Einzelbild herunterladen

dir. 108. Mittwoch deu 11. Mai 1881.

Aichener "?.ui;eiiyr

Amkige- uni Amisbiati fit itn greis Gießen.

-------------------------------------------------------- viertAjührlich 2 Mark 20 Pf. mit vrmserlob".

T urcan : E^chulftribe B. In. Weint täglich mit «ußnahme des Ttontflfl*. Durch bu Posl be»ogkn vierteljährlich 2 Mar, ÜO P.

AmLticher Jheit.

Lehrer - Conferenz

6t# Sonfkrcnz-Btzirks Lict, Hungen: Moutag den 16. Mai, Morgrn# 10 Uhr, zu Hungen.

Gießtn, den 9. Mai 1881. Büchner, Krn#schulinsprctor.

Zum zehnten Mai.

Die Zeit der Eisenbahnen und der Telegraphen verbraucht ihr Material rasch, wenn eS nicht sehr dauerhaft ist. Personen und Ideen nutzen sich von heute auf morgen ab, wenn sie nut dem modernen Geiste und Wesen nicht völlig in Ulberetnsttmmung zu gelangen vermögen. Sie mögen noch so mächtig, so einpußie.ch, so geschickt sein, der Geist der Zeit zieht sie mit der Unerbitt ltchkett des AbnutzungSprocefieS mit sich, sobald sie sich von den Dabnen entfernen, die von der modernen Entwickelung mit Naturnotbwendigkeit vorgezeichnet sind. Wer glaubt, daß damit zu viel gesagt sei, der mag einen Rückblick werfen aus die Zeit zwischen dem 10. Mai 1871 und dem 10. Mai 1881.

Sm 10. Mai 1871 wurde in Frankfurt a. M. der definitive Friede mit Frankreich abgeschlossen. Zahlreiche siegreiche Schlachten, unermeßliche KciegS« beute, zwei Provinzen und süi.f Milliarden baaren GrldeS waren die Errun- genschasten jenes großen Kampfe« und nach Ab chluß des Frankfurter Friedens stand Fürst BiSmcnck im Zenith seines RuhmeS und seine« Einflusses. DaS neugrichaffcne deutsche Reich erwartete eine Periode des GlückeS und de« UebeiflufikS, zumal da eS hi<ß. daß nach dem Frieden der innere Ausbau KeS Reiche in die Hand genommen werden solle. Die hochgespanntesten Erwar­tungen knüpften sich an die nach dem Kriege beginnende Periode der Friedens- arbeit. SS ist viel alter Schutt weggeräumt, viel Treffliches geschaffen wor« den und heute 4 Fast scheint eS, als sollte der Schutt, der mit so viel Mühe beseitigt worden, wieder heibeigeschaffl werden!

Die Erschrinung der Milliarden auf dem Geldmarkt hatte jene Folgen, die von scharfsichtigen VolkSwirthschaftern vorauSgesagt worden waren. ES trat ein industrieller Ueberfchwu. g, eine Hochfiuth der Spekulation ein, die unS denKrach" brachte und mir ihm jene andauernde wMhschastliche Stockung, die wir trotz aller E;pe imente heute noch nicht überwunden haben, und zwar allen Doctrmen zum Trotz auS dem einfachen Grunde, weil die Eon« sumtiv! Sfäh'gkeit der Bevölkerung m der langen Zeit der Roth geschwächt und gebrochen worden ist, daß aber bei geschwächter LonsumitonSsähigkeit em Aus- ichwung in der Product on sehr schwierig, ihulweise unmöglich ist. Die VolkSmaffen verarmten in der langen Periode der GeschäflSkrisiS, die zwar den Kampf mit Rom und eine ganze Reihe libtraler Institutionen, aber keine wirthschafilichen Erleichterungen nut sich brachte. Aus der anderen Leite sttegkn die Ausgaben für daS Heer, da man hartnäckig an der dreijährigen Dienstzeit festdielt und schließlich einen dauernden Präsenzstand von über 400000 Mann schuf, der die wirthschafilichen Bedrängnisse noch um ein guteS Stück vermehren half. Derweil schwang fick daS besiegte Frankreich, daS die R.esenfumme von fünf Milliarden nut verblüffender Schnelligkeit abgezahlt batte, zur wirthsLastlicken Prosperität en por, heilte seine Wunden und ward zum Sieger aus dem Welt«Markte. m ,

