srr. 116, Samstag den 22. Mai 1880.
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Mise- uni) Amkdlatt fit de« Kreis Gießen.
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| Schulstraße B. 18.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher HHeit.
Betrkffend: Aufsicht über das Faflelvieh. Gießen, am 20. Mat 1880.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an -Le Großherzoglichen Bürgermeistereien der nachbenannten Orte^
Die Besichtigung der Gemeinde-ZuchtstLere und -Zuchteber durch die von dem landwirthschaftltchen Bezirksveretn gewählte Commission wird an folgenden Tagen stattfinden:
1) Montag den 24. Mai in Daubringen, Mainzlar, Treis , a. d. Lda., Allendorf a. d. Lda., Staufenberg, Ruttershausen und Lollar;
2) Dienstag den 23. ffltai in Wteseck, Alten-Bus-ck, Trohe, Rödgen, Großen-Buseck, Beuern, Bersrod, Winnerod und Reiskirchen;
3) Mittwoch den 26. Mai in Gießen, Heuchelheim, Allendorf a. d. Lahn, Klein-Linden, Großen-Linden, Lang-Göns und Leihgestern.
Sie wollen die Bullen- und Eberhalter anweisen, zur fraglichen Zett zu Hause zu bleiben, und die Thiere der Commission bei deren Eintreffen vorzuführen, auch sich selbst bereit halten, um etwa verlangt werdende Auskunft zu ertheilen.
Dr. Boek mann.______________________________________________
Betau n fm achun g.
In Gemäßheit des § 9 des Gesetzes vom 13. Februar 1875 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden werden hiermit nachstehende Durchschnittsmarktpreise vom Monat April 1880 veröffentlicht:
Hafer «X. 16, Heu «X 5, Stroh 4,40 per 100 Kilogramm.
Gießen, den 17. Mai 1880. Großherzogliches Kretsamt Gießen.
Dr. Boe km an n.
Ruhe!
Vor uns liegt die schöne Sommerzeit, eine Zett der Arbeit, aber auch der Ernte. Der Landmann bittet den Schöpfer um den heiligen Frieden der Natur, um Regen und Sonnenschein zu rechter Zeit. Das Bild der Ruhe zeigt eine glückliche Landschaft, während Sturm und Gewitter, Hazelschlag und Überschwemmungen gleich feindlichen Gewalten zerstörend und kriegerisch wirken. Aber längst sind die patriarchalischen Zustände gewichen, und jener Ruhe, deren Walten und Segen die Natur zeigt, bedürfen wir im modernen Staate noch in anderer Weise. Wenn ein altes Volkslied singt: „Europa braucht Ruhe", so feiert es nicht allein die Ruhe der feindlichen Naturgewalten, sondern auch die Ruhe der Völker und der Bürger.
Die Ruhe ist nicht nur die erste Bürgerpflicht, wie ein weiser Berliner Gouverneur nach der verlorenen Schlacht von Jena verkündete, sondern auch die erste Pflicht der Völker. Leider bleibt der politische Horizont Europas düster und bewölkt. Das alte orientalische Gewitter steigt wieder im Südosten auf und scheint der alten Volksanschaunng Recht zu geben, daß die Ruhe Europas nicht eher dauernd gewonnen sein wird, als bis der Türke aus Europa hinaus, der Halbmond nach Asien zurückgedrängt sein wird. Der Orient ist die Pandorabüchse, der Quell der Unruhe und des Unheils für Europa, denn wie er einst die Westmächte im Krimkriege gegen Rußland geführt, wie er den mörderischen orientalischen Krieg Rußlands entzündet und en seinen Folgen die Keime ter Zwietracht zwischen Rußland und Oesterreich nebst Deutschland gez itigt hat, so ruft er n.uerdtngs die Spannung zwischen Oesterreich und England, und damit auch die Erregung des unruhigen Italiens gegen Oesterreich wach. Ewig neue Streitfragen gebiert der Hexen- keffcl auf der Balkanhalbinsel, und jede derselben birgt den Zündstoff für neue Verwicklungen und Kriege. Der Orient bleibt der alte Störenfried der europäischen Ruhe.
Die Gefährdung der Völkerruhe, die noch von anderen gewaltthätigen Seiten her möglich ist, zwingt Europa zu der schweren Eisenrüstung, unter welcher es seufzt. Die Erhaltung der Ruhe ist auf die Zahl der Bajonette gestützt, die zwar, wie ein geistreicher Volkswirth sagte, zu allem Möglichen gut sind, auf welche sich aber kein Volk setzen kann, um auszuruhen. Und die rnormen Lasten für das eherne Schutzgewand der Völker sind in fast allen Staaten der Grund innerer Unruhe, einer drückenden Unbehaglichkeit, welche der Ruhe der Bürger störend gegenübersteht. Es gab selten Zeiten, in denen in sämmtlichen europäischen Ländern die innere Unruhe, die Unzufriedenheit itt den wirthschaftlichen und politischen Zuständen größer war als jetzt. Es scheint als ob der Mangel der europäischen Ruhe auch den Mangel der inneren Ruhe der Völker verschulde, und nichts ist bezeichnender, als daß dasselbe Jahrzehnt der Unruhe auch die Ruhe auf dem religiösen Gebiete durch Glau- benSfehden stört, die wir mit dem Mittelalter begraben wähnten.
