Nr 47. Mittwoch den 9. März 1881.
Aichener '•Kiuciger
Anstigk- und Amtsblatt für bcn firris Gießen.
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Amtlicher Hh eil.
Betreffend: F«ldwkge-»ulag« und Dltgulirung der Grundstücke In der Gemarkung Lollar.
B e k a n n t m a ch n » g.
Bet der in Gemäßheit unserer Verfügung vom 24. Januar l. I. («nzetger Nr- 22) am 5 1. M. stattgehabt« Abstimmung haben gegen den Plan 58 Bethiiligte gestimmt, deren in Betracht kommende Grundstücke einen Flächengebalt von 69732 qm und ein Steuerkapital eon 112 fl. 3 kr. besitzen, „ährend 147 Grundbesitzer, deren Gelände einen Flächengehalt von 247916 qm und ein Steuerkapital von 351 fl. 58 fr. hat, al« dafür stimmend anzu. >eh,n |l"b^irtnad) fc(e Ausführung de» in der summarischen Darlegung näher angegebenen Unternehmen» beschlossen
Die Siimmberechligten-, sowie Zähl-L>ste sammt dem Protokolle vom 5. l. M. mit Anlagen wird vom 10. bi« 24. I. M. a-s dem Großher,»glichen Bürgermeister,!-Bureau zu Lollar mit dem «nfügen zur Einsicht der Betheiligtrn offen gelegt, daß eine etwaige Anfechtung d.r Zulässigkeit, oder .liecht«, iefiä, digkeit der Abstimmung, oder de« vorstehend angegebenen R'sullates derselben nur während der oben angegebenen Frist von 14 Tagen bei Meldung de« Ausschlusses mittelst Recurse« an den KreiS-Au-schuß de« Kreise« Gießen zulässig ist-
Gießen, am 7. Mär, 1881. Großher,»gliche« KrriSamt Gießen.
Dr. Boekm ann. _____________________________—
Politische Ueberflcht.
Die VermLolungtseurlichkiiten de« Kaiser-Enkel- und seiner Gemahlin, nunmehrigen Prinzessin Wilhelm von Preußen, haben mit dem feierlichen Einzüge de« jugendlichen Paare« in Poisdam ihren Abschluß gefunden. Die Tagetpolitik dringt nach kurzer Ruhe wieder in den Vordergrund. Der preußische Ministerwechsel ist noch nicht enischieden; al« Landidat für da« Ministerium des Innern scheint Herr v. Putikamer noch immer in erster Linie zu stehen.
Bezüglich der Stellung Preußen« zum Vatikan, wie zu besten Trabanten, dem Eentrum, wäre die Ernennung Putikamer'« von weittragender Bedeutung. Die Maigeseße, so schneidig ihre Handhabung im Sinne des kämpsenden Staates möglich ist, lasten sich in vieler Beziehung milder interpretiren, und Herr v. Pultkau er ist der Mann dazu, die größtmöglichen Concesflvnen durch seine Jnterpretativnskunst zu machen. Zunächst soll eine Rom freundliche Erledigung der Verwaltung de« Bisihum« Fulda zu neuen Concessionen führen, wobei allerdings zu wünschen wäre, baß dies in einer Form geschieht, welche der Würde de« Staates nicht zu nahe tritt. So sehr auch das Enve des Cul- turkampses berbeigewünscht werden mag, damit die Nation „up ewig unge» deeld" ihren höheren Culturaufgaben sich zuwenden kann, so ist eS doch gerade um der Dauerhaftigkeit des religiösen Fri.dens halberwünschenSwerth, daß die Basis deS Frieden« für beide Theile gerecht und ehrenvoll ist.
