feit des Publikums, uib d e Scheu, geg.n zudriufzltcheS Bettelvolk die Hülfe der Polizei anzurufen oder selber das HauSrecht zu gebrauchen, einen guten Theil der Wirksamkeit gerechter Gesetze und einer ksäfttgen Handhabung ter» selben abzustumpsen vermag. Wenn wir Deutschen jetzt, seitdem wir wieder eine Nation geworden sind und die damit verbundene Kräftigung sich nach Außen und Innen fühlbar gemacht hat, in so manchen Stücken die angelsächsischen Vettern nicht mehr zu beneiden haben: in einem Punkte könnten wir immerhin roch von ihnen lernen, in der Bereitwilligkeit, die öffentliche Gewalt gegen Gefährdung jeder Art selbstthätig zu unterstützen und nö higer.fallS a>'ch einmal die eigene Haut dafür zu Markt zu tragen.
Berlin, 13. November. Die „Fceihandels-Corresp." schreibt: Die Freunde der neuesten Wirthschaftspolitik beeifein sich, den in Preußen beantragten Steuererlaß gegen die herbe Kritik in Schutz zu nehmen, welche an demselben vom Standpunkt einer soliden Finanzwirthschcft wie einer gerechten Steuerpolitik geübt worden ist. Der Preis für die beste Leistung gebührt diesmal unzweifelhaft der „Post", welche in einer gegen die „Fortichrittspreffe" gerichteten Polemik folgende neue steuerpolitische Aufschlüffe zum Besten gtebt:
„Die Presse rechnet die geringen Beträge aus, welche der Steuererlaß bei der Vertheilung auf die einzelnen Köpfe ergiebt, und stellt diesen Beträgen die Opfer gegenüber, welche dem Steuerzahler der untersten Klaffen angeblich durch die neuen indirecten Steuern auserlegt werden. Da ist namentlich die Rede von der Besteuerung der nothwendigen Lebensmittel. Es wird verschwiegen, daß die Getreidezölle und aubere Einfuhrzölle keine Finanzzölle, fonbern Schutzzölle stnb, baß ste nicht eingeführt sind, um dem Steuerzahler etwas ab» zunehmen, sondern um die einheimische Production und damit den Verdienst aller Steuerzahler zu steigern. Diese Zölle, wenn sie vorübergehende Opfer fordern sollten, was noch nicht bewiesen worden, sollen also nicht durch den Steuererlaß, sondern durch ihre eigene mittelbare Wirkung zu Gunsten des Steuerzahlers compenfirt werden. Was aber die wirklichen Finanzzölle betrifft, die erhöhten Eingangszölle auf überseeische Producte, so treffen diese notorisch die unteren Klaffen der Steuerzahler am wenigsten, dafür aber die wohlhabenderen Gesellschaftsklassen."
Dieses sinnreiche Kunststück auf dem Gebiete der höheren Steuerzauberei hat der „Nordd. Allg. Ztg." so gefallen, daß sie ihm durch bereitwillige Aufnahme in ihre Spalten zu einer weiteren Verbreitung zu verhelfen sucht. Und wem sollte es nicht gefallen? Man vergegenwärtige sich nur einmal die benei- denswerthe Lage des so ost bedauerten Steuerzahlers: Die Finanzzölle belasten ihn nicht, die Schutzzölle compensiren sich selbst zu seinen Gunsten und die directen Steuern werden ihm erlaffen! Diese steuerpolitische Weisheit verdiente in der That in einer besonderen Broschüre verbreitet zu werden, etwa mit dem Titel: „Der glückliche Steuerzahler, ober Du sollst und mußt reich werden." Ob die „Post" dafür viele Gläubige finden wird, ist allerdings eine andere Frage. Es ist doch eine nicht wegzudisputirende Thatsache, daß derjenige Theil der Bevölkerung, welcher keine dicecten Steuern zahlt, keinen Vortheil vom Steuererlaß haben kann, daß ferner für die beiden untersten Stufen der Klaffensteuer ein Erlaß für 3 Monate nur 75 H bis 1 JL 50 S\ pro Jahr beträgt. Diese drei Kategorien machen aber volle vier Fünftel der Bevölkerung der preußischen Monarchie aus. Andererseits ist es durchaus nicht „notorisch", daß die Finanzzölle die unteren Klaffen am wenigsten treffen. Diese Behauptung ist vielmehr eine kecke Unwahrheit. Alle bedeutenden Lehrer der Finanzwiffenschaft, von Adam Smith bis Adolf Wagner, sind vielmehr der Ansicht, daß die indirecten Steuern, zu denen die Imanzzölle gehören, gerade die unteren Klaffen unverhältnißmäßig belasten, und die tägliche Erfahrung bestätigt diese Ansicht in vollstem Umfange. Beide Thatsachen aber, der Mangel resp. die Geringfügigkeit des Steuererlasses und die Vertheuerung der zollpflichtigen Waaren, werden schließlich auf den wahren Charakter der im Gang befindlichen Steuerreform ein Licht werfen, welches keine noch so verwegene Argumentation verdunkeln kann.
