Nr. 143. Mittwoch den 6. Juli
chießener MMger
Anikige- nr.) Amtsblatt für ürii Kreis Gießen.
'tw-rau t Schulstraße B. 1R. Erscheint täglich mit Ausnahme des Vlontaq-. vie^eljährlich 2 Mart 20 Pf. mit vringerlohn.
” Durch bu Poft bezogen vierteljährlich 3 Mark *»0 Pf.
Amtlicher Theit.
Gießen, am 1. Juli 1881.
Betreffend: DaS Landgestüt, insbesondere die Bedeckung der Stuten durch die Landgestütsbeschäler.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die (^roßherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche noch mit Einsendung der Verzeichnisse der von Ihnen ausgestellten Bedcckschetne tm Rückstände find, werden hieran mit Frist von 8 Tagen erinnert.
Betreffend : Heuser en. Gießen, am 2. Juli 1881.
Die Großherzogliche Kreis-Schul-Commisfion Gießen
an die Schulvorstände des Kreises.
Wir erinnern Sic an die Einsendung der noch rückständigen Anzeigen in rubr. Betreff.
Dr. Bo ekmann.
lioti-Amena.
LuS dem kleinen Grenzkriege und Eroberungsspaziergang, welchen die Franzosen in Tunis spielend durchführen zu können glaubten, bat sich ein sehr ernsthafter und in seinen Folgen gar nicht zu übersehender Krieg ei.tivKfdt. Der VertheidigungSkarnpf, welchen btt arabischen Stämme gegen die etndrin- genden Franzosen zu führen gezwungen waren, hat sich in einen Glaubenskrieg verwandelt mit all' den Ausbrüchen des wildesten Fanatismus, den er noch- wendig mit sich bring?. Die grüne Fahne deS Propheten, das Banner des heiligen Krieges, die nur entrollt weiden darf, wenn der Glaube und die Existenz des Reiches auf's Aeußerste bedroht find, entflammt dte Muhamedaner btS zur Sinnlofigkeit, denn Jeder, der unter ihr fällt, geht direct ein zu den seligen Freuden des Himmels. Und nicht nur die Aufstachelung zur wildesten Tapferkeit, zur völligsten Todesverachtung tst die Folge der Proklamirung US Glaubenskrieges — jeder Muselmann ist gezwungen, dieser Fahne zu folgen und der Abfall der noch botmäßigen und gehorsamen Stämme von der sranzöflschen Herrschaft ist die weitere Consequenz. DieS ist jetzt in Tunis eingetreten, und nicht nur die dortige Stellung Frankreichs, sondern auch seine Herrschaft in Algier erscheinen ernstlich bedroht. Es hatte, wie gewöhnlich, den Feind in seiner St gesgewißheit unterschätzt und muß jetzt zu seinem Lchrecken bemerken, daß feine Truppen auS Angreifenden die Angegriffenen geworden find und es der äußerste«. Mühe bedürfen wird, den allgemeinen Ausstand utederzudrückcn. An der Spitze der arabischen Stämme steht ein Mann, der nach Allem, was über ihn berichtet wird, ebenso kühn wie verschlagen, die Vortheile welche die Beschaffenheit deS TerrainS, genaueste Orts« keiullnlß Gewöhnung an das Klima ihm und seinem Retterscbwarm darb.eten, auf's Klügste auSzunützen versteht. Bou-Amena, der Mann des TurbanS, der Mann des Glaubers, wie er genannt w rd, tst seit Abd-el-Kader der gefährlichste und gefürchtetste Gegner, der kühnste und verwegenste Feind, den Frankreich tn diesen Gegenden gehabi hat. Die Bravour drr Franzosen mag ja vorhanden (ein. Sie nützt ihnen aber nur nicht viel. Tagelang sehen fie keinen Feind, bis fie müde und matt von der senkenden Hitze, erschöpft bis zum Aeußersten, der Ruhe sich hingeben und Rast und Erquickung juchen. Da, plötzlich find sie von den Feinden umschwärmt, von erbarmungs- losen, fanatischen Feinden, die keinen Pardon geben, aber auch keinen haben wollen. Und wie sie gekommen, so sind fie auch wieder verschwunden, und nur die gelichteten Reiben der französischen Truppen zeugen von dem mörderischen Kampfe. Wie alle