Da« deutsch« VersicherungSgewerbe wird neuerding« durch Meldungen über weitergehinbe Absichten der Verstaatlichung, deren erster schritt durch die Beseitigung der Unsallverstcherungs^Gesellschasten geschehen würde, fall- wirklich daS segenSr'iche Haftpflichtgeseß durch die Annahme des staatssocialistischen Gesetzentwurfs über die Arbeiterveisicherunz beseitigt werden^ sollte, beunruhig'. Uebr'gens dürste im Reichstage für diese) Gesetz, desten Schädlichkeit sowohl zahlreiche Petitionen von Versicherungs Gesellschaften, al« die Proteste der Arbeiter selbst erläutern, kein so günstiger Wind wehen wie im Volkswirth- schafiSrathe. Die Zeiten, in welchen dem Staate blühende Privatindustrien alS annectionswerth erscheinen, werden um so rascher schwinden. a!S die Erfahrungen mit allerlei Verstaatlichungen keineswegs glänzende Resultate zeigin und nebenbei erweisen werden, daß dadurch nur die Auswanderungen steigen und die Steuererträg« fallen-
Dir Vetleihunq deS schwarzen SdlerordenS an den französischen Gesandten in Berlin, Grasen St. Vallier, gilt allgemein als eine Anerkennung der Verdienste dieses Diplomaten um di« Erhaltung des Frieden-.
AuS London meldet man die Genesung Gladstone'- von dem ernstlichen Unfälle, der ihn betroffen.
Die Hiobspost aus dem TranSvaal-Lande hat in England großartiges Aussehen erregt. Leider verlangt Britannien in erster Linie Revanche; der Stolz Albions ist durch die Heldenthat der BoerS tief verletzt. Die Sympa- thien der civiliflrten Welt sind auf der Seite der holländischen Bauern, welche Gut und Blut für ihre Unabhängigkeit einsetzen ur.b_ mit antiker Tapferkeit den Spitzkop gestürmt Haber. Die nächste Folg« des Sieg,« sind große Trup- pennachsckübe der Engländer, welche verlangen, daß die Boers derartig besiegt werden muffen, daß fie sich auf Orabe und Ungnade ergeben. Unmöglich aber ist es keineswegs, daß der Oranje-Freistaat sich gleichfalls erhebt und England neuen Niederlagen entzegengebt. Die Stiwmung im Caplande ist bedrohlich, da man einen unmenschlichen DernichtungSkawpf gegen die Boers keineswegs gutheißt.
Griechenland setzt seine Rüstungen fort. Neuerdings liefefr Amerika Munition. Mit Beginn des Frühjahrs erwartet man den Ausbruch von Uir ruhen auf der Balkar-Halbinsel, und man weiß noch nicht, ob diese das Signal zum Losschlagen der Griechen oder umgekehrt der griechischen Kriegserklärung an die Türkei die Loosung für die bulgarische Erhebung sein würben.
Der russisch-chinesische Conflict ist durch Vertrag beendigt.
Präsident Garfield ist in Washington eingetroffen und hat sein Amt bereits angetreten.
Deutschland.
Berlin, 5. März. Di« Secessiomsten, deren Führer seit dem Ein. treffen de« Freiherrn v. Stauffenberg, jetzt vollzählig hier versammelt find, hatten gestern eine Berathung über die Gesammi-Situation und besonders betreff,nd die nächsten Wahlen. Es scheint, daß Freiherr v. Stauffenberg einige- mildernde Oel auf manche Schroffheiten einzelner seiner Freunde zu gießen sich bemüht. Er kommt au8 Süddeutschland und bringt dortige Ec- fahrungen mit. Mau kam bei der gestrigen Besprechung überein, an dem ursprünglich!» Haupt zedanken bei SecesfionsprogrammeS unentwegt festzuhalten, uäml ch daß eS Ausgabe der Secession sei, versöhnlich nach recht« und link«, b. h. nach nationalliberaler wie nach fortschrittlicher Seite hin, aufzutreten und zu wirken, um die Möglichkeit der Bildung einer großen umfassenden liberalen Partei anzubahnen. So soll in Wahlkreisen, wo nationalliberale Abgeordnete gegründete Aussichten haben, für diese bei den Wahlen votirt werden. Die Seceisionisten wollen keinen allgemeinen, für das ganze deutsche Reich bestiaimten Wahlausrus, sondern deren verschieden«, für di« einzelnen Provinzen. Staaten, Landschaften, erlassen.
