dem Art. 30 der Retchsversaffung im Widerspruch zu stehen scheine, daß ein Reichstaasabgeordneter wegen einer von ihm im Reichstag gehaltenen Rede zur gerichtlichen Zeugnißabgabe gezwungen werde. Die Bedenkzeit wurde gewährt. Gestern hatte sich nun Liebknecht im Gerichtssaale zu erklären. Er verweigerte das Zeugniß, weil er zu dec Ueberzeugung gelangt sei, daß die durch Art. 30 der Reichsverfassung gewährleistete Unverantwortlichkeit für Reichstazsreden auch den Zeugnißzwang ausschlteße. Das Amtsgericht erkannte dies aber nicht als einen „gesetzlichen Grund" zur Verweigerung des Zeugnisses an und ver- ügte über Liebknecht die Hast, welche jedoch aus dessen Beschwerde sofort wieder ausgehoben ward. Die Sache schwebt jetzt vor dem Landgericht.
Dresden, 26. Juli. Die zur Aufnahme der gesammten Dresdener Besatzung neu erbaute, aus lauter Kasernen gebildete Albertstadt hat in diesen Tagen eine harte Probe ihrer Zweckmäßigkeit zu bestehen, insofern in der Kaserne des Garde-Reiter-Regiments die Blattern ausgebrochen und schon gegen 40 Mann davon ergriffen worden sind. Ein Sergeant ist bereits gestorben. Alle Osficiere des Regiments haben sich sofort noch einmal impfen laffen. kriegsministrr General v. Fabrtce, welcher die Pläne des König- in^s Werk gesetzt, ist jetzt auch persönlich bemüht, alle Vorkehrungen gegen das Umstch- greifen der Epidemie zu leiten.
Lokales.
Gießen, 29. Juli. Durch die Ungunst der Witterung in Frankfurt konnte das Wettturnen nicht tote prosectirt auf dem Festplatz stattfinden, sondern in den verschiedenen Turnhallen Frankfurts. In diesen waren für titele Turner die Geräthe nicht sehr handlich, weßhalb eine so geringe Punkt« zahl erreicht wurde. Bestimmung beim Wettturnen ist, daß die Mtnimalpunktzal 45 sein muß, und kann diese Bestimmung nur "durch einen deutschen Turntag (nicht durch das Kampfgericht) abgeändert resp. die Minimalpunktzahl herabgesetzt werden, welches, falls es in der Macht des Kampfgerichts gelegen hätte, geschehen wäre, und mußten dadurch auch die beiden Wettturner von Gießen darunter leiden. Außerdem hatte die Riege, worin die Gießener waren, noch den Nachtheil, daß als sechstes und letztes Geräth (Weitspringen) am Mittwoch auf dem Festplatz tiorgenommen worden, wo der Boden sehr weich und schlüpfrig war, dagegen die anderen Riegen in den Hallen auf festen Boden gesprungen waren. Turner Unverzagt hatte 43,2 Punkte und Turner Hoffmann 40 Punkte. Wäre die Mtnimalpunktzahl auf 40 Punkte herabgesetzt worden, so hätte U n V e r zagt von Gießen den 27. Preis erhalten.
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Vermischtes.
Frankfurt, 28. Juli. Der Kaiser hat auf die Depesche des Central-Ausschusses und des Ausschusses der deutschen Turnerschaft folgende Antwort an die hier versammelte Turnerschast gesendet: „Ich beauftrage Sie hiermit, den Genossen des allgemeinen deutschen Turnfestes meinen Dank für ihren Gruß und meinen Wunsch für das fröhliche Gedeihen des mit der körperlichen Bildung zugleich den nationalen Sinn belebenden Turnwesens auszudrücken. Wilhelm." Im Anschluß an dieses gestern von dem Oberbürgermeister Dr. Miquel nach Beendigung des Mittagsmahls in der Fefthalle verlesene Telegramm und nach einem auf den Kaiser ausgebrachten Toast, brachte Herr Dr. Geiger einen Trinkspruch auf das deutsche Vaterland. Die Musik spielte Heil Dir im Siegeskranz."
