Ausgabe 
2.3.1881
 
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Nr. 31.

Mittwoch den 2. März

1881.

Gießemr Mnzeiger

Alneigk- an) lattsblatt fit irn Kreis Gieße«.

ROiKtUMturNMli ej>e>iH»nibure«w:

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Aussichten.

Die erklärliche Ungeduld, mit der in den letzten Jahren bte Rückkehr einer frischeren Bewegung im wirkhschastlichen Leben tn allen Ländern uud In ofl«n Li eisen ersehnt wurde, hat manche allzu sanguinische Zuversicht, aber auch manchen verzweiflung-dumpfen Pesfimi-mu- gezeitigt. Hier glaubte man in jtdem spontanen, einer vorübergehenden und vielleicht künstlichen Reizung entsprungenen Aufleben irgend eines Geschäftszweiges die sichere Botschaft besserer Zeiten" für olle Gewerbe erfinden -u dürfen, und dort wieder drückte die Enttäuschung einer vorgefaßten Hoffnung auf eineWendung im neuen Jahre", die nicht eintrat, wenigsten- nicht an der Stelle, wo sie erwartet wurde, der Stimmung den Stempel einer stumpfen Apathie auf.

Keine Shiie, wie die durchlebte, die ebenso sehr auf einer totalen Revo­lution tn der Technik und im Productton-wesen überhaupt, wie auf den Eon- sequenzrn ton Jrrthümern bezüglich des vorhandenen WaarenbedürsniffeS, der Expvrtau-fichten und bezüglich des Umfang- der Concurrenz bafirte, kann un- möglich so rasch überwunden werden wie frühere, bei denen nur der eine oder der andere Faktor und meist sogar in localer Beschränkung wirksam gewesen ist. Um nur einige Beispiele aufzuführen für die Schwierigkeiten, die sich heut einer raschen G'sundung unsere- WirthschaslSkörpers entgegenstellen, sei zunächst an die Folgen erinnert, welche die Einführung de- Stahles an vielen Stellen, ro früher weichere Eisensorten in größrren Mengen verbraucht wurden, so im BetriebSma'.erial der Eisenbahnen, tm Gefolge haben mußte. Der Stahl der Schienen u d am rolle,.den Material der Bahnen hält ungleich länger vor, als die früher zu diesem Zwecke gebrauchten Elsensorten, und der Verbrauch von Eisenproducten ist darum nothwendig heut vielfach ein relativ geringerer, während doch die Production eine erheblich größere als früher ist. Wetter denke man daran, wie fest man seither daraus gebaut hat, daß die überseeischen Länder iinvitr nur als Abnehmer europäischer Fabrikate, niemals aber als Rivalen unserer Industrie tm Weltverkehre fungiren könnten, und wie dann Amerika durch rte Entwickelung seiner Industrie unseren monopolitischen Hoch­muth oft btS zum unberechtigten Sleinmurb dämpfte.

ElUchwohl ist an der Rückkehr lebendigerer Wirthschastsverhältniffe nicht zu zweifeln. Die Industrie muß fich mit der Zeit den veränderten Umständen und Forderungen accomodiren, wenn auch unter schweren Störungen zahlreicher persönlicher Existenzen und unter dem Zusammenbruch der nicht lebensfähigen Unternehmungen früherer ProductionSperioden und der Zett der Täuschungen und der Gründungen; und gerade die auskeimende Industrie von Ländern, die bisher nur alS Käufer fabrictrter Waaren gelten, wird in dem Gesundung-- Proceffe eine nicht unerhebliche Rolle spielen, indem fie jene Länder mit zahl­reicheren kauffähigen Bewohnern füllt, die zumeist auß den verarmten, kauf- unfähigen Bevölkerung- Bestandtheilen der alten Industrieländer zusammenfließen. Alles und Jede- kann nicht jede- Land gleich vortheilhaft fabriciren, und so werden auch dir neuen Industriestaaten gezwungen sein, trotz ihrer eigenen Industrie von unS zu kaufen, wie wir von ihnen, und wegen de- Reichthums. den ihnen ihre zunehmenden Gewerbe schaffen, und we^en der zunehmenden Bevölkerung werden sie allmälig mehr beziehen trenn auch in anderen W-arenkategorien al- bisher.