— Ein unbefangenes Urthttl über die bisherige Wirkung der Eiseuzölle aus den Kreisen der Eisenindustriellen selbst bietet der kürzlich ausgegebene Jahresbericht der Actiengesellschaft „Lauchhammer." Dieses Urtheil lautet freilich ganz anders, als die Lobpreisungen der Folgen ber neuen Wirlhschafts- Politik in ben officiösen Blättern. In bem erwähnten Bericht heißt es nämlich : „Der geschäftliche Verlauf des Betriebsjahres 1879—80 charakteristrt sich durch ungemein lebhafte Conjuncturen, wie die Eisenindustrie ste lange Zeit nicht mehr gekannt hat, und regelte sich unter dem gewichtigen Einfluß der inzwischen eingetretenen Zölle. Die Einwirkung dieser Conjuncturen und Zölle auf die allgemeinen Verhältnisse unberührt lassend, muß die Thatsache constatirt werden, daß der praktische Einfluß derselben auf die Arbeit der Werke von „Lauchhammer" sich bis heute als ein im Ganzen unbedingt nachtheiliger erwiesen hat. Der Zoll hat den Gießereien b;-r genannten Werke das Rohmaterial vertheuert, ohne ihnen eine entsprechende Erhöhung der Preise für ihre Fabrikate zu bringen. Die Conjunctur ergriff zuerst die Rohmaterialien, deren Preise in uneihörter Weise in die Höhe getrieben wurden, konnte aber einen annähernden Erfolg bei den Fabrikaten nicht erreichen. Eine Preissteigerung der letzteren trat theilweise gar nicht ein, war für manche Artikel nur nominell und begann viel später als das Courstreiben des Roheisens. In kurzer Zeit folgte der unnatürlichen Hanffe eine energische Reaction. Die unsolide speculative Bewegung in ben Rohmaterialien unb Fabrikaten wirkte ungemein lähmenb auf bas hier unb ba erwachenbe allgemeine Vertrauen und schädigte die Interessen der Industrie in unglaublicher Weise." Nach dieser Darstellung, welche sich allerdings von jeder Schönfärberei fern hält, hat der Roheisenzoll, welcher als ein hoher Zoll auf ein unentbehrliches Halbfabrikat im vorigen Jahre nicht nur von principiellen Freihändlern, sondern auch von manchen Eisenindustriellen bekämpft wurde, thatsächlick die damals befürchtete schädigende Wirkung auf die Industrien fertiger Fabrikate ausgeübt.
Krankreich.
Paris, 13. November. Der „akademische Rath" hat die ehemalige Schule der Jesuiten in Douai auf 6 Monate geschloffen, weil sich ergab, daß die Jesuiten, die in der Anstalt früher als Lehrer wirkten, ihre Lehrthätiakeit wieder begonnen hatten.
Telegraphische Depeschen.
Waaner'S telegr. Corresponderrz-Bureau.
