Mr 123. Grstss Biatr. Sonntag beii 30. Mai
1880.
Kichener H(n^iger
Amizk- unb Amtsblatt fit hra Kreis Sich,.
RedaettooSdoreaur \ ,,L n „ 1O
«Tpeditt4»nsb«rechor / Schulstraße B. I8.
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Ein wichtiges Aktenstück.
Was etwa i och in den ,Motiven zu der kirchenpolittschen Vorlage für den preußischen Landtag unklar war, erläutert Fürst Bismarck durch die Publikation eines Erlasses, welchen er am 20. April an den deutschen Botschafter In Wien, Prinz von Reuß, gerichtet hat. Die Regierung kennzeichnet darin umfassend ihren Standpunkt der römischen Kurte gegenüber, und die Veröffentlichung wirkt wett über den Zweck hinaus, einzelne Zweifel und irr- thümliche Auffassungen früherer staatsmintfterieller Beschlüsse in ihrer Beziehung zu der neuen Vorlage zu zerstreuen und zu berichtigen. Mit der Vorlage selbst und mit ihrer Ergänzun.z durch den Inhalt des Erlasses an den Prinzen Reuß ist das lange beängstigende Stillschweigen über den Stand der Friedensverhandlungen mit Rom endlich gebrochen, das Dunkel lichtet sich und wir erblicken den Reichskanzler wieder seinem alten Grundsätze treu, daß kein Frieden geschlossen werden würde, der die Eqre des Staates verletzt. Füist Bismarck stellt allen Umtrieben und aller Geheimnißkrämerei der Diplomatie des Vatikans jenen Bundesgenossen des guten Rechts gegenüber, den das Papst- chum immer gefürchtet hat, die öffentliche Meinung!
Der schlichte Sinn des deutschen Volkes erkennt unschwer, daß die Ehrlichkeit und die wahre Friedensliebe nicht im Vatikan, sondern bei der deutschen Regierung zu Huuse sind. Indem der Papst die weitgehenden Zugeständnisse des Staates ablehnte, um noch mehr zu erpressen, vergaß er, daß es sich nicht um einen Vertrag zwischen Personen handelt, nicht um ein Geschäft, das für den Schlauesten den meisten Gewinn bringt, sondern um eine öffentliche Angelegenheit, an welcher außer Deutschland die ganze Welt Antheil nimmt, um eine Frage des Geistes und der Herzen, der Ehrlichkeit und des Rechts, deren Lösung zu erschweren oder unmöglich zu machen, kein Verdienst ist, sondern den Unversöhnlichen in der öffentlichen Ächtung herabsetzen muß. Die preußische Staatsregierung hat bisher dis Courtoisie gezeigt, an die Aufrichtigkeit der Friedensliebe des Vatikans zu glaufc.n; sie hat sich den Anschein gegeben, als verstebe sie die Schwierigkeiten zu würdigen, welche die Haltung des Centrums der römischen Kirchendiplomatie bereuet. Nachdem der Kanzler aber erkannt hat, daß sich nicht das Centrum hinter den Papst, sondern der Past hinter das Centrum rersteckt, spricht er offen die schwere Anschuldigung des Papstes aus, von dem ein Wort genügt härte, um die CentrumSleute von ihrer steten Bekämpfung der Regierung zurückzubrtngeu. Der Papst ist verantwortlich für die Haltung des Centrums.
Wichtiger als diese Kritik ist der Hinweis auf die Zukunft. Die Fortsetzung des Kulturkampfes, eine neue Auflage der Hetzereien und Drohungen find nicht geeignet, die Regierung einzuschüchtern. Der Staat leidet darunter, aber die Kirche jedenfalls noch mehr. In dieser Hinsicht spricht Fürst Bismarck offen aus, daß die katholische Agitation im Lande zu früh ihr Pulver verschossen habe; mehr, als sie bisher erreicht, werde sie trotz aller Anstrengungen niemals erreichen, und da der Staat bisher die Anfeindungen ertragen habe, so hat er auch in Zukunft nichts zu fürchten, Dank der Vortreffltchkeit jener Gesetze, die er zum Thetl zu opfern bereit ist.
Der Reichskanzler schildert eingehend das praktische Entgegenkommen, welches die Staatsregierung bereits bewiesen hat, und er gedenkt ja bekanntlich trotz der Ablehnung der Kurie die Formen debatttren und beschließen zu lassen, unter welchen ein noch weiteres Entgegenkommen möglich ist. Dabet verschweigt er allerdings nicht, daß es thöricht sein würde, wenn die Regierung ihr scharfes Schwert zerbräche, während man Seitens der Kurie keinerlei Garantien besäße. Aber an und für sich zeigt Fürst Bismarck dabei eine Friedensliebe, die ungewöhnlich wett geht und möglicherweise vom preußischen Landtage nicht gutgeheißen werden wird. Ist das Centrum trotz alledem und alledem feindlich, der Papst trotz allem Entgegenkommen hartnäckig widerstre- Lend, warum sollen wir nicht ruhig warten, da wir warten können? Deutschland hat seinen guten Willen gezeigt, es ist nicht nöthtg, ihn noch einmal eklatant zu bekunden, um vielleicht zum dritten Male abgewiesen zu werden. Vielleicht, oder vielmehr wahrscheinlich, wird die Kirche entgegenkommender werden, wenn man die Gesetze bestehen und Alles beim Alten läßs.
