üerr^evLenccü SyO^Jcni. JL Davon fielen auf Preußen nach Abzug der den Osficieren und Man-schaslen der Landwehr im Betrage von ca- 7i/2 Mill, gewährten Beihülfen ca. 317 Mill. ,/& Wie diese Ausstellung ergiebt, sind von der gesummten Summe — von diesen 317 Mill. abgesehen — also von ca. 3600 Mill. Jl. ins- gesammt an 3400 Mill, zu militärischen Zwecken verwendet worden. Fünf Sechstel sind in den unersättlichen Schooß des Militär-Etats geschüttet wor- den; von den 317jMlll. Preußens wurden 78 Mill, zur Tilgung von Staatsschulden, 218 zu den Eisenbahnbauten verbraucht. Wann haben je bei allen diesen Positionen die Conskroativen der Regierung Widerstand geleistet ? Wann gab es bei allen diesen Verwendungen eine andere Opposition, als die Fortschrittspartei ? Und da hat man den Muth, den Liberalen vorzuwerfen, die Milliarden verpufft zu haben.
Berlin, 22. November. Abgeordnetenhaus. (Schluß.) Richter schildert unter lebhafter Heiterkeit des Hauses die Versammlungen der Christlich-Socialen. Früher habe die Socialdemokratie die Unterstützung höchster Kreise gefunden. Jetzt werde sie den Cbrisllich-Socialen zugewendet. Die Folge «ar bei den Socialdemokraten em Selbstständigkeitsgefühl, das endlich zu solcher Verirrung führte, daß wir die Attentate erleben mußten. Die Fortschrittspartei habe seiner Zett vor dieser Begünstigung gewarnt, sei aber nicht gehört worden. Er müsse die Warnung in diesem Falle wiederholen; denn die leidenschaftliche Menge werde bei den Priestern nicht stehen bleiben. Redner freue sich des Erfolges der Interpellation und hoffe, daß sie die antisemitische Bewegung Niederschlage, die wahrlich nicht zu Ruhm und Ehre des Landes gereiche.
Stöcker widerspricht der Behauptung, daß die Bewegung aus der Offensive in die Defensive gedrängt sei. Wenn die antisemitische Bewegung der Fortschrittspartei in Berlin das Leben abschnitte, würde ihn das sehr freuen. Er fühle voll und ganz seine Verantwortung, aber er wisse auch, daß er Nachfolger finde. Er wolle nichts als den Frieden, denn bisher seien die Christen gehetzt worden, wie ein wildes Thier. Er wünsche, daß dieser Frieden recht bald erreicht werde Was in den von ihm geleiteten Versammlungen verhandelt worden sei, sei zum größten Theile von der verlogenen Judenpresse entstellt berichtet worden. Wie bei ihm die Versammlungen verlaufen, so ruhig seien sie bei keiner anderen politischen Partei abgelausen. Sein Auftreten sei gegen die Socialdemokratie gerichtet gewesen. Für ihn sei die Judenfrage keine Racen-, keine Religions- oder Staatsrechtsfrage, sondern nur eine socialwirth- schaftliche Bewegung und entspringe nicht dem Neide. Es sei nicht das Vermögen der Juden, sondern die Art des Erwerbes desselben, was Erbitterung Hervorrufe. Die Gesellschaft, die zu Neunundsiebzig-Achtzigstel aus Christen bestehe, könne wohl verlangen, daß sie, von christlichen Monarchen beherrscht, unter dem Gesetze im christlichen Sinne regiert werde. So denke er sich den christlichen Staat. Er weise es von sich, das Judenthum zu hassen, sei vielmehr ein Freund der Juden. Aus der Socialdemokratie sei ihm nicht nur Atheismus und Umsturz entgegengetreten, sondern auch Armuth und der Ruf nach Hülle innerlich und äußerlich und daß er diese Hilfe geben wolle, dürfe bei ihm als Priester nicht verwundern. Seine Thätigkeit richte sich zunächst gegen die Mißachtung der Staatsordnung und den Unglauben. Seine Haltung verdiene nicht den Vorwurf, daß ihm das Christenthum zum Deckmantel diene. Sein Auftreten in der Judenfrage sei ihm hauptsächcich durch die jüdische Presse und das Verhalten Straßmann's aufgedrängt worden. Redner konstatirt das maßlose Verhalten der Presse vor Allem gegenüber dem orthodoxen Priesterthum. Er habe die Juden allerdings in einer ungewöhnlichen Form behandelt, aber es liege ihm fern, den Juden irgend etwas von ihren Rechten zu nehmen. Ader wenn den Uebelständen der gesunde Sinn des Volkes abhelfen solle, wie wolle man das erreichen, wenn man nicht in das Volk gehe? Er sei iu das Volk gegangen, daher sein Erfolg. Früher sei die Bewegung niedergeschwiegen worben, seit aber Straßmann in Berlin in einigen Bezirken durchgefallen, sei der Sturm gegen ihn losgebrochen. Die Petition wolle durchaus nicht die staatsbürgerlichen Rechte der Juden beschränken und wolle er auch nicht die Juden aus allen obrigkeitlichen Aemtern entfernt sehen, sondern nur aus autoritativen Stellungen, in welchen Leute sein müßten, die mit der Gesammtheit harmonirten. Er leite den Judenhaß aus der Selbstüberhebung der Juden her, wofür die jüdische Literatur und Presse überreiche Belege liefere. Auch ihre eigene Stammesangehörigkeit kehren die Juden überall hervor, fordern sbgar Bevorrechtung. Redner wendet sich hierauf zu der Erklärung gegen die antisemitische Bewegung. Die betreffende Petition hätten viele unterzeichnet, welche sich als Gründer hervorgethan. Die kleine Minorität solle mit aller Rücksicht und Güte behandelt werden, dürfe aber nicht verlangen, daß sich die Majorität nach ihr richte.