Berlin, 15. November. Der Kaiser hat anläßlich des Ablebens des Generals v. Göben eine Cabinetsordre erlaffen, worin es heißt: Die Armee
eUitt durch den Tod eines chrer hervorrage, dsten Führers in den l-tzten Kriegen, des Geneiais v. Göben, einen sehr schweren Verlust. Ich wünsche der hohen Werchschätzung, welche Ich in seiner langjährigen persönlichen Stellung zu Mir gewonnen unb später jederzeit glänzend bestätigt gefunden habe, besonderen Ausdruck zu geben, indem Ich ber ganzen Armee Mein tiefes Bedauern über diesen Verlust ausspreche unb bestimme, daß die Osficiere des 8. Armee- Corps dreitägige und die Osficiere der Regimenter 28 unb 55 siebentägige Trauer anlegen.
— Die Interpellation ber Fortschrittspartei über bie Stellung der Regierung zur antisemitischen Bewegung, unterzeichnet von Mitgliedern der Fortschrittspartei Unb von Secesstomstm, kommt am Freitag im Abgeordnetenhause zur Verhandlung. — Der Kaiser empfing gestern den Cardmal Hohenlohe in Audienz.
— Abgeordnetenhaus. Fortsetzung der Berathung des Etats und des Antrages Richter. — v. Hüne findet den Grund des Deficits im Ordinarium in der Beamtenoermehrung. Den Cultusetat durch stärkere Heranziehung der Communen zu erhöhen, sei unmöglich. Durch Beseitigung des Culturkampsis würde man den Cultusetat bedeutend bessern.
v. Minnigerode begrüßt mit Befriedigung die entgegenkommende Haltung des Centrums, bekämpft hingegen die vorgestrigen Ausführungen Richters und Rickerr's. Dcr gegenwärtige Etat sei ein Fortschritt gegenüber dem Vorjahre. Der Antrag Richter's sei discutabel, wenn er an gewiffe Bedingungen geknüpft werte.
Minister Lucius rechtfertigt zunächst den Etatsansatz für Erlös auS Holz- Verkäufen. Es liege entschieden eine Besserung im Holzgeschäft vor, die er allerdings nicht unmittelbar den Holzzöllen beimeffen wolle. In den Verhält- niffen der Landwirthschaft zeige sich eine allmälige Besserung, bedingt durch die außerordentlichen Aufwendungen der letzten Jahre für Zwecke der Landwirthschaft. Allerdings müffe noch viel, namentlich auf dem Gebiete ber Steuer- reform-Gesktzgebung, geschehen, lieber E Höhung ber Branntweinsteuer fänden ernste Erwägungen statt. Die Einführung der gabritatfleuer sei nach den anderwärts gemachten Erfahrungen nicht in Aussicht zu nehmen. Jedenfalls sei die Frage ter Brannt vkinbesteuerung sehr vorsichtig zu behandeln. Die wün- schenswetth.ste Lösung sei die Besteuerung besjemgen Spiritus, der in den Consum übergehe. Bezüglich des Ernteausfalles in diesem Jahre sei durch eine sorgfältige Statistik festgestellt, daß eine M ttelernte, in einiger Provinzen sogar noch eine bessere gewonnen sei. D,ie Höhe. ber Roggenpreise sei durch bie schlechten Erträge des vorigen Jahres bedingt, nicht durch die Einführung ber Getreidezölle. Der Minister legt statistische Ermittelungen vor über den Ausfall ber diesjährigen Ernte, woraus hervorgeht, daß dieselbe bedeutend bester cls im Vorjahre ist, bei dm meisten Getreidearten ungefähr eine Mittelernte. Schließlich replicirt der Minister auf bie Angriffe Richter's gegen ihn. — v. Benba erklärt sich im Namen ber Nationalliberalen ablehnend gegen den Antrag Richter. — Hobrecht führt an der Hand verschiedener Ziffern aus dem bies- und vorjährigen Etat aus, baß er an der Stelle bes Finanzministers die Verantwortung für den Steuererlaß nicht übernommen haben würde unb deß- halb natürlich noch mehr Bedenken gegen ben Antrag Richter hege, der ben Erlaß fixiren wolle.
Minister Bitter constatirt, daß das Staatsministerium die Bedenken Hob- recht's sich wohl vorgehalten habe. Wenn es sich dennoch für ben Erlaß erklärte, so habe es flute Grünbe dafür gehabt. Ob diese gerechtfertigt seien, werde die Specialbecathung ergeben. — Hierauf wird die Discussioa geschloffen und über die geschäftliche Behandlung des Etats dem Anträge Minnigerode gemäß beschloffer. Alsdann wird bas Anleihegesetz ebenfalls ber Budget-Commission überwiesen.
