d?r. 282 Samstag den 3. Tccemver 1881.
Kichener WnMger
AiM- nah Amtsblatt für den Krris Gießen.
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Deutschland.
Darmstadt, 30. November. Wie wir fotbtn erfahren, hat Herr Dr. SDlann, dem Drängen feiner Wahlmänner nachgebrnd, sich entschlossen, eine Wahl in den Landtag wieder anzunehmen. Da er daö vorige Mal ein» stimmig von den Wahlmännern wieder gewählt rootbtn ist, so ist es faum zu bezweifeln, daß Herr Dr. Osann demnächst dem Landtag rtieber angehören wird. (Neue Hess. Dolksbl.)
Berlin, 30. Novbr. Bezüglich unserer Nachricht, baß Gras v. Wal- dersee künftig als Ablatu« beS Chef« tes großen Gei.eralstabeS sungiren werbe, können wir noch bemerken, daß aus Wunsch beS Grafen Moltke der Genannte demselben in einem Theil der vielfachen Geschäfte häufig als Stell- Vertreter beigegeben werben soll, rrähienb b e Eentralleitung selbstverstänblrch den Händrn des berühmten Strategen anvertraut bleibt.
— Wie wir bereits früher meldeten, hatte sich der Dun^esrath vorbe halten, den Zeitpunkt für Anschluß der Unt reibe durch besonderen Beschluß festzujepen. Jetzt liegt der Antrag Preußens, betr. die Ausführung des An- jchlufies der Unterelbe an da- deutsche Zollgebiet und die dadurch enrstehenden Losten, dem BunteSrath tor und lautet: Der Dundesrath wolle beschließen, daß 1) r er Zeitpunkt deS AnschlufieS der Unterelbe an daS deutsche Zollgebiet auf den 1. Januar 1882 f.stzusetzen. 2) d e vorgeschlagene Aenderung der jetzigen Zollgrenze zu genehmigen fei, 3) die zollamtliche Behandlung der WaarenEin», Aus- und Durchfuhr auf dem zum Zollgebet gehörigen Theile der Unterelbe nach den Vorschriften deS Vorgelegen Regulativs zu erfolgen habe, 4) die durch den Zollanfchluß der Unterelbe entstehenden Kosten, soweit sie nicht von der freien Stadt Hamburg au tragen find (und zwar nach der vorläufigen Beiechr ung bei den en maligen Kosten eine AnSgLbe von 479,550 JL und bei den dauernden Ausgaben eine Mehrausgabe von 284,808 in vollem Umtange von der Zoll-Gemeinschaft vergütet werden sollen. — Die durch den Zollanschluß entfiebenb-n bauernbe. Kosten betragen, soweit fie dem Reiche zusallen, 310,188 JL
— Die Reihen bes Centrums waren in ber heutigen Sitzung bes Reichstags nicht so gut besetzt wie gestern. (5me große Anzahl von Mitgliedern der CentrumSPartei, we.che zugleich auch der bayerischen Kammer der Abgeordneten angehüren, haben Berlin verlaffen, um in München bei dem erneuten Anstürme gegen daS Ministerium Lutz lhätig zu sein.
