Ausgabe 
28.3.1880 Erstes Blatt
 
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PortSmouth, 25. März. Die Königin Victoria und Prinzessin Beatrice haben sich heute an Bord der königlichen Pacht begeben, um über Cherbourg nach Deutschland zu reisen-

Southampton, 25. März. Die Kaiserin Eugente bat sich heute auf dem DampferGerman" nach Südafrika etngeschtsft.

Belgien.

Brüffel, 24. März. Der Gemetnderath von Löwen hat das Ver­fahren seines Bürgermeisters gegen die randaltrenden Studenten einstimmig gebilligt. Einige Tage vor Mtttfasten waren einige Museniöhne bei dem Stadthaupt ersebienen und hatten ein polizeiliches Verbot verlangt gegen einen carnevalistische» Auszug, der die Universität verspotten sollte, widrigenfalls sie selber denselben gewaltsam sprengen würden. Der Bürgerme ster hatte dem Rector der Universität von diesem Ansinnen Anzeige gemacht und erwartet, daß e'ne Warnung vor Ausschreitungen an die Jugend ergehen werde. Der Rector that aber gar nichts und die Studenten überließen sich am Sonntag und am Montag ihrem Haß gegen di« Liberalen so wett, daß st« nicht nur mit einem Besen, an dem die Rationalsahne angebracht war, lärmend durch die Stadt zogen, sondern auch die friedlichen Bürger mit rohen Gewaltthätig- keitcn Angriffen. Nun schritt der Bürgermeister poltzeilich ein und verbot alle Zusammenrottungen und Aufzüge der Studenten.

Italien.

Rom, 25. März. Ein veröffentlichtes Schreiben Farint's sagt, sein Entschluß, auf den Vorsitz in der Kammer zu verzichten, sei unerschütterlich, und er würde in dem Falle, daß er nochmals gewählt würde, neuerdings ablehnen.

Spanien.

Madrid, 24. März. Der Verthetdlger des Attentäters Oteros hat bei dem König um Begnadigung des zum Tode Verurthetiten nachgesucht. D-r König erwiderte, er sei seinerseits zur Begnadigung bereit, muffe die Frage jedoch den Ministern unterbreiten. Auch di« Königin legte Fürsprache für den Verurthetiten ein.

Afrika.

Kairo, 25. März. Die englische Regierung zeigte hierher an, daß Rivers Wilson zum Mitglied« der internationalen Liquidations-Commission ernannt ist. Als weitere Mitglieder dieser Commission werden genannt di« Engländer Auckland und Calvin, die Franzosen Liron und Diaroles, der Ita­liener Baravellt und der Oesterretcher Kremer.

Telegraphische Depeschen.

Wagner'« teleg«. Torrrsp»n»rn,. «ureau.

London, 26. März. Der Marquis es Hartington hielt gestern eine Wahlrede, in der er daS Programm der Liberalen bezüglich der Orientpoiitik entwickelte. Er erklärt«, die liberale Regierung würde, falls st- an8 Ruder komme, di« Jnierrffen und dir Ehr« Englands nicht von der Erhaltung der Unabhängigkeit und Integrität der Türket, nicht von einer fest organtstrten türkischen Regierung abhängig machen; das Verhalten der türkischen Regierung gegen die Christen nicht al« eine Angelegenheit behandeln, welche nur die Türket und Rußland tnteresstre; nicht versuchen, das europäische Einvenneh- men zu stören, wenn durch einen glücklichen Zufall Europa einig darüber sein sollte, was in der Türkei zu geschehen habe; sie würde im Gegentheil ihr Aeußeistes aufbieten, das Einvernehmen zu fördern und, wenn dasfelbe wieder- hergestellt sei, Alles lhun, um die Beschlüsse Europas zur Ausführung zu bringen-Standard« h^icht die Angriffe Gladstone's gegen Oesterreich und legt Verwahrung rin gegen eine Politik, welche dazu angeihan wäre, die eng­lische und die österreichische Regierung einander zu entfremden. Oesterreich sei nach wie vor der nothwendige Alltirte Englands für die britischen Interessen im Orient; es sei von der höchsten Wichtigkeit, daß an der Donau eine wach­same Contrvle sei und daß bie Balkan-Halbinsel durch einen starken. befreun- beten Staat regiert werbe, bet im Stande sei, Rußland von Konstantinopel fernzuhalten. __________

Lokale-.