Loewe (Berlin) erklärt, er habe nach der Erklärung der Staatsregierung es nicht für nöthig gehalten, als Jude in dieser Sache zu sprechen. Nachdem aber Stöcker gesprochen, sei er genöthigt, mehrere Unrichtigkeiten und Unwahrheiten zu berichtigen. Stöcker habe sich bezüglich dieser Unwahrheiten allerdings verbessert, aber man bemerke doch die Absicht. Auch ständen seine Aeußerungen hier mit seinem Verhalten außerhalb des Hauses als Leiter von Volksversammlungen in directem Widerspruche. Woher die Uebelstände kämen, die man bei den Juden beklagen müsse, lehre die Geschichte. Die christlich-socialen Versammlungen würden einfach deßhalb nicht durch die Polizei aufgelöst, weil Stöcker nach einer Brandrede die Versammlung selbst sofort auflöste. Es werde jetzt nicht mehr nur die jüdische Presse und jüdische Börse tn's Feld geführt, jetzt bringe Stöcker auch schon die jüdische Industrie herbei. Er protestire dagegen, daß Stöcker im Namen der Nation spreche. Die deutsche Nation habe mit diesen Bestrebungen nichts gemein. Die Interpellation und deren knappe, klare Beantwortung durch die Regierung habe zur Klärung beigetragen. Das deutsche Volk werde jetzt wissen, wo die Freunde, wo die Feinde seiner Cultur zu suchen seien. Es würde kein jüdisches Mitglied nöthig haben, noch etwas zu sagen. Für die staatsbürgerlichen Rechte der Juden würden schon deren Freunde kämpfen. Die ganze Sache sei aber für das Vaterland eine Schande.
d. Kroch er führt aus, die Interpellation der Liberalen beschränke das Versamm- lungs- und Petitionsrecht. Die Interpellation sei aus Aerger über die Niederlage bei den Communalwahlen eingebracht. Die Fortschrittspartei schneide aber damit selbst den Ast ab, worauf sie sitze.
Rickert fordert Stöcker auf, die Namen derjenigen Unterzeicher der Erklärung anzugeben, welche um das goldene Kalb getanzt hätten; sonst müßte er ihm sagen, daß er sie mißbraucht habe. Deutschland müsse Scham empfinden nicht darüber, wie die Debatte stattgefunden, sondern daß sie stattfinden müßte. Den Schimpf, der hier den Juden angethan worden, thue man allen Deutschen an. Den Juden abstreiten, daß sie Deutsche seien, heiße die Verfassung brechen. Was Stöcker unter Frieden verstehe, könne man aus seinen Reden nicht ersehen. Den Liberalen sei die Interpellation peinlich gewesen, sie habe klärend gewirkt und der Bewegung den Schleier abgerissen.
