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srr. Ä7S. Zweites Blatt. Sonntag den 21. November 1880.

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Schulstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MstttagA.

Preis »iertekjShrlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheit.

Gießen, am 17. November 1880.

Betreffend: Die Ausführung des Gesetzes vom 10. September 1878 über den Schutz der in fremde Verpflegung gegebenen Kinder unter 6 Jahren.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grosiherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises (mit Ausnahme von Gießen), sowie an die jGroßh. Polizeiverwaltung Gießen nnd den Großh. Polizeikommiffär zu Arnsburg.

Unter Bezugnahme auf unser im Amtsblatt Nr. 2 enthaltenes Ausschreiöen vom 16. Juni I. I. bemerken wir, daß alsbald nach Ablauf des Monats November die Ucberwachungsbogen über alle im Laufe des Jahres in fremder Verpflegung befindlich gewesenen Kinder unter 6 Jahren an uns einzusenden sind, ebenso auch diejenigen über die während des Jahres weggezogenen oder gestorbenen derartigen Kinder.

Wurden keine solche Kinder verpflegt, so ist dies zu berichten.

Die in der Instruction vom 14. Mat l. I. (Regierungs-Blatt Nr. 17) vorgeschriebenen Formularien, nämlich die Register, Fragt- und Ueb-r- wachungsbogen, können von der Hofbuchdruckerei von E. Bekker in Darmstadt bezogen werden und müßen, falls sie nicht von da bezogen werden, wie

diese eingerichtet ftin.

Dr. Boekmann.

In Oesterreich und im deutschen Reiche.

Zwei Mächte strhen im Herzen Europas neben einander, eng verbündet zu dem Zwecke, den Frieden zu erhalten. Ein solches Bündniß ist in der That eine Friedensgarantie und diese letztere wird in der Allianz auch wirklich von allen Völkern unseres Erdtheils erkannt. Eine einzelne Macht wird es niemals wagen können, gegen den W llen der zu Schutz und Trutz verbundenen beiden Kaiserreiche, Oesterreich-Ungarn und Deutschland, einen Krieg zu be­ginnen. Die Erhaltung dis Bündnisses liegt also im Interesse ganz Europas, aber das bestehende Interesse der Verbündeten wird dadurch gleichfalls in her­vorragendster Weise gefördert. Deutschland hat im Westen und im Osten Nachbarn, die nach dem Gange der historischen Entwickelung nicht seine auf­richtigen Freunde sein können, und wie für uns Frankreich und Rußland Rivalen sind, vor denen mir stets auf der Hut sein müssen, so hat Oestrrreich- Ungarn reichliche Veranlassung, stets ein offmes Auge für Dasjenige zu haben, was auf der einen Seite Italien, auf der andern ebenfalls der nordische Koloß, das russische Reich, beginnt. Staaten, die auf diese Weise Aussicht haben, bei nächster Gelegenheit zwischen zwei Feuer genommen zu werden, müssen, wenn sie auch noch so wehrkräftig sind, sorgfältig jede politische Jso- ltrung vermeiden und können zur Erhaltung ih-er Machtstellung nichts Besseres thun, als daß sie sichere und dauernde Allianzen suchen.

Das Bündniß der beiden Kaisermächte entspricht aber auch dem inneren Friedensbedürsniß derselben. Das Letztere liegt nicht allein in der wirthschaft- lichen Lage, sondern nindestens ebensosehr in oen hi r er en politischen Zuständen. Was die wirtschaftliche Lage anlangr, so sind in Oesterreich-Ungarn ebenso- sehr, wie bet uns die Nachwirkungen Der im Jahre 1873 ausgebrocheneu Krisis auf commerciellcm und auf industriellem Gebiete noch immer lebhaft zu empfin­den und die begonnene Besserung macht es wirklich im höchsten Grade wün- schenswerth, daß die öconomtsche Thätigkcit der Völker nicht durch kriegerische Verwicklungen aus dem ruhigen Geleise gebracht wird. Aber abgesehen hier­von, gehen die Wogen d:s politischen Parteikampfes in Oesterreich-Ungarn, angefacht durch die Verschiedenheit der die große zweitheilige Monarchie bil denden Nattonaltiäten, so hoch, daß es die erste Aufgabe sein muß, diesen internen Streit zu erledigen. Und das deutsche Reich mit seinen immer noch nicht betgelegten kirchenpolitischen Wirren, mit seiner stark rückschrittlichen Be­wegung aus dem Grbiete der Gesetzgebung, mit den Erregungen, welche als die Folgen socialpolttischer Maßregeln und Agitationen entstanden sind, bedarf gleichfalls für sich, zu eigener Sammlung, dringend des Friedens nach Außen.

