47. März gefaßt hatte, durch die abschwächende Declaration, welche die Depesche Ntna's vom 23. März enthielt, erschüttert war. So erklärt sich der Entschluß, den katholischen Staatsgenosien die Concesstonen, welche ohne L>chä- dtgung des Staates möglich sind, gratis und ohne Rücksicht auf römische Gegenleistung zu machen, und zu diesem Zwecke die bekannten gesetzlichen Vollmachten nachzusuchen. Die „Norddeutsche" führt aus, daß durch Annahme der Vorlage ein fruchtbarerer Boden als der bisherige, für Verhandlungen mit Rom geschaffen würde, weil dann an Stelle prtncipieller Verhandlungen Verhandlungen ü*.er einzelne Fälle treten würden, bet denen sich eher mit der Curie reden laffe. Wie weit die Regierung von den erstrebten Ermächtigungen Gebrauch machen weide, werte von dem Maße des Entgegenkommens der Curie abhängen. Wenn die Vorlage vom Landtage abgelehnt wird, so werde ersichtlich werden, daß der Regierung Elemente gegenüberstehen, welche die Fortdauer des Kampfes zu Zwecken bedürfen, welche eine Staatsregterung sich ? nicht aneignen kann.
Berlin, 27. Mat. Die Consrrvattven beschloffen tn der heutigen Frac- tionssitzung für Ueberweisung der kirchenpolttifchen Vorlage an eine Commission zu stimmen, die Vorlage im Ganzen unter der Voraussetzung zu befürworten, daß die Gültigkeitsdauer des Gesetzes zeitlich begrenzt werde. Die Fretcon- seroativen wollen ebenfalls die Feststellung einer begrenzten Gültigkeitsdauer, außerdem mehrfache Modificationen einzelner Paragraphen, namentlich der 4 und 9. Die Nattonalliberalen halten ihre Verhandlungen, welche bis spät Nachmittags dauerten, geheim.
— Die „Kreuzzeitung" constatirt den nachhaltigen Eindruck der veröffentlichten offiziellen Acteustücke auf die Fraktionen des Abgeordnetenhauses. Die Vermuthung, die größere Hälfte der Nattonalliberalen werde vielleicht der von der Regierung begehrten Vollmacht zustimmen, habe viel Wahrscheinliches. Den Eindruck auf die Mitglieder des Centrums könne man dahin präcistren, daß dieselben nunmehr sämmtltch gegen das Gesetz stimmen würden, während man bis j-tzt angenommen hatte, daß ein Theil deffelben sich der Abstimmung enthalten werde.
Petersburg, 27. Mai. Ein Bulletin über den Gesundheitszustand der Kaiserin meldet, daß derselbe tn der letzten Woche keine wesentliche Ver- änderung erfahren habe. — Der „Regterungsbote" veröffentlicht das bereits gemeldete Urthetl im Proceffe Dr. Wrymar, welches dem Grafen Loris-Melikoff unterbreitet werden soll. — Der Minister des Innern suspendtrte bie Zeitung „Bereg" auf 7 Tage, weil dieselbe das erwähnte Urtheil vorschriftswidrig veröffentlichte, ehe dies Seitens des „Regterungsboten" geschah.
Kassel, 27. Mat. Soweit bisher festgestellt, erhielten bei der Ersatzwahl zum Reichstage Schwarzenberg (Fortschritt) 8102, Bähr (nat.-liberal) 1850, Göbell (conserv.) 1526, Frick (Socialdemokcat) 1523 Stimmen. Nur aus wenigen Ortschaften fehlen noch die Absttmmungs-Ergebntffe, die indeß an dem Hauptresultat nichts ändern können.
Wien, 27. Mai. Das „Fremdenblatt" meldet: Dem der Pforte von Oesterreich-Ungarn erthetlten Rathe, sie möge um Skutari einen Truppen- Cordon ziehen, um den tn Tust concentrtrten Albanesen die Zufuhr abzuschnet- den, schloffen sich Deutschland und Rußland an. Laut Meldung aus Skutari trafen dort 4 Tabors zuverlässige türkische Truppen ein, mittelst welcher die Cerntrung möglich wäre. Ob die Zufuhren wirklich aufhören werden, hängt hauptsächlich ab von dem aufrichtigen Willen der türkischen Befehlshaber, die Konstantinopeler Befehle zu befolgen.