Guerillakriege kennzeichnet sich auch dieser durch die Grausamkeit der Kriegführung. Und zwar auf beiden Seiten. Die menschlichen Leidenschaften sind bis zur Siedehitze entflammt und Zerstörung, Schändung, Verstümmelung find die nothwendigen Co isequenzen. Welchen Eindruck macht nun Alles dies m Frankreich selbst? Wieder einmal aus threm Sieges- taumel gerissen, verkennen die Franzosen den Ernst der Lage nicht, aber wie immer in diesem vom Parteigetriebe zerriffenen Lande — Jeder sucht die Schuld auf den Andern zu wälzen. Gambetta sucht dem Gouverneur von Algier, Albert Grevy, dem Bruder deS Präsidenten, bei dieser Gelegenheit ein Bein zu stellen und damit indirect seinem Nebenbuhler zu schaden. Er tadelt aus'S Heftigste die bisher in Afrika befolgte Politik und verwirft die bisher ergriffenen administrativen Maßregeln als unnütz und schädlich. Anschetnend beab- sichtigte man nunmehr, dem Lande größere Freiheiten zu gewähren durch Einberufung einer Art von Parlament, eines conseil superieur als Beirath für den Gouverneur, doch muß das natürlich bis zur Beendigung des Kampfes vertagt bleiben. Wie aber wird der Kampf endigen? Das ist die schwer- wiegendr und schwer zu beantwortende Frage. Anscheinend beabsichtigt die Türkei, als Vormacht des JslamS, thatsächlich in den Kampf einzugreisen. Alle Nachrichten sprechen von großen Rüstungen, die nach dieser Richtung hin geschehen, und dann wäre aus der kleinen tunesischen Affaire ein europäischer Conflict geworden.
Feurschland.
Berlin Für die bevorstehenden Manöver sind folgende Mittheilungen von Wichtigkeit: 1) Bisher wurde den zur Verabschähung der durch Truppenübungen ver
ursachten Flurschäden zugezogenen Ortseingesessenen eine Entschädigung nicht gewährt. Auf Anordnung des Reichskanzlers und des Zkriegsmimsterg soll jedoch fortan solchen Ortseingesessenen auf deren Verlangen aus Mtlitärfondtz eine Entschädigung gewährt werden. Dagegen haben die Ortsvorstände, well sie von AmtSwcgen bei den erwähnten Verabschätzungen mitzuwirken haben, nach wie vor keinen Anspruch auf eine besondere Vergütung für ihre Thätigkeit. 5) Da bei den vorjährigen Manöoern nach den Berichten der Truppen^Eommandos bedeutende Flurschäden durch das den Uebungen als Zuschauer beiwohnende Publikum herbeigesührl worden sind, so hat der Minister des Innern auf Veranlassung des Kriegsministers die Bezirks-Regierungen k. angewiesen, die behuss Aufrechterhaltung der Oldnung zu den Manooern kommandirten Gensdarmen ganz besonders darauf aufmerksam zu machen, daß fie ihr Augenmerk auf die Verhinderung von Flurbeschädigungen durch das Publikum zu richten haben. 3) Die Entschädigung für die bei den vorjährigen Manövern vorgekommenen Flur- bes! ädigungen Hai häufig eine V »zögerung erlitten, well Eigenthümer ihre Ent- schädigungsrGesuche an das General-Commando gerichtet hallen. Zur Vermeidung von Weitläusigkciten empfiehlt es sich für die Eigenthümer, ihre Entschädigungs-Ansprüche, dem S 16 des Gesetzes über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden vom 13. Februar 1875 und der dazu ergangenen Äussührungs-Jnstrucllon vom 2. September 187o entsprechend, bei dem Vorstande der Gemeinde, in welcher das beschädigte Grundstück belegen ist, anzumelden. Handelt es sich um Grundstücke, die einem dem Gemeindevorstande nicht einverleibten selbstständigen Gu sbezirk angehören, so hat die Anmeldung der Entschädigungs-Ansprüche bei denjenigen Civil- Behörden stattzufinden, welche nach den Lanoesgesetzen die nächste Aufsichtsbe örde des betreffenben Bezirks bilden.
