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drr. 278. Samstag den 27. November 1880.

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(?xpeditionsbureau: .....

Schulstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 P^.

Amtlicher Hheit. Loealreglement.

Das Entnehmen von Kies aus dem Bette der Lahn.

Um das Entnehmen des Kieses oder Grundes aus dem Lahnbette im öffentlichen Interesse zu regeln wird hiermit auf Grund des Art. 56 der Städteordnung nach Anhörung der Stadtverordneten - Versammlung mit Zustimmung des Kreisausschuffes des Kreises Gießen und mit Genehmigung Großherzoglichen Ministerium des Innern und der Justiz vom 26. October 1880 zu Nr. M. d. I. 22722 verordnet wie folgt:

§ 1.

Wer Kies oder Grund aus der Lahn innerhalb der Gemarkung Gießen entnehmen will, hat hiervon vorher Großherzoglicher Polizeiverwaltung Gießen die Anzeige zu machen, damit bestimmt werden kann, ob und an welchen Stellen, für wie lange Zeit und in welcher Menge Kies oder Grund aus dem Lahnbett entnommen werden darf.

§ 2.

Unterlassung der in § 1 bestimmten Anzeige wird in jedem Einzelfalle mit einer Geldstrafe bis zu 30 AL bestraft.

Gießen, den 19. November 1880. < Großherzogliche Polizeiverwaltung Gießen.

Fresenius.

m. Darmstadt, 24. Novbr. Heber die Vorlage Großh. Ministeriums des Innern und der Just'z, die Verwendung der durch den im Laufe des Baues des Außenarbeiter' und Zellen-Gebäudes in Marien- schloß eingetretenen Einsturz veranlaßten Mehrkostet: aus paraten Mitteln Großh. Hauptstaatskosse betreffend, hat Namens des Finanzausschußes der zweiten Kammer der Abg. Theobald Bericht erstattet. Der Antrag des Ausschußes geht dahin: Die Kammer wolle unter Vorbehalt etwaiger Ersatz- und Regreß-Ansprüche an wen Rechtens nach dem Ergebmß der bereits einge­leiteten gerichtlichen und administrativen Untersuchung, jedoch unter der Vor­aussetzung, daß den Ständen über das Ergebniß dieser Untersuchungen, sobald solche geschloßen sind, daher wenn nicht noch auf diesem, so doch jedenfalls auf dem nächsten Landtage Mittheilung gemacht wird, ih'-e Zustimmung dazu erklären, daß die betreffenden Mehrkosten aus paraten Mitteln der Großh. Hauptstaatskafle verwendet werden. Der Aufwand für die erforderlichen Ar­beiten, welche sich auf die Räumung des Gebäudes von Schutt und das Ver­wahren der Verbleibenden gegen die Einwirkungen der nahe bevorstehenden winterlichen Jahreszeit beziehen, ist zu 6000 «X veranschlagt.

Berlin, 23. Novbr. Die gestrige Sitzung des Abgeordnetenhauses gehörte zu den allerstürnnschsten seit der Corfltctszett. Unzweifelhaft wäre es nobler und würdiger gewesen, am Sonnabend die Debatte abzuschlteßen; denn der gestrige Tag ließ die Besprechung der Angelegenheit in eine Relhe persön­licher Bemerkungen ausarten, welche mit den Räumen, in welchen sie gemacht wurden, nicht recht im Einklang standen. Eins ist allerdings vortheilhaft und unleugbar. Der gestrige Tag bot dem Herrn Hofpredtger Stöcker reichliche Gelegenheit, sich in einer Weise bloszustellen, welche ihn selbst in den intimeren Kreisen seiner Parteifreunde unmöglich machen muß. Die Linke verfehlte nicht, Herrn Stöcker's unhaltbare Behauptungen in daS nöthtge charakteristische Licht zu stellen. Einigermaßen gespannt darf man sein, wie sich das Rencontre zwischen Rickert und Stöcker weiter entwickeln wird. Letzterer stellte in seinen persönlichen Bemerkungen bekanntlich dem Abg. Stöcker wegen der Verdächti­gung der Unterzeichner der Erklärung Weiteres in Aussicht. Die Gerüchte, welche vor einigen Tagen in Paris und Berlin auftauchten und dort den Ezaren, hier den Fürsten Bismarck zum Gegenstandlebensgefährlicher Mel­dungen" machten, scheinen einen inneren Zusammenhang gehabt zu haben und auf Börsenmannöver zurückzusühren zu sein. Die haarsträubenden Meldungen über Greuelthaten in der Türkei und MaffacreS bet Dulctgno scheinen weder die Pariser Coulissiers noch die Londoner Spekulanten mehr in Aufregung setzen zu können und so griff man zu etndrucksreicheren Mitteln. Gerade mit der Gesundheit des Ezaren scheint es zur Zett wieder etwas bester zu gehen, denn hier eingetroffene Privatberichte besagen, der Czar werde in diesen Tagen in Begleitung des Grafen Meltkoff Ltvadia verlassen und nach Petersburg zurückkehren. Zu seiner Sicherheit werden zwei verschiedene kaiserliche Bahn­züge abfahren und bleibt es, um Attentate zu erschweren, ein Geheimniß, in welchem Train der Kaiser die Fahrt zurücklegt.

