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7.12.1881
 
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Nr. 28S

Mittwoch den 7. December

1881

Kichmer Mnzeiger

Aükigk- nab Amtsblatt für btn firris Gießen

Lrtchemt täglich mit Ausnahme deS ytontags

iirtj.n Sch ul st raße ß. 18.

Gießen, den 14. November 1881.

drei- viertel satirisch L Mar? 20 Pf. mH vrmgerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

DaS Bureau de- Bezirk-feldwebel- in Gießen befindet sich feit dem 12. November er. in dem Haufe deS Zimmerweister- Pitz Grünbergerftrape, Lit. B. 16ti5«

Franck, Oberst limtenant z. D. und BezirkS-Commandeur.

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WaS treibt die Deutschen aus der Heimath?

Die Auswanderung nach Amerika war daS Hauptthema, welches in der FrettagSsitzung des deulfchen Reichstages behandelt wurde. Verschieden wie die Gründe, welche von den einzelten Ak geordneten alS Ursache der kolossalen Auswanderung angeführt werden, waren auch die Mittel, welche diesem Nativ- nalübel, denn ein solches ift es, vorbeugen sollen. Schon von Alters her heißt es freilich, daß eS die Deutschen in die ferne Welt ziehe, aber solche aben­teuerliche Streifereien find dcch wohl von dem jetzt eingetretenen Verlassen der Heimath durch ganze Familien himmelweit verschieden Es »st nicht nur der Umstand, daß dem heimischen Boden, der heimischen Arbeit Hunderitausende kräftiger Hände entzogen werden, welches die Auswanderung alS ein Uebel erscheinen läßt, eS ist vielmehr die Täuschung, welche die Armen jenseits Les Oceans erwartet, und sie oft dem Elende, dem moralischen und physischen Untergänge in die Arme sühn. Tie letztere leider nur zu traurige Wahrheit sollte schon von vornherein d e deutsche Regierung veranlassen, Maßnahmen zu treffen, welche dieser durch die Noth der Zeit erzeugten Epidemie ein Ziel setzen, welche sie aber nicht nur sporadisch unterdrücken, sondern auch für die Zukunft heilen. T ie Zeit, in der Amerika alS ein Eldorado galt, das allen Europamüden gastliche Ausnahme, goldenen Segen ihrer Arbeit Ehre und An­sehen versprach ist längst voiüber, aus dem Glanz und dem Reickthum haben sich dort drüben auch großartiger Schwindel und B trug, die Sucht, unter allen Umständen recht viel Geld zusaw.mevzurc.ff n, auf erlaubte oder uner­laubte W.ise ist ganz gleich. entwickelt, denen so unendlich viele unserer ver­trauen-tollen deutschen Landsleute, ost schon bei dem ersten Schritt, den sie auf fremdem Boden thun, zum Opfer fallen- Mancher, der unter den fremden Menschen dort drüben, deren Sprache selbst er nur selten versteht, ohne Arbeit, ohne Geld, ein Bild der Roth und des Jammers, umherwankt, verflucht die Stunde, wo er dem heimischen Boden Lebewohl gesagt, wo er den eigenen Landsleuten in der Fremde Vertrauen schenkte urd ihrer Hinterlist zum Opfer fiel. Denn eS läßt sich nrcht unterdrücken, daß besonders viele Deutschen in Amerika durch anfänglich auSgepandene Noth vollständig demoralisier.d und nun versuchen, auf Kosten ihrer neu ankommenden Landsleute zu leben, indem sie dieselben um ihre geringen Habseligkeiten betrügen. Diese deprimirenden Zustände zu besei­tigen gilt eS, aber n'cht oberflächlich dos Leiden zu vertuschen, sondern die Axt muß an die Wurzel des UebelS gelegt werden. ES ist ein wohlfeiler, aber durchaus nicht befriedigender Trost, wenn in der Reichstagssitzung daraus hingewiesen wurde, daß auch in btn anderen Staaten die Auswanderung per­manent zunehme. Was hilft doS den deutschen Familien, die durch die Roth tn der Heimath gezwungen werden, ter Wonderpab zu ergreifen, und die lieber einer ungewissen Zukur st entgegen sehen, als zu Hause sicher weiter darben und hungern wollen? Die horrente Zahl der AuSwai derer im vergcngenen Jahre, die gegen die bei Vorjahre k^ obsticht, beweist zur Genüge, daß eS nicht nur unternehmungslustige Männer find, die in die Ferne hinaus ziehen, sondern daß sie dazu gezwungen find, weil sie in der He math fern Menschen- würdiges Dasein mehr zu führen vermögen. Arbeit giebt's rrotl immer roch bei uns, und fehlt sie wirklich für einen Augenblick, so ist mitleidge Hilfe in vielen Fällen da, aber der Lohn, welcher der Arbeit zu Theil wird, ist an vielen Orten so gering, daß der Arbeiter es nicht mehr vermag, damit feinen Lebensunterhalt zu bestreiten, daß er lieber seinen letzten kleinen Besitz verkauft unb auswandert. Man schaue nur einmal in den Bezirken nach, ^ro die AuSwanderungSsucht am meisten grosfirt, waS die Leute forttreibt? Sie blieben gern daheim, es zieht sie wahrhaftig nicht nach dem freien, unabhängi- gen Amerika; aber sie gehen, weil sie es nicht mehr ertragen können! Bei Manchen, wir wollen sogar sagen, bei Dielen, mögen noch andere Impulse maßgebend sein, aber das wird doch Niemand glauben, daß sich in 4 Jahren die Neigung zur freiw lligen Auswanderung in fünffachem Maße gesteigert hat. Man schlägt a!S eir. zweckmäßiges Mittel zur Abhilfe der Auswanderung die Colonisation vor. Der Vorschlag erfordert reifliche Überlegung und ist nicht sofort zurückzuweisen, aber es ist schwer, paffende Colonien zu finden. Weit uöthiger >st es noch, im eigenen Lande ein erträgliches Daheim zu schaffen, unb vor Allem bie Bebirgungen des Lebens zu erleichtern. Die AuSwande- rung ist ber beste Beweis für bie bei uns herrschenbe Theuerung. unb beshalb muß vor Allem dagegen vorgeschritten werden, wenn man der Auswanderung ein Ziel setzen will.

