— Nach der Wiedereröffnung der gestrigen Sitzung fand das Zeugenverhor statt, mit dem die gerichtliche Untersuchung Aoends 6 Uhr geschlossen wurde. — Die heutige Sitzung welche um 10 Uhr begann, ist den Reden bcd öffentlichen Anklägers und der Vertheidiger gewidmet- — Der „Regierungsbote" veröffentlicht den stenographischen Bericht über die Sitzung des Gerichtshofs vom 7. ds M- Nach demselben erkannte Ryssakoff seine Mitschuld an dem Verbrechen vom 13- März an, leugnete aber seine Angehörigkeit zu der Partei der „Narodnaja Wolja", zu deren Mitgliedern nur Leute mit einer gewissen revolutionären Vergangenheit gehörten, welche er nicht besitze. Der Angeklagte Michailoff nannte sich Mitglied der russischen socialrevolutionären Partei, erklärte jedoch, daß er nicht der terroristischen Fraction derselben angehöre. Kibaltitsch sagte aus, er habe den Zwecken dieser Partei nur durch seine techn.schen Kenntnisse und seine wissenschaftlichen Rathschläge gedient. Ktbalt'tsch wies auf die Ursachen hm, welche die Socialisten zum terroristischen Auftreten getrieben hätten und bezeichnete als solche die Verfolgung friedlicher Propagandisten im Volke seitens der Regierung. Alle von der Partei angewandten Sprengmaterialien seien von ihm gemeinschaftlich nut anderen Personen verfertigt worden. Die Perowskaja erkannte an, daß sie ein Mitglied der Partei der „Narodnaja Wolja" und Agent des revolutionären Executivcomites gewesen sei und hob hervor, daß die Hesse Helfmann eine rein passive Rolle gespielt habe. Jeliaboff gab Andeutungen hinsichtlich der Organisation der revolutionären Partei und gab seine Betheiligung an der terroristischen Thätigkeit m Alexandrowsk iU, wo ein Attentat auf den Kaiser geplant war, sowie an dem Attentate vom 13. März. WaS das letztere angehe, so habe er als Organisator des ganzen Planes fungirt, an den Minenarbeiten in der kleinen Gartenstraße sich aber auch als Erdarbeiter bethet^^EerSburg, 9. April. Das „Journal de St. PstersbvlNß" weist auf die Frechheit hin, mit welcher sich die in dem Proceffe gegen Ryffakoff und Genoffen vor Gericht stehettden Angeklagten benehmen. Diese Frechheit beweise, daß man es mit Leuten zu thun habe, welche sich als offene Feinde der Gesellschaft erklärt haben und zur Zerstörung der Organisation der Gesellschaft alle Mittel anzuwenden sich erlauben. Das genannte Journal meint, dies könne der Gesellschaft zeigen, was sie zu erwarten haben würde, falls sie demgegenüber abermals lässig sein würde.
— Großfürst Nikolaus ist heute nach dem Auslande abzereist.
Türkei.
Konstantinopel, 9. April. Aus Chios wird gemeldet, daß in Folge der Verwesung der unter den Trümmern der Stadt begrabenen Leichen die Fortschaffung derselben unmöglich ist. Midhat Pascha hat, um eine Epidemie zu verhüten, beschlossen, die stehen gebliebenen Mauerreste niederzureißen und eine durchgreifende Desinfektion vornehmen zu laffen. Die Zahl der durch daS Erdbeben getödteten oder verwundeten Personen soll sich auf 16,000 belaufen. __________________________________________________________
Telegraphische Depeschen.
Wolff'« telegr. @errefpDttleni*<lDttflu
München, 10. April. Die für heute Nachmittag anberaumte 93er» sammlung behufs Abhaltung eines Vortrags des Reichstags-Abgeordneten Bebel ist auf Grund des Socialtstengesetzes polizeilich verboten worden.
