Nr 73
Freitag den 26. März
1880
chichener 'Miyeiger
Auzeigk- mi> AMÄlktt für den Kreis Gießen
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Presse besprochen. Auch ein Artikel des „Grenzboten", als dessen Verfasser Btsmarck's „Büschchen" gilt, liefert einige neue Beiträge. Laut desselben ließ Rußland nach dem Berliner Congreß in Bezug auf die Ausführung desselben an die Regierung des Kaisers Wilhelm Mahnungen ergehen, die immer dringender und drohender wurden. Der Ton, in dem sie vorgebracht wurden, klang gebieterisch und zuletzt beleidigend. Es heißt in dem Artikel weiter: „Die moskowttische Diplomatie suchte nach Bundesgenossen gegen Deutschland, u. A. in Parts, wo der General Obrutschew, der Adjutant und Vertraute des Krtegsmtnisters Mtlutin, die betr. Ränke spann, wo man den Versucher aber nicht nur abwies, sondern diese Machinationen auch deutschen Diplomaten mittheilte." Inzwischen reiste Graf Andraffy nach Petersburg, und Bismarck, der leicht Mißtrauen schöpft, wurde besorgt, daß es sich um eine Allianz zwischen Rußland, Oesterreich und Frankreich bandeln könnte. Als aber Andraffy nach Gastein kam, ergab es sich, daß alle Besorgntffe unbegründet waren und der deutsche Rrichskanzler fand die Umstände günstig, um seinen langgehegten Plan, ein Bündniß mit Oesterreich abzuschließen, an welches zur Zett, als Gras Beust tn Oesterreich am Ruder stand, nicht zu denken war, zu verwirk- ltchen. Der Artikel schließt mit der Versicherung, daß das „Bündniß besteht und ungeachtet aller persönlichen Pflege des freundschaftlichen Verhältnisses zwischen den Monarchen in Berlin und Petersburg zu unserm und Oesterreich- Ungarns Heil fortbestehen wird, welches uns allezeit näher liegen und allezeit viel mehr Verirauen oder — wie man in dieser unvollkommenen und unbehaglichen Welt vielleicht richtiger sagt — viel weniger Mißtrauen einflößen wird als Rußland."
Bremen, 23. März. Kein geringerer Mann als Herr H. Meyer, seit zwanzig Jahren oder länger der erste Kaufmann unserer Stadt, hat sich an die Spitze des Ausrufs zu einer deutschen Petroleum-Bohrgesellschaft gestellt. Ihr eigenes Vertrauen tn den Erfolg des Unternehmens bekunden die sieben Gründer dadurch, daß sie von der Million deS Acttenkapttals ein Fünftel fest übernehmen. Sie übernehmen für 60,000 Mk. die Anlagen und Berechtigungen der zweiten Bremer Bohrgesellschaft zu Edemissen bet Peine, deren Tech- niker, Herr Hermann Meyer, in der pennsylvanischen Oelregion tüchtige Studien gemacht haben soll. Wenn die Vervollkommnung des Gewtnnungs- procrsses ausreicht, die Dünnheit des Vorkommens in den erreichbaren ölführenden Schichten auszugleichen, so mag ein befriedigendes Ergebntß tn Aussicht stehen. An dte Erreichung der tn Amerika die Oelquellen liefernden devonischen Schicht glaubt ein die Gegend so genau kennender Geognost, wie der Reichs- tagsabgeordnete Senator Römer in Hildesheim nicht und hält ebensowenig Petroleum für sicher vorkommend in jeder Devonschtcht. Er wünscht übrigens selbst wettere Versuche vermögender und geschäftskundiger Männer, warnt nur vor der Erregung übertriebener Hoffnungen in kleineren Capitalistenkreisen. Das Bremer Handelsblatt bringt diese Woche von ihm ein Gutachten über dte geognostische Seite der Sache.
Isrankreich.