Rickert tritt hierauf den Ausführungen Stöcker's bezüglich der Petition entgegen ; nichts habe die Stellung Stöcker's besser charakterisiren können, als diese Aeußerungen. Es sei ferner eigenthümlich, daß gegen das angebliche Verhalten eines ganzen Theiles der Bevölkerung Aeußerungen einzelner Blätter angeführt werden. Damit fei nichts zu beweisen. In Deutschland entrüste man sich über Unterdrückung des Deutschthums in Ungarn; man mache es aber noch besser, indem man die eigenen Mitbürger unterdrücken wolle. Das Deutsche Reich, das mit so großen Opfern gegründet, werde ein Hort des Friedens sein nach außen und innen, das hoffe er und das human denkende Volk. Unter wirtbschaftlicher Leitung könne Deutschland seine Ausgabe gar nicht erfüllen. Rickert schließt mit der Bitte, Verdächttgungen gegen Mitbürger aufzugeben, die in ehrlicher Arbeit, in Ruhe und Frieden sich ernährten, und lieber sich zu vereinigen in Befestigung der Freiheit des Bekenntnisses und der Gleichheit des Rechtes; das würde dem Vaterlande zur Ehre gereichen.
Strosser tritt Rickert's Ausführungen entgegen. Mit der Emancipation der Juden seien bereq schlechten Eigenschaften in unerträglichem Maße hervorgetreten. Leibenfchaftlicbkeit fei keineswegs auf Seiten ber Gegner bes Jubenthums, fonbern auf Seiten ber Frennbe beffelben, wie bas bie Angelegenheit Förster's beweise. Die Liberalen riefen immer nach Frieben, aber ber Cnlturkampf wäre ihr eigenstes Werk.
Nachdem Strosfer die Erklärung gegen die antifcmitifdie Agitation als in allen Beziehungen verfehlt bezeichnet und eine Reihe von Philosophen und Staatsmännern, die ebenfalls Antisemiten gewesen, citirt hat, spricht er sich im weiteren Fortgang seiner Rede ganz im Sinne Bachem's, Stöcker's und v. Kröcher's aus.
Virchow nimmt das Wort zur Abwehr der Angriffe, die gegen die Unterzeichner
ber „Erklärung'- und gegen bie Berliner Stadtverordneten gemacht worden, characterisirt die Art ber Agitation als eine ganz andere, als wie Stöcker sie barfteUe, unb erklärt sich burch bas Resultat ber Debatte befriebiat
v. Minnigerobe tritt Virchow's Ausführungen entgegen, worauf die Discussion geschlossen wirb- Es folgen persönliche Bemerkungen
Berlin, 24. Novbr. Wie man Mttlheilt, soll man in Re^irrungs- kreisen entschieden dafür fdi, daß bei der bevorstehenden Revision des Strafgesetzbuches dem § 130 folgende Fassung gegeben werde: Wer in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Welse verschiedene Klaffen der Bevölkerung zu Feindseligkeiten anreizt, wird rc-" Ferner erachtet man es in preußischen Negierungskreisen für nothwendig, bei der Revision des Strafgesetzbuches die Strafbestimmungen in dem § 110 (Aufforderung zum Ungehorsam gegen Gesetze und Verordnungen) und § 166 (Gotteslästerung) im Sinne des vom Reichstage abgelehmen § 20 des Preßgesetzeutwurfö zu verschärfen, sowie öffentliche Angriffe in Rede oder Schrift gegen die Familie, das Eigenthum, di; allgemeine Wehrpflicht oder sonstige Grundlagen oer staatlichen Ordnung, sofern diese Angriffe die Sittlichkeit, den Rechtsstnn oder die Vateclandöliebe zu untergraben geeignet sind, unter Strafe zu stellen. Hoffentlich wird der Reichstag gegen jeden Versuch, die maßvolle Freiheit in Rede und Schrift dem Staatsanwalt und Criminalrichter pieiSzugeben, entschieden und einmüthig Front machen.
— Um die in neuerer Zeit vielfach mit günstigem Erfolge veranstalteten Ausstellungen von Arbeiten der Handwerks-Lehrlinge wirksamer, als es durch die früher iu Folge einzelner Anträge bewilligten Prämien geschehen konnte, zu fördern, hatte das preußische Handelsministerium zum ersten Mal für das Rechnungsjahr 1880/81 eine bestimmte Summe ans den für gewerbliche Zwecke zu seiner Verfügung stehenden Mitteln nach gewissen von ihm ausgestellten Grundsätzen zu Staatszuschüffen für solche Ausstellungen zur Verwendung gebracht. Wie wir hören, soll dies auch für daß Rechnungsjahr 1881/82 geschehen; es sind bereits diesbezügliche, bei den Bezirksregierungen eingereichte Anträge von den letzteren dem Handelsministerium zugefertigt worden. Für die für März kommenden Jahres hier projectirte Ausstellung von Arbeiten solcher Lehrlinge, welche eine hiesige Fortbilounzsschnle oder Fortbildungsanstalt besuchen, ist bekanntlich bereits ein Staatszuschuß zu Prämien bewilligt worden.
