Nr. 77. Freitag den 1. April 1881.
Kichener "Anzeiger
Amigk- unb Amtsblatt fät btn Krals Girßra.
*9ert*n: Schulfiraße B. 18.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag!.
Preis vierteljährlich 2 5Rorf 20 Pf. mit Vringerle^n.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pt.
Amtlicher Hheil.
Betreffend: Anlage von Feldwegen ic. In der Gemarkung Grüninger
Bekanntmachung.
In unserer Bekanntmachung vom 23. I. Mts. — Anzeiger Nr. 72 — muß eS Dteuercommiffariat „Hungen" statt „Gießen" heißen, was bier- mit berichtigt wird.
Gießen, am 30. März 1881. Großherzogliche- Krei-amt Gießen.
___________ Dr. Boekmauo-
Berlin, den 3. Mäcz 1881.
Bekannt m a ch u n g,
den Nemonte-Ankauf pro 1SS1 betreffend
den 7. Juli „ 16. „ . 18.
8um Ankauf von Remonten im Alter von vorzugsweise drei, und ausnahmsweise vier Jahren, find im Bereiche des Großherzogthums Hessen für dieses Jahr nachstehende, Morgens 8 Uhr beginnende Märkte anbcraumt worden, und zwar:
in Al-feld, „ Nidda,
den 18. August in Bickenbach,
„ 19. „ ,, Groß-Bieberau,
„ 20. „ Groß-Gerau,
„ 22. „ „ Goddelau.
von der Remonte-Ankaufs'Comm.sfion erkauften Pferde werden zur Stelle abgenommen und sofort gegen Quittung baar bezahlt.
n ei^c mit Fehlern, welche nach den Landesgesetzen den -auf rückgängig machen, sind vom Verkäufer gegen Erstattung deS Kaufpreises und der Unkosten zurückzm.ihmen, auch sind -ripp.nstper vom Ankauf ausgeschlosten.
Tie Verkäufer siud ferner verpflichtet, jedem verkauften Pferde eine neue starke rindlederne Trense mit starkem Gebiß und eine -opfhalster von reder oder Hanf mit 2 mindesten- 2 Meter langen starken hänfenen Stricken ohne besondere Vergütung mitzugeben.
Um die Abstammung der vorgrsührten Pferde sestpellen zu tonnen, ist eS erwünscht, daß die Deckscheine möglichst mitgebracht werden.
Nieder-Wollstadt, 17. August „ Lampertheim,
-rteg-'Ministertum,
Abtbeilung für das Remonte-Wesen, von Rauch Graf Klinckowström.
Großherzogliches Steuer-Commiffariat Gießen.
Ämlslagr: Dienstag und Samstag, Dormittags von 8—12 und Nachmittags von 2—4 Uhr.
Ztrutschland.
Berti*, 29. Mär». DI« SlaNytt M d-ulsch-n Rkich« g.währl jetzt einen Ü berblick über die elemeitare Schulbildung tn ganz Deutschland wäh» rend der letzten 5 Jahre, auf Grund der Prüfung der Ersatztruppen. Er bekur-det einen steten Fortschiitt, doch auch noch einen andauernden großen Ab« stand zwischen einzelnen Laudestheilen. Obenan steht daS durch sein höheres Schulwesen berühmte Württemberg, wo in 5 Jahren nur 2, demnächst Baden, tro 4 Soldaten i icht lesen und schreiben konnten. Sachsen bewegt sich zwi» schen 0 23 und 0,32 pEt. ohne Schulbildung. Auch Bayern hat sehr günstige Verhältnisse: 1,79; 0,93 ; 0,65; 0,56; 0 47 pEt. In den übrigen kleineren Ländern und in den freien Städten st 1 pEt. ebenfalls eine Ausnahme. Elsaß Lothringen hat es auf 3 45; 3,98; 2 58; 3,09; 2 23 pEr. oder z isam. men auf 106 Mann unter 4760 otne Schulbildung gebracht. Nur um ein wenig'- bester steht es durchlchnittl-ch in Preußen, wo die Derhältnißzahlen 3,19; 2,91; 2,45; 2 58; 2,27 (1955 unter 86,256) waren. Wahrend die meisten Provinzen gegenwärtig noch kein i/2 pEt. ohne Schulbildung aufweisen, bleiben ohne Schulbildung:
in Schlesien: 3 27; 2,45; 2.18; 2,04; 2,25;
, Ostpreußen: 7.33; 7,41 ; 6 46; 7,53; 5 48;
„ Weßpreußen. 11 01 ; 10,48; 9,74; 1016; 822;
„ Posen: 13,91; 12,93; 11,16; 11,10; 10,96.
Diesen üblen Verhältnissen ist es hauptsächlich zuzuschreiben, wenn sür d^s Reich die Eesammtiumme der bildungSlofen Mannschaften noch 2 37; 2,12; 1,73; 1,80; 1,57 pEt. beträgt. Möge es der Thatkr^ft der preußischen Fürsorge für das Schulwesen bald gelttigen, die in jeten Provinzen noch fortbestehenden Schwierigkeiten einer allgemeinen Volksbildung völliger zu überwinden.
