N . I2?D <krft,s Blatt. Sonntag den 5. Juni L88I.
Kießener ^lyeiger
Avzkize- «id Amtsbliill ftr itn Kreis Gießen.
Bureau: Schulstr-ß- B. 18. Erscheint täglich mit «uinnhme brt Montag». *rd# «iertkljährlich 2 Merk 20 Ps. mit «ringerlohn.
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Amtlicher Hheil.
B e k n >i ii t in a ch u n g.
Aus Eisuchen wt.d hiermit zur Kei.ntniß gebracht, daß dci deut Großh. Rentamt Nidda nunmehr Mittwoch, Donnevfiaa, StcitüÄ unb Samstag arS Zahltage bestimmt find.
Gießen, am 3. Juni 1881. GroßherzsgltLeS Kreisamt Gitßen.
Or. Boekmann.
Gefundene Gegenstände:
1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Hemd, 1 Taschentuch, 1 Hose, 1 goldene Broch?, 1 goldenes Armband (wurde schon vor mehreren Wochen gefunden) 1 Rot hacke, 1 Peitsche, 1 Strohhut, 1 goldewr Ubrschlüssel, mehrere Schlüssel.
Gießen, den 4. Juni 1881. Großherzogllche Polizetverwaltung Gießen.
Fresenius.
Pfingsten!
In der Relhe der weihevollen Feierkage ist Pfingsten der Name deS lieblichen Festes zu Theil geaorden. Lieblich ist daS Wrhin deS ZephyrS in der reinen Lust des Frühsommer», ltebl ch das Blühen der üppigsten Kinder der F.'ora, lieblich der fettgrüne Schn uck der Auen, lieblich der Jubelgesang oer g.fiedrrten Sänger. Der Ltibei, der Matur predigt die Liebe, die All. güte deS Schöpfers, ihr Frieden mahnt die Menschheit an jenes leider noch fetne Glück, in welchem einst die Mcnschheit selbst zu lieblicher Blüthe sich zu entfalten berufen ist. Je mehr Verwirrung und Streit d e Gemüthrr erfüllen, je häßlichere Furchen Wahn und Verfolgung im Antlitz der Geschmähten und Geknechteten ziehen, je drohender krankhafte Ausschr.itungen, sei eS durch Ueberbiltung oder Unbildung, durch Frömmelei cder Aberglauben, durch Herrschsucht oder U.berhebung, aus unserer vielgepriesenen Cultur ein Zerrbild machen, um so rührender uno erhobener wird unS der Frieden der Natur, der liebliche Knabe, gelagert am Bach der D.uelle, der nach einer ewigen harmonischen W.itwükl ng zusammeiiwiik.nden Na:urkiäste im Gegensätze zu dem wider, lichen Kampfe um das Da,ein erscheinen, in welchem die Menschheit sich kaum noch an den kirchlichen Festen Rast und Ruhe gönnt.
Pfingsten, das liebliche Fest, erinnert an die Ausgießung deS heiligen Geiste- auf die Jünger. Sie redeten in allen Zunge»', über eir.müthig ertönte in ollen Sprocken da- Lob des Herrn, der Preis der erlösenden Religion. GS ron der Geist GotteS, der in der Wahrheit ist und in der Wahrheit sollen wir ihn anbeten. Was aber haben ue Menschen gemacht aus dieser Religion, die unS einen Hirten und eine Heeide verheißt?
Die Religion ist im Laule der Jahrhunderte gemißbraucht worden zu weltlichen Zwecken, in ihrem Namen gestehen die größten Gräuel und der heilige Geist lebte oft genug nicht in den berufenen Geistern, sondern nur in brr großen ewigen Gemeinde aller guten und «hrl chrn Menschen. In dieser Gemen de lebt unb waltet noch heute der heilige Geist unb redet dieselbe Sprache deS reinen HerzerS, deö^ eh-.lichen Strebens zum Guten, der Nächsten, liebe und Duldung in tausend Sprachen.
Irrer heilige Geist aber fehlt in unserem weltlichen Denken und Trachten. Der Mensch hat noch nicht erkannt, befe bte wahre Religion lehrt, sich selbst und seinrö Gleichen nicht zu schätzen noch Race oder Maiicnahfäl, nicht nach Armuih oder Reichthum, nicht nach irdischen Gütern und hohen geistigen Gaben, nicht ncch den Worten, so, der nach den Thaten. An ihren Früchten werdet Ihr fie erkennen I
Wahrlich, tf thut dringend roth, daß keines unserer religiösen Feste, auch Pfingsten, das liebliche Fest, nicht vorübergedt, ohne uns zurückzuführen zur Demmh unb Bescheidenheit. Ken e Zeit mehr als unsere ruft unS Tag für Tag im Jagen nach n ühelosem Gewinn, im leichtfertigen Handel und Wandel, in der Ausnutzung deS Mitmenschen ernster unb warnender zu: ,WaS hülfe es Euch, so Ihr dir ganze Welt gewönnet unb nähmet doch Schaden an Eurer Seele!" Wie klem müffcn wir ms erscheinen, wenn wir wenige Jahre nach der glorreichen Erhebung deS einigen begeisterter. Volkes, kaum ein Decennium nach Errichtung deS machtvollen Kaiserreiches an allen Ecken und Enden Unglück und Elend, Haß unb Zwietracht, Unduldsamkeit und DersolgungSsucht auf. sprießen sehen? Finstere Mächte nagen am Gebäude des Reiches, die Einheit ist geblieben, aber Einigk.it und Freiheit rücken unter dem siegreichen Ansturm rückschrittlicher Elemente in immer weitere Fernen.
