Freitag den 24 December
1880
Nr. 301
Gießener Wueiger
Ailjkip- md AmKdlM fit de» Kreis Gießen
R-daett»«Sbure»ur \ «Al,rftrn6p «xpeditiouSburesur J Schulstraße B. IS.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag».
Diew
ifraltfta
2a
ißnßeßüllßt
T«
HZs ,n wehr als . : Lt,6<n bit|d6ffl ■ ^<nommen. $0[[.
PreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
ruhige Emilie jiefcft Zubehör, an die Wed.
. - . hall und großen .Wittbet Wenzel.
>t Laden orstraßezu ver- lyereS bei der (7230
Hit Eogis u vermiethe«.
..... ■_!) • c.'jnichgßa. Hi. fraire.
!*»•**.
üliin« "r;
Die Solidarhaft in den Genossenschaften.
In der socialen Bewegung unserer Zett ist von allen Parteien, welche nicht den Umsturz der gegenwärtigen Gesellschafts-Organisation anstreben, die Entwickelung und Ausbreitung des Genossenschaftswesens in Deutschland als eine höchst erfreuliche Erscheinung betrachtet worden. Natürlich haben die Genostenschaften nicht die sociale Frage w lösen vermocht, sie werden dies auch niemals können, wie jeder ruhig Erwägende von vornherein, als die Genosienschaftsthätigkeit in den ersten von Schulze-Delitzsch gegründeten Asto- ciattonen begann, voraussehen mußte. Diejenigen, die sich in dieser Beziehung seltsam-übeispannten Illusionen hingegeben haben, sind allerdings enttäuscht, aber das spricht nicht gegen die Genostenschaften, sondern nur gegen jene unklaren Köpfe. Eö ist auch richtig, daß manche Genostenschaften im Laufe der Zett in Folge unredlicher oder leichtfertiger oder nicht genüget sachkundiger G schäfisführung zu Grunde gegangen sind und daß dann die Mitglieder j feinen Segen davon gehabt, sondern arg geschädigt wurden, daß in solchen Fällen Diejenigen, die am wenigsten an der Genostenschaftsleitung brthetltgt waren, in Folge der Solidarhaft am schwersten benachtheiligt sind. Das Alles leugnet kein Mensch, aber alle diese Mtßstände haben nicht verhindert, daß die Zahl der Genostenschaften fortwährend gewachsen ist, daß ihre Mittel immer größer geworden und daß dadurch ihr Einfluß von Jahr zu Jahr ge- ; stiegen. Düse Thatsache ist unwiderlegbar statistisch festgestellt und sie lst der,; beste Beweis für die Nützlichkeit der Genostenschaften.
Nun befinden wir uns gegenwärtig in einer Periode, in der die confer- ; vattve Partei sich berufen glaubt, an allen wirthschaftlichen und social-öcono- miichen Einrichtungen und Errungenschaften der letzten Jahrzehnte die ändernde Hand zu legen. Es kann daher eigentlich gar nicht auffallen, daß man von i conservativer Seite sich auch bemüht, das Genostenschaftsgesetz, die gesetzliche ; Basis des Genossenschaftswesens in Deutschland, einer Revision zu unterziehen. - Die Nordd. Allg. Zig." har vor Kurzem eire diesbezügliche Ankündigung gc- - brach!' auf welche wahrsche nlich bald weitere Schritte folgen werden. Der j I Angriff auf das Genostenschaftsgesetz, welcher beabsichtigt wirb, richtet sich nach I beT Angabe des genannten Blattes spcciell gegen die Solidarhaft. „Nam- i hafte Persönlichkeiten der conservativen Partei" wollen im Reichstage beantra- \ acn daß neben der Solidarhaft auch die Thetlhaft zulässig sei", um auf diese | Wxise den Wucher auch positiv bekämpfen zu können." Die „Nordd. Allg. ttta " meint, die Besitzenden würd-n durch die schlimmen Erfahrungen, welche mit der Solida-Haft gemacht seien, von der Tyetlnahme an den Genossen- schäften abgeschreckr, wodurch die geeignetsten Verwaltungs-Elemente und die Mittel zur Befriedigung des legitimen EreditbedürfmsteS für die Genoffen- schäften verloren gingen. Dem abzuhelfen, arbeite der Abg. v. Mirbach einen Gesetzentwurf aus, der gleich zu Anfang der nächsten Retchstagssesston vorge- - Uflt "ßTmag^dn, daß Herr v. Mirbach in der That. glaubt, mit seiner Arbeit der Entwickelung des Genostenschaftswesens zu nützen, indessen wenn ihm die Erfahrungen bekannt wären, die man in Oesterreich gemacht hat, so würde er wahrscheinlich den beabsichtigten Gejetzentwurf nicht vollenden mib dasieniae was davon bereits vorhanden ist, als „schätzbares