Str. 119. Freitag den 1. Juli issi.
Meßmer Anzeiger
ANM- nii Amtsdlsi! für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Hheil. Bekanntmachung.
Durch rechtskräftiges, am 25. Juni 1881 von dem commandirenden General deS VI. Armeecorps bestätigtes Erkennti iß vom 20. Juni 1881 ist der nachstehende, im Bezirk der 49. Infanterie-Brigade auSgebobene Rekrute Heinrich Wistner aus Kesselbach, Sire 8 Gießen, in contumaciam für fahnenflüchtig erklärt und in eine Geldstrafe von fünfhundert Mark verurtheilt worden.
Darmstadt, den 28. Juni 1881. Großherzoaliches Gericht der Großh. Hess (25 ) Divisto
Deutschland.
Darmstadt, 29. Juni. Seine Königl. Hoheit der Großherzog haben AUergnädigst geruht:
Am 18. Juni den Steueraufseher Christoph Stellwag zu Offenbach zum Pfandmetster bet dem Rentamt Groß-Gerau zu ernennen.
Berlin, 28. Juni. Die „Kreuz Ztg." schieibt: Es wird als möglich angeseden, daß der Re-ch^kanzler Fürst Bismarck Berlin vorläufig nicht ver- läß ; se n körperliches Befii.den gestattet eine Donucilverlegung noch nicht. Wie man hört, wird frühestens nach 8 Tagen von den Aerzten bestimmt werden können, wohin sich der Kanzler au begeben habe; vorläufig ist er genöthigt, daS Zimmer zu hüten und in jeder Beziehung sich zu schonen.
— Der „V«rein deutscher Studenten" in Breslau hatte bet Gelegenheit eines Festes ftn Huldigungs-Telegramm an den Fürsten Bismarck gesandt. Der Retchskanzer beantwortete daffelbe. wie telegraphisch aus Breslau gemeldet wird, folgendermaßen: „Ich da, ke herzlich für Ihren freu blichen Gruß, an dem sich Mtine Hoffnung stärkt, daß der nationale Sinn der dcutjchen Jugend in Zukunft unserm Vaterlande den wnern Frieden bringen werde, den die Ver- tretet der mit m r absterbenden Generation auf dem Boden des neu erstandenen deutschen Reiche- nicht gesunden haben.
von Bismarck.
— Die Verwilderung und Verrohung der politischen Discusfion ist eine Ericheinung, über die bei der gegenwärtigen Wahlbewegung oft und nut Recht geklagt wird. ES ist ganz unleugbar, daß die politische Agitation gegenwärtig häufig Fotmen und Mittel anwendct, die früher nur der Socialdemokratie eigen waren. Demagogische Künste und Methoden werden in wachsender Ausbildung in Anwendung gebracht, um die Absichten der Gegner zu verbäckt gen und den Trieben und Neigungen dec großen Maffe zu schu eicheli-. ES sostren alle Parteien, denen das Wehl des Vaterlandes am Herzen liegt, sich ernstlich die Frage vorlegeu, ob nicht «ine Aufreizung der Mafien m dem Umf..nge und der Methode, uie sie jetzt betrieben uird, zu einer schweren Gefähreur-g des öffentlichen WohlS führen muß, ob namentlich nicht das beständige Auf- stacheln der wirthschaftliche-. Jnterefien, das Erregen unerfüllbarer Hoffnungen eine arge Gefahr in sich schließt. Bei dem Gegner pflegt dies auch uobl erkannt zu werden, die eigene Methode der Wählerbearbeitung aber pflegt man für eine ganz loyale, erlaubte und heilsame anzusehen.- Das allgemeine directc Stimmrecht schließt eine ungeheure Gefahr in sich, die man in ihrer ganzen Größe nach den bis jetzt im Ganzen günstigen Ersahi ungen, die wir damit in Deutschland erlebt, häufig zu unterschätzen geneigt ist. Es ist die Gcf-Hr her Entfesselung der Masse dmch eine rückfichtslose und frivole Dema- gogte. Daß wir auf dieser Dahn in letzter Zkit riesige Fortschritte gemacht haben, ist eine Thatsache, die sich jedem Beobachter der Wahloorgänge aufdrängen muß. Diese Wahlen werden eine Erbitterung und Parteileidenschaft hinterlaffen, die noch lange nachzittern und unser öffentliches Leben vergiften wird.