Deutschland.
Darmstadt, 29. Mai. DaS heute ausgegebene Großherzogltche Regierungsblatt Nr. 17 enthält die Instruction für die Großh. Kretsämter, Kreisgesundhettsämter, delegirten Kreisärzte und Ortspoltzeibehörden zur Ausführung des Gesetzes vom 10. Septbr. 1878, 6etr. den Schutz der in fremde Verpflegung gegebenen Kinder unter 6 Jahren. (Regier.-Blatt 1, Sette 118.) m. Darmstadt, 29. Mai. Von Seiten eines Comite's von Vertretern der Städte Friedberg und Hungen und der Orte Dorheim, Mehlbach, Södel, Wölfersheim, Berstadt Wohnbach, Obbornhofen und Bellersheim ist an die zweite Kammer der Stände eine Eingabe gerichtet worden, welche in der Bitte gipfelt, das Project der Anlage einer Secundärbahn von Hungen nach Friedberg unter Anschluß an die projectirte Bahnlinie Mücke-Laubach-.smngen mit Ausmündun- der Bahn über Wölfersheim, Södel, Mehlbach, Dorheim nach Friedberg genehmigen zu wollen. Die Eingabe führt des Näheren aus, wie es von den Bewohnern der Provinz Oberhessen und insbesondere denjenigen der Wetterau, des gesegnetsten Landstrichs jener Provinz, auf das Tiefste empfunden werde; daß die Anlage der Oberhessischen Bahnen für den natürlichen Verkehr Tas nicht gebracht, was möglicherweise beabsichtigt gewesen. Von jeher aus uralten Seiten bewege sich die Verwerthung der Landesproducte, sowie der Gewerbs
erzeugnisse aus der Wetterau und selbst vom Vogelsberg herunter vorzüglich Frankfurt zu, also fast in grader Richtung von Norden nach Sijden. Es habe sich daher unter Würdigung dieser sehr wichtigen Verkehrsverhältnisfe unter dem Vorsitze Sr. Erlaucht des Grafen zu Solms-Laubach ein (Sonnte gebildet, um die Erbauung einer Secundärbahn von Station Mücke über Laubach nach Hungen und von da über die Orte Berstadt, Echzell, Reichelsheim nach Nieder-Wöllstadt oder nach Friedberg anzustreben. Dies habe die Bewohner der Hanptorte der Wetterau: Dorheim, Mehlbach, Södel, Wölfersheim, Wohnbach, Obbornhofen, Bellersheim und Berstadt veranlaßt, nicht müssig zu bleiben, und bereits unterm 25. Januar I. I. habe zu Berstadt eine sehr zahlreich besuchte Versammlung stattgefunden, welche den einstimmigen Beschluß faßte, unter Anschluß an das Project Mücke-Hungen — entgegen der Linie Echzell-Reichels- heim-Nieder-Wöllstadt ober Friedberg — mit Ausmündung der Bahn über Berstadt auf dem nächsten Wege der Straßenrichtung über Wölfersheim, Södel, Mehlbach, Dor- Henn nach Friedbeig zur Erbauung einer Secundärbahn alle möglichen Schritte zu thun. Nach den weiteren Ausführungen der Eingabe dürfte die Herstellung einer Secundärbahn Mücke-Friedberg der Bahn Mücke:Nieder-Wöllstadt gegenüber als das kürzeste und weniger kostspielige, sowie voUheckhafteste Project zu bezeichnen sein. Zunächst sei die Strecke Berstadt-Friedberg weit kürzer, als die Strecke Berstadt-Reichels- Heim-Nieder-Wöllstadt; weiter könne bei der Strecke Berstadt-Friedberg die vorhandene breite Staatsstraße znr Bahnlinie benutzt werden, onne daß dadurch der sonstige Verkehr auf der Straße beeinträchtigt werde, während bei dem anderen Project kostspieliges Gelände angekauft werden müßte; fobtmn berühre die Theilbahn die Hauptorte der Wetterau, der Verkehr auf derselben werde gewiß für Güter sowohl, wie für Personen ein sehr bedeutender werden, da von hier aus die Erzeugnisse der Landwirth- schaft und der Gewerbe nach Friedberq, Frankfurt und weiter gebracht werden und endlich dürsten eine besondere Berücksichtigung die Bergwerke von Wölfersheim und Mehlbach verdienen, da besonders da letzteres Werk seine ausgezeichneten Preßklötze (ein sehr vortheilhaftes und billiges Brennmaterial aus den Braunkohlengruben) in die Gegend nach Friedberg und Frankfurt hin veikaufe Schließlich wird bemerkt, daß das Comite sich auch bemüht habe, mit dem Eomite der andern Linie Mücke-Laubach - Berftadt-Echzell'Reichelsheim-Nieder-Wöllstadt eine Vereinbarung zu erzielen, es aber nur dahin gebracht habe, daß es für sein Project ebenfalls die nöthigen Vorarbeiten selbstständig ansführen lassen sollte. Die Eingabe, welche die demnächstige lieber? fendung des Planes, der Kostenüberschläge und statistischen Erhebungen in Aussicht stellt, wurde dem vierten Ausschuß der zweiten Kammer zur Berichterstattung überwiesen.