Während augenblicklich in der Hauptstadt des deutschen Reiches das öffentliche Interesse von keinem Gegenstände in dem gleichen Maße in Anspruch genommen wird, wie von der sog.Judenfrage", während sich hier eine große Zahl hervorragender Männer zusammengethan hat, um mit dem Gewichte ihrer Namen durch eine offene Erklärung der gegen die jüdischen Staats­bürger gerichteten Agitation entgegen zu treieu, waren tot wenigen Tagen (am 14. d. Mts.) in der Hauptstadt Oesterreichs deutsche Männer aus den verschiedenen Theilen des Donau-Kaiserstaates versammelt, um das Deuisch- thum in ihrem Heimathlande vor der Majoristrung durch die Polen, Ungarn, Czechen, Slowaken rc. zu schützen. Wien hatte bei dieser Gelegenheit ein fest­liches Gewand angelegt und es hat auch sonst bewiesen, daß es sich als deutsche Stadt fühlt und für die deutsche Sache des Deutschthums eintreten will. Es war in der That nothwendig, daß die Deutschen sich endlich oufrafften, um sich gegen die fortwährenden Angriffe der anderen, ihnen nichts weniger als freundlich gesinnten Nationalitäten geschlossen zu vertheidtgen. Den Deutschen in Oesterreich verdankt die Gesammtbeoölkerung des Kaiserstaates allein ihre flanze Culturentwicklug, die Deutschen besaßen daher von jeher ein moralisches Klebergewicht und nun hat sich die Situation in dem Maße geändert, daß sie eine entschiedene Defenstvstellung einnehmen müssen, wenn sie nicht von den Klebrigen unterdrückt werden wollen. Leider ist diese Veränderung von den Deutschen, die dies sitzt sehr wohl erkennen, zum guten Theile selbst ver- schuldet. Sie besaßen z. B. im Retchsrathe und in den Landtagen der ein­

zelnen Kronländer (Provinzen) Oesterreichs die Majorität, aber di« se parla­mentarische Majorität bot ein betrübendes Bild von Schwäche, Uneinigkeit und erfolglosen Bemühungen. Namentlich im Reichsrathe trat dies in greller Weise hervor, hier waren die Deutschen unter sich uneins und befehdeten sich unter einander ebensosehr, wie sie von den Nichtdeutschen befehdet wurden. Die deutsch-liberale Partei", so schreibt die WienerNeue freie Presse" hat die Folgen ihrer Zerklüftung bitter genug empfunden. Während sie um das größere ober geringere Maß des Fortschritts und der Freiheit stritt, be­mächtigten sich jene Parteien der Majorität, welche den Fortschritt und die Freiheit überhaupt nicht wollten. Da ihre Majorität durch Fraktionszwist und innere Befehdung es dahin gebracht hatte, daß sie keine Regierung mehr bilden konnte, kam eine Regierung, welche sich selbst die Majorität bildete."

