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133 Erstes Blatr. Sonntag dkN 13. Juni
1880«
Meßmer 'Anzeiger
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Erscheint tägttch mit «uömchme deS Montags
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Die französischen Republikaner.
Der Philosoph Schopenhauer verthetdigt bekanntlich die Monarchie gegen die Republik, weil der Verstand in Monarchien immer noch viel bessere Chancen gegen seinen allgegenwärtigen, unversöhnlichen Feind, die Dummheit, hat, als in Republiken. Er nennt die monarchische Reglerungsform die dem Menschen natürliche und weist nach, wie alle menschlichen Unternehmungen einem leitenden Willen gehorchen muffen. Die Monarchie findet sich in der Thierwelt im geordneten Bienenstaat, der Monarch des menschlichen Leibes ist das Gehirn, der Herrscher im Planetensystem die Sonne. Eine Staatsverfaffung, welche das abstracte Recht verkörperte, wäre vortreiflich, wenn die Menschen fehlerlos wären, aber sie sind, wie der große Philosoph sagt, höchst egoistisch, ungerecht, rücksichtslos, lügenhaft, mitunter boshaft und leider meist mit sehr dürftiger Intelligenz ausgestattet. Ueber die amerikanische Union bemerkt Schopenhauer treffend: „Bet aller Prosperität des Landes finden wir daselbst als herrschende Gesinnung den niedrigen Utilitarismus neben seiner unausbleiblichen Gefährtin, der Unwiffenheit, welche der stupiden anglikanischen Bigotterie, dem dummen Dünkel, der brutalen Rohheit, im Verein mit einfältiger Weiberveneration, den Weg gebahnt hat; und sogar noch schlimmere Dinge find dort an der Tagesordnung, nämlich immer wachsende Pöbelherrschaft und der ganze verderbliche Einfluß, welchen die Verleugnung der Rechtlichkeit in der obern Region aus die Privatmoralität ausüben muß."
Es thut uns leid, sagen zu muffen, daß diese harten Worte ganz genau aus die moderne französische Republik zu paffen ansangen. Der rechtliche Präsident Grevy vermag der Corruption, welche sich breit macht, nicht zu steuern. Jeder Tag bringt uns eine neue Kunde sür die alte Wahrheit, daß die Republiken nichts taugen, wenn ihmn die Rkpublikaner, die idealen Bürger fehlen.
Niemals ist eine Verwaltung rücksichtsloser vorgegangen gegen die Beamten, welche nicht den Al.sichten der modernen französischen Republik huldigen. Sogar dos Fundament der Regierungen, die Justiz, wird erschüttert; der neue Plan, die Richter absetzbar und dem republikanischen Parteigetst dienstbar zu machen, gleicht der berühmten „Trockenlegung der Justiz", vor welcher sogar ein Gerlach in Preußen warnte, als man die Unabhängigkeit des Rtchtelstandes bedrohte. In der Armee ist der Geist der Ungerechtigkeit gegen militärische Verdienste zur Geltung gekommen, wo die Gesinnung der Generäle und Offiziere dem herrschenden System nicht genehm war. Die Jagd nach mühelosem Gewinn ist angebrochen, und an der Gründerei, am Börsenspiel sind hervor- ragende Politiker, ist die Preffe betheiligt. Der Kampf gegen die Unwiffenheit und gegen len Jesuittsmus ist zwar ausgenommen, aber es mangelt die Energie, ihn durchzusühren. In den Salons herrscht der politische Dünkel, der Gambetta-Cultus, der Blaustrumpf, die Uepptgkett und der Götzendienst vor den Größen des Tages. Die Duellmanie ist nur der Ausfluß sittlicher Fäulniß, ganz ebenso, wie in Ungarn. Dabei wächst der Radicalismus, immer frecher erhebt der communistische Pöbel das Haupt, und die Corruption in den oberen Regionen wirkt nachtheilig aus die Privatmoralität. Das neue Bündntß mit England ist der erste Versuch der Republik, das Prestige im europäischen Concert wieder zu gewinnen und der Chauvinismus erhebt wieder sein Haupt. Das Gesammtbild der Lage ist ein unerfreuliches, und Deutschland hat alle Ursache, auf seiner Hut zu jein.
Keutschkand.