Paris, 22. März. Dte Verhandlungen in den heutigen Sitzungen der beiden Kammern waren ohne Bedeutung. M§n erledigte eine Anzahl von Gesetzentwürfen und vertagte sich auf den 20. April. Morgen findet Minister- rath statt und wahrscheinlich wird das Amtsblatt nächster Tage über dte Maßregeln, welche dte Regierung beabsichtigt, Zuverlässiges bringen. Wie verlautet, kann dte Regierung bei ihrem Vorgehen gegen die religiösen Ordens- gemetnschaften vollständig auf den StaatSrath zählen. Dte AbtheilungSpräsi- venten desselben erklärten nicht allein, daß der Staatsrath für dte R.gterung etnstehen werde, sondern auch, daß alle Gesetze und Decrete über dte reltgtösen Ordensgesellschasten noch in voller Krast seien. Dte reacttonären Blätter stützen sich bet ihrer Vertheidigung der Jesuiten sogar auf ein Decret, durch welches Gambetta 1870 während des Krieges ein Decret des Präfecten von Marseille, Esquiros, das dte Jesuiten auswtes, für nichtig erklärte, weil dieselben französische Bürger seien und deshalb nicht aus Frankreich htnausge- worsen werden könnten. Gambetta zählte damals stark auf die Unterstützung der Katholiken und hoffte sogar eine Zett lang, „daß das katholische Bayern sich zu Gunsten des katholischen Frankreichs gegen das ketzerische Preußen erheben würde." In der Provinz herrscht noch große Aufregung. Ueberall werden anttjesuttische Adressen unterzeichnet. Alle Staats-Universitäten haben der Aufforderung der Pariser Studenten Folge geleistet und sind für die Ferry'schen Gesetze eingetreten. Eine Ausnahme machte nur dte Universität von Poitiers, dte in ihrer Mehrheit den Jesuiten gewonnen ist. In Toulouse, wo die Studenten sich ebenfalls gegen dte Jesuiten erklärten, kam es zu Ruhestörungen. Die Studenten durchzogen nach ihrer Versammlung unter dem Ab-
Deutschland.
Darmstadt, 23. März. Dte „Neuen Hess. Volksbl." schreiben: „Wie aus Petersburg gemeldet wird, geht es der Kaiserin wieder schlechter, die Kräfte haben abgenommen, F-eber und Temperatur sind im Steigen. Es ist leider wenig Hoffnung auf Wiederherstellung der edlen Fürstin vorhanden." Ein Bulletin vom 18. März im „Petersb. Herold" lautet: Seit dem 1. März war in dem Befinden Ihrer Majestät eine Verschlimmerung zu bemerken, dte sich im Steigen der Temperatur und im Zunehmen des Hustens äußerte. Der Appetit und die Verdauung waren während der ganzen Zeit befriedigend, dte Herzensthättgkeit war normal und der Schlaf gut. Dte Kräfte Ihrer Majestät nahmen im Laufe der vergangenen Woche etwas ab."
Berlin, 23. März. Nach Berichten aus England ist dort Glycerin- Seife, die bisher in großen Qantitäten aus Deutschland importtrt wurde, vom 8. ds. ab mit einer namhaften Steuer belegt worden und dadurch das deutsche Exportgeschäft in diesem Artikel mit einem Schlage lahm gelegt. Die neue Steuer beträgt nämlich 3 Pence per Pfund, und ist deshalb diesem Fabrikate auferlegt worden, weil zur Herstellung desselben bekanntlich Spiritus verwendet wird, der in England sehr hoch besteuert wird, und es daher den dortigen Fabrikanten unmöglich machte, bet der geringen Eingangssteuer dte Glycertn-Seife bisher zahlte, mit dem deutschen Fabrikate zu concurriren. Aus diesem Grunde haben die englischen Fabrikanten schon seit Jahren für Erhöhung der Eingangtsteuern auf Glycerin-Seife agittrt und es hat diese Agitation jetzt, nachdem das deutsche Reich mit Schutzzöllen vorgegangen ist, den gewünschten Erfolg gehabt, denn, wie wir vernehmen, sind sofort die in Deutschland aus diesen Artikel gemachten Bestellungen annullirt und dte schon auf dem Wege nach England befindlichen Sendungen in den Seehasenplätzen angehalten worden.