Deutschland.

Berlin, 2. Decbr. Die Handelskammer in Glüneberz hat vorgestern eine geheime Sitzung abgehalten, um über den bekannten Erlaß deS HandelS-

ministerS Fürst Bismarck zu berathschlagen. ES wurde eine Commission ernannt) um eine Antwort auf den Erlaß zu ertheilen. DieNoidd. Allg. Ztg." for­dert die Veröffentlichung dieser Antwort. Inzwischen veröffentlicht sie ähnliche Angriffe auf den Jahresbericht der HildeShenner Handelskammer. Zwischen den Mitgliedern verschiedener Handelskammern haben Verhandlungen stattge­funden wegen eines gemeinschaftlichen Vorgehens aller Handelskammern, um ihre Jahresberichte vor Angriffen dieser Art zu schützen.

Berlin, 4. December. Die Berliner Universität hat in diesem Winter eine nie erreichte Frequenz; sie zählt j tzt 4421 immatriculirte Studenten und mit Einschluß der nicktmmalriculirten Studenten gegen 5000 Hörer.

Die derTimeS" lelegraphirte Curiofität, daß der Hofprediger Stöcker zum Bischof von Jerusalem ernannt werden soll, entstammt einem hiesigen Witzblatte. Der Bischof von Jerusalem muß vertragsmäßig ber angli- camscben Kirche angebören.

Berlin, I. December. liefen die Situation in München geht den09. P. N> folgende Mittbeilvng elneS Parlamentariers zu: Der Lonflict zwischen der rechten Kammer- Hälfte und dem Mysterium Lutz spitzt sich immer mehr zu. In allen bisher in der Kammer verhandelten, gegen b*n Fortbestand te6 Ministet iumS gerichteten Fragen, ist die ultramontane Partei entichieo«n und geschlosten ausgetreten von dem Abfall Einzelner, wie die- in den früheren Sessionen geschehen, ist ti8 jetzt nicht- zu ersehm Run oder ist dieser Partei plötzlich roch em Mitkämpfer entstanden in ber Pilsen b<8 ReichSiatbs Grafen von SeinS- beim. Der'elfe« ist Referen» des AuS'chvffes der ersten Kammer über den Malzausschlag und geht tn einem soefeen erichienenen Bericht mit dem Finanzminister schatf in s Gericht. Er tadelt vorerst die avz» schwere Belastung der Bierfadrikattvn, sowie die Befeauptuna der Staat»- regterung, daß der Maizausschlaa das weniast drückende Auskünfte mittel zur Begleichung des Defik'ts fei. SS «ei Lhat«ache, doß die Malzsteuer tn dem größten Dhetle deS Landes von den Besitzern der Brauereien allein getragen werden müßte, ohne auf die Abnehmer abgewälzt werden zu können. Die Folge werde bie sein, daß die Brauer, welche zur Zeit nur durch Anspannung aller Kräfte sich über Master halten könnten, wenn einmal bie ersparten und paraten Mittel erschöpft und fern Hypothekar Lredit mehr da sei, dem unfehlbaren Untergänge entgegengeben müßten. Refetent macht weiter der StaatSregterung die Liberalität zum vor wmf, mit welcher sie den Gemeinden Bier» und Local-Aufschläge bitoiCige, in der Absicht, die Lasten zu paraivfnen, welche den Gemeinden häufig durch die StaatSregierung aufgedrungen worden seien; auch diese müßten größtenteils von den Brauern getragen werten und in Folge dieser Losten sei bie Dttrprvbueiion im Jahre 1880 um 104,695 Hektoliter Braumalz zurück- geblüben. Referent stellt bann die Frage: Das soll ge'chehen, wenn daS Budget ter nächsten Ftnanrreriobe ein abermaliges Deficit auSw'rkt; cntlich müssen einmal die Bedürfniste des Etats-HauSbolt- auf ein geringeres Maß zurückgesührt werten, fei es durch Ersparungen oder durch Senterueg unserer Gesetzgebung und der ge'ammtrn Staais-Organilaiion.

