Ehe ist nickt bester al- ein Concubinal"; mit Rücksicht auf die Taufe lehrt es: Die Taufe ist zur Erlösung notbwei dig, und alle getauften Menschen gehören dem Papste in einer oder der andern Weise"; m Betreff des Begräbnisses erklärt Rom endlich:Niemand, der außerhalb der Kirche steht, hat ein Recht auf ein ehrliche- Begräbmß." Aehvlicker Ansicht find die Orthodoxe. aller Religionen, und darum treten sie als Seelenverwandte Roms gegen die Eivilehe auf.

Die Eommisfion des Reichstages beantragt, über die Maffen-Petitionen gegen die Eivilehe zur Tagesordnung überzugehrn; der Correierent (Staudy, Polizeipräsident von Posen), ein Anhänger der fakultativen Eivilehe wünscht die Ueberweisung der Petttionrn an die Regierungzur Abhülse." Sicben Mitgl eber des Centrums stimmen für den Correferenten. UcbrigenS stammen die meisten Petittoren aus den pietistischen protestantischen Gegenden; der Katholicismus, obwohl Gegner der Eivilehe, verschwendet nicht gern seine Kraft aus eine zwecklose Agitation. Der fromme und hochkirchliche Ansturm gegen ein weises und nützliches Gesetz hat keinerlei Aussicht auf Eifolg.

Deutschland.

Berlin, 9. Juni. In Folge der in zweiter Lesung vom Reichstag gefaßten Beschlüffe zur Börsensteuer hat die Handelskammer zu Leipzig den

Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft gegenüber, von denen die Initiative zu den an den Rrichstog gesandten Petitionen au-gegangen war, den Wunsch au-gesprochen, eine DelegirtemEonferenz der Handelskammern etnzuberufen, um weitere Schritte in dieser Angelegenheit zu berathen.

Araukreich.

Pari», 9. Juni. Senat. Berakhung deS von Bardoux beantragten, von der Dtputirtenkammer genehmigten Gesetzentwurfs, bett, die Listenwahl. Millaud und Dauphin befürworten die Listenwahl, Jouin und Waddington sprechen sich gegen dieselbe aus. DaS Mlnistecium enthielt sich jeder Mei­nungsäußerung. Der Senat beschloß in geheimer Abstimmung mit 148 gegen 114 Summen, aus-die Etnzelberathung der Artikel de- Gesetzentwurfs nicht einzugehen.

In der Kammer brachte der Krieg-minister eine Supplementär - Credtt- sorderung von 14 Millionen für die Expedition nach Tunis eic.

England.

London, 9. Juni. Unter dem 19. Mai hat Dr. LaSker an den inter- nationalen Schiedsgericht-« und Friedenkverein ein Schreiben gerichtet, in welchem er seine Mitwirkung an den Bestrebungen diese- Vereins zusagt, wenngleich rr zu bedenken gibt, daß das erhabene Ziel, welches der Verein verfolge, die Mitarbeiter nickt blind machen dürfe gegen die großen thatsäch- lichen Sck ier gkeiten ihrer Ausgabe. Er führt auS, daß Steeitigkeiten zwi­schen Völkern so unvermeidlich seien wie zwischen Personen, und daß die Selbstdüife auch in dem.kerrechiSleben durch strenge RechtSanschauungen verd>ä'gt werde, wie fie in dem staatlichen Rechtsleben verdrängt wurde. Ferner hofft er, daß die festere Innere Gestaltung der einzelnen Staaten die U. sacken zu Kriegen vermindern werde.

erirgraphischr Kepeschen.

Wolff'» telegr. (T*rrefpOÄ>rM|»eett<u<.

Berlin, 10. Juni. Der Reichstag lehnte nach dreistündiger Berathung in nan entlicher Abstimmung mit 153 gegen 102 Stimmen die für den deutschen VolkSwirthschaftsrath gefor- beite Eratspost ab. Dafür stimmten beide conseroative Patteien ge« schloffen, dagegen die Natiovalliberalen, Sccesfionisten, Fortschritt und Polen ebenfalls geschloffen, das Cenirum stimmte getheilt. Der Reichstag genehmigte sodann den Gesktzrnt. urf, bett. Abändetung des Zolltarif- für bedruckte und unbedruckre Zeugwaaren, in zweiter Lesung unverändert. Morgen Fottsetzung der Bera'hung des UafallverfichrrungS Gesetzes.

Pari», 10. Juni. Nach derAgence HavaS" entbehren die Gerüchte, wonach meorere der Minister in Folge deS gestrigen SenatSbeschluffes demisfio- niren würden, der Bestätigung. DieFrance" und mehrere andere Journale sind der Meinung, daß in der Frage der Listenwahl, die das Land in keiner Weise leidenschaftlich errege, eine reißend schnelle Beruhigung eintreten werde.

Paris, 10. Juni. Die Morgenzeitungen besprechen den gestrigen Be­schluß deS Senates, betr. den Gesetzentwurf über die Listenwahl. DieRe- publique francaise" räumt die Niederlage, welche ihre Partei erlitten habe, ein,