— Gestern wurde in der Fahrgasse ein Turner von einem Blutsturz befallen, ein anderer brach ein Bein. Im Ganzen sind bis jetzt meist leichtere Verletzungen con- statirt Am ersten Tage war die Zahl derselben, Luxationen rc. inbegriffen, 106.
Frankfurt, 28. Juli. Das heutige Feuerwerk hat dem Turnfest einen trau- men Abschluß gegeben. (Sin schrecklicher Unglücksfall ereignete sich bereits nach den ersten 10 Minuten in Folge der Explosion eines Mörsers (sog. Katzenkopfs). Das Publikum drängte, nachdem das Gerücht von dem Unglücksfall sich wie ein Lauffeuer über den weiten Platz verbreitet hatte, nach der ärztlichen Station, woselbst dann verkündet wurde, daß 20 Personen, meist Frankfurter, verwundet seien. Es befinden sich darunter 3 bis 4 Schwerverwundete.
— Bei der Katastrophe auf dem Festplatze verloren ihr Leben: Fräulein Söhnlein welcher die Brust von einem Mörsersplittcr zerrissen wurde; ein junger Mensch Namens Jost und Frau Söller. Verwundet wurden: Feuerwehrmann Hoch; Schäfer von der Allerheiligengasse; August Blei, Klappergasse; ein Kind R. Binner aus Hanau; Olga Lotz; H. Söhnlein; F. Söhnlein; August Wollhausen: Eva Vogler (Dienstmädchen Kaiserstraße) und das ihr anvertrantc Kind; August Bellinger; F. Mosner, Hanauer Landstraße; W- Fischer; Krogner (Techniker); R- Schmidt und ein Kind Namens Schenk.
Die Frankfurter Zeitung" schreibt über das Unglück: Das Feuerwerk, das heute Abend zum Schluß des Turnfestes abgebrannt werden sollte, wurde durch em aräßliches Unglück gestört. Kaum waren die ersten Raketen losgelassen, als eine furchtbare Detonation erfolgte, die den Boden weithin erschütterte. Darauf folgte
Selegraphischr Depesche«.
Wag»er's telegr.
Friedrichsdorf, 28. Juli. Der Kronprinz ist heure Nachmittag 2 Uhr auf der Pacht „Hohenzollern" hier eingetroffen und wohnte alsbald den Torpedos- und Minen-Uebungen bei, wobei das Schiff „Barbarossa" ge- sprengt wurde.
Stuttgart, 28. Juli. Der „Schwäbische Merkur" meldet: Prinzessin Marte, Gemahlin des Prinzen Wilhelm von Württemberg (des muth- maßlichen Thronfolgers), ist heute tn Ludwigsburg glücklich von einem Prinzen entbunden.
London, 28. Juli. Unterhaus. Der Staatssecretär für Indien, Hartington, verliest folgendes Telegramm aus Kandahar: General Burrow's Streitmacht ist vernichtet. Die Besatzung von Kandahar zieht sich zurück. Phayre telegraphirte, man solle alle verfügbaren Truppen sammeln und nach Kandahar marschtren laffen. Nach Simla ist auch Ordre ergangen, wenn nothwe-idtg, noch eine wettere Brigade zu schicken.
Kiel, 28. Juli. Der Stapellaus der Panzercorvette C, welche der Kronprinz aus den Namen „Baden" taufte, ist äußerst glänzend verlausen; eine große Menschenmenge wohnte der Feierlichkeit bei.
Kiel, 28. Juli, Abends. Bei der Taufe der Panzercorvette „Baden" hielt der Kronprinz folgende Ansprache: Möge das Schiff, welches hier getauft werden soll, seines Namens würdig sein, denn es soll Uns an den Namen des edlen und schönen an des Reiches Mark gelegenen Landes erinnern, dessen erlauchter Fürst durch die zartesten Bande mit dem Kaiser und Seinem Hause verbunden und der als leuchtendes Vorbild unter den deutschen Fürsten von UnS verehrt wird. — Abends 6 Uhr 55 Minuten reiste der Kronprinz nach Berlin ab.
London, 28. Juli, Abends. „Reuter's Bureau" meldet über die Niederlage der britischen Truppen aus Simla von heute: General Burrow erlitt durch Ayub Khn eine ernstliche Niederlage. Die Verluste find bedeutend. Dir englischen Streitkräfte wurden zerstreut und mußten flüchten; noch 3 Meilen vom Feind verfolgt, langen dieselben jetzt in kleinen Abtheilungen zu Kandahar an. Der Feind nahm zwei Geschütze.
