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7, Mittwoch den 24. März 18SO»
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MlSk- Md Amtsblatt sm itn Kreis Gießen.
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Redacttorrsbureaitr iSckulNrakeL 18 Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. $ $ bie Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
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Eine Etappe zum Culturfrieden.
Pius IX. war ein Idealist, Leo XIII. ist an Realpolitiker, jener war Pnncipienreiter, dieser ist D'plomat. Der Vorgänger Sr. Heiligkeit auf dem Stuhle Petri lebte in grundsätzlicher Feindschaft mit dem modernen Staate, und namentlich in seinen letzten Lebensjahren war er von der Sucht geplagt, urbi et orbi immer und immer wieder in das Gedächtniß zu rufen, daß das Heil der Welt nur vom Vatikane auSgehen könne, daß die römische Curie allein im Besitze aller Wahrheiten und Heilmittel aller politischen und socialen Noth sei, daß alle Fürsten der Welt dem Papste unterthan seien, alle Menschen, ob Gläubige oder Ketzer, mindestens mit ihren Seelen dem Papste gehörten, und daß alle Gesetze, denen dir Papst nicht zustimme, nur Kinder Belials seien. Die Encykliken jagten sich und um was es sich auch handelte, immer ertönte das Anathema.
Der Pontifex der römisch-katholischen Christenheit Leo XIII. ist dagegen ein kluger und vorsichtiger Mann, und wenn er auch für die abgestorbene Philosophie des Thomas von Aquino schwärmt, so hält er es doch noch viel mehr mit dem Worte des Apostels Paulus: Schicket Euch in die Zeit! Er hält nur bann Reden und schreibt nur dann Briefe, wenn er einer brennenden Frage näher tritt und einen praktischen Zweck im Auge hat. Mit einem solchen Manne läßt sich unterhandeln, und schon damit ist die Möglichkeit eines Friedensschlusses gegeben.
Die Verhandlungen der preußischen Regierung mit dem Vatikan haben den Papst bewogen, ein sehr bemerkenswerthes Schriftstück zu publiciren. Zum ersten Male äußert sich der Papst über die Art und Weise der Beilegung des Culturkampfes, und dies ist der beste Beweis, daß die Frieoens- Unterhandlungen weit gediehen sind. Das an den „ehrwürdigen Bruder , den seines Amtes entsetzten und irgendwo im Auslande sich aushaltenden Erzbischof Paulus Melchers von Köln gerichtete Schriftstück bekundet unzweifelhaft den guten Willen des Papstes, den kirchlichen Frieden herbüzuführen.
Das „Non possumus“ ist aufgegeben, nachdem sich nirgends „das Steinchen" losgelöst hat, um Deutschland zu zerschmettern. Leo XIII. giebt seine Einwilligung zu einer der wesentlichsten Forderungen des Staates an die Kirche, denn die „Anzeigepflicht der Geistlichkeit" wird zugestanden wäh- rend sie bisher als eine Schmälerung der Rechte der Kirche galt. Allerdings will der Papst diese Anzeigepflicht, die Namhaftmachung der Priester von der canonischen Institution bei der Staatsbehörde nur dulden, nicht gebieten, aber der Wunsch deS Papstes wird bald für die Gläubigen Befehl fern-
Wir wissen heute noch nicht, ob die Curie nun von Fall zu Fall nachgeben wird, oder ob sie immer erst eine Gegenconcession des Staates abwarten wird. Aber der Bann ist gebrochen. Der Staat wird auch das Möglichste thun, um das Entgegenkommen aus andern Gebieten zu fördern, und er braucht deshalb nicht nach Canosia zu gehen.
Der kirchliche Frieden rückt näher. Dauernd m:rb er aber nur sein, wenn beide Theile aufrichtig handeln, wenn von der Kirche den Staats- gesetzen ohne jesuitische reservatio mentalis gehorcht wird. Immerhin bleibt für alle Zeiten das Vorgehen des Papstes denkwürdig. Rom geht über das Centrum zur Tagesordnung über, welches stets hervorhob, daß die Kirche nicht nachgeben kann. Man sieht aber aus der neuesten Kundgebung des Papstes, daß die Kirche nachgeben kann, wenn sie nur will!
einem Fachrnanne." Dieser Fachmann, jedenfalls ein höherer Osstcer.- beur- theilt die Vorlage vom militär-technischen Standpunkt und kommt in überaus klaren Auseinandersetzungen zu dem Ergebniß, daß eine Reihe von Verbeffe- rungen und Erleichterungen für die Fußtruppen vorausgesetzt (Concentration der Oeconomie-Handwerker in größeren Werkstätten; Desrellmg von allen Burschen- und Ordonnanzgestellungen außerhalb ihres eigenen Verbandes, Beschränkung des Commandos zum Garnison,Arbeitsdienste; Einschränkung des Garnison-Wachtdienstes), in einem Zeitraum von zwei Jahren durch continuir- ließe Ausbildung ein bester er Diö ciplinar- und Ausbildungszustand der zur Entlassung kämmenden Mannschaft garantirt ist, als bet einer dreijährigen, mit vielen Unterbrechungen und Abstufungen beladenen Dienstzeit erreicht wnd, - daß ferner, nach Einführung der zweigliederigen Formation anstatt der dreigliederigen, für die von allem lästigen Nebenwerk befreite Ausbildung der Infanterie zwei Jahre zu viel sind, und daß man in zwanzig Monaten (An- fangs Februar bis incl. September des nächsten Jahres) „ebenso gut eine sichere, gefechtsmäßige Ausbildung vollsühren, sowie außerdem dem Anspruch an Parademäßigkeit der Truppen genügen kann." Bet zwei Indien Dienstzeit kommt der Versasier auf einen Frtedenspräsenzstand von 345,000 Mann statt 401,000, und wenn die Verstärkung nach der neuen Vorlage angenommen wird, 366,000 statt 426,000 Mann.