Berlin, 27. Mai. Die „Nordd. Allg. Ztg." publictrt drei Erlaffe an den Fürsten Reuß, die Verhandlungen mit dem Pronuntius Jacobint betreffend. Ein Erlaß des Fürsten Hohenlohe vom 5. Mai constatirt den nte- derschlagenden Eindruck von der Unfruchtbarkeit der Verhandlungen, wie solche aus dem Verhalten der Centrumspartei sich ergebe. Man glaube mit Recht, daß der Papst keinen Einfluß auf das Centrum habe. Wenn ein solcher nicht vorhanden, was nütze denn der weltlichen Regierung eine Verständigung, die den Papst befriedige. Die beiden anderen Erlaffe des Fürsten Bis-narck vom 14. und 21. Mat betonen, der Widerstand gegen die Ktrchengesetze sei aus dem Kreise des Clerus in die Vertretungskörper verpflanzt worden. Ungeachtet des wesentlich abgeschwächten Vertrauens, daß Verhandlungen mit der Curie zu einer Verständigung führen werden, werde die Regierung in friedliebender Gesinnung und tn Thetlnahme für bte verwaisten Gemeinden verharren und aus eigener Initiative heraus den gesetzgebenden Factoren bezügliche Maßregeln Vorschlägen. Ueber den Moment der Fortsetzung der Verhandlungen mit der Curie werde man sich entscheiden, wenn der Landtag über die beabsichtigte Vorlage beschlossen habe. In dem letzten Erlasse wird beklagt, daß der Papst die Ziele zu hoch spanne oder die Sttuatton mißverstehe. Man könne nicht noch ein weiteres Entgegenkommen, aber noch weniger die Abschaffung des Gesetzes ohne den Landtag versprechen. Die Erklärung, wenn die preußische Regierung der katholischen Kirche nicht mehr zugestehe, als tn ihrer discretionären Gewalt liege, so muffe die tn dem Breve vom 24. Februar ausgesprochene Ankündigung als non avenue betrachtet werden, rechtfertigte die Vorsicht, mit welcher man jene Ankündigung ausgenommen habe.
London, 27. Mat. „Daily News" meldet aus Kabul vom 26. d.: Die britische Commission hat Abdulrhaman die 'Emirwürde angeboten. Eine Antwort Abdulrhaman's hierauf ist noch nicht erfolgt.
Darmstadt, 28. Mai. Der Großherzog wird morgen Abend von England wieder hier Eintreffen.
Berlin, 28. Mai. Die „Nordd. Allgem. Ztg." publictrt einen von dem Legattonsrath Bucher unterzetchneten Erlaß an den Prinzen Reuß vom 4. März, worin es heißt, über das Schreiben des Papstes an Melchers müsse der Reichskanzler ein bestimmtes Urtheil Vorbehalten, bis der Umfang des angekündigten Nachgebens sich übersehen laffe, namentlich ob unter den sacer- dotes, welche „ordinarii dioecesum“ berufen, auch Succursal-Priester und Capläne verstanden seien und von welchen Gegenleistungen des Staates dies Zugeständniß abhängig gemacht werde. Ueber die Wahl der Adresse, an welche der Papst seine Kundgebung gerichtet, würde der Reichskanzler, ohne der Be- rathung mit den Ministern vorzugreifen, hinwegsehen.
Ein weiterer Erlaß deö Reichskanzlers vom 4. April ermöglicht den Geschäftsträger Grafen Ben hem, dem Cardinal Jacobini mitzutheilen, Preußen beabsichtige, wie der Staatsmintsterialbeschluß ergebe, in den friedliche Annäherungen an den päpstlichen Stuhl sich pari passu zu halten und würde, so lange die Aeußerungen des PapsteS in dem Gebiete der Theorie biteben, dieses Gebiet gleichfalls nicht re lassen können. Auf dem Gebiete der Praxis sei Preußen durch Concesstonen bet Ausführung der Gesetze fett v. Puttkamer's
Amtsantritte tm Vorsprunge. Um weitere Freiheit zur Entfaltung von Repressto-Maßregeln zu erhalten, seien Acte der Gesetzgebung nothwendlg, die die Regierung nächsten Sommer bei dem Landtage beantragen werde. Unter derselben Voraussetzung würde die Gegen-Concesston der Wiederherstellung der preußischen Gesandtschaft bei dem päpstlichen Stuhle in Erwägung genommen, resp. dem Kaiser und König vorgeschlagen werden.
Lokales.
Gießen, 28. Mai. Seit gestern tragen vte Schutzleute über der Cocarde noch eine kleine vergoldete Krone.