Mnb barum bitten wir an einem Feste, das uns lehrt, w'.e groß das schwache Werk weniger MenschiN, die brr heilige Geist erfüllte, sich emporhob zum mächtigen Bau des Chr'Henthums, daß auch der hrtlige Geiß der Geschichte sich herabsenken möge auf unser Volk, daß nicht mehr, die eine Zunge reden, in hunderterlei zerrissenem, eigennützigem, habsüchtigem, dünkelvollem unb wahnwitzigem Geiste sich und die hehre Cultur befehdkn und beflecken. Pfingsten sende uns nicht allein den helligen Geist der Religion, sondern auch den heiligen Geist der ^ttte, der ernsten Erziehung und Fortbildung, der chrlichen Arbeit, den heiligsten Geist der Treue unb Liebe zum Vaterlande. Dann erst weiden wir, ein einig Volk in Wort unb That, feststehrn in Gottesfurcht und frommer Sute, rtnr heilige Gemeinde — Mann für Mann — trotzend dem Ungemach unb Unglück, das uns läutern wird, emporblühend nicht allein zur Macht, sondern auch zum Wohlstand, nicht allein zur Wissenschaft, sondern
Berlin, 3. Juni. Der Kaiser mußte wegen plötzlichen Unwohlstins die Fahrt nach Potsdam zur Besichtigung des Lehrbataillons aufgeben. Die Aerzte constatiren eine leichte Erkältung; der Kaiser muß daS Bett bütrn.
Berlin, 2. Juni. Die SeitrnS der »ationalliberalen Partei nlafsene, von 176 Mit fllttbim deS ReichStagS unb der Einzel«Landtage unterzeichnete Erklärung hat folgenden Wortlaut:
Die am 29. Mai In Berlin v«rsammeltrn. der nationallideralen Partei angelörtqrn Ik'iLi.tcttr ttfc RtichSragS und der DoikSvtrtretungen deutscher Einzelstaaten haben deschlofien, die nackfolg-nd« Erklärung der Oeffentltchkeit zu übergeben:
Die nationaüibttale Partei fteht in unverbrüchlicher Irme zu Kaiser und Reich. Bei voller Wabrvng der verfassungtzmäßigln Rechte der Einzelstaaten wird fie nach w,e vor der w.tteren Eutwickeluug der RetchSinstituttonen in nationalem und freiheitlichem Sinne t.re Dienste widmen. WaS für diese Entwickelung unter entscheidendtt Mitwirkung ver Partei gr ichehen ist, bezeugt Vie Geschichte und die Gesetzgebung deS Reichs in den ersten zehn Iah-en seines Bestehens. Die nationalliberale Partei hält es für ihre nächste unv wichtigste ckuigv k, das auf diesem Wege geschaffene in seinen wesentlichen Grundlagen ungeschmälert zu erhalten, ohne der i-efiernoen Abhülfe sich zu versagrn, wo einzelne Mängel an der Erfahrung hervor. RctTtltn sind. Ihr Dertrauen zu der das Ansehen Deutschlands und den Frieden Europas sicherndem Leitung unserir auswärtigen Angelegenheiten besteht unttfchütterr sort. Uebtt dir innere Politik, welche die Retchsregierung zur Zeit verfolgt, gibt sich bie Partei ebensvweni», einer Läuichung bin, wie über die Veränderung, welche ihre eigene Stellung zur Reichsregieru dadurch erfahren hat. Aber bie Zurückhaltung, welche hierdurch der nationalltveralen Parui auf.rlegt ist, wird fie nicht abhalten, olle Vorlagen der Regierung auch auf dem Gebiete der inneren Gesetzgebung unbefangen und sächlich zu prüfen und dem alS nützlich erkannten il re Unterstützung zu leihen. Das gilt namentlich auch von den Vorschlägen, weiche die arbeitenden Klaffen für Lie Förderung der Wohlfahrt und den Schutz gegen die Folgen von Ungiücksfällen im Auge haben. Getreu der naiürlichen, übernommenen Verpflichtung würden wir der social,st,schn, Bewegung nicht lediglich durch die Niederhaltung drohender gewaNsomer Ausbrüche, sondern vor Allem auch durch pofitive Maßregeln für daS Wohl der arbeitenden Kaffen rntgegenzutreten demübt fein. Alle Bestrebungen, gleichviel von welcher Sette sie kommen, welche auf die Schmälerung der verfaffungSmätzigen Rechte der Volksvertretung und auf d,e Rückkehr zu abgestorbenen Formen unteres wirthschaftlichen LebenS gerichtet find, wnd die Partei mit Entschiedenheit bekämpfen. Sie ist jederzeit bereit, dazu berzutragen, daß ein friedliches Verhältnisl zwischen Staat und K rche wieder hergestellt unv aufrecht nholten wird. Sie werß auch sehr wohl die große Bevcutung des kirchlichen Lebens für unser Volk zu würdigen; aber den