Gießen, 27. März. Am Sonntag, den 28. d. M. findet eineSoiree" im Saale des Herrn Wenzel statt, worauf wir an dieser Stelle besonders hinzuwetsen Veranlassung nehmen. Die Dtolin-Künstlerin Frau Henriette Bischoff-Alexander hat durch bic Virtuosität auf der Geige, verbunden mit einem außerordentlich seelenvollen Vorträge, in allen größeren Städten Deutschlands Bewunderung erregt. Herr Earl Bischoff, hierselbst bereits bestens eingeführt, sowie verschiedene hiesige sehr geschätzte Kräfte, werden in obigerSoiräc" Mitwirken; die letzteren zu einem Streichquartett vereinigt, bringen u. A. ein Andante von dem Kirchern componisten Haydn, sowie Piecen von Mendelssohn, Schubert und Mozart zum Vortrag.

Gießen, 27. März. Eine traurige Geschichte ereignete sich am verflossenen Donnerstag in einem Hause am Kirchenplatz. Ein Dtenstmävchen hatte das Unglück, ein Kind von circa li/ Jahren an Gesicht, Brust und Leib derart mit heißem Wasser zu verbrühen, daß der arme Wurm gestern Nachmittag seinen Leiden erlegen ist. Möchte dieser Fall wiederholt zur Warnung bienen, bet kleinen Kindern die größte Vorsicht anzumenden.

Ein Stromer, welcher sich am Donnerstag zu unverschämt in einem Hause der Bahnhofstraße benahm, wurde verhaftet. Eine tüchtige Traäck Prügel auf den Köpertheil. welchen er die Frechheit hatte zu entblößen, wäre hier ganz gewiß am Platze.

Ein junger Mann von 17 Jahren, Schüler der Realschule, erhängte sich gestern Abend an einer Serviette in der Wohnung seiner Eltern. Nichtversetzen in eine höhere Klasse gibt man als die Ursache des Selbstmordes an.

__ Der hiesige Turnverein beabsichtigt, am 4 April in der städt. Turnhalle ein Schau­turnen abzuhalten. ___________

Vermischtes.

Lc obschütz, 17. März. Gestern Abend hatte der hiesige Fleischermeister Fuchs aus Kreisewin einen jungen Stier hier im Gasthause zum rothen Hirsch eingestellt, um ihn heute dort zu schlachten. Zu diesem Zwecke begab er sich mit einem Sohne ves Fletschermeisters Moose in den Stall, um das Thier loözubinden. Bevor dies aber geschehen tonnte, zerriß

der Stier die drei Stricke, mit denen er angebunden war und stürzte sich auf Fuchs; letzterem

gelang cs aber noch schnell die Thür zu erreichen und sich durch dieselbe zu retten, wahrend

Maase auf die Krippe retirirte, von wo aus er mit den Händen eine bölzernc Sprosse zum

Aufhängen von Pferdekummeten erreichte, an der er sich in die Höhe zog Der Stier raste nun im Stalle umher und suchte den an der Wand hängenden, in Todesangst schwebenden jungen Mann mit den Hörnern aufzuspießcn. wobei er wiederholt mit solcher Gewalt gegen das Mauerwerk rannte, daß das Gebäude erzitterte Inzwischen holte der Fleischermeister Fuchs einen Gensdarmen und einen Polizei-Sergeanten, welche nach Lage der Sache beschlosien, das Thier durch das Fenster zu erschießen, denn Maase flehte dringend um Hülfe, da er sich in seiner Lage unmöglich länger halten könne. Mit zwei Schüssen brachte der Gensdarm den

Stier zu Falle, in dem Augenblick, u!8 Maase herunterfiel. Der Aermste hatte gegen btei Viertelstunden in bteser schrecklichen Lage zugebracht und war durch die übermäßige Kraft- anstrengung und den Schrecken so erschöpft, daß er sich nur langsam wieder erholte.

^Sächsische Gemüthlichkeit.j EtwaS zur sächsischen Höflichkeit erzählte man sich dieser Tage auf einem Dresdener Bahnhofe. Ein merklich Angetrunkener hatte in einem Coupe Platz genommen. Der ihm vis-k-vis sitzende Passagier hielt es für seine Pflicht, den Schaffner auf den Mann aufmerksam zu machen und bat ihn, wenn der Mann aussteigen würde, ihm bann etwas behülflich zu sein. Das that der gute Mann an der betreffenden Station auch, bei welcher Gelegenheit der Angesäuselte in ausgiebigster Weise den Inhalt seines Magens über den Helfenden ausscküttete. Was that der Schaffner darauf? Er sagte freundlich:Na, Hern Se. Sie Ham aber Glück, seh'n Sc, wenn Se bas auf's Trittbrett gekommen wäre, da mußten Sc drei Mark Strafe zablen."_________________________

Eingesandt.