Die wahre Geschichte der Bismarck-Krise." Unter dieser Ueber- schrift bringt die WienerMontagS-Revue", die vor einiger Zett die Nachricht von einem Entlaffungsgesuch des Reichskanzlers gebracht hatte, von osficiöser Seite folgende Enthüllung aus Berlin, 18. November:Zunächst muß ich heute noch einmal auf die kritische Situation in unseren oberen Sphären zu­rückkommen, die in der letzten Hälfte des vorigen Monats eS möglich erschei­nen ließ, daß Fürst Bismarck um seine Entlastung etnkommen werde. Nicht blos das Telegramm derMontagS-Revue", sondern auch der kurze Bericht über den Verlauf der Krisis, der in Rr. 45 erfolgte, ist in Abrede gestellt worden. Der letztere mit Unrecht; denn er entsprach genau den Thatsachen. Die ganze Angelegenheit spann sich ungefähr folgendermaßen ab: Der Reichs- kanzler wünschte den durch Bülow's Ableben erledigten, jetzt von dem Bot­schafter Fürst Hohenlohe interimistisch versehenen Posten eines Staatssecretärs

im Auswärtigen Amre mit dem Grafen Paul Hatzfeldt zu besetzen, der gegen- wärtig Botschafter des deutschen Reiches in Konstantinopel ist. Andererseits aber speculirte auf diese Stelle Herr v. Radowitz, welcher eigentlich Gesandter in Athen, in den letzten Monaten abtr Vertreter unseres Botschafters in Paris war, und der sich am hiesigen Hofe in dem Generaladjutanten v. d. Goltz eines eifrigen Fürsprechers erfreute. Hatzfeldt sollte nach dem Wunsche deS Reichskanzlers jetzt oder dock in allernächster Zeit, wo er mit einigem Glanze aus Konstantinopel abtreten konnte, nach Berlin berufen werden. Am Hose war man in Folge des v. d. Goltzsschen Einflußes aiibtret Meinung, der man in gewisten Schritten Ausdruck gegeben zu haben scheint, welche dem Kanzler nicht in den Ellbogenraum paßten, den er mit Recht beansprucht. Zuletzt wendete er sich mit einer ausführlichen Darstellung der Sachlage an die ent­scheidende Stelle, und dieser Schritt hatte Erfolg. Man war mit der Ein- gäbe einverstanden und erklärte das auf dem kürzesten Wege. Hatzfeldt wird binnen Kurzem hier etntreffen, um sein neues Amt anzutreten, v. Radowitz ging von Parts statt nach Berlin auf seinen alten Posten nach Athen. Ec wirb vorläufig nicht sobald nach Konstantinopel reisen, um dort Hatzfeldt's Stelle einzunehmen, was ihm, wie man sagt, btS auf Weiteres auch angenehm gewesen wäre. Sein strebsamer Ehrgeiz, der sich vielfach schon früher kundge­geben, muß sich mit einer kleinen Gesandtschaft begnügen, die ihm aber jetzt in der That Gelegenheit bietet, seinem Chef und dem Frieden Europas nütz­liche Dienste zu leisten und die Befähigung zu bekunden, welche ihm von Zei­tungs-Artikeln in den letzten Jahren, wie uns vorkommt, in etwas zu reich­lichem Mnße nachgerühmt werden." Viel Freude, meint dieMagd. Ztg.", wird man an diesen osficiösen Enthüllungen nicht haben können.

Ueber das Resultat der neulichen Commissions-Berathungen betreffs Feststellung von Maßregeln zur polizeilichen Controle des Petroleums wird jetzt mitgethetlt, daß sich die Commission mit den Principien, welche über die Art und Weise jener Controle Seitens des Gesundheitsamts in einer aus­führlichen Denkschrift aufgestellt und begründet worden sind, im Allgemeinen einverstanden erklärt hat. Demnach wird man es auch fernerhin dem Publi­kum überlaßen, das Petroleum, betreffs genügend leichter Verbrennlichkeit und Leuchtkraft, selbst zu controlircn; dagegen soll in Der Folge alles Erdöl theils schon bet seinem Eintritt in das deutsche Zollgebiet, theils nachträglich im Zwischenhandel einer polizeilichen Controle unterliegen, durch welche festzustellen ist, ob es nicht schon unter einem bestimmten Temperaturgrad explosive Dämpfe entwickelt, bezw. Feuersgefahr darbietet.

Mit Beginn des Wintersemesters weisen, wie aus dem Elsaß amtlich berichtet wird, fast sämmtltche höhere Lehranstalten des Reichslandes eine Zu­nahme ihrer Schülerzahl auf und zwar ist es gerade die Zahl der einheimi­schen Schüler, welche im Wachsen begriffen ist. Letztere stehen zwar im Ver­gleich zu deutschen Ländern, namentlich an den'Gymnasien, immer noch in keinem Verhältniß zur Bevölkerungsztffer. Es muß jedoch dabei berücksichtigt werden, daß die reichsländtsche Bevölkerung von jeher wenig Neigung für die höhere, akademische Studien erfordernde Beamten-Kariere zeigte. Vergleicht man z. B. die gegenwärtige Schülerzahl mit der vor dem Kriege, so stellt sich für einzelne Distrtcte sogar eine erhebliche Zunahme heraus.

Berlin, 24. November. DerKreuz-Ztg." zufolge besteht die Absicht, die Debatten über die Interpellation Hänel in Broschürenform erscheinen zu laßen und maßenhaft zu billigen Preisen zu verbreiten. Es war vorauszu­sehen, daß aus dieser Verhandlung die antisemitisch'' Agitation nur immer neue Nahrung ziehen werde. Aus der Rechten und im Centrum erblickt man in dem Ergebniß der Judendebatte einen großen Erfolg; wir wollen über die Wirkung der Verhandlung auf die gebildeten Kreise heute nicht rechten; zur Agitation der Maßen in judenfeindltchem Sinne ist jedenfalls überreicher Stoff durch die Reden der Herren Bachem, Stöcker, Stroffer u. s. w. geboten worden, und wenn sich die Conservattven dieser Frage als Mittel der Agita-