— Aus der Frage: „Wer wird den fürstbischöflichrn Stuhl in Breslau besteigen?M ist plötzlich eine andere entsprungen: .Hat Prinz Radztwill unter den jetzigen Verhältnissen Aussicht, ein B'Sthum zu erhaltenEs mag unter diesen Umständen nicht un-ntmffant sein, an die Stellung zu erinnern, welche der Prinz in den vorderen Reihtn der Kämpfer des UltramontoniSMLs einnimmt, namer.tlich aber an seine A ffaffung des kiichenpolitischen Streites zu erinnern, wie er sie in der vor drei Jahren erschienenen Streitschrift: „Kanossa oder Damaskus", eine Lebensfrage für das deutsche Reich, von Edmund Prinz Radztwill niedergelegt hat. Tie betr. Broschüre beschäftigt sich vornehmlich mit dem Socialistengesetze, dem sie teb e besondere Wirkung prognosticirt; dafür aber erwartete der Perfaffer von einer aufrichtigen Dec- Kündigung zwischen Kirche und Staat ein Zusammenwirken brber bei ber Lösung der socialen Frage. Der Culturkampf, meint ber Fürst Radziwlll, fei ein „Meisterstück in der Conceptwn" gewesen; wenn er trotzdem den Dienst oeifa^'te, so läge dies einfach in ber protestantischen Ansicht von ber blos menschlichen Verfaffung ber Kirche. Der Versuch sei mißlungen. „D'.e von BonifactuS grundgelegten Bindeglieder der K.rche in Deutschland mit dem Centrum der katholischen Ei> heil in Rom hielten fest." Fürst BlSmarck habe mit dem Culturkampse bezweckt, durch Asfimilirurg des Katholicismus und Protestantismus eine festere Verkettung auch in politischer Beziehung für das neu geeinte Reich zu erzielen. Prinz Radziwill sieht in der Entziehung der Schule von der geistlichen Aufsicht, in den gegen die Jesuiten- und andere Orden ergriffenen Maßregeln den Bewe-S, daß Fürst Bismarck es con vornherein auf einen nachhaltigen und weitangelegten Kampf gegen bie katholische Kirche angelegt hatte. — Besonders interessant aber erscheint gerade im Lichte der gestrigen Debatte im Reichstage die folgende Stelle in dem prinz» lichen Buche:
„So sehr auch heute das öffentliche Urtheil über den Culturkampf und feine Folgen sich ernüchtert hat, so sehr die Erregung der tiefsten Leidenschaft, welche im Herzen des Menschen schläft, der religiösen Erbitterung und deS unüberwindlichen Voiurtheils, einer ruhigeren Erwägung Platz zu machen beginnt, — darüber möge sich doch Niemand räuschen: Die Gegensätze, welche in harter Reibung, wie zwischen Stein und Stahl, die heiße ®lutb des Kulturkampfes erzeugten und in verheerendem Brande bie reife Frucht langjähriger Arbeit vernichteten, fie bleiben bestehen, und so wenig Fruer und Waffer sich eint zu friedlichem Bunde, so wenig werden Gegensätze, welche bie beiben Pole brr menschlichen Entwickelung bezeichnen sich versöhnen, bevor nicht Gott selbst dem Kampfe Halt gebietet unb seine Schöpfung ber in ber Sünbe verlorenen Einheit in Gott zurückgiebt."
— Graf St. Vallier erhielt, wie wir vernehmen, sofort nach fernem Eintreffen in Berlin ein Schreiben des Reichskanzlers Fürsten BismLlick, in |
welchem der Botschafter Frankreichs gebeten warb, so balb als möglich an einem Familie, biner beim Reichskanzler theilzunehmen. Daffeibe hat am Montage im engsten Familienkreise stattgefunden unb nur ber Staatssekretär im auswärtigen Amte, Graf Hatzfelb, nahm noch baran Theil. Der Rücktritt St. Dallier's erfolgt einzig n, d allein aus Gründen der inneren Politik; als Botlckafter ist Graf St. Vallier Staatsbeamter, unb es wäre mit dieser Position kaum vereinbar, wenn er al« Senator bie innere Politik Gambetta's, namentlich m Fragen wie die Abietzbarkeit ber Richter, die Verstaatlichung ber Eisenbahnen, bie kirchenpolitische Gestaltung in Opposition zur Regierung treten uinßte. In der auswärtigen Politik Frankreichs soll ja eine Aenberung ber bisherigen Principien nicht eintreten.
Essen, 30. Nov. Die „Essener Ztg." publ^cirt das in der am 29. ds. ZU Düsseldorf abgehaltenen Generaloersarrmlung des Vereins zur Wahrung der gemeinsamen wirthschaftlichen Jntereffen für Rheinland»Westfalen an den Fürsten Reichskanzler abgesandte Telegramm. Daflrlbe lautet: „Die Gene- ralversari'mlung deS Vereins zur Wahrung ber gemeinsamen wirthschafilichm Jntereffen in Rheinlanb unb Westfalen ergreift freubig bie Gelegenheit, um mit bem Aus drucke vollster Verehrung für Euer Durchlaucht gegenüber ben vielfachen von politischer Varteistellunq beeinflußten gegentheiligen Aeußerungen zu versichern, daß sich in Folge Einführung der veränderten Wirthschaftspolitik die Aib'tt erheblich gemehrt hat, daß bie Arbeit lohnender geworden ist und daß sich mit unfern gesammten wirtschaftlichen Verhältnissen namentlich die Lage der Arbeiter gebeff-rt hat."
Hesterreich.
