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Nr. 168. Donnerstag den 22. Juli 1880;
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Anseigk- nnb Amtsblatt für bk« Kreis Gießen.
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8Ut>adion»bureaUi 1 Schulstr-ß- B. 18. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag». Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Marl 50 U.
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Deutschland.
Darmstadt, 20. Juli. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben allergnädtgst geruht:
Am 6. Juli den Mtnistertal-Calculator 1. Klasse bei der Buchhaltung der Finanzen Wilhelm Jost zum Hauptrechner der allgemeinen geistlichen Wtttwenkasse und zum Rechner des evangelischen Centralktrchenfonds mit der Verpflichtung, auch die Verwaltung der Rechnerstellen des allgemeinen evangelischen und des Starkenburger Pfarrverbesserungssonds, des Pfarrwtttwenkorns. der v. Schultte'jchen Stiftungen, der Seeger'schen, Gambs'schen, Stuber'schen und v. Gatzert'schen Stiftungen, sowie der Prälat Dr. Köhler — Dr. Schmitt', schen Stiftung zu übernehmen, mit Wirkung vom 1. September d. Js. an, zu ernennen;
am 12. Juli den außerordentlichen Professor bet der philosophischen Fakultät der Landes-Universität Dr. Karl Zöppritz auf sein Nachsuchen mit Wirkung vom 1. October d. Js. an, aus dem Dienste zu entlasten;
an dems. Tage den Kreisarzt zu Wimpfen Medicinalrath Dr. Karl Theodor Weigand auf sein Nachsuchen, unter Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste, in den Ruhestand zu versetzen, und demselben aus diesem Anlaß das Ritterkreuz 1. Klaffe des Verdienstordens Philipps des Großmüthi- gen zu verleihen.
Berlin, 19. Juli. Die zehnjährigen Gedenktage der großen Zeit, die im Jahre 1870 das ganze Volk Deutschlands mit Begeisterung erfüllte, rücken näher heran. Feierlicher als sonst dürfte man jene Tage in diesem Jahre begehen, ist doch ein ganzes Decennium als Zeitabschnitt für die Geschichte eines Volkes ein bedeutungsvolles Stück Vergangenheit. Um so tntereffanter dürste es gerade in' diesen Tagen sein, sich zurückzuertnnern an historische Mo- mente, die in kleinem Kreise sich abspielten und bisher zur Kenntniß der Allgemeinheit noch nicht gelangt sind. Es war am 19. Juli 1870. Im Vorzimmer des Grasen Bismarck standen Gruppen von höheren Beamten aus dem Ministerium des Aeußern, sich nur flüsternd unterhaltend, Spannung und Ernst auf den Mienen. Der drohende Krieg zog gegen das Vaterland herauf. Die Abreise des Königs von Ems und die Ankunft in Berlin waren am Tage vorher erfolgt. Man wußte es, man stand vor einem Augenblicke, in dem sich die ganze Zukunft Preußens entscheiden konnte. Es war gegen 12 Uhr Mit- tags, ein Wagen fuhr vor dem Palais vor. Einer der Regierungsräthe, der aus dem Fenster hinunter gesehen halte, meldete jetzt den Änderen: „Der Kronprinz kommt!" Sofort eilte ein Diener, den Grafen Bismarck zu benachrichtigen, und dieser kam zum Empfang von seinem Arbeitszimmer durch das sog. chinesische Zimmer nach dem Vorzimmer. Gleichzeitig betraten durch die gegenüberliegenden Thüren der Kronprinz und der Graf den Raum, in dem sich die Beamten in respektvollem Zirkel geordnet hatten. Die beiden Haupt- Personen schritten rasch auf einander zu und stumm reichte der Kronprinz dem Ministerpräsidenten die Hand. Eine feierliche Pause von mehreren Secunden. Dann sagte der Kronprinz sehr ernst: „Lieber Bismarck! Soeben ist die Kriegserklärung Frankreichs dem Könige, meinem Vater, im Palais übergeben worden!" Siumm drückten sich Kronpinz und Graf nochmals die Hand. Stumm wendeten sie sich dann und gingen zusammen nach dem Arbeitszimmer Btsmarck'S. Die zurückgebliebenen Personen im Vorzimmer fanden in den nsten Minuten keine Worte, um den Gefühlen Ausdruck zu geben, die Jeden von ihnen beherrschten. Die Situation war ernst, sehr ernst! Etwa zwanzig Minuten blieb der Kronprinz bei Bismarck, dann fuhr er nach dem königlichen Palais zurück. — Unter den Personen, die im Vorzimmer geharrt hatten, befand sich auch der Friseur Schulz, heut' noch in der Mauerproße wohnend, der, wie alle drei Wochen, auch für jenen Tag nach dem Palais des Grafen befohlen war, um dem Ministerpräsidenten die Haare zu schneiden. Schulz wurde sogleich nach der Abfahrt des Kronprinzen nach dem Arbeitszimmer des Grasen berufen, den er sehr ernst fand und an dessen Haar er sofort seine Arbeit begann. Der Graf pflegte sich sonst während dieser Procedur lebhaft mit seinem Friseur zu unterhalten, heut' aber blieb er still und nachdenklich. Als Schulz seine Arbeit vollendet hatte, sagte Bismarck zu ihm: „Lieber Schulz, ich sage gleich Adieu zu Ihnen! Es ist eine ernste Zett, Gott wird uns bnstehen!" Ttefergriffeu küßte der Letbfrtseur die Hand des Grafen, die dieser ihm zum Abschied reichte. — Ja, es war eine ernste Zeit! Wer konnte ahnen, welche Wendung jo rasch eintreten sollte — welche Wendung durch Gottes Fügung.
