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Nr. 107. Sweites Blatt. Sonntag den 9. Mai L88V
Siebener Anzeiger
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Der Geldmarkt.
Unter einem Markt, so lehren uns die Volkswirthe, versteht man den Ort, an welchem Bedürfnisse die Mittel zur Befriedigung finden, den Ort, an welchem die gleichmäßige Vertheilung dcr Befriedigungsu.ittel mittelst des Preises und der Concurrenz bewerkstelligt wird. Jeder Markt vertheilt die Befriedigungsmittel aber nicht nur nach Raum und Menge, sondern auch nach Zett, ersteres vorzugsweise durch den Kaufmann, letzteres vorzugsweise durch den Epeculanten. Die wirthschaftlichen Grundgesetze -sollen auch für die Ver- thetlung des Kapitals durch die Börse für den Geldmarkt gelten. Hier wirft erfahrungsmäßig, gleiche Sicherheit vorausgesetzt, das Capital sich dahin, wo es die höchsten Zinsen zieht; der Zinssatz, welcher auch als Pr<is für die vom Capital geleisteten D'.enste aufgefaßt werden kann, ist das Mittel, welches auf dem Geldmarkt den Vorrath in den civil'sirten Ländern ausgletchl. Der Wechselverkehr ist dabei der größte Regulator, doch rst auch der Umsatz der Effekten in Rechnung zu ziehen.
Nach einer langen Aera der Geldknappheit zeigten sich neuerdings in Deutschland bessere Aussichten für den Geldmarkt. War auch vielleicht die Gelbabundanz Chimäre, jedenfalls war der Geldmarkt flüssiger. Es fand sich Geld für alte und neue Unternehmungen; die Industrie, die Landwirthschoft und der Grundbesitz fanden wieder Credtl, nachdem die Speculatton und mit ihr die Unternehmungslust wieder erwacht und gesteigert war.
Wte innig die allgemeinen politischen, wirthschaftlichen und socialen 93er» hältnisse mit dem Geldmarkt eines Landes zusammenhängen, wte maßgebend und fernfühlend die Börse hierbei ist, das kann Jeder beobachten, der sich auf dem Parquet der Börse bewegt, Jeder lernen, der aufmerksam den Gang der Ereignisse auf dem internationalen Geldmarkt, wie auf dem heimischen beut» schen Markte verfolgt. Gerade jetzt ist <s lohnend, sich jenen inneren Zusammenhang deS Geldmarktes mit dem gejammten nationalen Leben zu vergegenwärtigen, denn es bietet sich ein getreues Spiegelbild des letzteren in der momentanen Lage des Geldmarktes. Wir haben unlengbar dem ersten Aufschwung des Geldmarktes g?genüber, der mit einer allgemeinen Besserung der wirthschaftlichen Lage Deutschlands zusammenfiel. einen öconomischen Rückschlag zu verzeichnen, und es ist schwerlich ein Zufall, daß er mit einer politischen Deroute, mit der allgemeinen Mißstimmung über die Entwickelung unserer inneren Verhältnisse zusammenfällt.
Die Börsenbesucher und mit ihnen die ganze deutsche Cap'tal.stenwelt huldigten noch vor wenigen Wochen einem Opttmismus, der in stetigen und häufig unmottvirten Courssteigerungen fast aller Werthpapiere seinen Ausdruck fand- Schon vor der Steigerung der Essenpreise und einer günstigen Rückwirkung des wirthschaftlichen Aufschwungs in Amerika auf den gejammten Continent zeigte sich augenfällig eine Besserung der wirthschaftlichen Lage in Deutschland, eine Stärkung des Geldmarktes. Vor einer neuen Gründungs- Aera, wie sie sich in Paris entwickelte, blieb Deutschland bewahrt. Die deutsche Seehandelsaesellschaft ist durch den Reichstagsbeschluß zu Grabe getragen; vor anderen v ellrtcht schlimmeren Gründungen wurde das Land durch die Vorsicht der Börse und ein noch immer reges Mißtrauen des Privatcapitals bewahrt. Aber die Börse und leider in ziemlich umfassender Weise das Pri- vatcapital haben dennoch in der übertriebenen Spekulation gesündigt; der Aufschwung der wirthschaftlichen Verhältnisse und die Lcistungsfährgkett des Geldmarktes sind überschätzt, die Course sind zu hoch getrieben worden, und es ist durch die inzwischen bekannt gewordenen, den zu hoch gespannten Erwartungen nicht entsprechenden Abschlüsse der Actiengejellschaften, welche häufig gar keine, in allen Fällen aber nicht die von der Spekulation erhofften hohen Dividenden zahlen konnten, eine große Enttäuschung für den heimischen und internationalen Geldmarkt cingetreten.