Petersburg, 10. April. Die „Agence Ruffe" erklärt die Nachricht von einer für den Mai in Aussicht genommenen neuen Drei-Kaiser»Zusammen» kunft für unbegründet. — Die „Agence Ruffe" hebt hervor, daß das Publikum sein Befremden ausdrücke über die außerordentliche Nachsicht des Gerichtshofes gegen die Verbrecher, welche die Oeffentlichkeit der Verhandlungen dazu benutzten, um sich ihrer Verbrechen zu rühmen und Propaganda für chre sub- versiven Theorien zu machen. Daffelbe Blatt schreibt, Dank der maßvollen Haltung deS kaiserlichen Cabinets, welches im Vertrauen auf die allgemeine Solidarität davon abgesehen habe, eine Initiative zu ergreifen, welche falsch gedeutet werden könnte, mache sich überall eine Bewegung zur wirksameren Unterdrückung der soctalistischen Comploie geltend. — Wie das „Journal de St. Pdtersbourg" meldet, hat die russische Regierung sofort nach Empfang der officiellen Mittheilung von der Proklamirung Rumäniens zum Königreich daS neue Küntgretcb anerkannt.
Konstantinopel, 10. April. Ein Engländer, Namens Suter, Beamter der Bergbau-Gesellschaft „Kaffandra" ist bei Salonichi mit seiner Frau von Räubern entführt worden. Die Frau wurde fretgelaffen. für Suter verlangen die Räuber ein Lösegeld von 15,000 Pfd. Sterl. Der englische Bot- schaster, Göschen, hat bet der Pforte in dieser Angelegenheit Schritte gethan. Der russische Botschafter, v. Novtkoff, hat sein neues Beglaubigungsschreiben überreicht.
Petersburg, 10. April. Proceß gegen Ryffakoff und Genossen. In der gestrigen Sitzung des Gericht Hofes verlas der Staatsanwalt seine Anklagerede, in welcher er bic revolutionären Lehren unb Verbrechen lebhaft schilberte unb für alle Angeklagte gleiche Strenge verlangte. Der Staatsanwalt schloß mit bem Hinweis auf bic unerschütterte Treue bes Volkes zum Throne unb auf bte vollständ'ge Eifolg- losigkeit ber Bestrebungen der Terroristen in bieser Hinsicht. Die Angeklagten hörten die Rebe mit voller Ruhe an; Jeliaboff und Kibaltitsch machten während der Verlesung einige schriftliche Notizen. Nach Verlesung der Anklag.acte trat eine l1 zfiünbige Pause em. Abenbs 7 Uhr würbe die Sitzung roicber eröffnet. Zunächst hielten bic Vertheibiger ber Angeklagten ihre Vertheibigungsreden. Gegen 9 Uhr Abenbs begann der Angeklagte Jeliaboff seine Vertheidigungsrebe, bei welcher er mehrere Male vom Präsibenten bes Gerichtshofs unterbrochen würbe. Sobann wurde sämmllichen Ange
klagten gewährt, ein letztes Wort zu ihrer Vertheibigung zu sagen. Hierauf zog sich ber Gerichtshof zurück zur Aufstellung der Fragen. Nachts 12'/r Uhr verlas der Gerichtshof die von ihm aufgestellten 23 Fragen, betreffend die Schuld der Angeklagten, und entfernte sich darauf abermals zur Berathung des Urtheilsspruches. Nach dreistündiger Berathung wurde um 6 Uhr 20 Minuten Morgens das Unheil verkündet. Dasselbe lautet gegen sämmtliche Angeklagte auf Tod durch den Strang. Der Urtheilsspruch wird bezüglich ber Perowskaya, ba biefelbe adelig ist, ber Allerhöchsten Entscheidung unterbreitet.
Lokales.
Gießen, 11- Apiil. Heute Morgen fiel eine Frau von der Treppe der Großherzogl. Bürgermeisterei jo unglücklich, daß dieselbe in die Klinik verbracht werben mußte.
Vermischtes.
Kassel, 5. April. Wie die „K. Z." hört, ist das neue Justi;palai8 gestern von einem bedauernswerthen Unfall heimgesucht worden. Wahrscheinlich in Folge des Umstandes, daß das Hauptzulettungsrohr nicht zugrstellt worden war, das Wasser aber durch die Nedenrohre keinen Abfluß fcatte, ist eines der letzteren in Folge des übermächtigen Waffervrucks geplatzt, so baß sich daß Wasser in großer Wege auS demselben ergoß und großen Schaden tm Gebäude anrtchtete. Namentlich soll die Decke des Sitzungssaales für das Oberlandesgericht schwer be schädigt und zum Theil beruntergefallen sein.
