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Nr. 74» Erstes Blat*. Sonntag den 28. Marz 1880.
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Amtlicher Hheit.
Betreffend: Das Behüten der Wiesen. Gießen, am 27. Mürz 1880.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Wir machen Sie darauf aufmerksam, daß das Behüten der Wiesen nach der Wiesen-Polizet-Ordnung für den Kreis Gießen vom 1. April an untersagt ist. Sie wollen die Schäfer hierauf aufmerksam machen und die Feldschützen strengstens anweisen, etwaige Uebertretungen zur Anzeige zu bringen. Die Gendarmerie ist gleichfalls angewiesen, Zuwiderhandlungen gegen dieses Verbot zur Anzeige zu bringen.
Dr. Boekmann._________________________________ ,___________
Gießen, am 25. März 1880.
Betreffend: Den Zustand der Fortbildungsschulen.
Die Großherzogliche Kreis-Schul-Commission Gießen
an die Schulvorstände des Kreises.
Wir sehen der Einsendung der Rechenschaftsberichte in rubricirtem Betreff bis spätestens zum 15. April entgegen.
________________Dr. Boekmann.__
Gefundene Gegen st ander
1 Taschenmesser, 1 weißes Taschentuch 1 Paar Pantoffel, 1 Schlüssel.
Die Gegenstände sind aus der Polizeiwache (Schloßgaffe 258) ausbewahrt.
Gießen, den 27. März 1880. Großherzogliche Poltzeiverwaltung Gießen.
Fresenius.
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O st e r n.
Unsere Zeit ist in Unruhe! Zm öffentlichen Leben der deutschen Nation ■ drängen sich in rascher Folge wechselnde Ereigniffe, und kaum vergeht ein .Tag, dem nicht irgend ein erschütternder Vorfall sein Gepräge verlieh. Allerdings arbeitet inzwischen auch unablässig die Cultur für ihre hohen Ziele, und mancher schöne Triumph der friedlichen Arbeit und der Wiffenschast tröstet uns über politisches Ungemach, mancher Sonnenblick aus lichten Höhen
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läßt uns hoffen, daß die Zukunft unserem Vaterlande schöner tagen wird, als die bewegte Gegenwart. Im aufregenden Kampfe um das Dasein bleiben uns die kirchlichen Feste, an denen die Arbeit ruht, willkommene Ruhepunkte. Der Mensch kommt mit seinem Fühlen und Denken wieder einmal zu sich selbst, zu einem Rückblick aus seine Thäitgkeit, zu einer Umschau und inneren Sammlung, welche ihn mit Hoffnungen und Vertrauen zur Zukunft erfüllen.
DaS heilige Osterfest hat, ehe es Religionssest war, schon als Natursest seine tiefe Bedeutung gehabt. Wie die Natur erwacht aus dem Winterschlaf, wie der Erlöser die Feffeln des Todes gesprengt hat, wie Israel von dem Würgengel verschont auszog aus dem Lande der Knechtschaft, das Alles sind mächtige und schöne Settenbilder zu jener Auferstehung von Noth und Trübsal, von Kampf und Leid, zu dem Auszuge aus den drückenden Banden der Sorgen zu innerer und äußerer Freiheit, auf die ein jedes strebende Volk, ein jeder rastlos ur d ehrlich arbeitender Mensch wie auf die Erfüllung einer Verheißung hofft. Das Herz grünt in neuer Lebenskraft, der Geist erhebt sich zu neuem Fluge und der Körper stärkt sich zu neuer Arbeit.
Diese innere Wiedergeburt ist ein heiliges Verwächtniß der Osterzeit. Die Kirchenglocken läuten Friede und Versöhnung, die Worte der Priester mahnen uns zur Einkehr in uns selbst, es ruht der Kamps mit unseren Gegnern, und die Menschen sollen sich in dieser festlichen Zeit als Brüder fühlen. Es war um die Osterzeit, als im Frieden zu Frankfurt a. M. das geeinte Vaterland in neuer Herrlichkeit auferstand, und jedes Ostern läßt uns beten, daß bald die Glocken einen dauernden Frieden im Völkerleben, einen Frieden auf dem religiösen und socialen Gebiet etnläuten möchten.
Wer nicht vermag, in diesem Sinne das Fest der Versöhnung und Auferstehung zu feiern, der ist in den Geist der Religion, die schon ihrem Namen nach einen soll, was da getrennt ist, noch nicht eingedrungen. Aber die süh- lenden Herzen, welche der Frühltngsodem der Natur erfüllt, die edlen Ge- müther, die von der tiefen Bedeutung des kirchlichen Festes ergriffen werden, die strebsamen Geister, denen das Osterfest nur die Markscheide zu neuer Arbeit im Dienste sür das Volk, für ihre Familie und für alle edlen Ziele der Cultur ist, sie finden das Vertrauen zur eigenen Kraft und Stärke wieder, und voll bester Hoffnungen sehen sie einer Zukunft entgegen, die, mag sie auch noch manche schwere Prüfung im Schoße bergen, endlich doch beglückend werden muß, weil sie gerecht ist.