Wonach die Völker seufzen, das ist nicht jene Grabesruhe wie sie Rußland erstrebte, nicht jene Ruhe, welche die Worte kündeten: L’ordre regne ä Varsovie I — es ist auch nicht die Ruhe, wie wir sie in Deutschland empfinden, und die zuweilen verzweifelte Aehnlichkeit mit der Ruhe vor dem @e> Witter hat; es ist nicht die Ruhe Frankreichs, die nur benutzt wird zur Erstarkung des Krtegsheeres, um das verlorene Prestige wieder zu erringen, — und nicht die Ruhe, die überall, wohin man auch in der alten Weit bl ckt, mit künstlichen Mitteln mit Schlaftränken für die öffentliche Meinung und mit Gewaltmaßregeln aufrecht nbalteu wird. Die Völker sehnen sich nach jener Ruhe, deren Bild die friedliche Natur bietet, sie beten, daß für ihre lrbeit auch eine Zeit der Ernte folge, sie fluchen dem Kriege und hoffen auf ; ne Erleichterung der europäischen Militärlasten, auf eine Verminderung der Steuern, auf die Hebung des nationalen Wohlstandes. Sollte es denn un
möglich sein, für diese hohen Ziele, die alle europäischen Völker zu erreichen trachten, eine Instanz zu schaffen, welche die europäische Ruhe, und sei es nur auf 10 Jahre, garantirte? Eine Conferenz der Großmächte für Erhaltung der Völker ruhe wäre mehr werth, als einst der Berliner Congreß, mehr als die jetzt in Aussicht gestellte orientalische Botschafter-Conferenz in Ko nstantii.opel.
Keutschland.
Darmstadt, 20. Mat. Das heute ausgegebene Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 15 enthält die Bekanntmachung des Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, den Vorbereitungsdienst und die Prüfung der Gerichtsschreiber und Gerichtsvollzieher betreffend.
Berlin, 19. Mai. Die Beruhigung, welche der deutsche Reichstag den geängstigten Tabaksfabrikanten, -Händlern und -Producenten durch seinen neulichen Beschluß zu bringen beabsichtigt hatte, scheint die Monopolschwärmer zu neuen Plänen anzureizen. Die Mitthetluvgen, welche die „Voff. Ztg." bezüglich der Versendung von Preiscouranten bei der kaiserl. Tabaks-Manufactur in Straßburg enthält, legen wenigstens den Gedanken nahe, daß von dieser Seite Propaganda für Monopoltabak zu machen versucht wird. Die „Voff. Ztg." schreibt nämlich darüber: „Nachdem die Majorität des Reichstages sich mit großer Entschiedenheit gegen die Einführung des Tabaks-Monopols ausgesprochen hat, scheint die Verwaltung der kaiserl. Tabaks-Manufactur in Straßburg sich die Aufgabe zu stellen, in weiteren Kreisen unseres Vaterlandes die Meinung zu verbreiten, daß der Staat seine Fabrikate dem Publikum billiger ur Verfügung stelle, als die Privat-Jndustrie, um so im Publikum eine günstige Stimmung für das Monopol zu machen. Wenigstens läßt die Miltheilung, daß Lehrern an höheren Schulen in Orten, ^welche von Straßburg so entfernt als möglich liegen, Preiscourante der Straßburger Fabrik mit der Aufforderung zugegangen sind, von dort ihren Bedarf an Cigarren, Rauch- und Schnupftabak zu entnehmen, auf ein solches Vorgehen zu schließen, da man doch unmöglich annehmen kann, die Versendung solcher Circulare habe einzig und allein den Zweck, den Geschäftsbetrieb der kaiserl. Manufaktur auf ein Gebiet auszudehnen, welches intelligente Fabrikanten mit Sorgfalt vermeiden, weil sich nach ihrer Ansicht der Klein-Verkauf nicht gut mit der Groß- Jndustrte verträgt. Was nun aber die Abgabe der Waare zu billigerem Preise als dem der Privat-Jndustrie anbelangt, so ist die eigenthümliche Ren- tabilitäts-Bcrechnung der Straßburger Fabrik genügend beleuchtet worden, um den von dort gestellten Preisen keine besondere Bedeutung für ein etwaiges Monopol beizulegen. Wenn dort billig verkauft wird, so kommt dies daher, daß man noch immer von dem WeUh der gratis übernommenen Vorräthe und Etablissements zehrt; eine Monopol-Verwaltung für ganz Deutschland könnte das nicht und es köl neu wohl nur gedankenlose Menschen glauben, unter dem Monopol billiger zu rauchen als heute, es scheint uns aber geboten, das Vorgehen der Straßburger Fabrik nicht unerwähnt zu lasten."
— Palästina für die Inden — das ist unter unseren orthodoxen Israeliten und den stets an Zahl zunebmenden israelitenfreundlichen Christen schon seit länger ein beliebter Ruf, welcher in demselben Maße an Stärke gewinnt, als die Macht dis politischen Obe> Herrn des gelobten Landes schwindel. Der englische Prediger Nugöe, welcher sich sehr für die Sache lnteresstrt, erläu- täte kürzlich in einem öffentlichen Vortraw einen wohlauögedachten Plan, welcher in letzter Zeit greifbare Gestalt angenommen hat. Der Engländer Ol'phant hat dem Sultan einen Plan vorgelegt, wo zunächst das Land von Gilead und Moab — die Gebiete der israelitischen Stämm" Gab, Ruben und Man affe mnfaffend — zu einer jüdischen Colonie umgewandelt werden soll. Selbstverständlich soll der Sultan in klingender Münze abgefunden werden,