AuS dem Großherzogthuw Hessen, 10. Juni. Die Großh. Brandversicherungs»Commission in Darmstadt hat in den letzten Tagen eine prtncipiell nicht unwichtige Entscheidung getroffen. Eine in Mainz domicilirte Gesellschaft hatte nämlich bet der dortigen Behörde die Abschätzung eines neu errichteten Anbaues an ein älteres unverändert gebliebenes Object behuss Auf- nähme in das Landesbrandkataster beantragt. Die Brand-Experten glauoten bei Bemeffung ihrer Gebühren die Sache so ansehen zu sollen, als ob neben dem Neubau auch der ältere Bau von ihnen hätte abgeschätzt werden müffen. Auf erhobene Reclamaiion Seiten der belr. Gesellschaft hat aber die oberste Behörde verfügt, daß nur der Werth des neu errichteten, durch eine Brandmauer getrennten Gebäudetheiles zu ermitteln und der bekannten Versicherungssumme zuzuschlagen, demnach auch nur die sich nach dieser verminderten Leistung berechnende Expertgebühr zu entrichten sei.
Berlin, 10. Juni. Ueber den Gotthard-Tunnel sind in letzter Zeit wieder einmal allerlei beunruhigende Nachrichten verbreitet worden, namentlich spach man von einer sog. „blähenden" Stelle, welche auf das Mauerwerk einen so großen Druck ausübe, daß die Steine sich schon gespalten hätten und Dr. Stapf, der Geologe des Tunnels, habe geäußert: Muthmaßlich muffe die Stelle im Tunnel mit einem weiten Bogen umgangen werden. Von fach- männtscher Seite werden diese Nachrichten heute im „Vaterland" auf ihr richtiges Maß zurückgeführt. Allerdings wären an einer sog. „blähenden" Stelle einzelne Steine der Wölbung gespalten. Die Reconstruction der zer- störten Mauerung ist aber seit September vorigen Jahres in Ausführung begriffen und wird von beiden Enden aus nach der Mitte der druckhasten Strecke zu betrieben. Der Ring, auf welchen sich die gemeldeten Beschädi- güngen beziehen, gehört nun zu dem in der Mitte befindlichen, noch nicht
reconstruirten Mauerwerk. Wenn deffen Dimensionen auch sehr kräftige sind, fo ist er dennoch wesertlich anders gebaut, als dies bei dem neuen Mauerwerk der Fall ist. Die neu ausgeführten Mauerringe aber haben bis zum heutigen Tage keine Veränderung gezeigt, so daß kein Grund vorliegt, an deren Haltbarkeit zu zweifeln oder gar von dem Reconstructions-System abzugehen.
— ES stellt sich heraus, daß das Eifenbahn-Unglück, welches am 6. ds. auf der Hess. Ludwigs-Eisenbahn bei Lampertheim stattgefunden, lediglich auf Nichtbe- achtung des Signals Seitens des Führers des Frankfurier Zuges beruht, welcher jedoch im letzten Augenblicke die Gefahr erkannte, sofort Contredampf gab, und hierdurch den Zusammenstoß milderte. Wenn die Specialdirection der Heff. Lub- wtgsbahn in ihrem osficiellen Berichte behauptet, daß der Extrazug vor dem Haltesignal nicht rechtzeitig zum Stehen gebracht werden „konnte", so ist dies nicht recht verständlich, scheint aber immerhin anzudeuten, daß das Signal- wesen Mitschuld an dem Zusammenstoß hat. Um so mehr ist es von Jn- tereffe, daß der Bundesrath gegenwärtig bekanntlich die Eisenbahn-Signalordnung durch übereinstimmende Regelung der Bestimmungen für alle Bundesstaaten zu ergänzen im Begriffe steht. Handelt es sich auch dabei vorwiegend um militärische Jntereffen für Kriegsfälle, fo kommt doch die Herstellung einer Uebereinstimmung dem Betriebe überhaupt zu Gute, da dieselbe wesentlich durch Vereinfachung erzielt wird. Das Reichseisenbahnamt befürwortet deshalb auch die Einführung von nur zwei Bahnhofssignalen, das eine, welches dem Zugführer anzeigt, daß das Geleise frei, das andere, daß auf dem Bahn- Hofe eine Abweichung von dem Geleise stattfindet. Dazu liegt bekanntlich noch ein sächsischer Antrag vor, welcher die Anbringung von Flügeln an den Siq- nalstangen beantragt, damit durch Stellung derselben die Abweichung specialifirt werden kann. Wegen der geringeren Einfachheit dieses Systems scheint man in Bundesrathskreisen feem sächsischen Anträge abgeneigt. andererseits spricht aber für die Ansicht der sächsischen Techniker der Umstand, daß die sächsischen Staatsbahnen sich durch große Betriebssicherheit vorthetlhaft auszeichnen. Jedenfalls ist die Regelung der Angelegenheit sehr dankenswerth.