Karl Steinnem;
3) der Amtsrichter bei dem Amtsgerichte Mainz Hugo Forch; so wird dies hierdurch zur öffentlichen Kenntntß gebracht.
3. Uebersicht der für das Jahr 1880 von Großherzogltchem Ministerium des Innern und der Justiz genehmigten Umlagen zur Bestreitung von Corn- munal-Bedürfnissen in den tSraeltttschen ReltgtonS - Gemeinden des Kreises Worms. , r
4. Bekanntmachung Großherzoglichen Kreisamts Gießen, die Erhebung von Umlagen der Stadt Gießen für 1880 betreffend.
5. Ordensverleihungen. Se. König!. Hoheit der Großherzog haben aller- gnädigst geruht: am 30. Mai dem Pedellen an dem Gymnasium zu Mainz Johannes Sommer das allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift: „Für langjährige treue Dienste", am 24. Juni dem Oberlehrer an der kathol. Schule zu Bensheim Joseph Lippert daS silberne Krem des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen, am 30. Juni dem Großh. Garnison-Verwaltungs-Jnspector Mach in Worms das Ritterkreuz 2. Klaffe des Verdienstordens Philipps deS Großmüthigen, am 2. Juli dem Generalmajor z. D. v. Sannow und dem Oberst z. D. Schach v. Wittenau das Commandeurkreuz 2. Klaffe des Lude- wigsordens zu verleihen.
6. Ermächtigung zur Annahme und zum Tragen eines fremden Ordens. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben allergnädigst geruht: am 20. Juni dem Major ä la suite Frhrn. zur Rabenau die Erlaubniß zur Annahme und zum Tragen des ihm von Sr. Majestät dem Kaiser von Oesterreich verliehenen Comthurkreuzes deS Franz-Joseph-Ordens zu ertheilen.
7. Namensveränderung.
Berlin, 27. Juli. Es scheint, als wenn eine Revision des Gerichts- kostengesetzes demnächst bevorstände, und zwar tn dem Sinne der Herabsetzung der jetzigen Gerichtskosten. Das Verlangen danach tritt denn auch tn der That zu allgemein und einstimmig auf. Eine osficiöse Mitthetlung der „Nordd. Allg. Ztg." lautet: „Bei der wachsenden Bewegung gegen die Höhe der Gerichtskosten erscheint es wohl angezeigt, darauf htnzuweisen, daß der Antrag des Abg. Klotz, betr. die Ermittelungen über den Gerichtskostentaris, im Reichstage fast einstimmig angenommen worden ist, sowie namentlich darauf, daß der damalige Staatssecretär des Reichsjustizamts (jetzige Justizminister) Dr. Friedberg bei Einbringung der Vorlage hervorhob, daß es nothwendig gewesen wäre, um den Wünschen der vereinigten Regierungen nachzukommen, die Gebührensätze nicht zu niedrig zu greifen; daß es aber später leicht möglich sein und gewiß die Zustimmung des Reichstags erhalten würde, wenn diese Gebührensätze sich tn der Praxis als zu hoch herausstellten, demnächst eine Ermäßigung herbeizusühren."