— Das erste Concert der Tyroler Sänger-Gesellschaft in Wenzels Garten war sehr besucht. Reicher Applaus lohnte die schönen Lieder, wohingegen die Sänger durch Einlagen und Wiederholungen der Gesänge sich revanchirten Hoffentlich wird heute und morgen Abend beim letzten Concerte der Besuch eben so zahlreich sein. Bei Dem schönen warmen Wetter und einem kühlen vortrefflichen Glase Bier läßt es sich rbest wohl sein in Wenzels Garten.
Vermischtes.
Mainz, 26. Mai. Sonderbare Christen bat unser Herrgott auf der Erden herum laufen. Ein gewisser Gotthard Frhr. v. Richthofen kündigte tn den hiesigen Localblättern eine Vorlesung mit folgender Einladung an: Mitchristen! Die in der heil. Schrift enthaltenen Weisagungen von dem „Antichristenthum der letzten Tage" gehen in unseren Tagen in Erfüllung. Darum geziemt es allen Christgläubigen, den confessionellen Streit ruhen zu lasten und sich auf die nahe bevorstehende periönliche Wiederkunft Jesu Christi vorzubereiten. Dir Vorlesung über dieses Thema fand gestern Abend im Casino „Zum Gutenberg" tn Gegenwart vieler Hunderten von Neugierigen aus allen Ständen statt. Redner schüttete seinen ganzen Zorn über die gottlosen Zeiten, die er mit den Zeiten vor der Sündfluth verglich, aus und kündigte der Versammlung an, daß in ganz kurzer Zeit Jesus Christus persönlich auf Erden erscheinen werde, um dem jetzigen Äntlchristentbum ein Ende zu machen. Es ist geradezu unbegreiflich, tote ein Mann, welcher seine fünf Sinne bat, sich tn solche Dinge ergeht; bei fast allen Anwesenden erregte der Vortrag ein mitleidiges Lächeln, man glaubte eher einen Carncvalscherz, als einen ernsten Vortrag zu hören. (Noch unbegreiflicher ist es, daß der Mann ein Auditorium fand. Die Red.) ' (F. I )
— Wie der Pariser Berichterstatter der „Times" zu erzählen weiß, erschien vor kurzem ein Amerikaner in Berlin und machte dem Fürsten Bismarck brieflich den Vorschlag, einer sehr großen amertkanijchen Zeitung einmal wöchentlich einen beliebig kurzen oder langen Arttkel zu schreiben; diese Artikel würden Woche um Woche $u den lebhaftesten Erörterungen führen und dem Kanzler Gelegenheit geben, die öffeniliche Meinung kennen zu lernen, während seine eigenen Ansichten in wöchentlichen Dosen Europa, ja der ganzen eivilisirten Welt allmählig beb gebracht würden. Als praktische Amerikaner denkend und befürchtend, daß sogar der deutsche Kanzler diese Gründe allzu platonisch sinden dürfte, boten die Besitzer der Zeitung dem Fürsten für jeden dieser Artikel, >elbst wenn derselbe nicht über zwanzig Zeilen enthalte, die Summe von 2500 Dollars, also 130,000 Dollars jährlich, erklärten sich bereit, sofort im Voraus 260,000 Dollars zu hinterlegen als Sicherheit und Entschädigung für den Fall, daß die Zeitung dem Abkommen entgegen Die Mtttbeilungen des Fürsten nicht veröffentliche. Bei Empfang dieses seltsamen, aber ernst abgefaßten Vorschlages lachte der Fürst herzlich und licß eine ernste Antwort abgehen, in welcher er erklärte, daß seine zahlreichen Beschäftigungen ihm nicht vergönnten, weitere anzunehmen. Als die Antwort abgeschickl war, wandte sich der Fürst plötzlich zu seinem Sohne, dem Grafen Herbert, und sagte: „Wie thöricht; wir hätten ihm einen Brief von Dir für die Hälfte der Summe anbictcn können." Nach seinem Fiasco beim Fürsten Bismarck soll der UnterhänDler nach Paris abgereist sein, um sich nach einer Ersatz-Celebritär umzusehen.
