Är. 12«.
Donnerstag den S Juni
1881.
Gießener MnMger
Amtigk- nnb Amithlati für dm Kreis Gießen.
Vurrau t Schulstraße B. 18.
Erscheint täglich mit Ausnahme del MontagS.
Pre'.S vierteljährlich 2 Mark 20 Pf mit Bringnfotr.
Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50
Amtlicher Hheil.
Betreffend: Das Gesetz über die Ausübung und den Schutz der Fischerei
^L27' ' bik Ausübung und den Schutz der Fischere« betreffend, steht e« mit dem Inkrafttreten desselben allen
tind* umtflnd?*» bt/m f*b? 0tn ^3a*trer^dItniB zurück,utret.n, e« können jedoch Kündigungen ans Grund dieser Bestimmung nur in
einer unerstredtchen Fr st 00> zwei Monaten nach dem Inkrafttreten de« Besetze«, also längstens bis ,um 26. Juli d. I. stat,finden. ®
II9 'd,en Min.ster.ums de« Innern und der Just,, machen wir hierauf besonder« aufmerksam.
Bi eß en, am 3t. Mai 1881. Großherzogliche- Krel-amt Gießen.
___________________ Dr. Boekmann.
Deutschland.
Berlin, 30. Mat. Unter zahlreicher Betheiligung auswärtiger Dele- gtrten aus allen Theilen Deutschlands sand am vorletzte» Dienstag Abend in Berlin die Generalversammlung des WahlvereinS der Liberalen in Deutschland (Secejfionisten) statt. Nachdem Justizrath Lesse die Versammlung eröffnet hatte, wurde Frhr. v. Stauffenberg einstimmig zum Vorsitzei.den gewählt. Dieser bemerkte einleitend: Wir stehen vor einem verhängnißvollen Wende- punkt. Wenn wir aus die Entwickelung der letzten Zeit zurückblicken, so sehen wir in den ersten 7 Jahren deS deutschen Reiches ein friedliches und emmüthi- ge« Zusammenwirken der Regierung mit den Parlamenten und den Parteien; leider hat sich dies wie mit einem Zauberschlage zum Schlimmeren gewandt. LS ist dies eine der merkwürdigsten Erscheinungen in der deutschen Geschichte, daß gerade in dem Augenbl cke, wo sich alle Parteien zum Stampfe gegen das Ueberwuchern der Socialdemokratle vereinigt hatten, die Zersplitterung und der Saupf Aller gegen Alle eintrat. Gleichzeitig traten auch in dem politl- Ichen Stampfe die materiellen Interessen in den Vordergrund. Auch wir haben daS Materielle niemals vernachlässigt, wir glaubten jedoch den idealen Volks- gütern den Vorzug geben zu sollen. Trotz des wirthschaftlrchen Niederganges hätten sich die materiellen Inter,ssen niemals derartig m den Vorderg und drängen können, wenn nicht die mächtige Hand und der mächtige Wille eines ManneS. der bemüht ist, alle Dinge nach seinem Willen zu gestalten, dabet geholfen hätte. Die Umkehr begann mit jenem bekannten Briefe an den Frhrn. v. Thüngen. Die deutsche WirthschaftSpollt.k hat sich im Sinne des geu äßigten Freihandels entwickelt und nichts ist falscher al- die Annahme, daß der radikale Freihandel in Deutschland geherrscht hätte. Eine Principtenfrage ist erst dann entstanden, alS erklärt wurde, daß die ganze Wirthschaftspolulk von Grund auS falsch sei. Diese Reaction waltet aber auch auf allen anderen politischen Gebieten. Man macht unS für Gesetze verantwortlich, die im Wesentlichen auf die Initiative der Reichsregierung zurückzuführen sind; dies macht besonder- im Süden einen eigenthümlichen Eindruck. Für unS toi Süden, die wir stets den nationalen Stantpunkt vertreten haben, war es eine barte Enttäuschung, als der Reichskanzler erklärte: der deutsch-französische Handelsvertrag hätte ihm von Anfang an mißfallen. Wir hatten uns zu neuem Sturm bereit erklärt unter drei VorauSsitznngen und zwar: 1) der Aufstellung eineS bestimmten Programms, 2) der Wahrung der Rechte deS Reichstag- und 3) daß die Steuern nicht auf unentbehrliche Lebensmittel und auf die ärmeren Volksklaffen gelegt werden. Jetzt wird jedoch diesen drei Punkten direct entgegrn gehandelt. Ich will schweigen von den Monopolen und staatS socialistischen Projecten, deren praktische Undurchführbarkeit wohl außer Zweifel steht, deren bloße