Wien, 30. Nooembrr. Die Regierung hat dem Abgeordnetenhause ein GeOtz über S nfübrurg von Post'Sp .ikaffen vorgele. t. Unter staatlicher Verwalturg und Geirährletstung wird darnach eine Staatssparkaffe mit dem Titel k. k. Postspa kaflenamt errichtet, al« deffen Sammelstellen die vom Han» delsminister hierzu bestimmten Postämter dienen. Die eingezahlten fre* ver- sügbaren Spareinlagen hat das Postsparkcffenamt fruchtbringend amulegev, und ttoar durch Ankauf verzinslicher östrrreichischer StaatSschuldoerschreibungen. Die Höbe des ZirSfußls wird auf drei von hundert für ba« Jahr festgesetzt. @in 1000 Gulden übersteigender Betrag des Sparguthabens wird nicht ver» zinst Die Rückzahlung be« Guthabens ober eines Theil« erfolgt nach einer Äünbiflurfl, welche bei jfber Sammelstelle (Postamt) eingebracht werben kann, auf Grund e ner Anweisung bis Postsparkaffenamtes gegen Vorweisung be« EinlagebuLks bei ber in ber Künbigung genannten Sammelstelle. Die Kündigungsfristen, b'nnen welchen die Rückzahlung zu erfolgen hat, werden im Verordnungswe. e festgesetzt.
Außland.
Petersburg, 30. November. Jgnatieff läßt gegenwärtig, um den uranaenebmen Eindruck, den der neueste Mordanfall erzeugte, zu verwischen, das Gerücht ter Breiter., Sai kowLki unb Neloikow seien wahrfcheinlich keine Nihilisten. Ersterer fei ein leichtsinniger Wüstling, der sich bas Leben habe nehmen, vorher aber noch e<nen Arberen umbrlngen wollen. Warum aber der Mörder, um diese- zu thun, extra nach Petersburg gereist ist unb sich gerade ben Gthülfen Jqnalieff's, den Leiter des AuSschuffes für bie Verschickung auf abministrativem Wege, ausg'sucht hat, das wirb nicht erklärt. Die Nihilisten werben übrigens gar nicht unzufrieden mit dieser Auslegung des Vorfalles sein, unb sich bamtt zu irösten ra ffen, baß außer ihnen in Rußlanb auch schon andere Menschen auf die Spitzen der Behörden zu schießen anfangen. Der Ausweg, ben die Regierung ergreifen zu wollen scheint, würde also einen recht ungefähren Verlauf nehmen. In Folge des Morbanfalls würben ungefähr 30 Personen beibtrlci Geschlechts verhaftet.
Amerika.
Washington, 28. Novbr. Der Proceß gegen den Meuchelmörder Ouiteau wurde heute wiederum mit sehr nebensächlichen Fragen fortgesetzt. Frau Scoville, die Schwester des Angeklagten, bekundete, daß fie ihren Bruder für irrfi nig gehalten habe. John Guiteau, der Bruder des Mörders, gab zu Protokoll, er häne bis rach dem Altentat auf ben verstorbenen Präsidenten niemals daran gezweifelt, daß sein Bruder bei gesundem Verstände sei.
Deutscher Reichstag.
7. Sitzung vom 1. December.
In ber heutigen Sitzung des Reichstags kamen hauptsächlich zwei Momente zur Sprache, einmal das Zusammentagen der parlamentarischen Körperschaften der Einzelstaaten mit dem Reichstage und dann die Institution des Volkswirthschastsraths. Beche Debatten unterschieden sich von denen früherer Tage hauptsächlich dadurch, daß in reiner von ihnen starke persönliche Bemerkungen gemacht wurden, sondern daß dem Wunsche des Kanzlers nachgekommen wurde und nur das sachliche Motiv die Redner leitete. Eröffnet wurde die Sitzung heute um 121/» Uhr durch den Präsidenten v. Leoetzow. Tas Haus setzte die zweite Berathung des Etats fort und begann zunächst mit dem des Reichsamts des Innern.
Bei Titel 1 der Ausgaben bittet der Abg. Dr. Windthorft den Staatsminstier Bötticher um einige Aufmerksamkeit und fragt ihn, weßhalb gleichzeitig mit dem Reichstage der Provinzial-Landtag zu Munster und Düsieldorf und der daierische Landtag tagten. Tas geschehe doch nur jum Schaden des Reichs.
Staatssecretär Bötticher erklärt diesen Umstand dadurch, daß der Reichstag auf den Antrag des Abg. Rickert schon in diesem Jahre berufen worden s«. Er wisse nubt