Material bet Seite leaen. In Oesterreich hat das Genostenschaftswesen später eine gesetzliche Regelung gefunden, als bei uns, und dort meinte man, von vornherein die Theilhaft der Solidarhaft an die Seite stellen zu muffen. Nach dem österreichischen Genostenfchaftsgesetze müsten alle Genossenschaften Hal-dels- leatller eingeschrieben sein und es muß dabei besonders regtsirtrt werden, ob dieselben di-- unbeschränkte (Solidar-) Haft oder die beschränkte (Thetl-) Haft statutenmäßig angenommen haben; auch ist den österreichischen Genostenschaften gesetzlich^zu ihrer speciellen Firma, als integrirender Thetl derselben, der Zusatz ^regist^rte Genostenschaft mit unbeschränkter" resp. mit beschrankter Ha tung oorgeschrieben. Bet der „unbeschränkten Haftung" hastet, wie auch bet uns, jedes Genostenschafts-Mitglied mit seinem gesammten Vermögen für die V^r- Kindlickketten der Genostenschaft; bei der „beschränkten Haftung" haftet der Einzelne nur mit dem Antheil, den er am Genostenschafts-Vermögen hat. Was Herr v. Mirbach will, existirt also in Oesterreich, und dort hat sich längst her- ausaeftellt daß die Genostenschaften mit beschränkter Haftung, weil sie lhat- I-LU-b nui gering« Sicherheit gewähren, äußerst brschräntlen Credit g-nießen und nar nicht entwickelungssähig st°d. 1« daß ste sogar durch das geringe An- c.cpn bffien sie sich erfreuen, indtrect die Eniwickelung der Genostenschaften ' ^"uubelchrän-ter'Hastung hindern. In O-sterreich ist schon wiederhott in der Presse, im dortigen Genoffenschaftsverbande, der bereits 1876 über
Genossenschaften umfaßte, selbst durch den Reichsrath der dringende Wunsch laut geworden, die Genostenschaften mit beschränkter Haftung ganz «fcJL fiUth9 zu streichen ; ihre Zahl beträgt kaum ein Viertel der Genosten- schalen"ünieschränkter"Haftung und -'trotz dieser Erfahrungm will die < SRnrtd unter Vorantritt des Freiherrn v. Milbach bei uns die conservatioe P thetlhaft etnführen, weil angeblich „nur mittelst der WAVb.fißmdkn«Wn den schwer durch den Wucher bedrängten Dolkskreisen hülfreiche Hand leisten könnten, ohne zugleich befurchten zn müssen, f<lb|i W°^st"ein«'r"de7 falschesten Schlüffe, die nur deutbar stad, wenn mau meint, die Solidarhaft besördere den Wucher. Gerade da- Gegentheil ist der
,ir® »ft"«
Telegraphische Depeschen.
Wagner'» telegr. Korrespondenz-Bureau.
Berlin, 22. December. D'e „Prov.-Corresp." bespricht die letzten Reichstagsmahlen bei welchen einige Sitze der Nationalliberalen und Freiconservativen m die Hände 'der Fortschrittspartei übergegangen seien, und richtet au die Nation all > berate Partei, wenn sie einem weiteren Adbröckelungsproceße vorbeugen wolle, bie Mahnung, sich des entschiedenen Gegensatzes zu den Secessionisten bemüht zu werden und zu ihren politischen Grundsätzen zurückzukehren. Sie werde sich auch künftig der Compromltz- politik nicht entziehen dürfen, welche keineswegs ein Aufgeben der liberalen Grundsätze erfordere, sondern letztere nur unter Berücksichtigung der pratUfchen Ziele und Bedürf- ni se nn Staatswesen und unter Beachtung anderer zur Mitwirkung berufener Parteien verwirklichen wolle. Die Negierung habe ihrerseits das Zusammenwirken mit verschiedenen und selbstständigen Parteien nie anders »Ständen; aber die erste Bedingung fei, daß die betreffenden Parteien selbst an die Stelle beschaulichen Verhaltens thatkrästiges Handeln setzten, um auf jener Grundlage nicht blos ihre eigene Stellung mit Erfolg gegen den Ansturm von links zu vertheidigen, sondern auch für die weitere gesegnete und gesunde Entwickelung des Staatslebens ihren schwerwiegenden Einfluß geltend zu machen. _ . _ , , ,
Brüssel, 22. Decbr. Die Ueberschwemmungen beginnen an mehreren Orten Belgiens einen gefahrdrohenden Charakter anzuneh •en. Die Stadt Huy steht größtentbeils unter Master. Die Eisenbahn Lüttich- Mastricht ist unterbrochen. Zwischen Lüttich und Namur sind mehrere Stationen überschwemmt. Aus Nerviers, Charlerot, Namur, Mons und Mastricht gingen Meldungen über Schaden ein.
Lokales.
