Ausgabe 
17.4.1880
 
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str. 89. Samstag den 17. April 1889.

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r } Schulstraße L. 18. Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS. Peel- vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Brmgerlohn.

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Die Minister-Krisen.

Wetterwendisch wie der April sind die constitutionellen Verhältnisse in den meisten Ländern des Conttnents, denn überall fallen ober wackeln einige Ministersessel. Wer im Glashause sitzt, soll zwar nicht mit Steinen werfen, aber trotz unserer Bismarckkrtse und einigen einheimischen Ministersesseln, an deren kernfester Dauer man zweifelt, können wir dem raschen Wechsel und den Verlegenheiten anderer Staaten gegenüber immer noch von deutscher Bestän- digketr sprechen. Unsere Krisen vollziehen sich ohne sonderliche Aufregungen, und Fürst Bismarck kennt keine großen Parteischwenkungen, wenn er die Lücken eines Ministeriums ausfüllt, er nimmt die Minister, wo er sie findet aus seiner Kanzlei, aus der Freundschaft, aus der Verwandtschaft, von irgend einem Oberbürgermeisterposten, wenn es sein muß.

Wie anders in Italien! Dort erregt schon die Abdankung eines Kammerpräsidenten das Land, und um einen Ministersessel kämpften nicht die großen, sondern alle kleinen Fraktionen, aus denen jede regierende Partei zu­sammengesetzt ist, und zwar mit vollem Schlachtgeschrei in der Kammer und mit einem Höllenlärm in der Publicrstik. Die Krisis scheint jetzt eine schlei­chende Krankheit geworden zu sein, der die Quacksalber noch eine Zett Ruhe zu gönnen gedenken, ehe sie zur Operation schreiten.

Oesterreich befindet sich seit zwei Jahren in dauernder Krisis, und alle Vierteljahre füllt vom lavirenden Ministerium, das heute den Feudalen, morgen den Verfassungstreuen, heute den Szechen, morgen den Polen eine Concesston macht, ein Minister ab, der das Treiben satt hat, oder der den Uebrigen ein Dorn im Auge war. Fallen steht man Zweig auf Zweig, aber der entlaubte Stcmm findet immer neue Sproffen, und bte Abgefallenen wer­den gut versorgt, sei es auch nur als Theater-Intendanten.

An politischer Bedeumng steht natürlich die englische Minister­krise hoch obenan. Zwar liegt die Verfichtung der liberalen Führer vor. daß am Berliner Vertrage nichts gemäkelt, an den Verhältnissen im Orient nichts geändert werden soll, darf man denn aber Gladstone und Hartington vollen Glauben schenken? Es find so vielerlei Interpretationen streitiger Punkte möglich, daß es völlig faUch wäre, vertrauensselig zu hoffen, daß zwi­schen Diöraeli und Gladstone kein Unterschied bezüglich der orientalischen Frage zu finden sein werde. Hat doch schon die bloße Nachricht von dem (Liege der Liberalen genügt, um die italienischen Irredentisten, welche im Orient, in der afrikanischen Küstengegend und in Epirus ihre abenteuerliche Großmachtspolttik verfolgen wollen, zu ermuthigen, erheben doch die großrussi­schen und panslavisttschen Kreise des Czarenreiches wieder kühner das Haupt, fühlt sich doch die Türkei aus's Neue beunruhigt, und Oesterreich, dem Glad­stone Fehde geschworen, höchst unbehaglich. Dies Alles ist doch wahrlich kein Spiel des Zufalls.

An eine Lösung der russischen Ministerkrise durch den Rücktritt Gortschakows glaubt man noch immer nicht, doch kann hier möglicherweise der größte Erbfeind der Menschen, der auch auf Ministerkrisen keine Rücksicht nimmt, der Tvd eine Entscheidung bringen, denn nach den neuesten Nach­richten steht es schlecht, sehr schlecht mit dem greisen Führer der russischen Diplomatie.

Nicht unwichtig erscheint bei dem schwankenden Schicksal der europäischen Türkei die Beendigung der bulgarischen Ministerkrise. Das gemäßigte Cabinet hat den Radikalen weichen muffen, welche bekanntlich die Annektion Rumeliens, die Vereinigung aller bulgarischen Stämme, einGioß-Bulgarten" auf ihre Fahne geschrieben haben. Der Zündstoff ist also da, um in das Pulverfaß des Orients fallen zu können!