Referent stellt schließlich den Antrag, den Beschluß der Kammer der Abgeordneten auf Erhöhung deS MalzausscklaqS von vier auf sechs Mark für die Monate Januar, Februar und März 1882 nicht beizustimmen, sondern nur eine Erhöhung von 4 auf 5 Mark vom Hekto­liter für die 3 Morale iu bewilligen.

Dieses Referat bildet ein Unicom in unserem parlamentarischen Leben. Niemals haben wir ein Aktenstück auS der ReichßratfeSkammer vor Augen gehabt, welches sich in direkten Vor­würfen gegen die Maßnahmen der StaatSregierung ergeht unter gleichen Verhältnisse«. Die Abgeordneten-Kammer hat nur im Hinblick auf die finanzielle Nothlage die Erhöhung von 4 auf 6 JL bewilltat und nunmehr soll eine Minderung auf 5 JL eintreten, was einen Aus­fall ton mehreren Millionen JL zur Folge haben würde.

Man darf sehr gespannt sein auf die bezüglichen Der Handlungen in der Reichsrath-, kämm er.

Straßburg, 3. Tecewber. DieElftß Lothr. Ztg." ist ermächtigt, bie Zeiiui qS Nachricht, baß ber Statthalter alle Hebel ansetze, um bie volle Coi sessionalikät ber höheren Lehranstalten ber ReichSlanbe burchzuführen, ihrem ganzen Inhalte rach für unwahr unb für eine breiste Erfindung zu et klären, ebenso wie bie weitere Nachricht, baß ber Staal-secretär Hoffmann bei ben Mikgliebern beS StaatSrathS für E!saß'Lothrlogen bah n arbeite, baß dieselben jen«m Vorhaben zustimmev.

Anläßlich der fortgtsetzten Angriffe ultramontaner Zeitungen gegen das hödere Unterrichlsrresen tn Elsaß-Lothringm haben Profefforen ber Univer­sität, Lehrer an hiesigen Gymnasien, Alt-Straßburger unb altdeutsche Bürger in einer zu diesem Behufe st ttgefunbenen Versammlung die folgenden Resolu­tionen angenommen: Angesichts der fortgesetzten Angriffe der ultramontanen Partei gegen die Unabhärg'gkeit des höheren Schulwesens in Elsaß-Lothringen erklären die Unterzeichneten im Interesse des confesfionellen Friedens, der natio­nalen Gesittung und der ungestörten Fortentwickelung der Wissenschaft: 1) an den höheren Schulen ist, mit Au-nahme der Religionsstunden, ber Unterricht, wie bisher, confesfionslos zu ertheilen; 2) es ist zwar zweckmäß g, daß die Confessio» der Lehrer nach Verhältniß der Confesflon ber Schüler Berückfich. tigung finbet, aber grundsätzlich find die Lehrer nach ihrer wiffenschaftlichen unb pädagog schen Brauchbarkeit unb nicht nach ihrer Confesfion zu wählen.

England.

London, 4. December. Die Zustänbe in Jrlanb werben immer uner­träglicher, bas giebt auch die sonst so hoffnungsvolle »Times" heute wieder­holt unumwunden zu. Die Landverbrech en mehren sich von Tag zu Taz.