Freunden der Poesie, insbesondere der Dichtung, die aus unserem nächsten Kreise stammt und sich auch zum großen Theil mit Land und Leuten in Oberhessen beschäftigt, glauben wir eine Sammlung von Gedichten empfehlen zu sollen, die in diesem Jahre in Forst in bet Lausitz erschienen sind und den anlpruchslosen Titel führen

SaronSblumen und Heckenrosen

von

Georg Engelbach.

Der I. Theil behandelt biblische Stoffe in würdiger und ansprechender Form. Wir möchten hier nur beispielsweise aus Davids Klage um Jonathan verweisen.

Der II. Theil (Heckenrosen) besingt in gemüthlicher und äußerst feffelnder Art daS Leben, Lieben und Leiden der Bewohner unseres Dogelsberges. Wir wollen nur einige Lieder nennen; Nr. 2Don den Bergen laßt mich singen, Auf den Bergen schallt mein Lied, Wo die Luft, die klarbeschwingte, Durch die freien Wipfel zieht". Nicht weniger sindSonntagsgang",Abends im Walde" u. A. Ergreifend und mächtig wirken andere wieSturm",Im Schneestarm", Das Freiherngrab im Walde".

Der III. Theil endlich bringtVerschiedenes".

Da bie Ausstattung vortrefflich, der Preis mäßig gestellt ist, können wir daS Buch allen Freunden der Poesie mit gutem Gewiffen empfehlen. Es eignet sich auch zu Geschenken an die reifere Jugend, z. B. an Confirmanden. V.

Handel und Verkehr.

Gießen, 27. März. Auf Dem heutigen Wochenmarkte kostete: Butter per Pfd. JL 1,20 bis^L 1.30, Hübnereier 2 Stück 1013 H, Gänseeier per Stück 10 12^, Enteneier 2 Stück 11-13 4- Käse per Stück 58 H, Käsematte per Stück 3 H, Erbsen 1 Liter 20 H, Linsen 1 Liter 24 H, Tauben das Paar J4 0.901.05, Hühner per Stück JL 1.402.40, Hahnen per St. X 170 bis 2.50, Enten per Stück JL 2.30-3.00, Kartoffeln per 100 Kilo JL 89.00, Zwiebeln p. Ctr 1518, Milch per Liter 16 und 18 H, Ockienfleisch 66-68^ per Pfd., Kuh- und Ninblleisck 4856.$, Kalbfleisch 4046 H, Hammelfleisch 6070 Sckweinefletick 60 L»

Origiieal-Börsrn-Wochenbericht des Bankhauses Max Levenftein in Berlin W., Charlottenftr. 55. (27. Marz 11180.) Die abgelaufene Woche gehörte zu ben geschäftlich verkehrslosesten der letzten Monate, obschon in dieselbe die Regulirungstage gefallen sind. Ohne daß politische Vorfälle irgend welcher Art oder ein sonstiger äußerlicher Anlaß zu regiftriren gewesen wäre, wurden die Course fast sämmtlicher speculaliven Wertl)e in stark weichende Richtung gedrängt. Auf eine successive Besserung wird nur dann zu rechnen sein, wenn der Retnigungsprozeß, der sich augenblicklich vollzieht, nicht wieder durch künstliche Mittel ausgehalten wird, wie dies schon einmal zu Beginn dieses Monats geschehen ist.

Der internationale Spceulationsmarkt trug in den ersten Tagen der Woche das Gepräge vollständiger Geschäftslosigkeit bei nur wenig schwankenden Notizen. Das Bekanntwerden einzelner Ziffern der Creditanstalt-Bilanz gab indeß schon am Dienstag Veranlassung, die Situation zu klären. Die Course geriethen von da ab fast ohne Unter­brechung in weichende Bewegung, und ohne Rücksicht darauf, daß der flüssige Geldstand die Repartirnng ziemlich leicht gestattet haben würde, wurde das Angebot von -Tag zu Tag drängender. W^nrHer empfindlich als. Creditactien hatten Franzqsen und Lombarden zu leidens erstere empfanden vorübergehend sogar einen Stützpunkt in den von Paris gemeldeten Rotirungcn. Einer durchaus festen Haltung hatten sich ausländische Renten­papiere zu erfreuen. Namentlich gilt dies für Ungarische Goldrente, welche in großen Summen aus dem Markte genommen wurden. Selbst russische Werthe waren verhältniß- mäßia leidlich behauptet. , r r

' Auch Deutsche Bahnen wurden von der rückgängtgen Bewegung verhältnlßmäßrg nur wenig beeinflußt. Allerdings erfuhren die speculaliven Devisen wie: Oberschlestsche, Bergische und Mainzer kleinere Rückgänge, aber es traten zu den gewichenen Cour,en doch immer wieder gute Käufer auf. Sonst sind besonders Anhalter hervorzuheben, für welche bei erhöhtem Preise reger Begehr war, aus Anlaß der nunmehr auf 5pCt. festgesetzten vorjährigen Dividende. Kleine Bahnen lagen still und waren meist billiger. Ostpreußische Südbahn und Görlitzer erzielten im Anfang der Woche geringe Besserungen, welche indeß später wieder verloren gingen. Münster-Enschede-Stammactien beliebt.