Die Börse ist von der Hausse zur Baisse übergegangen, und wird auch hier vielleicht übertreiben. Gegenwärtig schöpft die Beisse aus der Fortdauer der Coursherabfetzungen immer neue Kraft und Lust. Die Vertrauensseligkeit Hot ei, em neuen Extrem, der Furcht vor einer Krisis, Platz gemacht. Hierunter leidet die Spekulation nicht, weil sie die Baisse ausbeutet, es leidet aber der Geldmarkt, es leiden die Interessen des Priva.capitals, des Handels und der Industrie, aller Kreise, welche mit der Börse Fühlung haben, und dies ist fast mit dem gesammten Erwerbe der Fall.
Es wäre ein großer Nachthetl für Deutschland, wenn es dem Mtßmuthe, dem Pessimismus verfiele, da doch alle Anzeichen dafür sprechen, daß trotz der BörsewBatsse die allgemeine wirtschaftliche Lage sich stetig verbessert. In der Baffe, in den ungünstiger und knapper gewordenen Geldmarktverhältnissen haben wir nur einen Läuternngsproctß der Börse zu erblicken, und dieser Proceß hat einen kräftigen Schritt vorwärts gethan, so daß eine Warnung vor der Unterschätzung der angeblich verschlechterten allgemeinen Lage des Geldmarktes am Platze ist. Es werden um so «her gesunde Verhältnisse auf dem deutschen Geldmärkte eintreten, je ferner sich das Prtvatcapital von der Spekulation hält, je mehr es seinen Beruf, seine nationale Mission erkennt, den langsamen und reellen Erwerb zu unterstützen, zu Hause und beim Nachbar, mindestens in den Kreisen zu arbeiten, die es taxtren und überblicken kann, und damit auf breiter Basis productiven Zwecken zu dienen, und nicht mehr die Jagd nach dem Glücke an der Börje unternimmt, wo es schließlich stets zu kurz kommt. Mit dieser reellen Stärkung des heimischen Geldmarktes rofnbe
ein wichtiger Schritt zur weiteren Besserung der wirthschaftlichen Verhältnisse geschehen, welche jetzt viel zu sehr von der Spekulation, von Börsenlaunen und Börsenlotto abhängig sind.
Darmstadt, 3. Mai. Das Märzheft zur „Statistik des Deutschen Reichs" enthält außer den regelmäßigen monatlichen Veröffentlichungen einen Nachweis über die deutsche Auswanderung noch Übersee schen Ländern im Jahre 1879, wonach die Zahl der über Bremen, Hamburg, Stettin und Antwerpen Ausgewanderten, welche von 125,650 im Jahre 1872 auf 21,964 in 1877 herabgegangen war, in den beiden jüngsten Jahren, wie die Ziffern der nachstehenden Tabelle zeigen, wieder im Zunehmen begriffen ist.
Es wurden befördert:
Zusammen 33,327 24,217 9,110
1879
1878 mithin
1879 mehr:
über Bremen
15,828
11,329
4,499
„ Hamburg
13,165
11,827
1,338
„ Stettin
245
85
160
„ Antwerpen
4 089
976
3,113
Wie das Kaiserlich statistische Amt aus'Ziitungs-Nachrichten entnimmt, dauert diese Zunahme auch im laufenden Jahre 1880 an. Namentlich die Besserung der Geschäftslage tu den Vereinigten Staaten von Amerika, welche neun Zrhnthetle unserer Auswanderung an sich ziehen, hat auf sie wieder steigend gewirkt. Im Jahre 1878 wendeten sich diesen Staaten 20,373, im Jahre 1879 aber 30,808 Personen zu. Alle Auswanderungsländer, mit Ausnahme Brasiliens, das in 1878: 1048, in 1879: 1630 Personen aufnahm, haben gegen das Vorj hr weniger Deutsche empfangen, so daß also fast die gejammte Steigerung auf die Vereinigten Staaten kommt. Nach Australien gingen in 1879 nur 274 Personen, während in 1878 mit dem höchsten L-tande in der Periode 1871— 79 274 Personen dahin auswanderten. Nach den diesseitigen Ausweisen haben die Vereinigten Staaten in dem vorgedachten Zeitraum allein 453,027 deutsche Auswanderer aufg-nommen, nach den dortseitigen Ausweisen sogar 614 000. Deutschland liefert unter allen europäischen Ländern nächst Großbritannien den Vereinigten Staaten die meisten Einwanderer.