Unsere üblen wirtblchasrlichen Zustände liißen überall den Ruf nach Reformen laut werden. Und ste kamen, die Resormen, aber in einer Gestalt, daß man wünschen muß, sie wären nie gekommen. Die Wendung begann ,m Jahre 1878, nachdem schon im vorhergehenden Jahre sich allerlei Differenzen zwischen der Mehrheit des Reichstags und dem Kanzler gezeigt hatten. Zu- nächst boten die beiden verbrecherischen Angriffe aus das Leben deS Lasters Gelegenheit, ein Gesetz gegen die Socialdemokratie m'S Leben zu rufen, das nunmehr, nachdem diese Partei auS dem öffentlichen Leben verdrängt ift , al$ ein Damoklesschwert über den Häuptern aller oppositionellen Parteien hängt. Dann begann die große Steuer« und Wirrhschafts Reform, die man in einer Weise einleitete, als habe man in den leitenden Sieisen die liberale Aera nur für ein r.othwendigeS Uebel gehalten, um mittelst des L beralismuS die äußere Form des Reicheö durchzusetzen, dann aber alle liberalen 3^i'uiionen wieder von sich zu schütteln. Liberale Minister, wie Deldruck. Falk und Camvhausen mußten zurückireten; der Culturkampf gegen Rom wurde eingestellt und mtt Hülfe der EenirumSpartei ging man zur Schutzzollpolitik über, mdem man zugleich die nationalliberale Partei, die bei diesem Anlässe allerdings sehr wenig Festigkeit erwieS, auseinander sprengte. Die Maigesetze wurden ergänzt durch Juligesetze. welch- eS der ReichSreaierung ermö.lichen. sich nach Belieben mir Der Kurie auf guten Fuß zu stellen. Zugle ch begann die Ausführung staatS- socialistifcher Projekte, die man mit den Reichseisenbahnen einlettete und mit denen man bis jetzt schon zur staatlichen Zwangsverficherung der Arbe^rgegen Unfälle gekommen ist. Alle diese Dinge kosten Geld und die 130 Millionen, welche mit dem neuen Zolltarif bewilligt wurden, reichen noch lange nicht aus. Indirecte Steuern, Wehrsteuer, Biersteuer, Tabakssteuer, TabakZmonopol alles das liegt in der Luft und in jeder Session tritt es in irgend einer Form an den Reichstag heran. Erst hieß es, die directen Steuern sollten fast ganz verschwinden; wir sehen aber aus der Umbildung der Capitalrentensteuer und der Gewerbesteuer welch' letztere den kleinen Mann in ihrer neuen Form

gar nicht entlastet daß die directen und inbireclen Steuern vermehrt wer« den, resp. daß beide Systeme bestehen bleiben. Und diese neuen Belastungen erfolgen in einem Moment, da die Schutzzollpolitik völlig FtaSco gemacht hat uttb der erwartete Aufschwung der Geschäfte zur Mythe geworden ist! Hand in Hand mit alledem aber geht eine stets wachsende politische Bevormundung deS Bürgers; alle reaktionären Elemente drängen sich hervor, sammeln sich, lausen Sturm gegen die liberalen Institutionen, betreiben die Iudenhetze, ver­langen Abschaffung der Gewerbesrethett und der Etvtlehe, terrorisiren AlleS, was nicht reactionär ist und roetfen die Fackel der Zwietracht unter alle Klaffen der Bevölkerung. Der Reichstag aber, der keine feste Majorität hat, schwank! zwischen diesen Derhältniffen unsicher hin und her.

DaS ist die Situation; eS bestehen einflußreiche Bestrebungen, welche vom deutschen Reich nur die äußere Form behalten, den unter der liberalen Aera geschaffenen Inhalt aber beseitigen wollen, dabet regt sich der Partiku« lariSmuS und hat eben erst wieder in der Commission für daS Unfallverfiche- rungSgesrtz einen Triumph gefeiert. Ueberall Verwirrung, Unzufriedenheit, Ungewißbeit und Zerriffenheit! t .