Glesien, 23. Decbr. Ueber das vorgestern Abend bei Betzdorf stattgehabte Eisenbahnunglück konnten wir bis heute noch nicht viel Näheres erfahren. Nicht ein Tunnel, sondern ein Theil einer hohen Böschung ist auf den Nachmittags 4 von hier abgehenden Personenzug gestürzt und hat die Maschine, saune Pack- rmd Postwagen unter sich begraben. Es cursiren die verschiedensten Gerüchte über die Große des Unglücks ^iu bedauern ist, daß die Direktion der Bahn ven Zeitungen keinen getreuen Bericht zngehen läßt, damit das Publikum resp. Angehörige der im Zug besindlichen
txtoi irö fc*wrnMr Stt
’ Kiischm.
i Vievstmädcheu für
Eichte in Lollar.
.-iM jl sind ans isMeihn zu i'/r'/°. r-.t. k. ZI, ::rcung von LhftÄr- r.S.ochtrtkcoralionm,
. a A-, somit nif^lagenbtn Maten
ickum, Bramiüs.
Fall. Die Solidarhaft erhöht die Sicherheit drr Genostenschaften und deren Crrditfähigkeit. daß sie nicht den Wucherern anheimzufallen brauchen, solange ihre Geschäftsführung sich überhaupt in den Grenzen der Solidität befindet. Nur Derjenige, dessen Creditfähigkeit zweifelhaft oder sehr schwach ist, kann in die Nothlage versetzt werden, sich an Wucherer wenden zu müsten. Setzt man bet den Genostenschaften an die Stelle der Solidarhaft die von den Confer» vativen gewünschte Theilhaft, so vermindert man die Sicherheit und die Cre» ditfähigkett, und bann werden sich die besitzenden Klasten erst recht von den Genostenschaften zurückziehen. Aber nicht allein dies, der Werth H ganzen Genosstnschaftswesens würde leiden. Solange die Solidarhaft besteht, wird nickt leicht Jemand unüberlegt einer Genostenschaft beitreten, benr- Jedermann weiß, baß er mit seinem gejammten Vermögen für bie Association aufkommen muß Wo man im schlimmsten Falle weni t verlieren kann, ba ist man naturgemäß im Allgemeinen auch mürber vorsichtig, sowohl hinsichtlich der Bethcili» gung überhaupt, wie auch hinsichtlich der Controle über die Geschäftsleitung. Je weniger vorsichtig aber dies Alles geschieht, desto mehr muß das Ansehen der Genostenschaften in den weitesten Kreisen sinken. Deswegen würde die Annahme der von Frelherrn v. Mirbach geplanten Gesetzesänderungen das Genoffenschaftswesen nicht fördern, sondern ste würden das Letztere discredi- tiren und wahrscheinlich ein ernstes Hinderniß für die weitere Entwickelung, vielleicht sogar der Todeskeim desselben werden.
Berlin, 21. December. Nach dem Etat der Reichspost» und Tele» graphen'Verwaltung für 1881/82 ist das Gehalt der Uaterbeamten bei den Poft- und Telegraphen-Anstallen gleichmäßig auf 800 bis 1200 «X jährlich festgesetzt worden, doch sollen den 300 ältesten Unterbeamten in Berlin Ortszulagen bis zu 200 Jl. bewilligt werden. Diese Bestimmung ist einer Gehalts» Verschlechterung gleich. Der Meistbetrag des Gehalts der Berliner Briefträger
jetzt 1300 Jl. BiS zum Jahre 1849 stekie sich dasselbe auf 600 Thir., also 1800 Jl. Durch Verfügung des Generalpostamts vom 12. Ocibr. 1848 fand eine Herabsetzung um 100 Thlr. statt, eine zweite Herabsetzung von ebenfalls 300 Jl., wobei jedoch für die älhften eine Zulage von 150 Jl. bewilligt wurde, erfolgte durch Herrn v. d. Hevdt. Dabei find die Lebensbedürfnifle theurer und die Anforderungen an die Briefträger wesentlich größer geworden.
— Nach Neujahr wird eine Anzahl secessionistifcher Führer in ihren Wahlkreisen das Programm ihrer Partei entwickeln, so u. A. Herr v. Forcken- bcck in Neuhaldensleben, der Abg. v. Stauffenberg in Holzminden, während Dr. Friedrich Kapp in Hamburg und ein anderes namhaftes Mitglied der liberalen Vereinigung in Halle zu sprechen gedenken. Dem Vorwurf einer ge- wtffen Zuückhaltung in der Agitation begegnet man von dieser Seite mit dem Hinweise darauf, daß es erst jetzt nach dem Erscheinen der geistvollen Bam- berger'schen Broschüre an der Zeit sei, das dort in großen Zügen entwickelte Programm in allgemein verstän'l'cher Form unter die Masten zu tragen. Daß übrigens die Unthäiigkeit der Secessionisten nur eine scheinbare ist, das zeigt die Altenburger Wahl recht deutlich. Es find an freiconservative und nationalliberale Abgeordnete Briefe aus Altenburg eingelaufen, welche sich darüber beklagen, daß die fecessionlstischen Wähler sich von dem Pakt zwischen beiden Parteien losgesagt und ihre Stimmen dem fortschrittlichen Candidaten gegeben haben.