— Aus allen Theilen der östlichen Provinzen kommen schwere Klagen über den Schaden der kalten Witterung. So schreibt man aus Stargard der „N. Stett. Ztg." : Welchen Schaden die neulichen Nachtfröste angerichtet haben, das zeigt z. B. die Domaine Marienflteß, deren Roggenfelder besonders gelitten haben. Der dadurch entstandene Schaden beziffert sich da für diese Frucht auf 21,000 Daraus läßt sich ermessen, welch' ungeheueren Nachtheil die Güter, namentlich mit leichtem Boden, erlitten haben Viele derselben werden, wie ihre Besitzer versichern, Roggen kaufen müffen. — Des- gleichen wird aus Posen der „Voff. Ztg." geschrieben: Noch immer kommen aus allen Theilen der Provinz Klagen über den bedeutenden Schaden, welchen die allgemein vorzüglich stehenden Roggenfelder durch die Nachtfröste im Mai erlitten haben. In den zumeist betroffenen Kreisen wird der Schaden durchschnittlich auf 50—60 pCt. geschätzt und ist für die Landwirthe um so empfindlicher, als auch die Sommersaaten vielfach durch anhaltende Dürre gelitten haben. In diesen Kreisen erhebt sich auch vielfach der Ruf nach Staatshülse und es ist stellenweise eine Agitation im Gange, welche den Erlaß von Petitionen an die Staatsregterung behnsv Erlangung von zinsfreien Darlehnen oder Steuer-Nachlaß zum Ziele hat. Im Kreise Czarnikau hat zu diesem Zwecke bereits eine Versammlung von Landwirthen unter Vorsitz des Kreis- Landraths von Boddien stattaesunden und über die zu unternehmenden Schritte berathen. Es wurde beschlossen, zunächst ausreichendes Material zu sammeln und zu diesem Zwecke auch mit din benachbarten Kreisen in Verbindung zu treten. In den landwirthschaftlichen Vereinen und auf den Kreistagen soll die Angelegenheit dann zu weiterer Erörterung gebracht werden.
— Die traurige Finanzlage der Türkei wird wohl am Treffendsten durch die Thatsache illustrirt, daß am 31. Mai dgs türkische Pfund von 100 Piastern (ein Pfund Sterling ist gleich HO Piqster) in Konstantinopel 1100 Piaster in Papiergeld (Kaimes) galt. Die Obligationen der türkischen allgemeinen Staatsschuld haben gleichzeitig einen Cours, von 12 Piastern. Die Ziffern spreche» mehr als alle diplomatischen Noten für die Notwendigkeit einer radikalen Reform der Verwaltung in der Türkei.
AranKreich.
Paris, 8. Juni Gestern wurde an der Universität von Montpellier ein Schreiben des Unterrichtsmtnisters Ferry und ein Erlaß durch schlag bekannt gemacht, worin es heißt: die medicinische Fakultät bleibt bis auf Weiteres geschloffen; die Studenten dieser Fakultät könne» weder Einschreibungen noch Prüfungen vor den Fakultäten anderer Städte machen. Ini dem Briefe des Unterrichtsmintsters wird gesagt, der Minister werde sich durch die Auflehnung der Studenten nicht zum Nachgcben bewegen lasten.
Lrlegraphischt Depeschen.
tBeget*’« tel.gr. ■ «uieau.
Dortmund, 11. Juni. Die „Wests. Ztg." meldete Die heute statt, gehabte Versammlung bergbaulicher Jutereflenien beschloß, die zur Reduktion der Kohlensördcrung tm Vorjahre vereinbarte Convention aus das Jahr 1881 I auszudehnen.