So sieht eS auS zehn Jahre nach dem FriedenSschluffe von Frank« fort a. M. Damals im Parlament die großen nationalen Fragen, die großen einbettigen Institutionen, heute die Debatte über die MiethSsteuer mit dem Resultat, daß von einzelnen Personen einige Hundert Mark weniger zu zahlen sind. Wohin wir steuern, daS weiß heute Niemand mit Sicherheit zu sagen; sicher ist nur, daß wir zu erhöhten Lasten und verringerten Freiheiten in ein Meer der Unsicherheit steuern, denn es ist noch unberechenbar, wie weit die Wirkungen der geplanten staatSwilthschafllichen Umwälzungen gehen werden. Die am 10. Mai 1871 mit frohen Hoffnungen der Zukunft entgegengesehen, blicken am 10. Mai 1881 trübe in daS kommende Decennium und der leit-nde Staatsmann se bst muß mit der Lage höchst unzufrieden sein, da er den grüßten Theil deS Volkes gegen sich in Opposition sieht, vor Allem aber den denken« den und gebildeten Theil, bei dem die aus die Mafien berechneten Schlagworte nicht so leicht verfangen. _______

Deutschland.

Frankfurt a. M., 8. Mat. Der Congreß der deutschen Krieger« vereine ist heute eröffnet worden. 1527 Vereine mit 167,000 Mitgliedern waren vertreten. Der Bürgermeister Dr. Heußenstamm bewillkommnete die Gäste Namens der Stadt Frankfurt. Hieraus sprach Diersch (Berlin) über den Zweck der Versammlung, alS welchen er die Einigkeit unter den verschie« denen Eorporationen bezeichnete. Der Redner schloß mit einem Hurrah auf Se. Majestät den Kaiser, welches der Stad'comrnandant v. Lucadau beantwortete, indem er im Sinnen Sr. Majestät den Vereinen die besten Glückvünsche auS- spr.ich. Nack der Bi dnrg deS Bureaus wurde eine Eomwission gewählt, welche morgen da« Programm für die zu behandelnden Fragen vorlegen soll. Diele Häuser batten zur Feier des Tages geflaggt.

Metz, 7. Mai. Seit einigen Wochen bereist der Statthalter, der, der Magdeb. Zrg.- zufolge, trotz feine« hohen Alter« eine bewunderungswürd.ge geistige und körperliche Frische bewahrt hat, die lothringischen Städte, welche er biSber rM nicht besucht batte. Die Ausnahme, die er bei der Bevölkerung ausnahmslos findet, beweist mehr al« ein Dutzend Stimmungsberichte, daß man fick immer mehr in die reuen Verhältnisse hineinfindet und daß die pro« testirende oder ricktiger die französische Partei auch in den Städten da« Landvolk wollte von Anfang an nichts voa derselben wiffen neuerdings an Boden verloren hat. Auch das kürzlich beeidigte Aushebungsgeschäft, bei welchem die Zahl der fich der Militä'pfl cht Entziehenden im Vergleich zu den Vorjahren eine erheblich niedrigere Ziffer aufweist, ein Beleg für diese Annahme.

Hesterreich.

Wien, 8. Mai. DaS heutige Volksfest im Prater war trotz der nicht sehr günftoen Witterung von einer nach Hunderttaus.nden zählenden Menschen« menge besucht. Der Kaiser, die Kaiserin, Kronprinz Rudolf mit seiner Braut, der König und die Königin von Belgien und alle übrigen hohen Gälle mit ihrem Gefolge begaben fich um 5 Uhr zu Wagen nach dem Prater, konnten aber, da der Zug der dicht gedrängten Menschrnmaffen wegen nur stockend vorwärts gelangte, erst um 6</2 Uhr beim Praterßern eintreff en. Von hier aus ging, unter dem Voranfah'.en des Bürgermeisters, der Zug durch die Prater-Allee bis zum ersten Kaffeehaus weiter, von wo aus die Rückkehr über die Sopb'.enbrücke" erfolgte. Auf der ganzen Fahrt ertönten unaufhö-lich jubelnde Zurufe und enthusiastische Kundgebungen des Publikums. Das Volks« fest selbst ging erst Abrnds 10 Uhr zu Ende.