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Str» 2LS Mittwoch den 2V. October 1880,

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Aijkige- mb JnrtsMatt fit den Kreis Gießen.

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Schulstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MsntagS.

PreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerloh«. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 M

Die Entwickelung der Landwirthfchaft in Amerika und die deutsche Landwirthfchaft.

Die rasche und üppige Entwickelung, welche der nordamertkanische Land- - bau in den letzten Jahren genommen hat, ist nicht ohne Einfluß auf die euro­päische Landwtrthschafr geblieben. Die Producenten von Brod und Fletsch in Europa baben heut schon mit der Concurrenz Nordamerikas zu rechnen. Unter dem Eirflusse des rapiden Ausbaues eines weitverzweigten Bahnnetzes, das seine Ausläufer bis in die tiefsten Einöden erstreckt, und unter dem eines starken Zu- zugs europäischer Landarbeiter zur Besiedelung und Cultivirung von noch jung* 1 fkäulichen Bodenstrecken dehnt sich auch heute noch die landwirthschaftliche Pro* duclion der Vereinigten Staaten in einem starken und beständig wachsenden Maße aus. Betrugen doch die Landstücke, welche im laufenden Jahre zu Zwecken der Urbarmachung und des Landbetriebes von der Regierung verliehen und verkauft worden sind, über 16 Millionen preußischer Morgen, und ist doch die Einwanderung noch in beträchtlichem Wachsen. Dabet ist noch zu bemerken, daß längst besiedelte und bebaute Districte, die, weil sie bisher von jedem Verkehre abgeschnitten waren, nur eine ärmliche Naturalwirthschaft trieben | und für den allgemeinen Markt gar nicht in Frage kamen, nun, da sie von Eisenbahnen und Kanälen berührt werden, auf einmal auch als mächtige Con­currenten der für den Welthandel producirenden Landwirthfchaft eintreten. Es kann sein, daß in wenigen Jahren die amerikanische Getreide- und Fleisch- Production sich gegen die heutige vielfach vervielfältigt.

Der amerikanische Landwirth, wenigstens der im großenweiten Westen", bat entweder keine Gruntverzinsung zu ertragen, oder doch nur eine im Ver- hältmß zur europäischen sehr geringe. Die Kosten der Bodenbearbeitung, inso- eit Dünger und Thierkräfte in Frage kommen, verschwinden gegen die der Landwirthfchaft unseres Conttnents; der Amerikaner bebaut einen noch unauS- \ gebeuteten Boden, und er treibt auf ihm, allerdings auf Kosten späterer Gene- i rationen, einen schonungslosen Raubbau, und seine Flächen sind weit genug, j um das billige Arbeitsviehrnatertal ohne nennenswerte Schmälerung der für den Verkauf bestimmten Ernte zu erhalten. In Jnterrsie der Agrtcultur sind die Frachten auf den amerikanischen Bahnen, Flußläufen und Kanälen stau- nenöwerth niedrige, so daß die Versendung landwirthschaftlicher Erzeugnisie aus dem tiefsten Innern nach den Häfen kaum merklich die Preise erhöht. Bei I dieser Sachlage darf man in Europa wohl auf die amerikanische Concurrenz j aufmerksam werden und die Frage erörtern muffen, wie man sich zu ihr zu stellen habe.

Für den Consum wird es als ein hoher Vortheil betrachtet werden kön­nen, wenn uns Amerika billige Brodfrüchte und Fleisch liefert und damit auch ' die europäischen Preise herabdrückt. Nichts ist falscher, als die einmal aus hohem Munde verkündete Meinung, daß theure Lebensmitielpreise ein Glück für das Volk feien. Aber für unsere Landwirthfchaft, für die europäischen Producenten für Brod und Fleisch, müssen die Eretgniffe in Amerika bedenklich erscheinen. Aber auch nur erscheinen, denn richtig angegriffen giebt es noch Mittel genug, um unseren Landwirthen den Ruin durch die amerikanische Con­currenz zu ersparen. In erster Linie werden eben auch bei uns die Vertriebs- Kosten von der Productions-Stätte zum Markte zu verringern sein; Straßen, Bahnen und namentlich Kanäle und Flüsie muffen bis in die ödesten Theile Deutschlands hingeführt und die Frachtsätze auf das geringste Maß normtrt werden. Bewäsierungs- und Entwässerungs-Anlagen, die den Boden ergiebiger machen, werden allgemeiner und mit allgemeinen Mitteln durchzuführen sein, und eine gleichfalls allgemeine Fürsorge wird das landwirthschaftliche Credit- wrsen in Obhut zu nehmen haben, um den Landwirthen billiges Betriebs* und Meliorations-Capital zu schaffen. An die Stelle unfruchtbarer Hand­arbeit wird, nöthigenfalls mit Hülfe genoffenschaftlicher Organisationen, eine schwungvollere Ausnutzung der Maschtnenhülfe treten können. Und endlich wird der Landwirth selbst aus dem gewohnten Schlendrian herauszutreten und seine Wirthschaft, in der Wahl der ru bauenden Früchte, resp. also in Rücksicht auf die Verwendung seines Landes, den Bedingungen und Forde­rungen anzubequemen haben, welche die veränderte Lage stellt. Muß denn durchaus nur Getreide gebaut, nur Vieh zu Fleischverkauf gezogen werden, kann nicht, wo die Bedingungen hierzu ungünstig liegen, Ersatz gesucht wer* den in der Gemüseerzeugung, im Bau von Judustriefrüchten, von Hopfen, Wein, Tabak, im Obstbau, in der Butter- und Käsebereitung, nöthigenfalls wieder in genoffenschaftlicher Gemeinsamkeit? Es giebt der Surrogate für die unrentable Getreide- und Fletscherzeugung genug; nur werden unsere Land* wirthe mit höherer Intelligenz und mit größerer Energie als bisher sich aus* zurüsten haben. Dabei sei angeführt, daß die große Maffe der kleinen Land* besttzer, denen es an Verständniß und an den Mitteln gebrechen könnte, ihre Wirthschaft umzugestalten von der amerikanischen Concurrenz gar nicht getroffen werden, da sie gar nicht für den Verkauf produciren; ja sie gewinnen durch die Verbilligung der Lebensmittel die ja unzweifelhaft auch ihren Einfluß auf die allgemeinen Preise üben muß eher noch einen Nutzen.