Nächste Sitzung Mittwoch.
Petersburg, 15. Novbr. Der vor Kurzem gefällte Uttheilsspruch des hiesigen Militärkreisgerichts ist von dem zeitweiligen Commandanten ber Truppen des Petersburger Mtlitärdistricts, General Kostenea, mit einigen Milderungen bestätigt. Der Kaiser wandelte bei Schirajeff, Tichonow und Okladsky die Todesstrafe in lebenslängliche Zwangsarbeit um.
Agram, 15. Novbr. Die Erdstöße haben sich nicht mehr wiederholt. Die Bevölkerung beruhigt sich allmälig. Die Bauthätigkeir beginnt.
London, 15. November. Aus Teheran wird gemeldet, daß die Kurden bei Sujbulagh sich unterwarfen. Der Kurdenführer Hamzehagha sei unweit Urumiah gefangen worden. Taimur Pascha hätte die Posttiou des Scheiks Obejvallah bei Urumiah genommen, worauf Letzterer 15 Meilen zurückze- gange» sei.
Paris, 15. Novbr. In ber gestrigen ersten Sitzung des Arbeiter» Kongresses in Havre kam cs in Folge von Streitigkeiten zwischen dm sog. Collectivisten und Opportunisten zu ben stürmischsten Auftritten. Als ber Vorsitzende einem ber Teilnehmer das Wort verweigerte, entstand ein so großer Tumult, daß der Besitzer des Locals genöthigt war, das Gas auszulöschen und den Saal gewaltsam zu räumen.
Lokales.
Gießen, 16. November. Die Feier der Jubiläen der beiden hiesigen Feuerwehren hat noch ein erfreuliches Nachspiel erfahren. Gestern Morgen überreichte der Großh. Prooinzial- Director Herr Dr. Boekmann Namens Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs dem Hauptmann der freiw. städtischen Feuerwehr, Herrn Rechtsanwalt W etdtg, daS Ritterkreuz 2. Elaste Philipps des Grotzmüthtgen und dem ältesten activen Mitglied« der freiw. Gail'schen Feuerwehr, Herrn Emil Junker, das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift „Für Ver dienste" in feierlicher Weise und verband hterm.t eine für die genannten Herren höchst ehrenvolle Anerkennung ihres bisherigen Wirkens in uneigennützigem Dienste des Gesammt-Interestes.
— fBicnenzuchtveretn zu Gtcßcn.j Von zuverlässiger Seite hören wir, daß gedachter Verein durch eine am nächsten Sonntag Nachmittag */,3 Uhr im Restaurant Felsing (Neuen^ weg) stattfindende Versammlung seine regelmäßigen Sitzungen wieder aufnehmen wird. Das uns mitgetheilte Programm kündigt sowohl einen Vortrag, wie auch Beschlußfaffung über verschiedene wichtige Vereinsangelegenheiten an. Freunden der Bienenzucht ist die The,lnahme an der Versammlung gern gestattet.
— Gestern Abend wurde in dem Laden eines hiesigen Mesterschmteds von einem fremden Mann ein Mester entwendet und wurde derselbe in Folge desten später verhaftet.
Stenographische Mittheilung.
Die fortwährend wachsende Bedeutung der Stenographie — besonders der Gabels- berger'schen, als der weitverbreitetsten aller existirenden Stenographensysteme — und ihre erhöhte Wichtigkeit in unseren Tagen dürfte es wohl als eine Pflicht erscheinen lasten, zu Beginn eines neuen Semesters und bet Eintritt der zum Lernen so einladenden Winterabende auf das lohnende Studium dieser Kunst aufmerksam zu machen und solches allen Denen zu empfehlen, deren Arbeit oder Beruf eng mit dem Schreibgeschäft verbunden ist.
Nickt nur im Dienste des Staates bei den Reicks- und Landtagßverhandlungen der ver schiedenen Länder, wo die Stenogaphie ihre schönsten Triumphs feiert, sondern auch in den
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