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Nr. 2S1. Mittwoch den 27. October isso.

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Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag-.

Amtlicher Theil.

Betreffend: Generalversammlung des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Brmgerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Bekanntmachung.

Kommenden Montag den 1. November l. I., Vormittags 9 Uhr, soll eine Generalversammlung des landwirth- schaftlichen Bezirksvereins zu Lich im Rathhaussaale stattfinden.

Tages-Ordnung:

1) Vortrag des Großh. Generalsecretfirs Dr. Weidenhammer über Viehhaltung.

2) Vortrag des Gutsbesitzers Schlenke vom Hardthof über die Nothwendigkeit des Samenwechsels beim Körnerbau.

3) Besprechung über das neue Reichs-Viehseuchengesetz vom 23. Juni l. I., sowie über das Local-Polizeireglement wegen Unterdrückung des Milzbrandes in der Wetterau (f. Anzeiger Nr. 201).

4) Verhandlung über die anläßlich des Frostschadens an den Obstbüumen zu ergreifenden Maßnahmen.

5) Verhandlung über den weiteren Ankauf von Stutenfohlen norddeutscher Race und die Abhaltung von Stutenschauen.

Vor der Generalversammlung wird eine Sitzung des Vereinsausschuffes stattfinden, wozu ich die verehrlichen Ausschußmitglieder noch besonders einlade.

Gießen, den 25. October 1880. Der I. Director des landoirthschafrlichen Bezirksbrreins Gießen.

Dr. Boekmann.

Der Getreidezoll und die Lebensmittelpreife.

Der Ruf nach Aufhebung der Getreidezölle, der in den letzten Monaten in Folge der Ernte Ergebnisse immer lauter und lauter ertönt ist, hat in diesen Tagen ein scharfes Echo gefunden in dem Beschlufie einer öffentlichen Körper­schaft. Das Bürgervorsteher Colli giuur zu Leer hat mit El stimmigkeit einen Antrag angenommen, wonach der Magistrat jener Stadt schleunigst höheren Orts vorstellig werden soll, daß, Angesichts der erschreckenden Höhe der Brod- preise, der Arbeitslosigkeit im Aröettc'-stande und des bin:;.; ahenden Winters, der Elngangszoll a°'f Gelreide suspendttt oder aufgehoben und auf eine weitere Verbilligung der L-öel.smittelprcise >rch Herabsetzung der Eisenbahnfrachten für Getreide, Mühlenfabrikate, Kartoffeln und dergl. hingewirkt werde.

Uno bie Verhältnisse haben sich in der That so zugespitzt, daß man es nicht begreift, wie man es noch wird zu verantworten versuchen, diesen drin­genden Forderungen einen ablehnenden Widerstand entgegenzusetzen. Zur Zett der Agitation für die rwch erst projectirten Schutzzölle mochte man wohl be­haupten können, daß mit deren Hülfe die Industrie einen kräftigen Aufschwung nehmen, Arbeit und höherer Verdienst die Lage des Arbeckerstandes beffern, und daß derselbe also befähigt sein werde, in eventuell höheren Lebensmittel­preisen den Landwirthen auch einen Thetl an den Segnungen der goldenen Schutzzollpolitik zukommen zu laffen. Das ist aber doch heut nicht mehr mög« lich. DerAufschwung" ist nur em sehr sporadischer gewesen, und von einer Steigerung der Löhne ist verzweifelt wenig zu verspüren. Dagegen sind die Lebensmtttelpreife, und in erster Lmie die Getreidepreise, so enorm angewach- sen, daß der ohnehin drückende Nothstand unerträglich geworden ist.

Wir wiffen recht gut, daß die Getretdepretfe nicht allein durch die Zölle in die Höhe getrieben worden sind, allein ohne diese würden sie doch um den vollen Betrag derselben niedriger stehen und die von dem kaufschwachen Volke zu tragenden Lasten immerhin um ein Bedeutendes geringer sein. Die Erfah­rung der letzten Zeit hat eben zur Evidenz bewiesen, daß bei starkem Bedarf ausländischen Bezugs die Zölle voll und ganz in die Preise fallen und um ihren Betrag auch die ganze einheimische unverzollte Production den Consu- menten vertheuern. Was das deutsche Volk in Folge der Getreidezölle mehr zu tragen und zu zahlen hat, läßt sich ganz genau in Zahlen aussprechen. Während in Süddeutschland die Ernte eine ziemlich gute gewesen ist, so daß nach dort nur eine Einfuhr von etwa 3 Mill. Centnern Weizen und von 5 Hunderttausend Centnern Roggon nöthig sein wird, hat die hauptsächlichste Brodfrucht des Nordens, der Roggen, in Norddeutschland Mindererträge von 1040 pCt. gegen eine Mittelernte ergeben. Bei einem jährlichen Gesammt- bedarf Deutschlands an Roggen von etwa 146 Mill. Centnern und einer Ernte von nur 104 Mill, (die Mittelernte ergirbt ungefähr 124 Mill. Cent- ner) müssen wir also 24 Mill. Centner durch ausländische Zufuhren decken und dafür einen Zoll von 21 Mill. «X bezahlen. Aber um den Zoll ver- theuert sich auch die inländische Production von 104 Mill. Centnern, so daß das deutsche Volk für den Zoll 73 Mill. zu bezahlen hat. Der weit­aus größte Theil dieses Betrages fällt auf die hauptsächlich Roggen consumi« rende Bevölkerung des ärmeren Nordens und da wieder auf bie ärmsten Schichten, denen Roggenbrod neben Kartoffeln die Hauptnahrung ist. Und nun erwäge man, daß in Preußen, dem am meisten von der C'lamität be- troffenen Lande, 50 pCt. aller landwirthschaftlichen Güter unter fünf Morgen messen und also deren Besitzer von den höheren Getreidepreisen nicht nur nicht eine höhere Einnahme gewinnen, sondern, indem sie für ihren eigenen Bedarf noch Brod kaufen müffen, eine schwere Schädigung erfahren, welche die noch arg verstärkt, die sie durch den Ernteausfall erlitten. Sie müffen, da unsere ländliche Bevölkerung noch die weitaus größte Hälfte der Bevölkerung bildet, außer dem großen Thetle des Zolles von 21 Mill. J£., eben auch noch den größten Theil des Werthes der den Ausfall deckenden Mehretnfuhr im Betrage von 360 Mill. v4L aufbrtngen und zahlen I Und dieses Alles nach einer