Es ist dies ein offenes Zugeständniß, welches um so erfreulicher ist, als man auch im deutschen Reiche an der darin liegenden Selbsterkenntniß, die immer der Anfang zur Umkehr ist, lernen kann. Die deutsch-liberale Partei in Oesterreich beging den Fehler, statt einig zusammen zu stehen, sich in aller- bi Fractionen und Gruppen zu zersplittern; liberale kämpften gegen Liberale und machten dadurch den auf die Blößen ihrer Gegner lauernden Deutschfeinden und Reactionären den Sieg leicht. Dies ist der Entwickelungsgang in Oestir- rctch gewesen und ganz ähnlich war es bei uns im deutschen Reiche. Auch bei uns hatten die Liberalen die parlamentarische Majorität, aber statt fest zusammen zu halten, zersplitterten sie sich und verloren auf diese Weise ihre Majorität Bei uns handelt es sich nicht um deutschfeindliche Parteien, aber um eine Reaction, die für die fernere Entwickelung unseres Volkes kaum ge­ringere Gefahren mit sich bringt. Alles, was der Liberalismus auf dem Gebiete der Gesetzgebung geschaffen, möchte die Reaction heute umstoßen; es regen sich sogar schon Stimmen, welche die Wiedereinführung der Prügelstrafe in Deutschland verlangen. Und auch in das sociale Leben wirst die Reaction die Keime der Zwietracht, indem sie eine Judenhetze angefacht hat, durch welche die Gemüther zunächst freilich in der Relchshauptstaot Berlin viel heftiger erregt und die Köpfe viel mehr verwirrt werden, als man anzunehmen geneigt ist. Wenn es so fortqeht, dann dürfen wir uns gar nicht wundern, wenn in Deutschland binnen Kurzem Nord und Süd einander feindlich gegen- überstehen. Die Reaction ist niemals die Trägerin des deutschen Elnheitsge- dankens gewesen und wenn sie Vie Herrschaft in Deutschland erhält, so muß sie nach ihren Antecedentien, nach ihren Princ<pien und nach ihren Bestrebun­gen die schwer gewonnene deutsche Einheit wieder zerstören. Wie in Oester­reich gilt es daher auch bei und, die Kräfte zu sammeln, und zwar um unsere nationale Einheit, auf der die Würde Deutschlands beruht, zu erhalten.

So sehen wir Oesterreich-Ungarn und das deutsche Reich, die beiden Mächte, die in ihrer Vereinigung die Geschicke Europas bestimmen können, durch innere Bewegungen in die Gefahr gebracht, an Kraft und Stärke schwere Einbuße zu erleiden. Es ist Zett, daß es anders werde, und damit dies ge­schehe, muß jeder Einzelne Hand mit an's Werk legen. Nicht oft genug kann es wiederholt werden, daß sich die liberalen Elemente, ohne Rücksicht auf kleine Abweichungen in den Ansichten, zu einer einigen Partei zusammenschließen müssen. Wir sind überzeugt, daß sie auch bei uns endlich dazu zwingen wird, wie sie in Oesterreich dazu gezwungen hat, aber jeder Tag, der bis dahin ver­loren geht, bringt eine vermehrte Einbuße für die liberale Sache und indtrect für das deutsch- Ansehen dem Ansl'-nde g-genüber. _____________

Lokales.

Gießen, 20 November. (Sitzung der Stadtverordneten am 19. November.) An- wesend: Herr Bürgermeister Bramm, die Herren Beigeordneten Keller und Heß; von Setten der Stadtverordneten die Herren Batst, D tery, Gail, G run eb erg, H anstetn, Kauf, Lüdektng, Ad. Noll, Aua. Noll, Petri, Pfannmuller Scheel und Schopbach. Die Bernthung des Entwurfs eines Pachtvertrags zwischen der Stadt und dem Mitttärfikcus in Betreff der Erweiterung der Exercter- und Schießplätze wurde nach Er­öffnung der Sitzung vorgenommen. Danach überläßt die Stadt Gießen der Militärverwaltung I auf die Dauer von 50 Jahren (bis zum 31. März 1931) ein 32 Hectar umfaßendes, an den seitherigen Exercterplatz stoßendes Gelände zu einem jährlichen Pachtzins von -^ 640. Die I Uebergabe des Platzes hat am 1. April 1881 zu geschehen und hat die Stadt Gießen dafür zi»