— Sehr interessant ist, daß seit dem Wunder von Marpingen nie wieder ähnliche Wundererscheinungen ausgetreten sind. Ein freisinniger Katholik, der öfters Rom sieht und dort mit hochgestellten Geistlichen verkehrt, theilt mit, es sei ihm durch feine guten Gewährsmänner zu Ohren gekommen, Papst Leo XIII. habe sich die Wundererscheinungen verbeten. Nicht in dem Sinne, als stünde der heilige Vater in so nahem Konnex mit abgeschiedenen Heiligen, daß er in ihrem Verhalten zu bestimmen vermöchte, allein Leo XIII. hat doch die Jesuiten einigermaßen in äußerlicher Zucht, und weil sie allen Unfug in- scenirten, der auf dem Gebiete der Wundererscheinungen vorgekommen war, so sind sie jetzt zur Zurückhaltung genöthigt. Der jetzige Papst ist nicht etwa ein Freisinniger, aber ein kluger Mann, der genau zu übersehen vermag, wie viel üble Nachrede dem Ultramontanismus die Lourdes- und Marpingen-Vyr- gäuge eingebracht hatten, vom Scandal in Dietrichswalde ganz zu schweigen. Es bleibt wichtig, aus den Zusammenhang hinzuweisen, der zwischen der jeweiligen päpstlichen Politik und der jesuitischen Praxis besteht. Der Papst gebietet den Jesuiten Zurückhaltung und nirgends öffnet sich ein Quell, nirgends weint eine Statue, nirgends geräth eine Jungfrau in Verzückungen. In der Welt der ultramontanen Wunder herrscht absolute Ruhe. Zum. guten Theil haben hierzu die Marpinger Proceßakten und die preußischen Füsiliere beigetragen, die Befehl erhalten hatten, das ganze Gebiet der Wundererschetnung zu umstellen und daffelbe vorsorglich abzusuchen. Wegen der größeren Nüchternheit, die den Papst Leo beherrscht, ist der Unterschied zwischen seinem und dem Regime des verstorbenen Papstes ein überaus großer und wie er nichts thut, sich als unfehlbar zu erkennen zu geben, so wehrt er groben Wahnvot- pellungen. Immerhin etwas Erfreuliches und Anzuerkennendes.
Falkenberg a. S., 28. Juli. Das hiesige Kreisblatt bringt fol- gende auffallende Bekanntmachung des königl. Landraths: Nach einer mir zugegangenen Nachricht hält sich hier seit zwei Monaten ein höchst gefährlicher Revolutionär in Deutschland auf, um einen längst im Geheimen vorbereiteten Gewaltact zur Ausführung zu bringen. Derselbe ist, soviel ermittelt, Däne von Geburt, gelernter Apotheker, längere Zeit in Amerika, zuletzt in London gewesen, reducirt gekleidet und hat die Angewohnheit, auf der Straße dicht an den Häusern herzugehen und letztere durch seitliche Handbewegungen zu berühren. Er ist verheirathet, doch befindet seine Frau sich wahrscheinlich zur Zeit nicht bei ihm. Sein Name hat nicht genau festgestellt werden können, soll indessen Flörro oder Flöro lauten; möglicherweise reist er jetzt in Deutschland unter einem andern Namen, vielleicht Winter, Petersen oder Aumann. Die Herren Amtsvorsteher und Gensd'armen des KreiseS veranlasse ich, au den rc. Flörro oder Flöro zu vigiliren, denselben im Betretungssalle zu überwachen, event. zu verhaften und davon, wenn Letzteres geschehen sollte, mir sofort Anzeige zu erstatten.
Leipzig, 26. Juli. Man wird sich erinnern, daß die Reichstagsabgeordneten Bebel und Liebknecht zu Anfang vorigen Monats auf Veranlassung der Berliner Staatsanwaltschaft vor das hiesige Amtsgericht geladen waren,
2V der Landaerichtsrath bei dem Landgerichte der Provinz Starkenburg um als Zeugen in einem Pcoceß vernommen zu werden, der gegen mehrere ) Christian Weyland • i von ihnen in Reichstagsreden genannte Personen auf Grund dieser Reden an-
3V der Amtsrichter bei dem Amtsgerichte Darmstadt II Christian Arnold; ; hängig gemacht worden ist. Bebel, der in Geschäften verreist war, konnte der J II. am Sitze des Landgerichts der Provinz Oberhessen: i Vorladung n cht folgen. Liebknecht bat^stch Bedenkzeit^ aas, da es ihm mit
1) der Director bei dem Landgerichte der Provinz Oberheflen Dr. Karl '
Stammler (Vorsitzender); ,
2) der Landgerichtsrath bei dem Landgerichte der Provinz Oberhcssen Wil-
Helm Pfannmüller; Ä f
3) der Amtsrichter bet dem Amtsgerichte Gießen Dr. Karl Gilmer;
III. am Sitze des Landgerichts der Provinz Rheinhessen:
1) der Director bei dem Landgerichte der Provinz Rheinhessen Heinrich Pauli (Vorsitzender); r
2) der Landgerichtsrath bei dem Landgerichte der Provinz Rheinhessen