Deutschland.

Darmstadt, 15. April. Seine Königs. Hoheit der Großherzog haben allergnädtgst geruht:

Am 3. April das diesseitige Mitglied der Direction der Main-Weser- Etsenbahn, Regterungsrath Friedrich Bopp zu Kassel, in Folge der Auflösung der genannten Direction, mit Wirkung vom 1. April d. Js. an, in den Ruhe­stand zu versetzen.

Darmstadt, 15. April. DaS heute ausgegebene Großh. Regierungs­blatt Nr. 10 enthält die Bekanntmachung Großh. Ministeriums der Finanzen, die Besteuerung des Tabaks betreffend.

AuS dem Großherzogthum Hessen, 14. April. Se. König!. Hoheit der Großherzog haben zu befehlen geruht, daß künftig bet der Berech­nung der Dienstzeit zum Behuf der Feier des 50jährigen Dienstjubiläums die wirklich dem Staat im Militär- oder Civtldienst geleistete Anzahl von Dienst­jahren in Ansatz kommen soll. Die Mtlttärdienstjahre zählen daher von dem Zeitpunkte an, wo der Betreffende in den Militärdienst etngetreten und ver­eidigt worden ist. Die Ctvildienstjahre zählen von dem Zeitpunkte an, wo der Betreffende zum erstenmal für den Civtldienst verpflichtet worden ist, also z. B. bei den Accessisten von dem Tag ihrer Verpflichtung für den Vorberei­tungsdienst, bet Schulamtsaspiranten von dem Tag ihrer Verpflichtung für die erste Verwendung im Schuldienst. Für die Berechnung der Dienstzeit zum Behuf der Pensionirung und der Berechnung der Pensionsgröße bleiben selbst­verständlich die bestehenden gesetzlichen Vorschriften in Kraft. (Off. Ztg.)

Berlin, 13. April. Nach eingegangener Nachricht hat der zweite Sohn unseres Kronprinzen, Prinz Heinrich, in diesen Tagen auf seinem Schiffe dre Rückreffe nach der Heimath angetreten, und seine Ankunft steht, wie schon bei der Abreise bestimmt war, im Herbst zu erwarten. Als im vorigen Jahre nach dem Tode des Prinzen Waldemar mehrfach der Gedanke auftauchte, den Eltern zum Trost den weltentfernten Sohn früher, als beabsichtigt war, aus der unsicheren Fremde zurückzurufen, stieß diese Absicht bei dem Kronprinzen und der Kronprinzessin selbst auf entschiedenen Widerspruch; zumal die trauernde Mutter bestand ohne jede Anwandlung von einer leicht verzeihlichen Schwäche darauf, daß Prinz Heinrich seine Berufs- und Ausbildungs-Reise ungestört fortsetze. Die Schilderung einer rührenden Scene, welche damals zwischen dem Kaiser und der Kronprinzessin stattgefunden haben soll, ist in diestn Tagen aus einem hiesigen Blatte in vllle andere Zeitungen übergegangen, sie ist aber von Anfang bis zu Ende erfunden und kein Wort davon wabr. Die Pflichttreue der Hohenzollern ist der Nation ehrwürdig, auch ohne senti­mentale Erdichtungen.

Nußland.