Existenz als Projecte deS Reichskanzlers aber bereits geeignet sind, Handel und Industrie aufs Tiefste zu schädigen. Hierzu kommt daS Auftreten der e$tiemftea Parteien, die eine Agitation von einer Wüstheit entfalten, wofür sich der rechte Ausdruck nicht finden läßt und welche man vor wenigen Jabren noch für unmöglich gehalten hätte. Wir werden, wenn wir alle diese Symptome erwägen, einem Wahlkampfe gegenübeistehen, von einer Bitterkeit und Wildheit, wie er bisher in Deutschland ohne Bei- spiel dastehen dürste und welcher die ernsteste Ausdauer und daS einmütigste Zusammenwirken aller liberalen Elemente erfordert. Es handelt fich dieSmal bei den Wahlen um die Erhaltung unserer Selbstständigkeit oder um die Ec- richtung des reinen Polizeistaates. Die Spaltung der natumalLberalen Partei ifl eine Thalsache, die ich hier nicht erörtern will. Wir haben, als wir auS der nationalliberalen Fraktion austraten, keine andere Absicht gehabt, als eine qrofje liberale Partei zu schaffen, die fest zusammenhält zur Erreichung aller liberalen Forderungen. Gelingt uns dleS nicht, so haben wir unsere Ausgabe verfehlt; al8 Fraktiönchen zu ex'ßtren, ist nicht unser Wunsch. Stellen wir die liberale Partei über die Fraktion und über die Parteien die gemeinsame Liebe zum Vaterlande. (Lebhafter Beifall). — Abg. R.ckert berichtete hieraus über die Thatigkeit deS Im November 1880 gewählten geschäftsführenden AuS- schuffeS ; dieser habe von der Aufstellung eines bestimmten Programms Abstand genommen, um einen möglichst großen Centralisationspunkt für die Liberalen er k n®en $U Es sei dies im Hinblick auf die bevorstehen-
ben Wahlen dringend geboten. Es gelte jetzt, gegen eine konservativ-klerikale Vereinigung unter sehr schweren Derhältniffen den Wahlkampf zu führen. Mit dem Central Wahlcomitä der Fortschrittspartei fei bereits eine volle Verstau, bigung erzielt worden. Von anderer Seite seien Verhandlungen behufs Ver
einigung nicht beliebt worden; dieS wird uns gleichwohl nicht abhalten — so fuhr der Redner wörtlich fort —, in allen Wahlkreisen, in denen die Berichte dabin lauten, daß nur die nationalliberale Fraktion aus eine Wiederwahl rechnen kann, ohne Weiteres auch nach dieser Richtung hin zu wirkeen. ES ist nicht zu vergessen, daß die Gegner ihre Machtmittel und die Inienfität ihrer Agitarion vermeh't haben. Die Conservatioen regen sich mächtig; sie haben jetzt eine fast ununterbrochene Reihe von Versammlungen veranstaltet und dabei große Geldsummen zusammlngebracht. Die Conservativen haben eingesehen, laß ihnen die Frist kurz zugemessen ist und daß eö gilt, die Ernte schnell ein- zuheimsen. Den Conservativen steht außerdem die große Macht der Regierungspresse zu Gebote. Deshalb müssen wir unS von dem Gedanken tragen lassen, daß nur eine einige liberale Partei wirk,am den Kampf gegen die Con- servativen aufnehmen kann. Der geschäftsführende Ausschuß empfiehlt Ihnen daher, al statt eines bestimmten Programms die Annahme folgender Resolut,on: „Die Versammlung eiLärt: 1) DaS einrnüthige Zusammengehen aller zur Abwehr der rückschrittlichen Bestrebungen fest entschlossenen liberalen Männer bei den bevorstehenden Wahlen ist nothw-ndig. 2) Sie empfiehlt daher drin- gend allen Wahlkreisen die vorherige Verständigung über gemeinsam auszu- siellende liberale Eandidaten." Wir stellen nur eine Bedingung: ES darf Derjenige sich nickt mehr liberal nennen, der jetzt noch Eompromiffe schließen will. Die Zuku'.st gehört der vereinigten liberalen Partei, während durch die Spaltung der Verlust ziemlich sicher ist. DaS Schicksal der Nation ist in ihre eigene Hand gegrben. Wer jetzt pflichtvergessen die Fahne verläßt, versündigt sich an der Zukunft des Vaterlandes. Wenn die liberale Vereinigung eS ermöglicht, daß wir festgefcklossen kämpfen, bann werden wir siegen.