— Der Statthalter von Elsaß-Lothringen, General-Feldmarschall Frbr. v. Manteuffel, ist aus Karlsbad hier eingetroffen und im „Hotel Petersburg" abgestiegrn. Wie verlautet, gedenkt derselbe in einigen T?gen zu kurzem Aufenthalt sich nach Tropper zu begeben und dann nach Straßburg zurück- zukehren.
— Auch für dieses Jahr ist eine persönliche Begrüßung des deutschen und österreichischen Kaiser- in Salzburg nach Beendigung der Kur Kaiser Wilhelms in Gastein in Aussicht genommen; Näheres ab:r noch nicht bestimmt.
Berlin, 28. Juni. In dem Zustande des Reichskanzler- Fürsten Bismarck ist leider immer noch keine Bificrung eingetreten. Die Schmerzen, welche der Reichskanzler erleidet, sind ungemein m greifend und üben nament» lieb auf das Nervensystem einen höchst nachtheiligen Qu fluß, so daß die Aufregung des Fürsten eine sehr bedauerliche ist. Aus diesem G'unde ist bis jetzt noch gar nicht abzusehen, wann der Fürst seine Reise nach Kissingen wird avtreten können Geh- Rath Struck besucht den Fürsten täglich tuende Mal und wendet alles Denkbare an, um da- Leiden desselben zu heben, vor Allem die Venen-Eutzündung, welche die meisten Schmerzen verursacht, zu beseitigen. Unter solchen Umständen ist es dem Fürsten schlier, Besuche zrr empfangen; trotzdem nahm er gestern Nachmittag den mehrstünoigen Besuch des Statthalters von Elsaß-Lothringen, Generals v. Manteuffel, und conserirte mit demselben gegen vier Stunden. General v. Manteuffel hat sich übrigens heute Nachmittag mt seiner Tochter nach Topper begiben, um dort noch mehrere Wochen in der Einsamkeit zuzubringen und den Verlust seines ältesten Sohnes zu betrauern.
Hamburg, 28. Juni. Nach hier eingega. genea Nachrichten au- London hat der Dampfer „Vandalia", welcher als Exiradampfer am 19. ds. von Hamburg nach Newyork ging, mit gebrochenem Schaft am 26. dS. unter dem 59. Gr. nördlicher Breite und dem 15. Gr. westlicher Länge angesprochen und um Assistenz gebeten.
Frankreich.
PariH, 27. Juni. In Nantes wurden im Laufe dieser Woche täglich Kundgebungen gegen das Verbot der FlohnleichnainS-Processionen in den Kirchen gemacht. Gestern Abend war rin ung-beuier Zudrang bei St. Nicola-, sodaß 150 Dragoner der Polizei beistehen mußten, um die Menschenmenge zu zerstreue . Trotzdem blieben die Kirchenthüren offen und die Treppe war besetzt. Auf die geistlichen Lieder antwortete man aus den Nebenstraßen mit der Marse llaise. Mehrere Verbaftungen wurden daraufhin vorgenommen und Pa'rou llen durchzogen die Stadt.
England.
