Nr. S. Freitag den 7. Januar 1NS1.
Aichmer Anzeiger
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Amtlicher Hl-ei l.
Gießen, am 4. Januar 1881.
Betrefsend: Die Taubstummen-Statistik im Großherzogthum Hessen.
Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen
an die Schulvorstande des Kreises.
Wir erinnern Diejenigen von Ihnen, welche noch im Rückstände sind, wiederholt an die Einsendung des in obigem Betreff zu erstattenden Berichts.
vr. Boekmann.____
Gießen, am 5. Januar 1881.
Betreffend: Statistik der Bewegung der Bevölkerung pro 1880.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großberzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Wir sehen der alsbaldigen Einsendung der Register über die in 1880 oorgekommenen Zu - und Wegzüge entgegen, vr. Boekmann.
PfarHbHiferenz: Mittwoch den 12. Januar.
Lang-GünS, den 5. Januar 1881.Strack, Dekan.
Das Bagantenthum.
AIS die traurigste Erscheinung unserer Zeit muß wohl die furchtbare Ausdehnung betrachtet werden, welche das Bagantenthum sowohl in Hinficht auf die Zabl der Vaganten, als aus seine physichen und fittlichen Comequen- zen genommen hat. Es stellt ein Sinken des Menschen zu einer säst thieri'.chen Existenz dar, La- in einem grellen Conlraste steht zu der geistigen und male» rielltN Höhe unserer cictlifnhn Lebenshaltung. In der deutschen Geschichte giebt es vi'lleicht nur eine Periode, tn der Aehnliches zu finden ist, die Zeit nach dem dreißigjährigen Kriege, wo Tausende von Landsknechten und Söldnern und ininnttn und verlumpten Dauern die Gauen Deutschlands durch- streiften, olle Landstraßen unsicher machten und oft vor Frost und Hunger Hüter Hecken und Zäunen ein elendes L»ben auShauchten. D'e Demoralisa- non durch dos Voganlenthum hat damals in der DolkSfittlichkert noch lange nachgezittert, nachdem die materiellen Nothstäi de längst geheilt waren, und wir sürchten, daß die Eigenschaften, welche eS naiurgeu äß erzeugt, auch diesmal länger fühlbar sein werden, als es selbst in dem kraffen Maße wie heute exrp rt. D'e Bitterkeit, der trotzige Groll, der ,m Herzen des leidlich sittlichen Elenden durch eine vollkommene aussichtslose Ex>stenz hervorgerusen ist, beschwichtigt sich so leicht nicht wieder, selbst wenn seine ursprünglichen Ursachen gehoben find. Jene Empfindungen verdurkeln unzweifelhaft die Lebensauf- saffung und die Beurtheilung gesellschaftlicher Zustände in den Bevölkerungs- sch chnn, in die fie durch die Rückkehr der Baganten zu bürgerlichem Leben getragen werden. In den aus die äußerste Tiefe gesunkenen Individuen greift eine vollkonmlne Rü cksichtslofigk.it gegen die frcmde Existenz Platz, und wenn man erwägt, dcß geistige und fiitliche E'.genthümltchkeiten sich körperlich fort- erben können, so mag man wohl mit einigem Dangen in die Zukunft sehen dürfen. Es wäre ober vollkommen falsch, die Verbitterung und die Rohheit zu vermehren, indem man fie durch eine, den Groll und den Trotz herausfordernde unmenschliche oder Verachtung einschlußende Behandlung zu heilen versuchte. Eine Behandlung, die den Menschen erniedrigt, kann nimmermehr sittliche Hebung bewirken, sondern nur Rachedurst erzeugen, den eine als AuS- würflingk' stigmatifirte abgeschloffene und sich abschließende Klaffe an der übn- pen Gesellschaft löscht. Die Größe ur.d Gefähilichk.it des U bels erheischt unzweifelhaft die aufmerksamste und energischste Inangriffnahme von Besuchen, e- zu mildern und zu heilen, aber in diesen Versuchen wird man, um die Sache mcht zu verschlimmern, eben auch nur mit der größten Leidenschaftslosigkeit zu verfahren und sich vor den Eingebungen zorniger Aufwallungen zu hüten haben; man wird sich stets deffen erinnern u üfien, daß es Unglückliche find, utb in den meisten Fällen ohne eigene Schuld Unglückliche, welche die Hülse der Gesellschaft herauSsordern. (Forts, folgt).
Deutschland.
Berlin, 4. Januar. In einer schöffengerichtlichen Strafsache ist kürzlich die Frage zur Erörterung gekommen, ob es einem Zeugen bei der Le.stung des ZeugeneideS gestattet sei, der im Gesetz vorgeschriebenen Sides- sormel noch eine weitere, seinem GlaubenSbekenntniß entsprechende Betbeuerung hinzuzusügen. Auf die lern Justizminister gewordene Kunde von dem Vorgang erließ derselbe unter dem 18. Decbr. v. IS. an die zuständige Staatsanwalt- schäft eine Verfügung, nach welcher gegen die Zuläifigkeit confesfioneller Zusätze zu der EideSnorm ein Bedenken nickt Herzule,ten sei. Die entgegenges.tzte Anstcht würde in ihrer oonsequenten Durchführung geradezu zu Absurditäten führen. Denn nach ihr dürfte d?r Schwörende nach dem Auesprechen der durch das Gesetz gebotenen Bekräftlgungsworte offenbar auch nicht einmal das Wort „Amen" hinzusügen, ohne damit die Zulässigkeit des Eides zu beein
trächtigen. Die Anstcht des Justizmtnisters wird mveß in juristischen Kreisen keineswegs allgemein getheilt.