Die Art de- Exportes wird sich vielfach ändern, die Menge aber muß unzweifelhaft in starker Progression steigen gerade mit der zunehmenden Ge­werbe Entwickelung der dermaligen überseeischen Importstaaten. Man sieht die- ganz deutlich an den Zahlen, welche die Importwerthe Nordamerika- darstellen, und die von 1870 bis Ende 1880 von jährlich 435,g auf 667,9 Millionen Dollars gewachsen sind. Der Import auS Deutschlaud z. B., der sich 1870 auf 27 Millionen Dollar- bewerthete, repräsentirte 1880 eine Stimme von 52,3 Millionen, und nächst Belgien, dessen amerikanischer Export nur sehr unbedeutend ist (3fl Mill. 1870 und 11 8 Mill. 1880), ist Deutsch­laud von den eigentlichen Industrieländern dasjenige, deffen Export nach Nord­amerika im letzten Decenmurn am erheblichsten (fast 100 pCt.) gestiegen ist.

Es kann die- auch als ein Zeichen deS Auflebens der Gewerbetdätigkeil betrachtet werden, zumal die gleiche Bewegung fich auch an den Wenhen des Außenhandels anderer wichtiger Welthandelsländer beobachten läßt. Frank­reichs Einfuhr stieg von 1879-1880 von 4595 Mill. Frcs. auf 4907 M'll., seine Ausfuhr von 3200 auf 3400 Mill. In Großbritannien sind die Ein­fuhren des Jahres 1880 um 13^ pCt., die Ausfuhren um 16^ pCt. größer als die des Vorjahre- und repräsentiren somit, in Hinblick aus die nesige Ge- sammtsumme des englischen Außenhandels von etwa 12 Milliarden -cark, eine gewaltige Steigerung des Welthandelsverkehrs. Bemerkenswerth ist in dieser Beziehung die auffallende Abnahme der Fallimente in England und m den Vereinigten Staaten. Dieselben betrugen nach Daten, bte y. 1- Neu- mann-Spallart anführt, in Großbritannien 1878 noch 2643 Fälle und IbbO nur 1478, und in Nordamerika 10478 resp. 4735 mit einem Rückgang des Passivenkapital- daselbst von 234 Mill, auf nur 65 Mill. Dollars. Im An- schluß hieran macht Neumann - Spallart auch darauf aufmerksam, daß die Armenversorgung in England, die von 18751879 steiir zugenommen hatte, seit März 1880eine continuirliche, und zwar von Monat zu Monat pro­gressive Abnahme" erfahren hatte. ,

Bei der Innigkeit, mit der heut die wirthschaftlichen Verhältmffe der einzelnen Länder mit einander Zusammenhängen, find das Alles allerdings

Zeichen, welche der allgemeinen Wirthschaftslage günstigere Aussichten für die nächste Zukunft eröffnen.

Deutschlaud.

Berlin, 26. Fcbiuar. In der am 25. Febr. unter dem Vorsitze deS königl. bayerischen StaatsministerS Dr. v. Lutz abgehaltenen Sitzung deS Bun- deSraths erfolgte zunächst die Mittheilung, daß von Sr. König!. Hoheit d m Großherzog von Mecklenburg - Schwerin der Gioßh- Minister der auswärtigen Angelegruhtittn und Präsident des EtaatSminifteriums, Gras^v. Baffewitz, zum ersten Bevollmächtigten ernannt, und daß von dem kaiserl. Stattha!ter in Elsaß Lothringen der Ober RegierungSrath Hanschild alS Commifiar der Lar.- desverwaltung von Elsaß-Lothringen zum Dundesrath abgeordnet sei. Eie fernere Mittheilung bezog sich auf die gegenwärtig stattgehabte Einbringung deS dem Reichstage in seiner letzten Session nicht mehr vorgelegten EntwuifS eine- Gesetz,s weaen Abänderung deS Gesetze- über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden, von welcher die Versammlung, ebenso wie von der Präsidialvorlagr, bett, die Verhandlungen der Commission zur Prü­fung des Entwurfs von Vorschriften über den Schutz gewerblicher Arbeiter gegen Gefahren für Leben und Gesundheit, lediglich Kenntniß nahm, während eine andere Vorlage über die zollamtliche Abfertigung von Bau- und Nutzholz, sowie ein Anttag Preußen-, betr. den Zollanschluß von Wandsbeck, den zu- ständigen AuSschüffen überwiesen würbe. Alsdann wurde nach Genehmigung eine- Vorschläge- zur Wledeibesetzung einer erledigten Stelle bei der Disci- plinarkammer in Frankfurt a. O-, der Entwurf eine- Gesetzes über die Für­sorge für die Wittwen und Waisen der Reichs beamten tn zweiter Berathung mit den in erster Lesung beschlossenen Abänderungen genehmigt. Gleicher Weise erhielt der Entwurf eines Gesetzes über die Besteuerung der zum Milt- tärdienst nicht herangezogenen Militärvfl-ch'igen, über welchem die Ausschüsie für das Landheer und die Festungen, für Zoll- und Steuerwesen und für Rech- nungSwestn berichteten, mit den von letzteren befürworteten Modificationen und vorbehaltlich einer Zusatzbestimmung, kraft deren der zur ReichSkasie fließende Stcuerertrag den Bundesstaaten nach dem Matrikularsuße überwiesen werden soll, in erster Berathung die Zustimmung der Versammlung. Auf den Antrag der AnSschüffe für Zoll» und Steuerwesen und für Handel und Dir» kehr wurde ein Anttag zum Derzeichniffe derjenigen Maffengüter, auf welche bte Bestimmung im $ 11 Abs. 3 deS Gesetzes vom 20. Juli 1879 über be Statistik des Waarenverkehrs Anwendung findet, festgestellt. Nach den Vorschlägen teffelben AusschuficS bezw. in Verbindung mit dem Ausschüsse für Handel und Verkehr gelangten zwei Eingaben, welche sich auf die Zollbehandlunz der Tabakssaucen, insbesondere auf die Taravergütung bezogen, zur Erledigung. Schließlich wurden Commiffarien zur Berathung von Vorlagen im Reiche- tage ernannt und Mitteilungen über eingegangene auf Grund früherer Be- schlüfie den betr. AuSschüffln zugetheilte Eingaben, sowie über neuerdingS rin- gelaufene Petitionen, welche letzteren ebenfalls an die beteiligten Ausschüsse verwiesen wurden, entgegengenommen.