London, 27. Juni. Eine soeben von einer amtlichen Reise aus Irland »urückgekedrte hochgestellte Persönlichkcit hat versichert, daß die Landligisten sich gegenwärtig eines gewalitbä^igen Vorgehens enthalten und ihre Kräfte vorläufig spare ' m über dieselben im Falle eines allgemeinen Ausstande- — welch r bei Ablehnung der Landbill unzweifelhaft in Aussicht stehen dürfte — um so besser verfügen zu können. Die Zahl der wohlorganifirten, mit Waffen trefflich ausgerüsteten Insurgenten belaufe sich auf 400,000 (?) und cS sei sehr wahrscheinlich, daß eine eventuelle Rebellion derartige Dimensionen annehmen könnte, um zu ihrer Unteidrückung einer regulären Armee von 100,000 Ma n zu bedürfen. Irland befinde sich — darüber ist man im Klaren — m einem Zustand latenter Anarchie. Ferner hat ein Mitglied deS Cabinets dem Londoner Berichterstatter der „Neuen Fr. Pr." mi'getheilt, daß die Regierung enischlofien ist, keine weiteren Zugeständnifie in Betreff der Landbill in den AuSschüffen zu machen so bem v clmehr beabsichtigt, falls sie in Betreff prn-cip eller Amendement- geschlagen werden sollte cas Parlan.cnt auszulösen und an das Land zu appelliren. Jndeffen giebt sich das Cabinet der Hoffnung hin, fein? Maßregeln im Unterlaufe durchzubringen und befürchtet vorderhand keine N ederlage im Allgemeinen, sondern höchsten- einige Abä: derungni der Maßregeln in ihren Einzelheiten.
Spanien.
Madrid, 26. Juni. Die Abschaffung deS Tabaksmonopol- auf den Philippmnen Inseln scheint im Lande allgemeine Befriedigung zu gewähren. Die Oppositions'Prefie beglückwünscht den Colonialmirister Leon y Castillo zu seiner Politik, und Q.ftelar hat eu.en bemelkenswerthen Brief an ihn gerichtet, worin er sagt: „JL beglückwünsche Sie zu einem Decret, das so vielen unserer unglücklichen Mitmenschen Gerechtigkeit erweist, ein Decret, das Ihnen einen Platz unter den großen Emcmc patoren der menschlichen Arbeit einräumt und Ihren Namen für alle Zeiten berühmt macht."
Türkei.
Konstantinopel, 27. Juni. Qm Jrade deS Sultan- beauftragt Server Pascha, die mit Griechenland in birecter Unterhandlung abgeschlossene Convention zu untergebnen. — Zu der heute begonnenen Verhandlung in d!m Procefie wegen der Qnnortung des Sultan- Abdul Aziz war ein wenig zahlreiches aber gewähltes Auditorium zugelafien. Angeklagt find 11 Per» sonen, deren hervorragendste Midbat, Mahmud Damat, Nuri Damat Pascha und Fabn Bev find. N?ch Verlesung der Anklageakte, deren Hauptargument die Einsetzung der Commission zur Prüfung der Palastrechnungen nach der Entthronung Abdul Aziz b lüet, zu welcher Mahmud Damat und Nuri Damat Pascha gehörten ur.b die ter Anstiftung te- Mortes angeklagt ist, beginnt das Verhör ter Angeklagten. Drei Ringkämpfer legen vollständige Geständniffe mit 'umständlichen Details ab und behaupten, die Befehle zur Ermordung des Sultans von Mahmud Damat, Nuri D-amat Pascha und den U'brigen erhalten zu haben und daß ihnen Fabri Bey behilflich gewesen fei. Letzterer und alle anbtrea Angeklagten leugnen ihre Schuld. Die Sitzung wird daraus vertagt.
Konstantinopel, 28. Juni. Die Ver>heidi«ungs.Plaidvyers in dem Pronffe wegen der Ermordung des Sultans Abdul Aziz sind beute beendet worden. Die Richter nllärten die zwei Mustaphas, sowie Fabri Bey und Hadi Mehmed des Mordes schuldig und Ali B-y, Nedji Bey, Midhat Pascha, Nuri Damat P sicha und Mahmoud Pascha für Mitschuldige. Der UrtheilS- spruch wipd morgen gefällt werden.