— Die Commission für das VerfastungS - Aenderungsgesetz hat ihre Ar« weiten gestern Abend zu Ende gebracht. Nachdem sich die Abzg. Dr. Wi dt- borst und v. Schorlemer-Alst noch gegen die zweijährigen Budgetperioden ausgesprochen und der StaatSminister v. Bötticher, der bayerische Bundes- bevollmächtigte, Frhr. v. Räsfeldt, und Geh. Rath Aschenborn dafür plaidirt, wurde der Antrag Bennigsen, im Artikel 13 der Reichsverfaffung die Gnbe- rufung deS Reichstages auf den Monat October alljährlich festzustellen, mit 12 gegen 8 Stimmen angenommen. Danach blieb nur noch die Frage der Legislatur-Periode zu entscheiden. Wid-r Erwarten wurde, nachdem zuerst ein Antrag deS Abg. v. Helldorf auf fünfjährige Wahlperioden abgelehnt war, auch der Regierungsvorschlag durch die Stimmen der Liberalen im Verein mit einigen CevtrumS-^timmen (diese Partei hatte auch bei der ersten Fage auS- einandergestimmt) zurückgewiesen. Ene zweite Lesung in der Commission war nicht Vorbehalten worden, und somit gebt die Sache sofort ans Plenum. Zum Berichterstatter wurde der Abg. Dr. Marquardsen gewählt.
telegraphische Depeschen.
Wolff'- telegr. <rorresponseuz-Burrau
Berlin, 30. März. Der Reichstag erledigte eine lange Reihe von Petitionen und nobrn sodann den Antrag detz Abg. v- Wcbell und Grad bezüglich einer schnelleren und billiget en Beförderung der Witlerungsbenchte an. (?S folgt die Berathung der Denkschrift über die Ausführung des Socialtfiengefetzes. Der Abg. Auer beschwert sich Über die Verhinderung dcr Sammlung-n zu Gunsten der Autzgewtesenen und lehnt die Solidaritäl der deutschkn Socialdcmokratie mit Moll und denen l^xtraoaganzen ad, ebenso bestreitet er den Zusammenhang derselben mit den russischen Nihilisten. (Während der Rede tritt Fürst Bismarck in den Saal.) Minister v. Puttkamer weift zunächst die xühnhc't zmücr, mit welcher der Abg. Auer unrichtige Behauptungen altz Thatsachen dingesteUt habe und weist auf Grund eines umfassenden Actenrnatenals nach, daß gegen die Socialisten ebenso schonend als energisch vorgegangen worden sei, die Sammlungen für die Familien von Ausgewiesenen seien niemals verboten worden, wenn sie ausschließlich diesem Zwecke zu Gute kamen. Die energische Ausführung des Gesetzes habe sich als geboten erwiesen und in Folge der tagtäglich mehr hervortretenden Notorität daß die Soc'.olinen eine atheistische vaterlandslose Umsturzpartei fei. Die Fraktion Most Hasselmann predige den Mord, die gemäßigtere Partei versuche eS zwar nicht gleich mit der Gewalt und Revolte, sie untergrabe aber methodisch die bestehende Autorität und so sei die Tendenz beider Richtungen die nämliche, nur die Wege seien verschieden. Der Minister alirt die Aeußerungen von Most und Hasselmann über den Mord des Kaisers Alexander, über die Religion und die Bibel, die auf allen Seiten des Hauses A»ußerungen des Abscheues und Entsetzens Hervorrufen. Rach den Be- schlünen des Wydener Kongresses, den auch Auer und Bahlteich besuchten, habe auch d,e gcmößigte socialiftische Partei aufgebört, eine Reformpartei zu fei. Die Tinge :n Deutschland lägen gegenwärtig so, daß die preuß Regierung die Anregung geben werde, den Belagerungszustand auch auf Leipzig auszudebnen. Äarborff tritt für die Regierung ein. — Fortsetzung morgen-
— Die ^Proomzial-Correspondent- bringt heute einen Artikel über die Wahl bet Bistbumsoerwescr in Paderborn und Lsnabrück Derselbe schließt mit den Worten: Die Staatsregrerung bat auf dem Wege der Tdat'achen der Wiederkehr friedlicher Tstr- bältniste die Bahn geebnet und ihrerseits die Friedensliebe und die Fürsorge für die katholischen Mitbürger nicht nur tn Worten, sondern auch durch unzweideutige Thaten bekundet. Der Friede ist srellich damit noch nicht erreicht, wohl aber ist ein thatsäch- licher Anfang dazu gemacht.
— Ter Kronprinz ist beute Morgen kurz vor 8 Uhr wohlbehalten hier einge- troffen. Der Zug hatte sich in Folge eines Radreifenbruchs in der Nähe der Station Kreutz nahezu um zwei Stunden verspätet.
— Ter Kaiser begab sich in Begleitung des Kronprinzen, des Großherzogs von Baden und des Prinzen Friedrich Carl heute Vormittag nach Potsdam und nahm die Comvagmevorstellung des ersten Garderegiments entgegen. Tie Herrschaften folgten sodann einer Crnlcduug des Ofsiciercorps -um Dejeuner. Tie Kaiserin und die Großherzogin von Baden besuchten gleichzestig die Prinzessin Wilhelm.
London, 30. März. Dem ^Reu?er'schen Bureau" wird aus Konstantinopel gemeldet, die Botschafter der Mächte hätten ein Protokoll unterzeichnet, in welchem sie anerkennen, daß die von der Pforte vorgeschlagene Grenzlinie das aufrichtige Verlangen derselben nach Frieden bekunde. Die Botschafter erlernen in demselben ferner an, daß die Abtretung von Epirus fast unmöglich sei, und rathen ihren Regierungen, die Annahme der von der Pforte vorgeschlagenen Linie Griechenland avzuempfehlen.