siebenjährige Niederlage aller Geschäfte und Gewerbe, inmitten einer beängsti­genden Arbeitslosigkeit, nach allerlei elementaren Unglücksfällen, wie Ueber- schwemmungen, Hagelschläge und dergl., und endlich unter einer beständig gewachsenen Steuerlast I

Bisher galt es als das Zeichen eines Nothstandes, wenn die Preise von Roggen mit denen für Weizen nahezu zufammenfielen, und immer trat dann irgend eine staatliche Fürsorge. zur Milderung der Situation ein. Jene Vor­aussetzung für eine solchc. ist heut vorhanden; Roggen und Wezen stehen im Preise bei uns gleich, aber dd-- einem, helfenden Eingreifen de> Staatsgewalt ist noch Nichts zu verspüren, ja dieselbe weigert sich . och immer, selbst den­jenigen Theil der Last, den sie selbst auferlegt hat, dem Volke abzunehmen. Glaubt man auf eine Besserung der geschäftlichen Verhältnisse rechnen zu dürfen, was indeß in dem Maße, als es zur allgemeinen Hebung der Roth- läge nöthig wäre, kaum wahrscheinlich sein dürfte, so müßte doch mindestens eine Suspension der Lebensmittelzölle für die Zwischenzeit in Aussicht genommen werden. Aber selbst davon ist es stille in den maßgebendsn Kreisen, die leider durchweg unter dem Einflüsse der wenigen Großproduccnten zu stehen scheinen, die allein Vortheil aus der traurigen Gegenwartslage und aus den Schutz­zöllen überhaupt ziehen.

Aber mit dem Nachlaß der Zölle ist noch erst ein Theil der zu ermög­lichenden Erleichterungen und Verbilligungen erreicht, ein Weiteres kann und müßte staallicherseits noch geschehen durch die Erniedrigung der Frachtsätze für Getreide und andere Lebensmittel deS gewöhnlichen Bedarfs, deren Höhe ebenfalls nicht unwesentlich auf die Theuerung influirt; und somit hat auch die zweite Forderung der Stadtverordneten-Versammlung von Leer ihre volle Berechtigung und verdient, öaß sie allgemein erhoben werde.

Mögen auch die Gutserträge einiger Hunderte ober selbst Tausende von Gutsbesitzern herabgehen, bie Dividenden der Eisenbahnactionäre und die Er­träge, die der Staat aus den Bahnen zieht, zeitweise verringert werden, weit wuchtiger als diese Bedenken muß das namenlose Elend der großen Volks- mässe, die schon durch jahrelange Entbehrungen entkräftet und in Verzweiflung geführt ist und nun Angesichts des Winters zum großen Theil erwerbslos vor dem Hunger steht, in die Wagschale faßen.

Deutschland.

Darmstadt, 23 Octbr. (Volkszählung). Nachdem die von Großh. Ministerium des Innern und der Justiz unterm 6. Juli d. Js. erlassenenBe­stimmungen für die Ausführung der Volkszählung im Großherzogthum Hessen am 1. December 1880", sowie die gleichfalls von dieser Behörde ausgegan­geneInstruction für die Zähler" bereits vor einiger Zeit den Großh. Kreis­ämtern zugestellt worden sind, ist man gegenwärtig mit der Versendung der übrigen, für die Volkszählung erforderlichen Formularien beschäftigt. Von Interesse dürfte es fein, zu erfahren, daß die Zählbriefe, von welchen jede Haushaltung ein Exemplar zur Ausfüllung zu erhalten hat, in einer Auflage von 240,000, die Zählkarten, von welchen für jede anwesende oder vorüber­gehend abwesende Person eine anzufertigen ist, in der Auflage von 1,050,000 Exemplaren herzustellen waren. Controlltsten für die Zähler wurden 4500 Stück, Gemeindelisten 1200 Stück gedruckt Von den oben gedachtenBestimmungen" und derInstruction für die Zähler" ist der Bedarf auf 2200 bezw. 4500 Exemplaren bemessen worden. Bezüglich der letzteren möchte, zur Beseitigung von Mißverständnissen, auch hier ausdrücklich zu erwähnen sein, daß, entspre- chend der Zahl der zu bildenden Zäblbezirke und der zu bestellenden Zähler, für jede Gemeinde mit weniger als 50 Haushaltungen eine Instruction und für Gemeinden mit mehr als 50 Haushaltungen auf je 50 solcher eine In­struction vorgesehen worden ist. (D. Ztg.)

m. Darmstadt, 25. Octbr. Der zweiten Kammer der Stände ging heute von Seiten Großh. Ministerium- des Innern und der Justiz ein Gesetz-