Mag also auch auf den ersten Blick eine gewiffe Beängstigung durch die Entwickelung der amerikanischen Agricultur hervorgerusen werden, bet ruhiger Ueberlegung kann und wird sie schwinden, sobald nur die nöthtgen Maßregeln energisch angegriffen werden, welche geeignet sind, den Betrieb unserer eigenen

Landwirthschaft billiger und ertragsreicher zu gestalten. Das ist eine unum­stößliche Wahrheit, daß die Lage der Völker eine um so günstigere wird, je weiter das Productionsgebiet der Erde sich ausdehnt und je mehr die Menge der in den Handel kommenden Nahrungsmittel anwächst; und diese Wahr­heit wird auch durch die Entwickelung Nordamerikas wiederum bestätigt werden.

Deutschland.

Berlin, 17. Octbr. Die Wünsche der rheinisch-westfälischen Industrie in Bezug auf die Organisation des Kohlentransports, welche kürzlich in einer größeren Zechenversammlung und in einer Eingabe des fungirenden Ausschusies des Vereins für die bergbaulichen Jntereffen im Oberbergamtsbezirk Dortmund an den Minister der öffentlichen Arbeiten Ausdruck fanden, scheinen sich rascher zu erfüllen, als man nach Lage der Dinge erwarten durfte. Auf Anordnung des Ministers Maybach soll schon in kürzester Zett für den Maffentransport auf den Eisenbahnen des niederrheinisch-westfälifchen Jndustriebezirks ein Wagen­amt in's Leben treten, dem die Aufgabe der Vertheilung an die einzelnen in­dustriellen Werke, die Controle über die Abfuhr der Producte und über die Zurückführung der versandten Wagen, überhaupt die Aufsicht überden gesammten Maffenverkehr zufallen wird, und zwar wird dieser neuen Behörde die Ver­fügung über das Transportmaterial nicht nur der beiden Staatsbahnen, der Rheinischen und Köln * Mindener, sondern auch der unter Staatsverwaltung stehenden Bergisch-Märkischen Bahn zustehen, so daß sie also im vollen Sinn des Wortes eine Central * Dispositionsstelle für den gesammten Kohlenverkehr in Rheinland-Westfalen und den Verkehr der Hüttenwerke bilden wird.

Berlin, 17. October. Für das internationale Bureau des Weltpost­vereins soll in den drei Tagen vom 20. bis 22 October die Stückzahl der Eilsendungen, der Postkarten mit bezahlter Antwort, der Geschäftspapiere und der Rückscheine zu Einschreibsendungen, ferner die Anzahl der im Postwege bezogenen Zeitungen für 1880 ermittelt werden.

Vor einigen Tagen hat daS Reichspostamt erinnert, daß im inter­nationalen Verkehr Briefe oder Pakete, welche Geld* und andere Werthstücke enthalten, mit der Briefpost nicht befördert werden, derartige Gegenstände mit­hin auch in Einschreibebriefen nicht enthalten sein dürfen.