Krankreich.

Pari», 27. Februar. Heute fand anläßlich be» achtzigsten Gebur!«. tag'» Bieter Hugo's eine große Manifestation vor desfm Hause statt. Zahl- reiche Deputationen von Gesellschaften aller Art waren mit Fahnen und Musik ersckienen. Auf dem Troeadero fand eine Versammlung statt, in welcher Loui» Blane eine Rede aus Victor Hugo hi.lt- Sin Circular des Ministers des Innern an die PrSlikten der «üsten-D partementS macht denselbm zur Pflicht, scharf auf etwaige Einfchiflungen von Waffen und Munition zu achten. Am Freitag wurden in Marseille zwei Schiffe, welche Waffen und Munition für g'iechtsche EwpsLnger geladen hatten, mit Beschlag belegt. Ein griechisches Segelschiff, welches mit einer Pulvetladung angeblich für Algier bestimmt war, aber nach Griechenland gehen wollte, wurde gestern am Auslaufen verhindert.

Telegraphische Depeschen.

gSolfTi telegr. (kOrresplmvenr-Burrau.

©erlin, 28. Fköruar Um 11 Uhr sand in der Kapelle des Königlichen ' Schlosses der fe:erlichc Acuchgang der 9reuoerrnahlten statt, welchem der Kaiser und i Vertaner n mit den Mitgliedern des königlichen Hames, die surNltchen GasteideS ! f-oft« und D de tl-ngeladene beiwohnten. Die Ansprache hlelt der Oberhofpredrger ! T- ftöad -.«rachmncgs 4/i Uhr fand im Weißen L>aale des Königlichen Schlosses . Galadmer stau, an welchem der Kaiser, die Kaiserin,^ die sürstlichen

plicdcr des königlichen Hauses, die üoN'chaster, Generäle, die Mlmtter. die Mitglieder : des Bundcsratbs, die Urändenten des Reichstags und der beiden Hauser des Landtags

lheilnahmen. (Gegen 400 Gedecke.) Unter dem Thronhimmel saßen die Kaiserin und bte Königin von Sacosen, neben letzterer der Kauer und neben der Kaiserin dn Kon^ von Lachs.n- bnen gegenüber saßen die Neuvermählten, neben dem IZnuzen Wilhelm die ärcnprinieffin und Prinz Christian von Schleswig-Holstern, neben der Prinzeinn Wilhelm der Kronprinz, die Herzogin Mutter von Lchleswig-HolsttlN. , An dre snr.i- ljch'en Gäste der Hiupttasel schlossen sich die Bott'chaster an. Die Tafelmunk wurde vom l.J genehmigte die Aushebung des gegen ben

Abgeordneten W'emer vor dem Amtsger'chle.zu Chemnitz

und nahm in dritter Lesung die Geietzentwune über die Zuständigkeit des ReichSgernyrs für Sttei^'raaen rwischen dem Senat und der Bürgerschaft von Hamburg und bettenenb d'e Reosion^in bürg Glichen Rechtssachen an. Die Etats des Reichstags des Reichs kanzlers der ^Reichskanztti und des auswärtigen Amtes wurden sodann unverändert