Berlin, 21. März. Von verschiedenen Seiten läuft die Nachricht ein und findet auch in bundesräthlichen Kreisen Glauben , daß der Reichstag zu einer Herbstsessivn einberusen werden solle, um die Einführung des Tabak. Monopols zu genehmigen. Sicher ist, daß Fürst Bismarck sein „letztes Ideal nicht ausaegcben hat, sondern den Entwurf zu einer Vorlage wegen des Tabak- Monopols ausarbeiten läßt. Die Brausteuer kann als verworfen betrachtet werden und auch die Quittungssteuer hat glücklicherweise wenig Aussicht, an- genommen zu werden. Glücklicherweise, sagen wir, denn diese Steuer, deren Ertrag psennigweise zusammengebracht werden muß, ist außerordentlich belästigend und für das deutsche Publikum ungewohnt. Der Reichskanzler legt auch wenig Gewicht auf diese kleinen Steuern, welche doch nicht htnretchen, um die Kasten sür den Militäretat zu füllen. Er sagt, er brauch- eine große Steuer, und dazu eigne sich nur der Tabak. Freilich wird die Vorbereitung und Einführung des Tabakmonopols große Umstände und Kosten machen und wahrend mehrerer Jahre weit hinter den Berechnungen unserer Monopolisten zurück- bleiben. Indessen betrachtet der Reichskanzler das Tabakmonopol auch aus dem politischen Gesichtspunkt. Das deutsche Reich scheint ihm noch zu sehr in der Idee zu bestehen, und namentlich in Bayern und Württemberg erinnert außer einigen Retchsbankbeamten kaum irgend etwas an das deutsche Reich. Das Tabakmonvpol wird eine große Anzahl von Beamten und Unterbeamten und eine großartige Verwaltung in allen Theilen Deutschlands nöthig mache». Aus ähnlicher Absicht begünstigt Bismarck Alles, was als Klammer des Reiches dienen kann. Jndestcn werden die volkswirthschaftlichen Bedenken in den Augen der liberalen Parteien schwerlich durch solche politische Rücksichten ge- hoben werden.
Schweiz.
Bern 20. März. Die von Osficteren etnberuscne Volksversammlung wegen der Landesbefestigungsfrage fand am 15 ds. in Bern statt. Die stimmig angenommenen Resolutionen lauten: ,,i) Alle Opfer für Vermehrung unserer Wehrkraft werden dem Lande erst dann von Nutzen sein, wenn wir durch geeignete Vorkehrungen die wichtigeren Einfahrtstraßen befestigen> und dadurch eine feindliche Ueberrumpelung verhüten und die Wehrkraft unserer Landwehr erhöhen. 2) Die Befestigung unserer Grenze ist ein Gebot der Nothwehr und der Selbsterhaltung. 3) Durch Unterlaffung derselben werden sich diejenigen, welche in ihrer Stellung dazu berufen sind, die Unabhängigke t des Landes zu wahren, eine schwere Verantwortltchke t aufburden. 4) Di- Versammlung hofft, daß die eidgenössischen Näthe di- .wthwen g-n Cr ^ für eine rationelle Landesbesestigung uno Beschaffung t>on, bewilligen werden, jedoch ohne Schmälerung der für die übrigen militärischen Zwecke, insbesondere für Ausrüstung und Bewaffnung der Truppen ersorder- ltchen Summen und spricht ihrerseits die Bereitwilligkeit aus, die erforderlichen Opfer zu bringen."
Italien.
Sttom 22 März. Bei der Soträe des deutschen Botschafters v. Keudell zur G7burtStagsf'°ier des Kaisers Wilhelm hielt der Botschafter -in- längere Rede 'worin er an die Jug.ndjahr. des Kaisers und den wohfthuenden E.n- stütz erinnerte, welchen die Königin Luis- auf dir Erziehung des Sohnes aus- geübt. Der Kaiser folge noch heute den von der Mutter eingeprägten Grund-
Feutschland.
Darmstadt, 22. März. Die erste Kammer der Stände wird voraussichtlich in der zweiten Woche nach Ostern zusammentreten.
Berlin, 20. März. Mit dem Anfang des nächsten Monats treten im Poslverkehr zwischen Deutschland und Dänemark verschiedene Erleichterungen und Verbefferungen ein. Die Zeitungsüberweisung wird gleichfalls eingeführt. Alle Pakete bis zu 5kg müssen srarckirt abgehen. — Die Einfuhr von Bäumen, Früchten und Samenkörnern ausländischer Herkunft ist, amtlicher Mittbeilung nach, nach allen Provinzen der Türket verboten. — Der Reichs- kanzler verkündet, daß dem Dr. med. Herzog Karl Theodor von Bayern, königlicher Hoheit, unter Brfteiung von der In der Gewerbeordnung vorge- schrlebeneit ärztlichen Prüfung die Approbation als Arzt -rth-ilt ist. - D- Einnahmen an Zöllen und Verbrauchssteuern n den Monaten vom 1- Ap l vorigen bis Ende Februar dieses Jahres bat im Vergleich zum gleichen Zett- raume des Vorjahres der R-ichskaff- -in Mehr von über 38>/, Mtll. Mark gebracht. Ein- Verminderung wieS nur di- Brausteuer aus
- Unter den Reichstags-Abgeordneten, di- flch mit der Militärfrage beschäftigen, erregt gebührendes Aussehen «ine soeben erschienene anonyme Bro- schüre: „Die neu-Reichs-Mtlttärvorlage. Unpart-Usche Betrachtungen von
äs ,äs
Gießen, am 20. März 1880. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
p vr. Boekmann.