— lieber die hervorragende Bedeutung der Bekleidungs-Industrie in der deutschen Gewerbtbätigkeit gibt eine Veröffentlichung des Kaiserlichen natistischen Amtes in den „Monatsheften zur Statistik des Deutschen Reichs^ an, daß die ihr gehörigen Gewerbe vom 1. Tecember 1875 697,662 Betriebe mit zusammen 964,208 Personen beschäftigen. Davon umfaßte die Weißnäherei 197,463 Betriebe mit 217,887 Personen, Schneideret 214,539 Betriebe m>t 298,923 Personen, Putzmacherei und Verfertigung von künstlichen Blumen und Federschmuck 16,290 Betriebe mit 26,914 Personen, Hut- und Mützen- macherei und Fabr kation von Filzwaaren 6380 Betriebe mit 17^52 Personen, Kürschnerei und Pelzwaarenzurichtung 7028 Betriebe mit 12,715 Personen, Verfertigung von Hosen- trägern, Eravatten und Handschuhen (außer gewirkten) 5469 Betriebe mit 12,650 Personen, Verfertigung von Corsets und Crinolinen 497 Betriebe mit 3664 Personen. Schuhmacherei 249,996 Betriebe mit 374,203 Personen. Alle diese Gewerbe sind ganz Überwieqend handwerksmäßige. Nur m der Eorset- und Crinolinfabrikation kommen 7,4 Personen auf einen Betrieb. Die Hutmacherei beschäftigte 2,7, die Handschuhmacherei 2,3, die übrigen Bekleidungsgewerbe aber nur 1,8 bis 1,1 Personen auf jedes Geschäft. 128.639 Nähmaschinen waren für die Bekleidungs Industrie im Gange. Die Betheilitzuna weiblicher Arbeitskräfte erreicht in der Weißnäherei 98,4, in der Putz- macherei 91,9 in der Hundschuhmacherei 50,9, in der Gesammtheit der Bekleidungsgewerbe aber 31,2 Proccnt der Erwerbsthätigen.
Berlin, 3. Juli. Die neuesten Volkszählungen in Europa haben intereffante Resultate über die Bevölkerung in den einzelnen Staaten im Lause der letzten 10 Jahre ergeben. Die größte Vermehrung wieS daS Königreich Sachsen nach, nämlich 1.68 vom Hundert im Durchschnitt. In Preußen betrug die Durchschnittssumme 1.14 pCt., in Bryern 0.92.z in Württemberg 0.89 pCt. ic. Im Durchschnitt beläuft sich dte Gesammtvermehrung im ganzen Deutschen Reich auf *.09 pCt. Der Vermehrung in Deutschland zunächst steht das Verhältniß der dänischen Bevölkerung, die fich um 1.05 pCt. vermehrt hat. In Oesterreich beläuft fich die Vermehrung nur auf 0,74 pCt-, in Ungarn sogar nur auf 0.11 pEt. Dte Schweiz hat fich um 0.65 pEt. vermehrt, Norwegen nur um 0.60 pCt. Noch schwächer war dte Dolk-zunahme in Frankreich, wo die Bevölkerung fich nur um 0.29 pEt. vermehrte.
Berlin, 3. Juli. Prinz Heinrich von Preußen wurde in Kiel am Mittwoch auf offener Straße von einem Gelbgteßer insultirt. Derselbe wurde sofort verhaftet.
— Das gegen den Präsidenten der Vereinigten Staaten Nordamerikas, Mr. Garfield, gerichtete Attentat hat in allen Kreisen gerechte Enttüstung hervorgerufen. Se. Majestät der Kaiser wurde sofort, nachdem dte Nachricht in der hiesigen amerikanischen Gesandtschaft eingetroffen war, durch da- auswärtige Amt davon in Kenntniß gesetzt. Sofort ausgegebene Extrablätter untm richteten das Publikum davon.
Hesterreich.
Wien, 3. Juli. Der gegenwältige commandtrende General in Ungarn, Baron v. Edelsheim-Gyulat, soll in gleicher Eigenschaft nach Prag versetzt merben. — In dir gestrigen Versammlung des Verfaffungsveretns Demscher Böhmens wurde einstimmig eine Resolution angenommen, in welcher dte bür-