Köln, 15. October. Die bei der Festfeier am Vormittag in den Knauf der Kreuzblume eingesügte Urkunde lautet:

Der Dom zu Köln, das ehrwürdigste Denkmal deutscher Baukunst, auf dem Boden der alten Colonia Agrippina, an jener St ile, wo Karl des Großen Erzcaplan Hildebald die dem Apostelfürsten Petrus geweihte Kirche errichtete, von Erzbischof Konrad von Hochstaden am 15. August 1248 in Gegenwart König Wilhelms von Hol­land gegründet und von Meister Gerhard von Nile begonnen, wurde, in seinem Chor­bau vollendet, 1322 durch Erzbischof Heinrich v. Virneburg geweiht. Nach feierlicher Uebertragung der von Kaiser Friedrich I. dem Erzbischof Reinald von Dassel 1162 ge­schenkten Reliquien der heiligen drei Könige gedieh der Fortbau des südlichen Dom­thurms, durch blutige F>hden häufig unterbrochen, im Jahre 1447 bis zur Höhe von 50 Meter. Deutschlands Macht und Wohlstand tief erschütternde Ereignisse hemmten für die nächsten Jahrhunderte den Weiterbau. Verlassen und dem Verfall preisgegeben überragte drei Jahrhunderte hindurch der Domkrahnen, das alte Wahrzeichen Kölns, den in Trümmer sinkenden Wunderbau. Der Aufschwung neuen geistigen Lebens nach den glorreichen Befreiungskriegen 18131815, welche Köln und die Rheinlande mit Preußen vereinten, veranlaßten, nach Auffindung der alten Dompläne, Boisseree, Göthe, Görres und Schtnckel zu erfolgreichem Wirken für des Domes Erhaltung. König Friedrich Wilhelm IH. befahl 1824, im Jahre der Wiederbesehung des erzbischöflichen Stuhles von Köln mit Ferdinand August, Grafen Spiegel mm Defenberg, die Her­stellung des Domchors. Ahlert und Zwirner haben diesen Bau bis zum Jahre 1840 vollendet. Die ewig denkwürdigen Worte König Friedrich Wilhelm's IV.:Hier, wo der Grundstein liegt, dort, mit jenen Thürmen zugleich, sollen sich die schönsten Thore der Welt erheben", am 4. September 1842, dem Tage der Grundsteinlegung zum Fort­bau des Kölner Domes gesprochen, riesen die freudigste Begeisterung wach. Aus allen deutschen Ländern spendeten Fürsten und Volk reiche Gaben. Dombauvereine wirkten mit Ausdauer an des gottgeweihten Tempels Vollendung. Am 14. August 1848 weihte in Gegenwart König Friedrich Wilhelms IV. der Erzbischof Johannes v. Geissel, nach­mals Cardinal, das von Kön-g Ludwig I. von Baiern mit kunstreichen Glasgemälden geschmückte Kirchenschiff, und am 3. October 1855 bei der Feier der Vollendung des von Zwirner erbauten Südportals sah das dankbare Köln den königlichen Protector und Schirmherrn des Dombaues zum letzten Male in seinen Mauern. König Wilhelm wohnte am 13. October 1863 der Inauguration der mit Ausschluß der Thürme in allen Theilen vom Dombaumeister Voigtl vollendeten, durch Wegnahme der seit 1322 bestehenden Trennungsmauer zwischen Chor und Langschiff zu einem Ganzen ver­einigten Domkirche bei. Der Ausbau der beiden 16 Meter hohen Westthürme, unter dem Erzbischof Paulus Melchers begonnen und mit reichen, vom Staate und den Dombau-Vereinen gewährte,! Mitteln gefördert, wurden von dem Dombaumeister Voigtl in der zu hoher Kunstblüthe herangebildeten Dombauhütte nach 13jähriger, er­folgreicher Thätigkeit am 14. August 1880 vollendet. Zum ewigen Gedächtmß an den nach Verlauf von sechs Jahrhunderten glücklich beendeten Ausbau des größten deutschen Domes, des höchsten Bauwerkes der Erde, haben Se. Majestät der deutsche Kaiser und I König von Preußen Wilhelm und Ihre Majestät die Kaiserin und Königin Augusta, Ihre kaiserl. und fönigl. Hoheiten der Kronprinz und die Fran Kronprinzessin, die Prinzen und Prinzessinnen des preußischen Königshauses nebst den von Sr. Majestät dem Kaiser geladenen deutschen Fürsten und hoben Gästen diese Urkunde unterzeichnet, welche in den Schlußstein der Kreuzblun e des südlichen Domthurmes niedergelegt werden wird. So geschehen zu Köln am Rhein, den 15. October 1880, am Geburts­tage des in Gott ruhenden königlichen Schirmherrn, Königs Friedrich Wilhelm IV., der den Plan zur Vollendung dieses herrlichsten Gotteshauses erfaßt und bis an fein I Lebensende gefördert hat, im 20. Jahre der glorreichen Regierung Sr. Majestät des Kaiseis und Königs Wilhelm, dem 3. Jahre des Pontificates des Papstes Leo XIII. | Soli Deo Gloria.