Petersburg, 8. April. DemSchw. Merkur" wird von hier ge­schrieben: Immer betrübender lauten die Nachrichten, die aus dem Winter- palaiö hinsichtlich des Gesundheitszustandes der Kaiserin in die Oeffentltchke.t dringen. Ein heute durch denRegterungsboten" publictrtes Bulletin meldet zwar, daß im Laufe der letzten Woche feine weitere Verschlechterung des Zu­standes eingetreten sei, aber trotzdem muß man die baldige Erlösung von den Leiden als bevorstehend betrachten. Wie ich aus guter Quelle mitthetlen kann, hat der Leibarzt Dr. Botkin auf direkte Forderung des Kaisers demselben vor einigen Tagen eröffnet, daß er kaum Hoffnung habe, daß die Kaiserin das in 3*/2 Wochen bevorstehende Osterfest erleben würde. Der Kaiser ist in Folge dessen wie leicht begreiflich, ungemein aufgeregt, was seine Umgebung nicht wenig ängstigt. Gras Alexander Adlcrberg, der Hofminister , bat sich sogar hmreißen lassen, dem Dr. Botkin gegenüber sich in tadelnder Weise darüber auszusprechen, daß derselbe angeblich so rücksichtslos die Wahrheit herausge­sagt, woraus Dr. Botkin ihm kurz erwiderte, daß, wenn sein Kaiser von ihm die Wahrheit soidert, er sie nie verhehlen würde. Der Lebensproceß ist bei der hohen Kranken eigentlich nur noch künstlich unterhalten, und zwar durch Luflgas (Stickstoff-Oxidul), gemischt mit Sauerstoff unb Terpetin, welches sie viermal des Tages, um 8 Uhr Morgens, 12 Uhr Mittags, 6 Uhr Nachmit­tags unb 11 Uhr Abends, einathmen muß. Die Chaiselongue, auf welcher die Kranke stets am Tage zu ruhen pflegt, wird viermal des Tages an den Tisch mit den Gasapparaten gerollt unb die mit einer bequemen Vorrichtung zum Athemholen versehene Spitze des Schlauchs der Kranken vor den Mund gehalten. Unter dem Einfluß dieser Gase, namentlich des Luftgases, befindet sich die Kaiserin, wenn auch durch den starken Nervenreiz die verlöschende Lebensthättgkeit immer von Neuem unterhalten wird, doch stets in einem ge­wissen halbschlafähnlichen Zustande. Dr. Botkin besucht die Kaiserin viermal des Tages; für seinen Gehülfen, Dr. Alyschewsky, ist in der Nähe der Zim­mer der Kaiserin eine Wohnung eingerichtet, so daß dieser Tag und Nacht bei der Kaiserin sein kann.______________________________________

Telegraphische Depeschen.

Waguer's telegr. CorrespOnveur B«re«r.

Mainz, 15. April. Der Verwaltungsrath der Hess. Ludwigsbahn beschloß heute der Generalversammlung die Verthetlung einer Dividende von 4 pCt. vorzuschlagen.

Berlin, 15. April. Der Bundesrath hat den Betrag der in Umlauf befindlichen Reichskassenscheine in Abschnitten zu 5 von 50 auf 40 Mill, herabgesetzt.

Pesth, 15. April. Das Unterhaus hat die 4 Gesetzvorlagen, betr. die Reconstruction Szegedtns, in der General- unb Specialdebatte ohne wesent­liche Aenderung angenommen.

Berlin, 15. April. DieNordd. Allg. Ztg." theilt den Antrag Preußens, betr. die Revision der Geschäftsordnung des Bundesrathes, mir. Der Antrag geht davon aus, daß, nachdem die Arbeiten des Bundesrathes umfänglicher geworden, die leitenden verantwortlichen Minister der einzelnen Staaten den Sitzungen des Bundesrathes nicht regelmäßig beiwohnen können. Um die Betheiligung in ausgedehnterem Maße zu ermöglichen, würden die Geschäfte des Bundesraths in zwei Klaffen eingetheilt werden, wovon der ersten die wichtigeren Aufgaben, namentlich alle gesetzgeberischen Arbeiten, wäh­rend der zweiten minder wichtigen die laufenden Verwaltungs-Geschäfte anheim- fallen würden. Die Besugniß zur Substitution lasse sich aus der Retchsver- fassung nicht herleiten; vielmehr könne man eine verfassungsmäßige Zulässig- kett anzwetfeln. Für eine Substitution, wenn überhaupt zulässig, sei eine eben solche Vollmacht des Souveräns verfassungsmäßig erforderlich, wie für die Ernennung eines unmittelbaren Bevollmächtigten. Gründe wegen der finan­ziellen Last der Vertretung für die mangelhafte Beschickung des BundeSraths seien als ernsthaft nicht anzuerkennen gegenüber dem, daß von jedem Reichs­tags Abgeordneten erwartet werde, der Session ohne Entschädigung beizuwob- nen. Der Antrag empfiehlt, anstatt alle wichtigeren Vorlagen in Ausschüssen fortan im Plenum nach Bedürfniß vorzuberathen und die Ausschuß-Anträge