Berlin, 24. März. Kaiser Wilhelm hat, wie von verschiedenen Setten gemeldet wird, am vergangenen Sonnabend wiederholt Anlaß genommen, zu denjenigen Personen, welche ihn zum Geburtstage beglückwünschten, sich dahin zu äußern, daß der Friede gesichert erscheine, alle gegenthetltgen Gerüchte aber grundlos seien. Dieses Wort Kaiser Wilhelms wird nicht verfehlen, die Besorgnisse zu zerstreuen, welche tn letzter Zett sehr lebhaft geworden waren und kaum noch nennenswerthen Widerspruch gesunden haben. Dte öffentliche Meinung halte sich bereits an den traurigen Gedanken gewöhnt, daß nach der Lage der Dinge ein Krieg nicht mehr wird vermieden weiden können, daß Deutschland neuerdings gezwungen sei, dte Conspirattonen seiner abholden Nachbarn mit dem Schwerte zu durchkreuzen. Unter allen Umständen ist es doppelt erfreulich, von berufener Stelle zu erfahren, daß die erwähnten Even- rualiäten nicht in Aussicht stehen, daß an dem Orte, welchcr der maßgebende und zugleich der bepunterrichtete ist, nichts bekannt ist von einer gegen dte Sicherheit Deutschlands geplanten Verschwörung. Wenn Kaiser Wilhelm den Frieden für gesichert erklärt, so ist damit gesagt, daß dte Gewalthaber tn Frankreich und die Gewalthaber in Rußland gleichmäßig von dem Wunsche entfernt sind, das Waffenglück gegen Deutschland zu erproben. Freilich ist vamit nicht gesagt, daß nicht tn Frankreich wie in Rußland Personen vorhanden sind, welche eine gehässige Gesinnung dem deutschen Reiche gegenüber behalten und auch in Zukunft noch aussprechen werden. Wir können dies um so leichter ertragen, als wir gestehen müssen, daß auch unsererseits nur die Liebe zum Frieden, nicht aber die Liebe zu den Nachbarn wesentlich größer fei.
— Der schwere Etsenbahnunfall, welcher sich auf dem Bahnhofe zu Halle a. d. S. ereignet hat und zwei im Besitze des Staates befindliche resp. unter seiner Verwaltung stehende Bahnen betrifft, ist eine üble Vorbedeutung für das jetzt zum Stege gekommene Staatsbahnsystem. Es ist dringend zu wünschen, daß eilig Auskunft über die Ursacke der Katastrophe von Halle gegeben werden, damit nicht die Meinung Platz greife, als liege die Schuld an einer deplactrten Sparsamkeit der Eisenbahnverwaltung, welche das Bestreben hat, möglichst große Ueberschüffe zu erzielen. Wir behaupten durchaus nicht, daß solche deplacirte Sparsamkeit bereits in Kraft getreten ist; wir wünschen aber auch nicht, daß eine solche Vermuthung überhaupt erst erstarke, und deshalb verlangen wir eilige und gründliche Aufklärung,
— In militärischen Kreisen verlautet, daß tn kurzer Zett der comman- Idtrende General des 11. Armee-Corps, v. Bose, der schon zu wiederholten Malen um seine Pension nachgesucht, den erbetenen Abschied demnächst erhalten dürfte.
— Die Enthüllungen über Rußland und dessen deutsch-feindliche Bestrebungen seit dem Abschlüsse des Berliner Friedens werden noch immer in der
Bekanntmachung.
Nachdem die Lungenseuche unter dem Rindvieh zu Londorf erloschen ist, werden die von uns verfügten Sperrmaßregeln (stehe unsere Bekanntmachung vom 23. October 1879 im Anzeiger Nr. 250) hiermit wieder aufgehoben.
Gießen, am 24. Marz 1880. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.
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