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Samstag dm 31. Juli
Nr. 176
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Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Ps.
Erziehung und Ausbildung nach der Schulzeit.
Es ist eine der besten Früchte, welche die in neuester Zeit in den verschiedensten Kreisen des Handwerks und Gewerbes ventilirte Frage, ob und in welchem Umfange die Innungen wieder einzusühren seien, bereits getragen hat, daß man überall eine Verbesserung oder wenigstens eine Aenderung in dem Lehrltngswesen für die nothwendigste aller Maßnahmen auf dem Gebiete der gewerblichen Gesetzgebung erachtete. Allgemein gilt es ja ausgemacht, daß seit dem Jnslebentreten der Gemerbesreiheit das Verhältniß zwischen Lehrling und Lehrmeister ein ganz anderes, aber nicht besseres, daß in mehr als einer Beziehung dieses Verhältniß geradezu auf den Kops gestellt worden ist. Während z. B. früher der Lehrling seine Lehrwerkstätte nicht eigenmächtig verlaßen durste, wenn er sich nicht verschiedenen Unannehmlichkeiten und Be- nachtheiligungen aussetzen wollte, so kräht jetzt kein Hahn darnach, wenn ein Lehrling sein Verhältniß zu einem Meister eigenmächtig löst, dazu vielleicht zu einer Zeit, da er anfängt, dem Lehrmeister nützlich zu werden. Ein anderer Meister nimmt ihn ohne Weiteres auf, ja der Lehrling, der eben anfing, etwas Tüchtiges zu lernen, verdient nun bei einem Pfuscher bereits als Ge- hülfe Lohn und — ist „sein freier Herr." Und welche Gefahr liegt doch in dieser Freiheit, welche dem jungen Menschen zu einer Zeit bereite gewährt wird, da es in ihm gährt und treibt, wie in jungem Most, da durch die ein» tretende Geschlechtsreife eine sinnliche Reizbarkeit l-ervorgetreten ist, die einer strengen Zügelung bedarf, da das erwachende Kraftgesühl leicht zu ungeschlach- tem Wesen, zur Rohbeir in Reden und Thätlichkeiten führt. Die liberale Gesetzgebung hat den Lehrling mündig gemacht und so dem Bäumchen den stützenden Pfahl und die hemmenden Bande genommen, deren cs so noihwendig bedarf, da es noch so grün ist. Der junge Most muß wieder in die festen Schläuche zweckentsprechender gesetzlicher Normen gebracht, deö Meisters Autorität austs Neue gekräftigt und in vollem Umfange wieder bergestellt werden; denn mancher junge Mensch ist im Vollgefühl der ihm gewährten Freiheit mit beiden Beinen in's Leben bineingespru^gen und hat sich für lange Zeit, wenn nicht gar für immer, die Beine verstaucht. Das alte Sprichwort: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre" muß wieder insofern einen thatsächlichen Untergrund erhalten, als dem Thun und Lasten des Lehrlings die früher geübte heilsame Beschränkung, nicht sclavische Unterdrückung, wieder gegeben wird. Der sittliche Ernst, der aus das Erstrebenöwerthe gerichtete Wille werden dann die beste Gewähr gegen die Verheißungen polnischer Unrsturzparteien sein.