nvthwendigen und urreräußnUchen Rechten fc<6 Staates gegenüber cn Ruche wird fie keinen Abbruch geschehen loffen, namentlich nicht auf den Gebieten btt Säule und der Ehegesetzgebunz, wo Uebergriffe kirchlicher Reaktion gaabe in Deutschland stets am Peinlichsten empfunden find unv am unheilvellsten gewirkt haben. Entschloffen, die bestehende gewerbliche Gesetzgebung und cie auf ihr beruhende wirthschaftliche Freiheit ge^en reaktionäre Angriffe zu vertyeidigen, holten wir an der Uederzeugung fest daß enlgegenstehende flfittnunpfr. über Schutzzoll und Freihandel nicht zur Grundlage politischtt Parterbildung dienen dürfen. Die Lttschiedenheu der landwirthschaftlichen Interrffen je nach dem Vorwiegen von Handel und Schifffahrt, von Ackerbau odec von Industrie «rforvttt dringend, daß mntthalb unserer Parte, abweichenden Anschauungen über Zollfragen Raum qelaffen wird. Ein Aufgeben dieser Frecheit würde eine über ganz Deutschland sich erstreckende nattonallibnale Partei unmög.ich machen. Raum vollständig zurückgedrängte poliu>che Gegensätze von Norden und Süden, ccn Osten und Westen müßten ,n unserem noch so jungen deutschen Reiche auf das Gefährlichste immn von Neuem brrrorbrecken, wenn ^roße wirthschaftliche Intnesien zugleich als polttilche Parteien sich bikämpfen. Tie Steigerung der eigenen Einnahmen des Reichs und die aus- gleichevde Befried,gura feiner finanziellen Bedürfnisse gehört zu dem alten Programm der Partei. Sie ist e,nn entsprechenden Vermehrung der »ndtrecten RetchSsteuttn zu bujem Zw'cke nickt entgegen?« treten. Gegen das Projekt des Tabaksmonopo'.S hat fie aus wirthschaftlichen wie auS politischen Gründen entschieden Widerspruch nhoben. Vor dem Eingehen auf wettere umfaffende Pläne, welche die Steunkraft des Landes in höhnem Maße in Anspruch nehmen, muß zunächst das rolle und nachhaltige Ergebmß ber vom Reichstag im Jahre 1879 bewilligten Zölle und VttdrauchSsteuern abgewartet tonten. In Preußen wird die Partei bei einer Reform der direkten Steuern Mitwirken, welche die Entlastung der »entger bemittelten Klaffen von einem Theile der ihnen aufnlegten Steunn herbeizusühren bestimm: ist. Ernn Znstörung beS direkten Steuersystems odtt eintt wesentlichen Schmälerung semn Erträge zu Gunsten an- gemepener Vermehrung intnecter Steunn werden wir unS widersetzen. Für die Uebtrtoeifung eines The,les drr Grund- und Gedäudesteunn in Preußen an die Communen unb Cornmuna.- vttbände — eine alte Forderung der libnalen Partei — werden hoffentlich die im Jahre 1879 bewilligten Srträae unter normalen wirtbschaftlichen Dtthältniffen nner umfichttgen Finanzverwaltung die Miltei bieten. Gegen eine übermäßige Gentralriation ter Staatsgewalt tonten ton die Selbstständigkeit und die Selbstverwaliunq dn Gemeinden Derzeitigen und tcettn ent- to.ckeln. Rach schmnzl chen Erfahrungen und Prüfungen ter Vergangenheit ist die national: lidttole Partei aus der Uebergtugurg unseres Volkes hnvorgepangen, daß eine über ganz Deutschland ausgebie tete unabhängige, reaktionären wie radikalen Tendenzen gleichmäß sich fern haltende, durch die Unterorcnang ind viduelln Ansichten unter die großen gemeinsamen Ziele starke liberale Partei eine Nothwendigkett ist. Ohne eine solche Partei wird ein fortdauttvter, die Grund'äulen des Staates erschütternder Kampf zwischen extremen Richtungen, an dem andere Staaten kranken und nicht zur Rude kommen können unfercra Vaterlande nicht erspart bleiben. An dieser Ueberzeuqung hielt die nationalliberale Partei auch in ter heutigen Zeit unerschütterlich fest, wo w'.rthschaftliche Sorgen die politische Enttäuschung und Verbitterung das ruhige lhtb*il zu verwirren nno die Bevölkerung in großer Zabl dem politischen Leben zu entfremden ober extremen Richtungen nach rechts ober links zuzutreibrn drohen. Für Deutsch, land ist nach wie vor eine Parte, notbwenvig, welche die weitere Entwickelung unsnes Darer- landes auf den mühsam erkämpften Grundlagen in entschjeden^freiheitlichem, abn zugleich maß-