Siehe, voll Hoffnung vertraust Du der Erde den goldenen Samen, Und erwartest im Lenz fröhlich die keimende Saat!
Nur in die Furche der Zeit bedenkst Du dich, Thaten zu streuen, Die, von der Weisheit gesä"t, still" für die Ewigkeit blüh"n?
Deutschland.
Berlin, 25. März. Die „Nordd. Allg. Zig." dementtrt die Mit- tcheilung der „Nationalzettung" von der beabsichtigten Wiedervorlegung des uimgearbeiteten Gesetzentwurfs über die Besteuerung des Vertriebs geistiger Getränke in der Nachsesfion deS Landtages. Dieselbe sei von keiner Seite auch nut in Erwägung gestellt worden.
Berlin, 25. März. Der „Reichsanzeiger" publictrt den folgenden Erlaß des Kaisers an den Reichskanzler vom 24. März: Freudiges Bewußt- setir-erfklllt Mich, indem Ich beobachtete, wie allgemein im deutschen Vater- larde d r Tag festlich begangen worden ist, an welchem Mir vergönnt war» ein neues Lebensjahr anzutreten. Ich weiß es zu schätzen, daß das deutsche Volk Mir an diesem Tage seine Huldigungen gewidmet hat. Don allen Seiten bin Ich beglückwünscht und mit Aufmerksamkeiten überschüttet worden. Wenn Ich nun mit Genugthuung ersehe, wie viele Adreffen, verehrungsvolle Aeußrrungen in telegraphischer und schriftlicher Form, Spenden von Dichtungen, künstlerischen und literarischen Erzeugnissen, sowie schöne Kränze und duftige Blumensträuße Mir dargebracht worden, so erkenne Ich mit inniger Freude an, daß der Zweck der Einsender, Mich an diesem Festtage in glückliche Stimmung zu versetzen, in höchstem Grade erreicht worden ist. Nicht jeder dieser freundlichen Spender kann den besonderen Ausdruck Meiner Dankbarkeit erwarten, aber Ich beeile Mich, Allen, welche Mir Meinen Geburtstag durch sympathische Begrüßungen versüßt, hierdurch aus vollem Herzen zu danken. Demnach beauftrage Ich Sie, diesen Erlaß alsbald zu veröffentlichen.
KeKerreich.
Wien, 24. März. Das „Neue Wiener Tagebl." veröffentlicht den Befehl des Generalcommandos, dotirt Serajewo, 9. März, wonach in den bosnischen Kreisen Banjaluka unv Bihac wegen Ueberhandnahme des Räuberunwesens das Standrecht erklärt wird. Der standrechtlichen Behandlung verfällt auch, w?r Räubern Unterstand oder Gelegenheit zur Flucht gibt. Preise von 10 bis 14 Ducaten werden für jeden todt oder lebendig eingebrachten Räuber ausgesetzt.
Arankreich.
Paris, 24. März. Die „Corresp. Havas" erhält aus Angers folgende Depesche: Der „Patriote von Angers" zeigt an, daß es in der Käthe- drale zu einem ernsten Zwischenfall gekommen ist. Der Pater Forbes von der Gesellschaft Jesu predigt dort in Passion. Im Augenblick, wo er am 21. ds. nach seiner, besonders gegen die moderne Gesellschaft und die gegenwärtige Regierung eifernden Predigt die Kanzel verlaffen wollte, erhob sich der Pfarrer der Kathedrale und sagte: „Bisher hielt ich zurück; aber jetzt kann ich mich nicht enthalten, gegen den Charakter zu protestiren, die der Prediger seinen Predigten gegeben hat. Ich kann weder ihren Geist noch ihre Ziele annehmen." Sich an die Anwesenden wendend, fügte der Pfarrer hinzu: „Ich ersuche Sie, Ihre Mildthätigkeit für die Sammlung aufzusparen, die ich selbst sür die Capelle des Kirchhofs machen werde." Diese Erklärung brachte die größte Wirkung hervor.
Paris, 25. März. Der „Moniteur" sagt: Wenn die dem Cabtnet bezüglich der Jesuiten zugeschriebenen Absichten sich verwirklichen, wird der Senat, den man beleidigt, indem man seinen Willen tgnorirt, sofort beim Wiederzusammentritt der Kamenern die Regierung tnterpelliren.
Cherbourg, 25. März. Die Königin von England ist heute Abend 7 Uhr hier angekommen, bleibt die Nacht und morgen auf ihrer Dacht hier und reist morgen Abend 5 Uhr nach Baden-Baden weiter.
England.
London, 25. März. „Daily News" melden aus Kabul von gestern: Die afghanischen Truppen in Turkestan erklärten sich für Abdurrhaman Khan, welcher in Kadagan unweit Kunduz eingetroffen ist. Der Gouverneur von Turkestan hat sich geflüchtet.