— Der sechste Bericht der Petitionscommisston handelt von den Petitionen, welche dem Reichstag in der Pieleröiteten Frage deS Geschäftsgebarens der Straßburger Tabaksmanufactur Vorlagen. Die Commüfion beantragte mit 10 gegen 4 Stimmen, die Petiiionen, soweit sie dahin gerichtet sind, der mißbräuchlichen Gkschältsgebarung der Straßburger Tabaksmanufactur entgegen^. wirken, dem Re-chskanzler zur Berücksichtigung zu überweisen und über den Antrag auf Aufhebm g der gedachten Manufactur als StaatSanstalt zur Tages» orbnurg überzugeben. lieber bie bei biesem Beschluß maßg'benb gewesenen GefichsSpunkte sind bie nachfolgenden Ausführungen von Interesse: „Man lönre bie Frage, ob ber Betrieb kaufmännisch richtig und finanziell vortheilhast geführt w.rde, hier dahingestellt sein lassen, well sie wesentlich nur für den Landeshaushalt von E.saß-Lothringen in Betracht komme; man könne aber nicht zugeben, daß über die Grenzen des Landes hinaus, für welches die Straß- burger Manufactur als StaatSanstalt fortgeführt worden, in andere Bundes- floaten hinein sie wirksam werde in einer Weise, welche für den ganzen Be- stand der Fabrikation und des Handels schädlich werde und in der Conseqaenz deren Ruin herbciführe. ES leuchte ein, daß die Freiheit der Concurrenz theoretisch und praktisch nur gedacht sei im Verhältniß pr.pater Gewerbtrei- bender zueinander und nicht passe auf das Verhältn'ß eines StaatSbetrieb.'s, der mit ungleich stärkeren Kräften ohne Rücksicht auf bie Größe der Betriebs sonds unb auf deren wirtschaftliche Rente seine Geschäfte nöthigenfallS aus- schließlich für politische Zwecke führen könne, während der private Gewerbirei- bende solchen Zielen nicht zustreben könne unb dürfe. Die Art, wie namentlich das Aufsuchen der Consuwenten von ber Straßburger Tabaksmanufactur betrieben werbe, sei in hohem Grade verwerflich. Es sei einleuchtend baß wenn man sich, wie geschehen, unter Berufung auf ben kaiserlichen Namen an Beamte und an die Militärbehörden wende, ein Druck geübt werde, wie ihn die Privatindustrie nicht ertragen könne. Schließlich sei das Hineindrängen der Staate ma ufactur mit ihrer Fabrikation unb mit ihrem ^anbel in bie entferntesten Theile des Reiches bet ungünstigen GeschästSergebniffen hum an- derS zu deuten, als auf den Versuch, das TabakSmonopol vorzubereitm und seine Einführung durch ben vorher zu erreichenden N ederganz ber Privat- industrte zu beschleunigen."
England.
Dublin, 30. Mai. Der hauv,sächlichste Organisator ber iris-b-n agrarbfla, Rettle, ist heute Abend unter der Beschuldigung, die BevLIkeruna ,um Widerstand wider die Bezablnng gesetzlicher Schulden aufaereut zu Haben, in Naas verhaftet und in's Gefängniß gebracht worden.