— In Pompeji wurden in den letzten Wochen wieder werrhvolle Funde gemacht. Man fand ein Häuschen mit einem reizend ausgeschmückten Zimmer. Die Wandgemälde haben eine seltene Frische der Farben und zugleich eine ungewöhnliche Vollendung ber Ausführung. Dieselben zeigen Gruppen lebensgroßer Brustbilder; jede Gruppe enthält zwei dieser Brustbilder neben einander, stets verschiedene Figuren, einander anblickenv, litblojtnb oder in sonstiger Be ziehung zu einander dargestellt. Auch eine Springbrunnen Nische grub man aus, die mit ihrem Postament etwa 2‘/2 Meter hoch ist. Die Basis der Nische bildet einen Halbkreis; die innere Wandung ist mit trefflich gezeichneter farbiger Mosaik bekleidet, unter beten Farben bas Grün vorherrscht. Unterbrochen wirb die MosaffBetlcidung durch Verzierungen, welche auS kleinen, weißen See-Conchylien bestehen, unb zwar theils aus flachen, ^streiften Muschelschalen, theilS aus gewundenen, zackentragenben Tritonshörncrn In bet Mitte ber Niiche stand eine Bronze- Statuette von jchöner Arbeit, welche man, um sie vor Beschädigungen zu schützen, in bas hiesige Museum gebracht hat. Die Ausgrabungen werden ununterbrochen fortgesetzt. Die Schutthaufen von Asche und Bimsstein wurden immer größer unb immer kleiner wird bas Erdreich, auf bem der Pflug des Ackermannes bisweilen noch auf unterirdische Mauern oder auf Marmor- werke stößt. Fast die Hälfte biciet begrabenen Stabt ist jetzt blosaelegt.
— sEs lebe ble Freiheil!j Nieber mit bU’ ganze i' tsepitüs! -- so rief am Montag Vormittag ein im vorgerückten Lebensalter stchendcr Mann, ber, mit einer rothen Schärpe umgürtet, auf bem Alexanderplatz in Berlin einherstoizirte. Selbstvcrstänblich hatte er sehr baib bas übliche Ehrengefolge um sich versammelt, aber auch einige Schutzleute tauchten auf, welche den freiheitsfreunblichen Biedermann zur nächsten Polizeiwache brachten, von wo et sodann im bekannten grünen Wagen nach dem Molkenmarkt geschafft wurde. Dort wurde in dem Arre tuten der 53 Jahre alte frühere Bäckermeister August Leonhardt aus Eharlottenburg erkannt, der, neben mehrfachen Strafen wegen Diebstahls, MajestätSbeletbigung, Thierquäleret u. s. w., bereits nicht weniger als fünfzig Mal wegen Unfugs strafrechtlich verurtheilt worden ist. Die letzte derartige Strafe hat er erst am 24. Februar d. I. verbüßt. Am Dienstag wurde Leonhardt dem Etnzelrichter vorgeführt, um sich zum 51. Male wegen UnfugS zu verantworten. Der Amtsanwalt beantragt sechs Wochen Gefängniß. Richter: Angeklagter, haben Sie noch etwas anzuführen? — Angeklagter: Na ob, uff'n Geburtstag giebt's keinen Unfug. — Richter- Sie geben doch zu, mit einer rothen Schärpe über den Alexanderplatz gelaufen zu sein u t der Freiheit ein Hoch, den Misepeters ein Pereat gebracht zu baden. — Angeklagter: Del stimmt, aber mein Junge hatte Geburtstag, da war ick niederträchtig angekohlt. Es war so n Flimmerladen «Destillation), wo se mit ausgeputzt hatten. Nicktet: Das ist doch gtobet Unfug unb es bürste gegen den Antrag bes Amtsanwaltes wohl nichts einzuwenben