Ist bisher der sittlichen Bildung, also der Erziehung des Lehrlings in moralischer Beziehung, gedacht worden, so darf doch nicht vergesten werden, daß es nicht genug ist, den Lehrling zu einem gesitteten, anständigen Menschen heranzubilden, sondern daß er auch zu einem geschickten, anstelligen Gewerbe gehilfen gemacht wird. Leider hat die Gewerbesreiheit auch in Bezug auf die technische Ausbildung der L'hrlinge und damit des ganzen Gewerbestandes eine ungünstige, verderbliche Einwirkung gehabt; denn es giebt gar manchen Lehrherrn, welcher sich Meister zu nennen beliebt, welcher aber der elendeste Pfuscher ist. Was thut's? Er hat seinen Gewerbeschein gelöst und bezahlt seine Steuern so gut, wie irgend ein tüchtiger Meister. Daß es genug derartige Meister geben muß, geht daraus hervor, daß in einer Petition vieler sächfischer Gewerbevereine an den Reichstag ausdrücklich hervorgehoben wurde, nur solche Gewerbsgehilfen als vollberechtigte anzuerkennen, welche bei einem „Meister" gelernt hätten. Ges'tzt nun, der Lehrling ist wirklich so glücklich gewesen, bei einem tüchtigen Meister untergebracht zu werden, so kommt eö immer noch ganz auf die Gewissenhaftigkeit dis Meisters an, ob etwas Ordentliches aus dem Knaben wird. Nicht immer stnd erfindungsreiche, umsichtige Meister, die ihr Geschäft bedeutend zu vergrößern, ihre Werkstatt zu erweitern wußten, die besten Lehrherren ; denn bei einer weitergehenden Arbeits- theilung wird der Lehrling nur zu oft ganz einseitig ausgebildet, indem er , nicht Viel unter die Hände bekommt." Ohne Zweifel müßte bei einer gesetz- lichen Regelung der Lehrlingssrage auch darauf geachtet werden, daß die Zahl der Gehilfen zu jener der Lehrlinge im richtigen Verhältniß stehe; denn was die Lehrlinge lernen, lernen sie doch meist von den Gehilfen ihres Meisters. Sind diese aber auf möglichst großen Seibstverdienst bedacht, dann sind freilich die armen Lehrlinge übel d'ran. Man hat vielfach die Ausstellung von Lehr» lingsarbeiten als ein ausgezeichnetes Mittel gepriesen, den Fleiß und die Leistungsfähigkeit der Lehrlinge zu steigern. Es ist nicht zu leugnen, daß, wenn derartige Ausstellungen streng gewisienhaft vorbereitet würden, sie jedenfalls den gewünschten Erfolg haben würden; aber fragen wir manchen tüchtigen Meister über seine hieraus bezügliche Meinung, so wird er uns mit Achselzucken sagen: „Wir wissen, wte's gemacht wird.' Ein besseres Mittel, dt- L-Hrlinge in jeder Beziehung für ihren zukünftigen Beruf tüchtig zu machen, ist sedenfallS die Gründung gewerblicher Vorbereirungs- und Foribtldungs- Schulen. Unsere obligatorisch- Fortbildungsschule vermag keineswegs eine der- arUae Schule zu ersetzen; denn ste giebt nicht allein eine blos allgemein- Btl- düng, nach Art der Volksschule, sondern sie gewährt auch nicht obligatorisch für alle die Fächer, welche dem Handwerker zu allernächst noth sind Unter- richt : z. B. ist das Zeichnen nur sacultattv. Wie in vielen Fällen den Kausmanns-Lehrlingen der Besuch der Handelsschule, so mußte den Handwerks- Lehrlingen der regelmäßige Besuch der «-werblichen Foribi dungsschu - ur unumgänglichen Pflicht gemacht werden. Der Besuch gewerblicher Fachschulen
telegraphische Prpeschen
Mag»er's telegr- E-rrespOUleLz - Stocfcis.
Straßburg, 29. Juli. D>- „Elsaß-Lothr. Ztg." tritt einer Berliner Correspondenz der „Köln. Ztg." vom 27. Juli entgegen, in welcher es heißt, das amtliche Organ der Straßburger Statlhalterei habe sich kürzlich über die angebliche Unregelmäßigkeit dis Staatssecreiärpostens geäußert- Die „Elsaß- Lothr. Zig." bemerkt hierzu: Diese Behauptung flirre In die Kategorie der zahlreichen Entstellungen, deren ein Th-il der rechtsrheinischen Presse in Bezug auf die Angelegenheiten von Elsaß-Lolhringen neuerdings sich huldig mache. Weder di- „ElsaßLvthr. Ztg." noeb ei" anderes mit der Regierung der Reichslandc in Beziehung stehendes Preßorgan habe eine solche oder ähnliche Aei ßerung veröffentlicht.
Loudon, 29. Juli. Guiem Vernehmen nach hat die Regierung be. schloffen, schleunigst Verstärkungen nach Indien zu senden.
ist zu kostspielig und daher den weniger bemittelten Handwerkern unmöglich; jedenfalls können aber dieselben den Einzelnen dem Ideale eines allseitig gebildeten Handwerkers am nächsten bringen. ■— Wir würden den Zweck vorstehender Gedanken als erreicht erachten, wenn dadurch der so wichtigen Lebrltngsfrage sich auch die Aufmerksamkeit dieses oder jenes bisher noch In« differenten zuwenden würde.Gz.
Deutschland.