— Die „Nat.-Ztg." bekämpft die Vorlage betreffs de« deutschen Volk«- wirthschaftsratbs und meint: Schließlich bekunden alle die Versuche den Par- lamentarismus zu brechen, doch nur, daß derselbe eine Macht ist, die sich nicht beseitigen läßt und mit welcher man sich daher früher ober später wirb ver- stänbigen müssen. Demselben Blatte zufolge wären in ber längeren Unter, rebung, welche ber König von Sachsen mit dem Reichskanzler Fürst Bismarck gehabt, in eingehender Weise über den Eulturkamps und besten eventuelle Bei. legung bie Ansichten ausgetauscht worben.
— Der Eultusminister Herr v. Puttkamer wirb bie provisorische Leitung b«s Ministeriums bes Innern übernehmen. Herr Bitter will unb soll Finanz. Minister bleiben unb betreibt mit Eifer sein neues Einkommensteuer-Gesetz. Der entlasten« Minister Graf Eulenburg wirb morgen vom Kaiser empfangen werben unb in den ersten Tagen ber nächsten Woche nach Italien abretfen. W-.e Tags vorher die Gerichte, beschulbigte ber Reichskanzler gestern die städtischen Behörden Berlins der Parteilichkeit aus politischen Rücksichten. Diese« Auf. treten wird von ber hiesigen Presse streng verurtheilt.
— Die Sache btr Boer« finbet auch hier große Theilnahme. Herr v W ber au« Tresben, btr bekannte Afrikareisende, hielt in betn Verein für HanbelSgeographie eine Vorlesung über bie Boer«, worin er beten Sache ber Allgemeinen Theilnahme empfahl. Es hat sich hier ein Somit« zur Unterstützung der Verwundeten in TranSvaal gebildet, das zu Beiträgen ausfordert und deutsche Aerzte und Krankenpfleger nach dem Kriegsschauplätze senden will.
Kassel, 6. März. Tie .Hess. Morgen-Ztg.' schreibt: Es wird gut sein, wenn man im Lande sich daraus vorbereitet, daß bte nächsten Reich«tag«. mahlen erheblich früher statifinden, alS man bisher annahm. Es soll in ernste Erwägung gezogen sein, den Reichstag aufzulösen, wenn er daS Budget bewilligt haben wird, also Ende März ober Anfangs April. Die Wahlen könnten bann schon im Ma stattfinden. Fürst Bismarck befürchtet, daß bie Dahlen um so weniger in seinem Sinne ausfallen, je weiter fie hinausge- schoben werden- Unb in der That, die Wahlen können manche Überraschung gewähren unb das Vtrhälkniß ter Parteien vollstänbia umgestalten.
Osnabrück, 6 März. In einer Persammlung von Tabaks-Inter«"enten aller Irt btr Stadt Osnabrück ift am 20- Februar b. A die ganze Lage ber rabaks-In- bu::ne, wie fie sich in Folge brr Erhöhung ber ^abakssteuer, bes Gebührens ber atrQKburaer Manuiactur unb ber brobenben Anzeichen einer geplanten weiteren Lteuer- erböbung gestaltet bat, nach allen Leuen am bas Grünblichfte eröNert worben- Es würbe hieraus nachsolgenbe Resolution beschloßen, bie bem Reichstage wie den .jugrem aller Parte.en übenenbet unb mit ber Zlussorberung zu Zustimmungserklarungen an alle Tadaks-Jmerestenten im Reiche geschickt werben soll, „xie heute m Osnabrück versamrneltdN Arbeiter unb Interessenten bes Tabaks-Indmtrie erkennen als unabwenb- bare Folge bes Porgebens ber Elsaß-Lothringer ^abaks-Manmattur m Ltraßburg den voll,'.'änbigen Ruin ihrer Fristen^rotz der Eingaben bes H^de^Nanbes an b verschiedenen BeLörden behnt die Ltrayburger Manmactur ihren Ab aß d r.ct aus bie Eoniumenten aus unb ebnet bam t bie Wege Dem Monopol bas Einerseits die reefarigte Existenz vieler tausend Familien vernichtet, welche bislang ihr Brod durch