sein, zumal bei Abmessung ber Strafe auf Ihre zahlreichen Vorstrafen wegen Unfugs Rücksicht genommen werben muß. — Angeklagter: Ick habe noch nie ntch Unfug getrieben. — Der Richter konstatirt nun aus ben Akten die betreffenben 50 Vorstrafen. Dreimal hat Leonhardt sich „zum Spaß* am Treppengeländer aufgehängt unb mit seinen Lebensrettern zum Dank dafür, baß sie ihn „abgeschnitten", Prügeleien entrht. Auf einem Droickkenhalteplatz hat er von vier Droschken je ein Hinterrad abgeschraubt, so daß die Wagen nach der Abfahrt zum Fall kommen mußten Ein andermal hatte er einen Laternenanzünder von der Leiter hcrabgezogen, diese selbst bestiegen unb seinen erhabene:-. Stanbpunkt so lange behauptet, bis ihn ein Schutzmann m f G-walt herunterbrachtc. Nachdem ihm der Richter diese und nock viele andere Geniestreiche vorgehalten, wandte er sich an den Angeklagten mit der Frage, ob er diese Streiche denn noch nicht al6 Unfug ansche. Angeklagter: Ne, bet is blos Ulf. Ick bitte also, bet Sie mir verhaun. — Richtet: Die Prügelstrafe existirt bei uns nicht mehr. Angeklagter: Nanu, denn hört Allcns uff Ick habe Keile gekriegt, daß et enen Mops jammerte, unb bet soll nick mehr sind? Det steht in bic Akten — Der Richter finbet in den Akten, baß ber Angeklagte In bet That durch Erkenntniß bes früheren Kriminalgerichts vom 25. Juni 1846 al* l8jahtiget Bursche wegen Diebstahls zu 15 Monaten Strafarbeit. 10 Peitschenhieben unb Verlust ber National Kokarde bestraft worden ist Die Ehrenreckte sind ihm auf seinen Antrag erst im Iahte 1863 wt der verliehen worden Angeklagter: Na, wat sagen Sic nu? Die Keile habe ick im Ochsenkopp gekriegt und nu verhaun Se mir, denn bin ick den Kr.mpel los. — Dem Wunsche de- An geklagten konnte indeß nickt Genüge gejchcben. Er wurde vielmehr, ba ihm die Strunfenbeit noch als mildernder Umstand angercchnet werden konnte, zu einer 14 tägigen Haftstrafe verurtheilt.
Handel und Verkehr.
JL. 1.20—00.
und Farrenflesick
Kuh, Rind
eint Ente JL 0.00—3 00, eine Taube 00 50 H, Gantz O.oo uOU, 4?a>rn ca« Stück vtl. 0.00—0.00, Feldhuhn utL 0.00-0.00 R-bbock bat Pfd. 00 00 H, Kapaunen 2.80 - 3 Wälschet Hahn X. 5-10 Kartoffeln 10- Ko 5.00—6.00, Kohlrabi 0 0 4, Blumenkohl 1 St. 30—70 Wirsing 00-2') Gelbetüben 1 Bund 00-00 H, Zwiebln 1 Bund 0 H, Sellerie das Stück 00—00 H Meetrettig 1 Stück 00—00, Spargel bas Pfuav jt 3.00, Romain Salat 00 - 00 H, Endivien 00—15 H, Rothkraut 00—30 Weiß, traut 20—25 H, Attischsten 00—70 H, Erbsen das Pfd. 00
Frankfurt 9. April, lMarktbericht., Der heutige Heu- und Strohmarkt war gut befahren. Heu kostete je nach Qualität der (Str. jl. 3.00—4.00, Stroh JL 2.50 -3.00, Butter 50 Kilo 95 100 A, tm Detail 1. Qualität bat Psuiff JL 1.30—0.00, 2. Qualität Eiet baS Hunberl 5.50-7.00, Ochsenfln,ä per Pfund 60—70 H, ullv -......" ;:.J 40 55 H, Kalbflei'o 40-55 A, Hammelfle:'ch
4 >—65 H Sckweincüesick 65 80 H, ein Hahn JL 1.80—2.20, ein Huhn JL 1.60 2.00, - - ~ Taube 00 50 H, Gantz Jü 0.00- u 00, Hwen
Allgemeiner Anzeiger.
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