Bremen, 19. Juli. In Sachen des Capitäns Neynaber vom Nordd. Lloyddampfer „Mosel", welcher beschuldigt war, auf einer seiner letzten Fahrten eine größere als die gesetzlich vorgeschrtebene Anzahl Passagiere befördert zu Ihc-ben, sand einer Mtttheilung der „N. Hdztg." zufolae am 1. Juli wiederum eine Verhandlung vor dem Bundescommissär Duel in New-Port statt. Capitän Neynaber machte geltend, daß er eine noch größere Anzahl Passagiere hätte befördern können, ohne sich einer Gesetzesübertretung schuldig zu machen. Eine von einem Sachverständigen über diesen Punkt eingeholte Ansicht lautete zu Gunsten des Capitäns; es ist daher zur endgiltigen Entscheidung des Falle« eine Veruussung des Dampfers in Gegenwart des Bundescommissars ange- vrdnet worden.
Hesterreich.
Wien, 18. Juli. Ueber den heutigen ersten Tag deS ersten internationalen Schützenfestes entnehmen wir einem Telegramm des „D. M." : Wien, die festesfrohe Stadt an der schönen blauen Donau, ist im Festes- rausche. In allen Straßen pulflrt das Feiertagsfieber. Man siebt nichts als graugrüne Lodenröcke, man hört nichts als das Knattern von Gewehren. An achttausend fremde Schützen haben sich hier versammelt, mindestens fünfzig, tausend andere Gäste füllen die Hotels, haben alle Privatwohnungen bis in die entferntesten Vorstädte belegt. Achthundert Schweizer Schützen haben ein Maffenquartter bezogen. Die Straßen prangen im glänzendsten Schmuck. Der baumumsäumte Festplatz im Prater ist ein wahres Juwel, an welchem nur die große Entfernung von der Stadt stört. Die riesigen Dimensionen der Schützenhalle geben hinreichenden Raum für viertausend Personen, welche dort täglich gleichzeitig banketttren. Hundert Schießscheiben stehen für die Schützen bereit. Der reicher als je ausgestattete Gabentempel repräsentirt einen Werth von mehr denn 400,000 Gulden. Der heutige Festtag genießt die besondere Gunst des Himmels. Goldene Sonnenstrahlen übergießen Kuppeln, Dächer und Menschen. Die freudige Erregung, die begeisterte Stimmung sind unbeschreiblich. Seit dem frühesten Morgen zeigten die Straßen ein buntbewegtes Bild. Der Ring und die Praterstraße sind von einem hölzernen Gürtel eingefaßt. Tribüne stößt an Tribüne, jede flaggengeschmückt und mit duftenden Blumen garntrt. Um 7 Uhr waren die Schützen in der Rudolfs- Kaserne versammelt, und bald darauf erfolgte der. Ausmarsch auf den Schottenring, wo in sechsgliederigen Reihen 10,000 Schützen sich rangiren. An der Spitze bewegt sich die berittene Polizei, das Musikcorps der Feuerwehr und die Feuerwehr selbst. Danach folgten die Leiter des Festzuges, von Milt- tärmufik begleitet, den Schluß macht das Gros der Schützen. Wohl selten hat man ein bunteres, fesselnderes Gemisch nationaler Typen gesehen. Helle Jubelrufe begrüßten den Vorbeimarsch strammer, martialischer Gestalten; ungewöhnliche und in diesem Grade kaum erwartete Sympathie begegnete den schmuck aussehenden Schweizern, Norddeutschen und Schwaben, welche Sym- pathie schon bei dem gestrigen Empfang Ausdruck gefunden hatte. Die deur- schen Schützen langten mit den oberösterreichischen