In Banken war die Stimmung eine matte. Besonders zu leiden hatten DiSconto Commanditantheile, in denen ein starkes Hausse-Engagement vorhanden war. Das Näm­liche gilt von Deutsche Bank, die den dieswöchentlichen Verkehr mit einer größeren Ein­buße verlassen. Auch Darmstädter Bank erfuhren auf's '.Neue einen mehrprocentigen Coursverlust. Ucberaus matt lagen Hypothekenbanken, besonders Pommersche. Besser hielten sich Leipziger Credit, junge Gothaer Grundcrcdit und Berliner Handelsgesellschaft.

Unter den Bergwerken machte die rückläufige Bewegung weitere Fortschritte. Dieselben Erwägungen, welche für die weichende Tendenz in Dortmunder Union und Laura- hütte geltend gemacht wurden, waren auch der Anlaß für bie Abschwächungen der Cassa- werthe. Ein Ankauf von Kohlen- und Eisen-Industrie-Actien selbst bei heutigen Notizen möchte noch nicht räthlich erscheinen, weil nicht abzusehen ist, ob der Rückgang dieser beiden Producte nicht noch weiter um sich greift. Anders zu beurtheilen sind diejenigen Gesell­schaften, welche der Blei-, Kupfer, ober Zink-Branche angehören, weil die Preise dieser Metalle fortdauernd günstig und sogar steigend bleiben. Die Papiere solcher Gesellschaften fanden denn auch willig Rehmer. Neu zur Einführung gelangten die Pfandbriefe des Haseler Kupferbergwerkes, welche zu 95pCt. in großen Beträgen aus dem Markte genommen wurden, da dieses Papier, bei unbedingter Sicherheit, mit einem festen Zins von 6pCt. ausqestattct ist und innerhalb 20 Jahren mit 120 pCt. zur Amortisation gelangt.

^ndnftriepapiere behaupteten im Allgemeinen ziemlich feste Tendenz. Die Umsätze in denselben waren indeß von so geringer Bedeutung, daß nicht ein Effect besonders hervorgehoben zu werden verdient. (2145

Ausrug aus den Stsndesamtsregistern des Stsndessmts Gießen

Vom 20. bis 26. März 1880.

Aufgebote.

März. 23. Postschaffner Johann Georg Heckmann von Gammelsbach mit Marie Lang. Tockter des Landwirths Heinrich Lang von Rainrod. 23. Zimmermann Karl Schmidt von Krofdorf mit Elisabethe Naumann, Tochter deS Taglöhners Jacob Naumann von Nieder- Oflciden. 24. Weichensteller Hermann Rebberg, Wittwer von Steinbach, mit Margarethe Elisabeth Faber, Tochter des Zimmermanns Johannes Faber von Stcinhelm. 24. Küfer Georg Julius Euler II von Gießen mit Friederike Dorothea Leun, geb. Weismüller Wittwe des Wirths und Küfers Johannes Leun von Gießen 24. Metzgermeister Karl Peter Sack von Gießen mit Christiane Louise Zoll, Tochter des Barbiero Heinrich Zoll von Niederursel. 25. Kaufmann Ferdinand August Gail von Gießen mit Anna Hubertine Arnold, Tochter des Telesraphenbcamten Johannes Ludwig Wilhelm Arnold von Frankfurt a. J«

Eheschließungen.

März. 20. Kaufmann Wilhelm Hanftein von Friedberg mit Henriette Marie Wüker, Tockter des Staatsanwaltsgehiifen Carl Wilker von Gießen. 24. Taglobner Hermann Bender von Grüningen mit Elisabeth Zecker von Krofdorf. 25. Fabrikant August Wilhelm Hermann Küchel von Butzbach mit Louise Burkhardt, Tochter des verst. Kaufmanns Georg Burkhardt von Gießen.

Geborene.

Wär». 16. Christiane Louise Marie, Tochter M Dl-nstmann« Philipp Müller V. 13 o^Iel-b außerehelich von auswärts. 14. Catharine. außerehelich von auSwarto. 14 Margarethe Therese, außerehelich von auswart«. 16 Anna Ma^e Eli,, außerehelich von auswärts. 18. Louis Car,. Sohn des Schreiner« Hermann Krocker. 18. Dem Metzger, meister Hermann Euler ein Sohn. 21. Anna. Tochter de« M-chamku« Johanne« Kart Hatz.

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