N?. 44 Zweites Blatt. Sonntag den 6. Marz ISS1.
Aichmer Mnzeiger
Anieigr- uni Amtsblatt für Örn Kreis Gießen.
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Amtlicher Hyeit.
L v c a l r e g l e m e n t.
Betreffend: Borkehrunqen flehen Beschädigung durch Fuhrwerke
Auf Grund des an. 56 der Städleordnung, nach Anhörung der Stadtverordnetenversammlung ur.d mit Genehmigung Grotzherzoglichen Mlntsteriums des Innern und der Justiz tom 1. Februar 1881 zu Nr. M. I. 2538, wird für die Stadt Gießen verordnet wie folgt:
S 1-
DaS Fahren mit bespannten und unbespannten Fuhrwerken, das Reiten und Dlehtrelben durch den Tiefenweg von der Bahnhofstraße in die Neustadt und umgekehrt ist verboten. $
Alle durch die MäuSburg gehenden Fuhrwerke dürfen nur im Schritt
S 3.
Beim Umwenden um eine Straßenecke muß im Schritt gefahren werden.
S 4.
Bei Festlichkeiten, wie bei Concerten, Bällen rc-, in den Räumlichkeiten d,S Gesellschastsvereins haben alle Wagen beim Anfahren ihren Weg von der Gchulstraße bezw. den Reuei.bäuen her zu nehmen. Die Abfahrt geschieht durch die Sonnenstroße nach dem Rreuzplatz.
S 5.
DaS Anfahren zu den in $ 4 genannten Festlichkeiten hat hinter und nicht neben ei. ander zu geschehen. Die Fuhrwerke haben in der Reihenfolge wie sie angefahren fird, nach dem Ansteigen der Besucher ter Festlichkeiten sofort abzufahren.
$ 6
Die bei Gelegenheit der in § 4 genannten Fälle zum Abholen bestimmten Wagen haben sich nicht in der Sonnenstraße, sondern m der Schulstrcße auf. zustellen und nur nach Anweisung des diensthabenden Polizeibeamten vor dem GefellschasiSgebäude vorzufahren; die Wagenführer find verpfi chtet hierin den Anordnungen deS diensthabenden Polize.bt amten unweigerlich Folge zu le.sten.
Greßen, den 17. Februar 1881. ^GroßherzoglicheF
S 7.
Beim Anfahren und Abfahren darf in der Sonnenstraße nur im Schritt gefahren werden.
S 8.
Born Beginn der Abend-Dämmerung an bi- zur Tage-Helle muß jede- auf öffentlicher Straße innerhalb der bewohnten Theile ter Gemarkung Gießen befindliche Fuhrwerk mit alleiniger Ausnahme der Schieb- und Slvßkarren durch hellbrennende, iu ordnungsmäßigem Zustande befindliche Laternen beleuchtet sein.
S s
Die D.leucktung hat zu geschehen:
a) bei Persoi enfuhrwerk durch zwei Laternen, welche zu beiden Seiten deS Bockes bezw. deS Vorderiheiles deS Wagens anzubringen find;
b) bei anderem Fuhrwerk mii bestens durch eine Laterne, welche in der Regel vornen so anzubringen ist, daß Bespannung und Wagen dem entgegenkommenden oder vorbei fahrenden Fuhrwerke dadurch sichtbar werden.
S 10.
Wenn die Ladung eine- Fuhrwerks neben oder hinten so weit vorsteht, daß Fußgänger, vorbeifahrende oder entgegenkommende Fahrwerke in der Dunke.heit dadurch gefährdet werden können, so muß dieser Theil der Ladung durch eine Laterne besonders beleuchtet sein.
S n-
Zuwiderhandlungen gegen vorstehende Bestimmungen werden nach $ 366, poi. 10 deS Reichsstrafaesetzks mit Geldstrafe bis zu 60 Mark oder mit Haft bis zu vierzehn Tagen bestraft.
Polizeicerwaltung Gießen.
res entus.
Gambetta.