auf einem Donau-Dampfer aus Passau an. Der Quai war mit Menschen übersät. Der Bundespräsident Reinerz-Düsseldorf beantwortete die Ansprache unter Betonung der Einig- feit. Donnernde Zustimmung folgt seinen Worten. Die Aufnahme der deutschen Schützenbrüder ließ in der That an herzlicher Sympathie nichts zu wünschen übrig- Die Schützen marschirten länderwetse; die Norddeutschen voran, dann die Süddeutschen, Italiener, Schweizer, Ungarn, Siebenbürgen, weiter eine Abtheilung der Bundesschützen aus den österreichischen Provinzen, endlich der Festwagen der Wiener Schützen. Stürmischen Jubel riefen zumal die Tyroler Kerngestalten hervor, welche zu allermeist Farbe und Leben in den Zug brachten. Jedes Thal zeigte eine andere bunte Gebirgstracht, alte Pracht- stutzen, Hüte in den seltsamsten Formen, mehrere verschieden costümirte Musik- Capellen, auch Mädchen in tyrolerischer Nationaltracht. Der Festwagen der Tyroler war weniger farbenglänzend, aber von eigenartigstem Reiz. Er stellt einen nackten, zerklüfteten Felsen dar, auf dessen oberster Spitze ein Schütze mit der historischen Fahne des Freiheitskämpfers, Andreas Hofer, steht. Hinter dem Festwagen kamen der Bürgermeister und das Comitö in sieben Gala- carossen, danach eine Cavalcade von Wiener Schützen-Zieler und Warner, und den Schluß bildeten 3000 Feuerwehrmänner. Um 10 Uhr langte der Zug auf dem F.rhnenweihplatz vor der Franz-Joses-Kaserne an. Die Schützen marschirten in Reihen von je Hundert auf. Tausendstimmiger Jubel begrüßte das Erscheinen des Kaiservaares. Hieraus wurde eine Messe gelesen, nach ber?n Beendigung die Befestigung des von der Kaiserin Elisabeth gespendeten Fahnenbandes e> folgte, an die sich die feierliche Weihe der Fahne selbst schloß. Darauf folgte die Ceremonie des Nägeleinschlagens in die gew fitzte Fahne. Dieselbe wurde zuerst vom Kaiserpaar, bann von ben Erzherzögen und ben sonstigen Notabilitäten vollzogen. Der Vorstand des öst-rreichischen Schützen- bnnbeS, der Neichsraths-Abgeordnete Abvocat Dr. Kopp , hielt hierauf eine kräftige Ansprache, in welche er der Kaiserin als Fahnenmutter dem Hasser als Schützen des Bundes seinen Da> k ausspiach. Der Bund, so rb cp Dr. Kopp, ist ein Wall gegen den Ar.sturm auf die verfassungsmäßigen tfrei» betten. Dis österreichischen Schützenbundes Aufgabe ist die Beiordnung von Friede und Eintracht am häuslichen Hcerd der Nation. Die Rede machte einen außerordeutlichen Eindruck, denn jeder Anwesende »«stand. welch« Em- tracht und welche verfassungsmäßige Freiheit der Redner t. «mne gehabt. Unter diesem Eindruck wurde dann die Volkshymne unter tausendfachem Jubel angestimmt. Das nun folgende Defilä der Schutzen *» eln« 8rc6*
artigen Ovaiio« für das Kaiserpaar. Kaiserin Elisabeth trug beim Vorube" marsch der Schützen ein schwarzes Kleid, über ivelches einen dis aus .,e -süüe reichenden Spitzenüberwurf gebreitet hatte. Der Abmarsch auf dem Fc.> W, as Bankt und die Eröffnung des Schießens schließt sich an diesen Theil der Feier. Trotz der glühendsten Sonnenhitze sind bisher nur sehr wenige Unglücksfälle zu beklagen.