Irankreich.
Paris, 23. November. Die Kammer der Deputaten berieth heute über den Enquete-Entwurf bezüglich der Affaire Ciffeu. Fast alle Bonapartisten sprechen sich für die Nothwendigkett der Enquete aus. Kriegsminister General Farre sagt: Die Regierung fand die von den Journalen angeführten That- suchen gegen Ciffey nicht ausreichend; sie will sich aber einer parlamentarischen Enquete, welche keinem anderweitigen Verfahren präjudicire, nicht widersetzen. Cassaguac erklärt, daß er für die Enquete stimmen werde. Er gibt dabei Anlaß, zur Ordnung gerufen zu werden. Laisant sagt, die Enquete solle sich auf Thatsachen erstrecken. Girardin erklärt, man werde niemals solche That- fachen finden. Ein Antrag auf Vertagung wird mit 224 gegen 215 Stimmen abgelehnt. — Der Antrag von Leon Renault, 40 Millionen für die Durchstechung des Simplon zu votiren, findet die Unterstützung von 120 Unterschriften. Man versichert, auch die Schweiz und Italien hätten eine Subvention zugesagt.
Telegraphische Depeschen.
Wagner'S telegr. Correspondenz-Bureau.
Berlin, 24. Novbr. Die „Prov.-Corresp." schreibt bezüglich des Befindens des Kaisers, die leichte Erkältung, welche der Kaiser sich zugezogen, sei glücklicher Weise wieder geschwunden.
— Der Bundeörath hat in erster und zweiter Berathung einstimmig den Antrag Preußens angenommen, betr. die Verlängerung der sog. kleinen Belagerungszustandes für Berlin, die Stadtkreise Potsdam und Charlotten- burg, sowie die Kreise Teltow, Niederbarnim und Osthavelland auf ein weiteres Jahr.
London, 24. Novbr. Das „Renter'sche Bureau" meldet aus Konstantinopel von heute: Der Einmarsch Derwisch Pascha's in Dulcigno erfolgte nach einem leichten Zusammenstoß mit Albanesen. Die Montenegriner werden die Convention unterzeichnen und Dulcigno nach dem Abmarsch Derwisch's ohne den Schutz der internationalen Flotte besetzen.
Paris, 24. November. Die „Agence Havas" läßt sich aus Ragusa vom Heutigen melden: Derwisch Pascha ist in Dulcigno eingezogen und kämpft seit 8 Uhr gegen Albanesen, unter beträchtlichen Verlusten auf beiden Seiten.
Wien, 24. November. Meldung der „Polit. Corresp." aus Ctttinje vom 24. ds.: Gestern besetzte Derwisch Pascha Dulcigno und erließ sofort au Montenegro die osficielle Einladung, Delegirte zum Abschluffe der Militär- Convention nach Kunja zu senden. Heute Nacht ging der montenegrinische Delegirte Matanooich nach Kunja ab, wo der türkische Delegirte Bedri Bey sich bereits befindet.
Konstantinopel, 24. November. Der deutsche Botschafter, Gras Hatzfeldt, suchte seine Abschiedsaudienz beim Sultan nach; er begibt sich aus Urlaub nach Deutschland.
Elberfeld, 24. Novbr. Gestern Abend fand ein demonstrativer Volks- auflauf auf dem Kölligsplatze statt, welcher stch gegen den Verfaffer eines in einem Kircheublatte erschienenen Artikels über daS Lied: „Deutschland, Deutschland über Alles" richtete. Die Polizei schritt ein und verhaftete mehrere Personen.
Cork, 24. Novbr. Es verlautet, heute früh seien hier 14 Personen verhaftet wegen Betheiligung an einem Auszuge, aus welchem auf die Polizei gefeuert worden war.
Cattaro, 24. November. Derwisch Pascha hat gestern Dulcigno besetzt.
Stuttgart, 24. Novbr. Der „Schwäb. Merkur" schreibt: Ange- stchts der immer stärkeren rückläufigen Bewegung in der protestantischen Kirche richtet der Ausschuß des deutschen Protestantenvereins die Anfrage an die Mitglieder des weiteren Ausschusses, ob er einverstanden sei, daß im nächsten Frühjahr ein deutscher Protestautentag in Berlin stattfinde.
Washington, 24. Novbr. Das Circular, des Staatsdepartement-, betr. Die naturalisirten Deutschen, führte hier zu Mißverständniffen unb wurde in Folge dessen zurückgezogen.
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