" Berlin, 27. Mai. Im Orient werden die Verhältnisse immer verwirrter. In der qesarnrnten Türket herrscht heute nirgends mehr Sicherheit des Lebens und Eigenthums. Selbst in der unmittelbarsten Umgebung der Hauptstadt mehren sich die Raub- und Mordanfälle auf offener Straße. Am kritischsten gestalten sich die Dinge in Albanien. Die Albanesen weigern sich fortgesetzt, an Montenegro die Gebietstheile abzutreten, welche diesem nach dem Übereinkommen der Mächte zufallen sollen. Montenegro ist zu schwach, um, sich die ihm zugesprochenen Gebiete durch das Schwert zu nehmen. Die Mächte fordern von der Pforte, daß sie die von ihr mttunterzetchneten Abmachungen durchführen solle. Die Pforte besitzt dazu nicht einmal den Willen; sie speist die Mächte mit Winkelzügen ab. In solchen sind sämmtltche orientalische Diplomaten groß, ihnen kann nur der ernste Wille, hinter dem militärisches Einschreiten steht, imponiren. Die Pforte weiß aber, daß keine der Mächte sich für die nächste Zett in kriegerische Unternehmungen einlassen will. Die Pforte besitzt auch gar nicht die Macht, den Anforderungen nachzukommen. Sie hat die Autorität über die Albanesen verloren; wenn ihre Beamten sich dem Willen der Albanesen widersetzen, droht ihnen grausamer Mord, wie das Schicksal Mehemed Ali Pascha's beweist. Die Soldaten der Pforte sind zum Theil selbst Albanesen, welche nicht gegen ihre Landsleute kämpfen, sondern mit oder ohne Billigung der Pforte zu ihnen übergehen, zumal sie seit Jahren keinen Sold empfangen haben und für ihren Unterhalt auf Raub und Plünderung angewiesen sind.
Hannover, 26. Mai. Der „Hann. Kur." erzählt folgendes Curto- fum: Bestraft wegen Flaggens in den Reichsfarben wurde der Verleger des „Htldesh. Courters", Herr Fünfstück. Der Redacteur des Blattes hatte wegen Beleidigung des Hildesheimer Magistrats ein fünfwöchige Gefängntßstrafe abgebüßt. Am Tage seiner Entlassung hängte der obengenannte Verleger eine schwarz-wetß-rothe Fahne aus und erhielt darauf folgenden Strafbefehl: „Auf Antrag der königlichen Staatsanwaltschaft wird gegen Sie wegen der Beschuldigung, daß Sie aus Anlaß der am 28. April d. I. erfolgten Entlassung des Redacteurs Schusser aus dem Gefängnisse des hiesigen Landgerichts eine große schwarz-wetß-rothe Fahne aus ihrem Hase gesteckt, dadurch Aufsehen erregt und groben Unfug verübt haben, — Übertretung gegen § 360, 11 St.-G.-B. — wofür als Beweismittel bezeichnet sind: Staatsanwalt Jänisch hierselbst, eine Geldstrafe von 30 und im Falle dieselbe nicht beigetrteben werden kann, eine Haftstrafe von 3 Tagen festgesetzt. Zugleich werden Ihnen die unten verzeichneten Kosten mit 3 10 auferlegt. Geldstrafen und Kosten
sind an das königliche Steueramt Hildesheim zu zahlen. Königliches Amtsgericht V. Daß man wegen Aushängens einer Flagge in den deutschen Reichsfarben „groben Unfug" verüben kann, ist in der That neu.
Italien.
Rom, 27. Mat. In der heutigen Sitzung der Deputtrtenkammer stimmten bei der Wahl der vier Vicepräsidenten 426 Abgeordnete. Auf Vare fielen 211, auf Spantigatt 207, auf Manrogonato 206, auf Rudtnt 200, auf Abtgnente 200, auf Ptanctoni 195, auf Tajant 190, auf Baccelli 135 Stimmen. Da kein Candidat die nothwendtge Sttmmenzahl erhielt, findet Stichwahl statt. Für diese wie für die Wahl der Secretäre und Quästoren einigten sich die Parteien der Constttuttonellen und Dissidenten, eine gemein-