— Ein interessanter Häftling befand sich dieser Tage bei der Pest Theresienstädter Vice- Stadthauptmannschaft Es toutbe nämlich eine beschäftigungslose Vagabundin eingebracht, welche im Verhör erklärte, sie heiße Ida Szederkenyt. Auf die Frage nach ihrer Beschäftigung antwortete sie stolz: „Honved-Corporal". Der Vice-Stadthauptmann glaubte anfangs, es mit einer Verrückten zu thun zu haben, wie groß aber war sein Erstaunen, als die alte Frau Zeug- niste vorzeigte, nach welchen sie in den Jahren 184“—49 activer Honvcd gewesen und es bis zum Corporal gebracht hat. Sie lebt jetzt in sehr kümmerlichen Verhältnissen. Der Vice- Stadthauptmann gab ihr eine kleine Geldspende und entließ sie
— Das schöne Palmenhaus auf der Pfaueninsel bei Potsdam ist mit seiner gesummten kostbaren Tropenvegetation in der Nacht zum letzten Donnerstag das Opfer einer verheerenden Feuersbrunst geworden. Von all den herrlichen Bäumen ragt nur noch einsam der versengte blätterlose Schaft eines hundertjährigen Palmenbaumes ftur Höhe. Verkohlte Stämme, kreuz und quer übereinander, geschmolzenes Glas und brandiger Schutt ist der ganze Rest der herrlichen Fracht, die so lange die Freude aller Besucher der Insel bildete. Ueber den Trümmern lagerte sich die aus Eisenstäben und Blech eonstrturte Kuppel. Glücklicherweise ist kein Menschenleben zu beklagen; dagegen sind mehrere Thtere, wie Lachtauben und Kanarienvögel, welche in dem Hause tinquarfirt waren, dabei umgekommen. Auch die herrliche indische Pagode von Marmor, die den monumentalen Schmuck des Innern bildete, ist berabgestürzt uno in taiOenD Stücke zertrümmert. Von allen Denen, welchen der Verlust dieses Bauwerks mit seinen Pflanzenschätzen nahe geht, trägt wohl Niemand tiefere Trauer, als der brave Hofgärtner Reuter, der so über Nacht die Schätze der Vernichtung anheimgefallen sehen muß, woran er mit seiner ganzen Liebe gehangen und denen er so lange Zeit hindurch seine sorgsame Pflege gewidmet hat. Dieser Unglücksfall hat den trefflichen Mann begreiflicherweise tief erschüttert. Ueber die Entstehung des Brandes fehlt noch jede Aufklärung. Nur so viel scheint festzusteden, daß das Feuer von dem Schornsteine seinen Ausgang genommen bat und die Flammen in der allen Holzeonstruction eine treffliche Nahrung gefunden haben. Das Haus war unter König Friedrich Wilhelm III. i. I. 1830 vom Baumeister Scbadvw errichtet worden; der Kuppelbau fällt jedoch in die Regierungszeit Friedrich Wilhelms IV. Die schöne alte Pagode hatte man in England angekauft. Zum Glück war übrigens das mit Holz umkleidete Schloß durch die Windrichtung geschützt gewesen. Möge der Bau bald wieder neu erstehen, und hoffentlich in eiserner Gestalt, die ihm größere Sicherheit gegen Feuersgesahr verleiht.
— Der in Pesth sich prvdueirende Seiltänzer Thompson, genannt der Besieger Blondin's stürzte vorgestern in der Schießstätte vom Seil, kurz vor Schluß der Vorstellung. Er wurde dem Tode nabe, in’ö Spital geschafft. Man sagt, er habe vorher viel getrunken gehabt. Thompson ist 21 Jahre alt.
Sehlffsberieht. Mitqetheilt von dem Agenten des norddeutschen 'ßlcci, T. W Dietz in Gießen.
Bremen, 24. Mai. sPer transatlantischen Telegraph.j Der Postdampfer Braunschweig, Capt. C. Undütsch, vom Norddeutschen Llovd in Bremen, welcher am 5. Mai von Bremen abgegangen war, ist gestern wohlbehalten in Baltimore angekommen.
Irischbäcker in Gießen.
Sonntag, den 30. Mai. August Noll, Mäusburg Wilhelm Laug, Neustadt.
Jakob Klingel Höfer, Wallthor.
Kirchliche Anzeigen der evangelischenGemeindernGießen.
Gottesdienst:
Sonntag, den 30. Mai.
Morgens 9i/., Uhr: Pfarrer Dr. Naumann (Katechismuslehre für die confirmirten Knaben.) Nachmittags 2 Uhr : Pfarrer Schlosser.
Die Pfarrgeschäfte für die Woche vom 30. Mai bis 5. Juni besorgt
Pfarrer Dr. Naumann.
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