Aus dem Großherzogthum Hessen betrug im Jahre 1879 die Zahl der Auswanderer 774, von denen nur 7 ein anderes Ziel als die Vereinigten Staaten im Auge hatten. — Nach einer weiteren Abhandlung über Production und Besteuerung des inländischen Rübenzuckers rc. im deutschen Zollgebiete für die Zeit vom 1. S>rptbr. 1878 bis 31. August 1879 wurden in 324 im Betrieb gewesenen Fabriken 92,574 953 Clr. Rüben verarbeitet und aus denselben eine Quantität von 8 523,102 Ctr. Rohzucker gewonnen. Gegen die Vorcampagne sind 10,755,593 Ctr. Rüben mehr versteuert bezw. verarbeitet worden, die Zuckererzcugung stand jedoch, in Folge des geringen Gehalts der Rüben, nicht in gle-.d) günstigem Verhältmß. Eingeführt wurden in 1878/76 168,977 (Str., cmsgesührt 2,813,940 Ctr., wonach sich die einheimische Con- fumtion auf 5,878,139 Ctr. oder auf jährlich 13.4 Pfm d pro Kopf der Bevölkerung berechnet. Im Jahre 1871/72 stellt sich die relative Zahl auf 10.9, in 1875/76 auf 15.3, in 1877/78 betrug sie, wie im jüngsten Cam- pagnejahre, 13 4. — Der Bruttoertrag der Productionssteuer betrug in 1878/79 74,059,961 eX, gegen 65,455,491 ^. in 1877/78. Seit 1871/72, in welchem Jahre 36,012,691 «X verrechnet wurden, stieg diese Steuer um mehr als das Doppelte und erbrachte über 20 Mill. «X mehr als im Durchschnitt der vorhergehenden 7 Campagnejahre. Dagegen hat sich der Nettoertrag durch die Höhe der für die Zuckerausfuhr gewährten Vergütungen erheblich geschmälert. Er stellte sich in 1878/79 auf 50,811,763 »X und ist, da er 1871/72 in 44 637,000 jl. bestand, nur um 6 Mill. «X höher, dabei aber um 2.33 Mill. .X geringer als im Durchschnitt der vorhergegangenen 7 Jahre. Auf den Kopf der Bevölkerung beträgt die durchschnittliche Steuerbelastung im letzten Jahre 1.16 «X, und besteht in dieser Beziehung, im Vergleich zu den Vorjahren, kein besonders beträchtlicher Unterschied; die geringste Steuer von 1 09 «X. trifft auf 1871/72, die höchste von 1.51 «X. auf 1875/76.
(Darmst. Ztg)
Straßburg, 5. Mai. Die „Elsaß-Lothr. Ztg." erörtert gegenüber einer Korrespondenz in dcr „Nat.-Ztg." die Frage des Gebrauches der französischen Sprache im LandeöauSsckuß und constatirt, daß die eben beendete Sessiön durch die neue Geschäfisordnnng und deren Handhabung einen bedeutenden Fortschritt gegen früher darstellt. ieje Geschäftsordnung belasse keinen Zweifel, daß die deutsche Sprache grundsätzlich die amtliche Geschäfis- spräche des Landesm sschusses ist. Die Vorlagen werden in deutscher Sprache verfaßt und verlesen. Die ausführlichen officiellen Sitzungsberichte erscheinen in deutscher Sprache. Daneberr wird von allen Drucksachen nur eine französische Uebersetzung ausgegeben. Verbindlich ist jedoch überall der deutsche Text, der insbesondere bei allen Abstimmungen zu Grunde gelegt wird. Dieses Princip gelte wie für die Schrift prache jo auch für die mündlichen Verhandlungen. Es j't begre flick, daß der ausschließliche Gebrauch der französischen Sprache Seitens der Mitglieder einer deutsche» Landesvertretmig jenseits des Rheines Anstoß errege. Die auch für die Regierung höchst wünschenswerthe Beseitigung der französischen Sprache, deren Gebrauch sehr erschwerend wirke,