Darmstadt, 28. Juli. Am heutigen Tage haben die unterzeichneten 22 Mitglieder der hiesigen Kirchengemeinde-Vertretung an den Vorsitzenden derselben die nachstehende Eingabe gerichtet: „Die unterzeichneten Mitglieder ter hiesigen Kirchengemeinde-Vertr-tung beehren sich hiermit unter Bezugnahme aus § 29 der evangelischen Kirchenverfasiung bei dem Kirchenvorstand ergebe, st zu beantragen : Daß diese Vertretung in Kürze ein berufen werden möge, um über nachstehende für das kirchliche Leben, insbesondere auch für unsere Stadc höchst wichtige und dringliche Fragen zu berathen, und ihre desfallsigen Be. schlösse Sr. Könlgl. Hoheit dem Grvherzog als oberstem Landesbijchof in emer Petition zur Allerhöchsten Kenntniß und Entscheidung zu unterbreiten. 1) Abänderung der Klrcbenverfaffung in der Richtung, daß das Laien Element in den Dekanats- und in der Landessynode unter größerer Berücksichtigung der Seelen« zahl stärker vertreten werde als bisher; 2) Constituirung der evangelischen Stadtgemeinde Darmstadt zu einem Dekanat für sich allein, ohne die dermalen mit ihr verbundenen 10 Landgemeinden; 3) Gesetzliche Regelung eines Mit- wtrkungsrechts der Organe der Gemeinde bei Besetzung von Pfarrstelleu; 4) Bekanntgcbung neuer kirchlicher Entwürfe, wie z. B. einer neuen biblischen Geschichte, eines neuen Katechismus u. s. w. zur Prüfung durch die evangelischen Gemeinden und deren Organe vor Berathung und Beschlußfassung durch die Synode, wie dies auch in Baden geschieht." Hochachtungsvoll W. Diefenbach, Kaufmann; Dr. Eg-r, Profeffor; Dr. Elgenbrodt, Leibarzt; Engelhard, Rentner; Friedrich, Gymnasiallehrer: C- Gauld, Generalagent; Gerschlau-r, Rentner; I. Heumann, Rechtsanwalt; Hlckler, Beigeordneter; ®. Hiffertch, Hofspengler; C. Kleber, Rentner; C. A. Mangold, Hofmusik - Direcior; W. Möser, Scklossermeister; I. G. Möser, Rentner und Stadtverordneter; Ohly, Bürgermeister; Pfnor, Oberlehrer, und Diakonus; Philippi, Lehrer i. P.; H. Reineck, Jnstit.-Vorst-her; H. I- Weitzel, Vorstand der Aciienziegelei; Weller, Justizrath; Wetzel, Rentner; Wiener, Gasthalter; Wondra, Hofjuwelier.
Berlin, 28. Juli. „Die orientalische Frage nähert sich mehr und mehr der Reife", urthetlt die russische „St. P-tersb. Ztg." „In der augenscheinlich aus diplomatischen Kreisen inspirirten Preffe verlautet es bald von einer Theilung der Türkei unter die europäischen Mächte, bald von der Bildung selbstständiger Staaten aus der Balkanhalbinsel, bald von einer Vercim- gung beider Bulgarien und dem Aehrltchem. In der Türkei selbst erregen alle diese Gerüchte bereits weder Furcht noch Zweifel. Die Türken sehen offen ein, daß sich mit ihnen in nächster Zeit Etwas ereignen muß, und sie raffen blos ihre letzte Kraft zusammen, um Die Amputation heldenmütiger zu überstehen und ihr Leben möglichst theuer. hinzugeben, wenn der Tod unterm Messer bevorstehen wird. Das Project einer Theilung der Türkei unter die europäischen Mächte hält naturgemäß selbst vor der geringfügigsten Kritik nicht Stand, da die Befriedigung aller Forderungen, welch- bei dieser Gelegenheit entstehen können, in das Bereich der Unmöglichkeit gehört. Eine derartige Theilung würde blos neue Verwickelungen zur Folge haben, würde neue Fehden veranlaffen und könnte mit einem allgemeine» europäischen Kriege abschließen. Sehr möglicher Weise werden Deutschland und Oesterreich-Ungarn mit allen Mitteln der Unterjochung der Slaven unter das deutsche Element Vorschub leisten aber ebenso möglich ist es auch, daß sich derartigen Bestrebungen gegen- über die übrigen Mächte zu gemeinsamem Widerstande vereinigen werden. Der Schwerpunkt der orientalischen Frage liegt gegenwärtig darin, daß es zwischen Rußland und England zu einem Einvernehmen komme, zur Wahrung der beiderseitigen Interessen dieser Staaten, für den Fall einer Liquidaiion der Türkei. Sobald zwischen beiden Staaten ein solches vorläufiges Einvernehmen erzielt sein wird, geht die Lösung der orientalischen Frage ohne tiefe Erschütterungen von Statten." ________________