— Wenn früher Klagen von unseren Ostgrenzen, Klagen über die traurigen Folgen der russischen Grenzsperre erschallten, so pflegte die Regierung und Fürst Bismarck selbst zu antworten, ihm ständen keine Mittel zu Gebote, den Kl->en abzuhelfen, und Preußen vermöge in dieser Angelegenheit auf Rußland mcht anders emzuwirken, als indem eS die Ruffen zu überzeugen suchte, daß sie sich durch ihre thörichte Schutzzöllnerei selbst den größttn Schaden thäten. Das war zur Zeit, als Deutschland in d Fürst BiSmarck den Grundsätzen des freien Verkehrs huldigten. Nun wir aber selbst zur Schutzzöllnerei übergegangen sind, können wir gegen Rußland, da- eben feine GrmzMe, bei Ermäßigung seiner Salzsteuer, um 10 pCr. erhöht hat, auch nicht ein Wort mehr sagen. Rußland folgt nur unserem Beispiel, und die Politik, die ihren eigenen Vortheil in der Beschädigung Anderer sucht, muß ihre weiteren Folgen eist in größerem Maße entwickelt haben, ehe wir zur Umkehr gelangen werden. Der Rückgang von Königsberg und Memel ist sehr auffällig und sehr beklagen-werth. Am meisten und zurächst wird die deutsche Eisenindustrie unter der Erhöhung der rnssi chen Zölle zu leiden haben. Wir verhindern die Einfuhr, selbst die Durchfuhr des russischen RoggenS und die Rusten sperren sich gegen das Leutsche Eisen ab. TaS ist ncch der Schutzzolltheorie ganz in der Ordnung und wird zu noch immer weiteren Consequenzen führen. Die alte einfache Wahrheit, daß bei jedem Handelsgeschäft beide Theile gewinnen, ist für jetzt tn einen tiefen Brunnen gefallen, aber die Zeit wird hoffentlich kommen ui b nicht weit mebr entfernt sein, wo wir die vergeffene Wahrheit mit Hebeln und Stricken wieder aus dem Brunnen Heraufziehen. Inzwischen herrscht roch viel Unklarheit und Verwirrung über unsere Steuer- und Zollpolitik. Das Centrum ist veistimmt über die nach seiner Meinung nicht aus- reicher den Zugeständniste, die eS in der Kirchenpolitik erfahren hat, und ist keineswegs io bereit wie damals, als es bei Einführung dec Schutzzölle mit» wirkte, die Regierung in Steuer ftagen zu unterstützen. Die preußische Vorlage wegen der Wehrsteuer wird im Bundesrath manche Abschwächung erfahren und in der neuen Gestalt keine« falls die 18—20 Mill. Mark aufbringen, die der preußische Finanzminister davon erhoffte.
— Welchen Einfluß der Zolltarif auf alle Lebensmittelpreise ausübt, zeigt handgreiflich auch die Vergütung beS Reiches für bie Naturalverpflegung der Truppen. Während der Satz für die volle Tageskost mit Brod pro 1879 nur 80 Pfennige betrug, trat schon im verflossenen Jahre eine Erhöhung aus 85 Pfennige em, unv ist der Satz für daS Jahr 1881 vom Reichskanzler auf 1 M^rk erhöht worden. Dabei ist noch nicht einmal bie Steigerung der Brodprelse in Ai satz gekommen, da für Brod gleichmäßig in allen drei Jahren 15 Pfennige pro Tag und Mann in Rechnung gestellt werben. 80 Pfennige pro Tag machte im Jahre 392 Mark, jetzt 100 Pfennige pro Tag macht im Jahre 365 Mark; bie Differenz, welche bie durch den Zolltarif bewirkte Ver- theuerung der Lebensrnittel ausdrückt, beträgt mithin jährlich für einen Mann 73 Mark. Esten aber muß nicht nur der Soldat, sondern auch ftder Handwerker und Arbeiter, meint bie „B. Z." Auch für ihn haben sich also bie Ausgaben um diese Summe gesteigert; hat er grau und Familie, so wird er doch mindestens zweier Rationen bedürfen, mithin im Jahre eine Mehrausgabe von 146 Mark haben, wenn nicht Mann, grau und Kind Hunger leiden sollen. Das ist der ziffernmäßige Segen der inbirecten Steuern!
Berlin, 4. Januar. Wie wir hören, ist eine Actiengesellschaft in der Bildung begriffen, welche den Zweck hat die Boll6e'sche Erfindung der Darnpf- kaleschen, Dampfomnibuffe und Dampf^astwaaen im Großen und für die allgemeinen Verkehrsotrhältmffe im praktischen Wege durch Errichtung regelmäßiger Touren für Personen- und Güterverkehr zwischen bestimmten Ortschaften auszubeuten.