Trotz b<6 Spottei, den die radikale» Blätter Ftaitktt chs über die letzte Rede ®ambeita’6 ausgießen, ist der Ei druck, den fie in allen politischen Streifen dervorgerufrn hat, doch ein s,hr ernster. Zftt Dinge gehen aus ihr -an, ui zreiselhast hervor, schreibt der »Hann. Sour.': einmal, daß der Diktator auf ten «usgang der nächsten Depulirienirahlen seine Candibatur ,ur Piäside: tschast gründet, sodrnn aber, daß er eine neue R chtrng der fron- .öfilchen Politik in «nrficht stellt, welche nicht die der gegenrnäriigen R.gie- rung ist- Er deutet beide Eventualitäten zrnat nur an, aber fie find trotzdem nicht zu verkennen, denn jtr.e andere Stellung, deren Uebertrag-unz auf ihn tuich das Land er erwarten will, läßt fich unmöglich ander« beuten, und jene einenen Meinungen, die er über d,e auswärtige Politik zu haben bekennt, liegen iwetselloS nicht in der Richtung deS Frieden-. Stimmt man hinzu daß zu- gleich davon die Rede ist, die >m Ccobtr ablaufenbe Legislatur,e- obe der Depututenkammer durch Auflösung derselben abzukürzen ui d die W-ch'tn bis >n den Hochsoinmer vorzurücken, so liegt die Annahme nahe, daß Gambetta nicht daran denkt, die fieben Jahre, die der jetzige Präsident zu regieren hat, abzuwarten. Uno so scheint eS fast ficher, daß uns das Ende dees.s Ighres eine stürmische Bewegung in unserem Rachbarlande bringen wird. Daß Garn- betta dort der Meister der Situation ist, hat seine Rede schlagend dargeihan. In der Form bet Defensive trat fie bet heftigste Angriff auf das bestehende System des Friedens. Der frenetische Jubel, mit welchem die Rahmet die ironische Kiutk ihrer selbst entgegenr.ahm, ist ein neuer Beaeis für lie Wahr, hkit, daß diesem Manne in feigem Lande Keiner gewachsen ist. Sein persäa. Iiches Gewicht ist in einer Weise zu Tage getreten, die za den tristesten Besorgniffen Anlaß giebt. Was wollen die fleh en Niederlagen, Verlegenheiten und Hinderniffe da,regen kedeuiin, welche hm aus den Reihen der Monarchisten oder von Seiten des städtischen Radikal smus in jüngster Zeit bereitet wurden. Er ist der wahre Mann Frankreichs, dem die N.lion bereit sein wird zu folgen, welche Wege er auch immer e nschlagen mag. Die Wahlen wird er zu seinen Sanften leiten können, und dea Präsidenten wird er gelegentlich durch em M ßrrauens-Votum beseitigen toiejS feinen Vorgän« gern widerfuhr. Gambetta weiß nun genau, was er den Seinen bieten kann. Es ist geradezu unglaublich, in welchem Grade er di; Derttcuensseliakeit seiner Hörer in Anspruch nahm und fi gte. Deiselbe Mann, der so viele Minister grstüizt hat, der im Auslande als der mächtigste und drr einflußreichste Staatsmann seines Landes gilt, den England und Griechenland heimsuchen, derselbe Mann hat sich nie um die große Politik bekümmert, wie er behauptet. Er h.it nie auch nur den Versuch gemacht, Einfluß auf die Entschließungen der Minister zu gewinnen, er hat nie etwa- von den Waffenverkäufen des sdriegs-
Ministers gewußt und von der beabfich'igten S'ndung Thomasfin'S nur nachträglich gehört, er Hal keine Ahnung davon, d^ß d e in diesen Dingen enthaltene Aufforderung an Griechenland, zur krieg-rischen Sction zu schreiten, einen d retten Gegensatz zu der offkuflen Neutralität des legalen Cabinets bildet, daß vor Aller Äug n eine geheime Nibenregierung in Fra kreich besteht, we che die Wege deS Gesetze- kreuzt, er weiß von Allem nicht-. Und man glaubt seinen Wortin. Er ist der übel verleumdete Biedermann, etwas beschränkt zwar, wie man annehmen muß, aber grundehrlich. In der That, Gambetta dal -u v el bewrisen wollen, weniger wäre mehr gewesen. Gelang es ihm, seine Landeleuie zu lä-schen, das Ausland hüll fich für brrechtigt, mit eigenen Augen zu sehen. Gambetta hatte seine guten Gründe, den Urtext der Rede von Caerbourg nicht zu veröffentlichen, jetzt ist eS ihm leicht, -n dementiren. Weiter kann man an seine Unschuld in der griechischen Frage unmöglich glaubm, wenn man deren Phasen bis jetzt verfolgt hat und den Eharakter des ManneS in Rechnung ziedt. Der R dner brivchte aber den Schein deS Loyal'smuS, den Schein fricdlicher Grfinnung, um bei den nächsten Wahlen obzufi'gen, um d.e gemäßigten Elemente der Republik für sich zu gell innen in seinem Kampfe g'gen monarchistische und radikale Tendenzen, und er darf fich Glück wünschen: er bat sein Frankreich, mag er eS nun zum Kriege oder zum Frieden leiten. Man braucht bei ferner Bewerbung um die höchste Gewalt gar nicht an außerordintl che Maßregeln und Wege zu denken. Sie wird ihm. wenn ihn die Wahlen tragen, spielend in den.Schooß falle». Und aller Voraussicht nach werden chn die Wahlen tragen. Er weiß daS selbst nur zu wohl, sonst hätte er nicht so sprechen können. Und auch seine Nat'v. weiß es, sonst hätte fie fich eine solche Behandlung einfach nicht bieten lassen. WaS nun die Wirkungen der Rede auf daS Ausland betrifft, |o würde <s nickt ungereimt scheinen, wenn daS griechische Eabinet, in der Zukunfts- Hoffnung einer franzöfischen Unterstützung schwelgend, neue Kraft zu kriegeri- schen Plänen gen innen würde; waS uns silbst o6tr an langt, so kann uns daS ostenfible Uebrrmaß der FriedenSseligkert in Frankreich nur peinlich berühren. D-^ß die Präfidentschtfl Gambetta's nicht den Friedm bedeutet, ist uns Allen zweifellos. Und so greift die Rede Eambctta'S über den engen K eis eines Tagksereignisses hiaaus. Nicht bloS bei uns erkennt man, daß die Spitze der Kundgebung gegen Deutschland gerichtet ist. Em außerdmtscheS Blatt, die „Wiener Presse", sagt: „Indem der Dictalor Deutschland der Einmischung in das Selbstbestimmung-recht des franzöfischen Volkes bezüchtigt, stellt er die Frage so, daß seine Wahl die Erhebung der Nation gegen eine solche Anmaßung bedeutet Das ist ein äußerst geschickt auf die Franzosen berechneter Schachzug, aber nicht sehr beruhigend für das Ausland. Bisher wurde der Eandidatur Gambetta's nur von Berlin aus eine Spitze gegm Deutschland gegeben, heute aber bestätigt der Kammerpräfident, daß fie gegen Deutschland


